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Sophie Tassignon - "Expressive Klangwelten"

Im ersten Jahr ihres Studiums erlernte die belgische Sängerin Sophie Tassignon, das Singen "in tune". Im Rahmen ihres Gesangsunterrichts beim belgischen Jazzsänger und Chansonnier David Linx, erzählt sie, habe sie erfahren, wie man problemlos auch noch die abwegigsten Intervalle und Melodien singen könne, sei es mit oder ohne Tonart. Und sie habe Gefallen daran gefunden, ihrer Stimme entsprechend viel abzuverlangen.

Sophie Tassignon

Auch heute noch ist es quasi ein Markenzeichen der in Berlin lebenden Musikerin, ihre Stimme in eindrucksvolle Höhen und Tiefen zu schrauben. Die erstaunliche Vielfalt und Flexibilität des stimmlichen Ausdrucks, die sie so erlangt, nutzt sie auch auf "Hufflignon", ihrem jüngsten Album gemeinsam mit Saxophonist Peter Van Huffel. "Hufflignon" entführt den Hörer in eine expressive Klangwelt, in der Tassignons Stimme oft nahezu instrumental klingt.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Sophie Tassignon

Carina: Wie übst und trainierst du deine Stimme für die Bühne?

Sophie: Geübt habe ich während meines Studiums sehr viel. Diese Fertigkeit ist etwas, das bleibt, während man bei einem Instrument, will man seine Technik nicht verlieren, dauernd trainieren muss. Ich kenne das vom Klavierspielen. Beim Singen ist es glücklicherweise einfacher. Und wenn man etwa Kirchentonleitern übt, genügt dies eigentlich in jeweils nur einer Tonart. Ich improvisiere auf Akkorden oft in "Movable Do".

Das ist eine amerikanische Technik: Auch wenn ein Lied beispielsweise in F Dur geschrieben ist, bezeichnen wir beim "Movable Do" die Tonika als "Do" – betrachten sie also als "C". Wir haben praktisch nur eine Tonart statt zwölf... Für ein Konzert kann ich die Stücke in kürzestem Zeitrahmen einüben, weil ich mich sehr stark konzentriere und ein Lied oder eine Melodie entsprechend schnell lerne. Natürlich kommt es auf den Schwierigkeitsgrad eines Stücks an. Wenn es sehr schwierig ist, wiederhole ich es über eine längere Zeit, bis mein Körper es sich sozusagen "merkt". Ich schreibe auch gerne schwierige Linien, die ich dann einüben muss.

Sophie Tassignon

Carina: Orientierst du dich für deinen Gesang bezüglich Melodieführung und Einsatz der Stimme im Arrangement tatsächlich an Blasinstrumenten?

Sophie: Es stimmt offenbar, dass ich manchmal fast wie ein Instrument klinge. Aber das geschieht nicht aus Absicht. Ich glaube, es kommt daher, dass ich nie wie eine typische Sängerin klingen wollte, sondern eher wie ein Instrumentalist. Ich habe viele Soli transkribiert, nicht nur von Blasinstrumentalisten, sondern auch andere, wie Klavier – Keith Jarrett und Bill Evans zum Beispiel.

Diese Transkriptionen halfen mir, instrumental wirkende Linien zu kreieren, wohingegen ein normaler Sänger total anders vorgehen würde. In meiner Zusammenarbeit mit Peter Van Huffel, bei der wir oft gemeinsam solieren, gelingt es mir nun, ihm zu folgen, wo ich es früher für unmöglich gehalten hätte. Man muss manchmal nur mit der Stimme entschlossen und engagiert dort hingehen, wo man noch nie war!

Sophie Tassignon

Carina: Individualität und Kreativität, sind das eineiige Zwillinge?

Sophie: Um kreativ zu sein, ist es erforderlich, sich zunächst in seinem Bereich oder seiner Kunstform auszuzeichnen. Sonst kopiert man, was andere machen und das betrachte ich nicht als kreativ. Deshalb ist es unbedingt notwendig, um sich durch seine Kreativität ausdrücken zu können, gefestigt und zuversichtlich in seiner Individualität zu sein.

Bei Musik ist es oft schwer, etwas Kreatives zu erreichen, da so viel schon gemacht wurde! Aber wenn wir uns gestatten, den Einfluss verschiedenster Lebensinteressen zuzulassen, werden wir unsere eigene Eigenart entdecken. Keine zwei Musiker hören die gleiche Musik, sehen die gleichen Filme, mögen das gleiche Essen! Und es ist eine Kombination all dieser Aspekte des Lebens – dazu kommt auch die Erziehung, der Charakter – die einer Person ermöglichen, etwas Einzigartiges zu machen.

Für mich ist die Wurzel der Kreativität die Zuversicht in den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, um ohne Angst aus der Reihe auszuscheren. Kreativität versetzt einen in der Lage, frische, neue und inspirierende Ideen zu entwickeln.

