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Michael Schiefel - "Soundtrack für Berlin"

Manchmal habe er, sagt Michael Schiefel, wenn er denn nach Hause in seine Heimatstadt Berlin käme, das Gefühl, dort selbst ein Tourist zu sein. Ob der CD "Ostkreuz", die er mit seiner Band "JazzIndeed" im vergangenen Herbst veröffentlicht hat, das Bedürfnis zu Grunde liegt, sich stärker zu verorten, ist ungewiss. Klar ist jedoch, das Thema der CD lautet: Berlin.

Michael Schiefel

Von der Zeitschrift kulturnews im August 2011 zur "Jazzplatte des Monats" gewählt, ist "Ostkreuz" eine längst überfällige Lebensäußerung von Jazz Indeed, einer der bemerkenswertesten Jazztruppen der Hauptstadt, deren ebenso bemerkenswerter Sänger Michael Schiefel gerne – und zurecht – als "Stimmwunder" und "Ausnahmevokalist" bezeichnet wird.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Michael Schiefel

Carina: Mit "Blaue Augen" hattet ihr euch dem "Soundtrack unserer Jugend" gewidmet, wie du damals sagtest. Diesmal ist das Thema "Berlin" tonangebend, die Stadt, in der ihr lebt. Wie kam es zu diesem Zeitpunkt dazu – war das einfach mal fällig?

Michael: Die Mischung von Coverversionen mit eigenen Stücken hat uns schon bei "Blaue Augen" gefallen. Es ist schwer zu beschreiben, wie so eine Stückeauswahl entsteht. Wir haben lange gesucht und vieles verworfen. Manche Stücke waren aber auch sehr schnell fest eingeplant, zum Beispiel "Heroes" von David Bowie.

Carina: Der Titel "Ostkreuz" kann ja unterschiedlichst verstanden werden. Einmal als die S-Bahn-Station, die den Namen gibt. Aber auch Assoziationen wie "Wilder Osten", "Schnittstelle im Berliner Osten" etwa. Was denkst du?

Michael: Ich finde es verblüffend, wie sehr sich das Ostkreuz – auch in meinem Kopf – verändert hat. Als ich nach Berlin kam, war es für mich wie das Ende der Welt. Eine Art urbane Einöde. Heute wohnt eine gute Freundin von mir direkt dort; es ist in die Stadt hineingerückt.

Unsere ganze Ost-West-Wahrnehmung hat sich total verschoben. Kreuzberg ist wieder hip bis rein nach Neukölln, Prenzlauer Berg ist gutbürgerlich, in Mitte gibt es keine besetzten Häuser mehr.

Michael Schiefel

Carina: Hast du von Berlin also inzwischen ein anderes Bild, als das in der Öffentlichkeit breitgetretene?

Michael: Heutzutage ist mein Bild von Berlin sehr vom Reisen geprägt. Wegfahren, wiederkommen. Fremd sein, zu Hause sein. Es gibt inzwischen so viele Touristen hier... (lacht) Bin ich vielleicht inzwischen auch ein Tourist?!

Carina: Wie kann man das Erleben einer Stadt in Musik umsetzen?

Michael: Bei mir geschieht das ganz intuitiv. Wenn ich länger an einem Ort bin, wächst es von ganz allein! (lacht)

Carina: Welche Synonyme fallen dir für Berlin ein?

Michael: Leute, Leute, Leute... U-Bahnen, die nachts voller sind als am Tag... Schlechtes Wetter. Gute Konzerte! Bezahlbares Leben. Viel Zeit und Platz. Für sich sein dürfen, aber auch für sich sein müssen...

Jazz Indeed - "Ostkreuz"

Carina: Auf deiner Website wird JazzIndeed als "zeitgenössisches Jazzquintett" bezeichnet. Eine Klassifizierung aus Beschreibungsnot geboren?

Michael: Das Wort "zeitgenössisch" verwenden wir an dieser Stelle, weil wir unsere eigene Musik spielen, so wie wir sie hier und heute fühlen.

Carina: Kannst du die Klanglandschaft von JazzIndeed mit einem Bild darstellen? Inwieweit hebt sich die Band dadurch von anderen "derzeit tätigen" – um das mal anders zu formulieren – Jazzbands ab? Was ist anders?

Michael: Wir sind fünf Zentren mit fünf Farben und Stimmungen, die in der Mitte zu einem bunten, wilden Gebilde zusammenwachsen. An uns ist besonders, dass wir alle zu gleichen Teilen unsere Persönlichkeiten und unsere musikalischen Visionen beisteuern.

Da wir sehr verschiedene Menschen sind, die ihre Wurzeln in Klassik, Pop, traditionellem Jazz und so weiter haben, klingt unsere Musik anders als vieles andere.

Carina: Was ist deiner Meinung nach – ich wage das, den Künstler selbst zu fragen – der "typisch schiefelsche Anteil" an JazzIndeed?

Michael: Viel Gesangsimprovisation! Die Stimme als Instrument, elektronische Effekte auf der Stimme... Hmm, es fällt mir tatsächlich etwas schwer, diese Frage zu beantworten! (lacht)

Michael Schiefel

Carina: Wenn – angenommen, sowas gäbe es – einer an deine Türe klopft und dir eine internationale Popgesangskarriere andrehen will, wie reagierst du? Holst du eine Flasche Champagner und deinen goldenen Füllfederhalter für die Vertragsunterschrift? Oder wirfst du ihn hochkant raus?

Michael: (lacht) Ich habe immer ganz gern mit der Ästhetik von Popmusik herumgespielt, aber meine Musik eignet sich wohl nicht für den Massengeschmack! Insofern würde derjenige, der da an meine Tür klopft wohl erwarten, dass ich mich für "die tolle Karriere" völlig verändere. Und das würde ich ganz sicher nicht mitmachen!

Carina: Wie sehen deine Pläne für das Jahr 2012 aus?

Michael: Ich plane nicht zu weit im voraus und lasse die Dinge auf mich zukommen. Ich versuche, mich auf die Inhalte zu konzentrieren und nicht zu sehr ablenken zu lassen. Es gibt so viel überflüssigen Kram, Leute! Geht lieber in ein gutes Konzert!

Carina Prange

CD: Jazz Indeed - "Ostkreuz" (A-Jazz/NRW Vertrieb 4250459950098)

Michael Schiefel im Internet: www.schiefel.de

A-Jazz im Internet: www.nrw-jazz.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2012
erschienen: 15.1.2012
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