Peter Van Huffel / Sophie Tassignon - "Hufflignon"

Carina: Inzwischen ist für Herbst 2011 ein neues Album mit Susanne Folk im Entstehen, die, ebenso wie Peter Van Huffel, Saxophonist spielt…

Sophie: Ja, das ist lustig, wo ich früher überhaupt kein Freund des Saxophons war! Und jetzt arbeite ich in beiden meiner Projekte mit wunderbaren Saxophonisten, die jedoch völlig verschieden voneinander sind… Susanne habe ich bei dem Workshop in Banff kennen gelernt. Wir spielten dort einige ihrer Songs zusammen.

Ich fand diese Lieder so schön, und die Art wie sie Saxophon spielt so angenehm, dass ich mit ihr weiterarbeiten wollte. Glücklicherweise wohnte sie in Berlin und nicht in Australien oder Brasilien! Ich lebte damals in Brüssel und wir konnten zusammen eine Gruppe aufbauen. Seitdem ich auch in Berlin bin, haben wir viel an unserem Projekt gearbeitet und jetzt auch die richtigen Musiker gefunden. Peter wiederum lernte ich in New York kennen, als ich dort zu Besuch war. Ich war durch seinen hochmusikalischen Stil enorm beeindruckt. Seine Kompositionen waren nicht für Gesang geschrieben, was mir direkt Lust machte, sie zu lernen.

Und sie brachten etwas mit sich, das ich in Banff lieben gelernt hatte: das Improvisieren mit geschriebenem Material. Für mich sind Peter und Susanne zwei sehr unterschiedliche Saxophonisten und darum sehe ich sie eher als zwei verschiedene Instrumentalisten. Jede der beiden Bands hat einen total anderen Stil und es ist spannend, beide Repertoires zu bedienen. Es ist eher Zufall, dass beides Projekte mit Saxophon sind. Ich kann mir sehr gut vorstellen, mit anderen Instrumentalisten zu arbeiten. Es hängt für mich eher an der Person des Musikers, da jeder sein Instrument anders spielt.

Carina: Im Projekt "Charlotte and Mr. Stone" arbeitest du mit einer Loopstation. Was fasziniert dich an der Manipulation des Gesangs über technische Geräte?

Sophie: Es ist in der Tat faszinierend, mit der Loopstation zu arbeiten. Alles was ich so erzeuge, ist "live". Das heißt, wenn ich mit Simon Vincent auftrete, der elektro-akustische Musik mit seinem Laptop spielt, gibt es ernorme Interaktion zwischen uns. Der Hörer kann nicht immer identifizieren, wer von uns welchen Klang produziert hat. Dank der Loopstation kann ich meine Gesangslinien vervielfachen.

Das heißt, ich kann alleine auch einen ganzen Chor darstellen, ein Lied mit Harmonien singen… Ich kann mich selbst überraschen, was wiederum zu neuen Kreationen bringt! Das ist immer sehr spannend. Ich benutze aber keine weiteren Effekte auf meiner Stimme. Es ist meine eigene Stimme, abgesehen davon, dass ich mit ihr mache, was ich will. Mag sein, dass sich das in Zukunft ändert, aber zur Zeit interessiert mich die pure Stimme.

Sophie Tassignon

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Sophie: Diese Frage berührt sehr wichtige Sachen in mir. Ich bin immer auf der Suche nach einer Art Gleichgewicht zwischen dem, was man machen will, und dem, was man machen muss. Es ist besonders wichtig für mich, die Dinge zu tun, die mir gefallen, sofern möglich. Das hört sich sehr einfach an, aber man gerät schnell mal in eine Richtung, mit der man nicht richtig zufrieden ist.

Es ist wichtig, in sich hineinschauen zu können und sich zu fragen: "Gefällt mir was hier passiert? Oder mache ich es aus anderen Gründen?" – und dann kann man sich korrigieren, das eine aufhören, etwas neues anfangen... Ich brauche auch immer Zeit allein für mich, sodass meine Gedanken Platz bekommen. Am Besten ist es, die Stille zu suchen, da sie immer neue Kompositionen bringt. Wenn ich eine Zeit lang kaum Pausen habe, dann muss ich mir die Zeit für mich in meinem Kalender eintragen, damit ich zum Denken komme. Meine Lebensphilosophie verändert sich aber über die Zeit. Das finde ich aber gut. Immer auf der Suche... Immer Neues entdecken!

Carina Prange

CD: Peter Van Huffel / Sophie Tassignon - "Hufflignon"
(Clean Feed Records/ NRW-Vertrieb)

Sophie Tassignon im Internet: www.sophietassignon.be

Clean Feed Records im Internet: www.cleanfeed-records.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2011
erschienen: 10.2.2011
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