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Sarah Kaiser - "Mit der eigenen Sprache spielerisch arbeiten"

Nachdem sich die Berliner Sängerin in der englischen Sprache schon sehr zuhause fühlte, stellt sie sich auf ihrem neuen Album "Grüner" der Kunst, deutsche Texte zu schreiben und zu singen. Sarah Kaiser war schon als Kind begeistert von Soul, R'n'B oder Jazz, selbst zu singen begann sie erst als Erwachsene.

Sarah Kaiser

So enthält Sarah Kaisers aktuelle CD "Grüner" elf Songs und ein Remix, durchweg Kaisers eigene Texte, viel Lebensbejahendes, Jazziges, Souliges und das ein oder andere Lied, das auch zum Popsong taugt – Jazz mal anders.

Carina Prange für Jazzdimensions mit Sarah Kaiser

Carina: Gehen wir mal zu den Anfängen zurück: du hast ein Jahr lang zu Beginn deiner Gesangsausbildung bei Norma Winstone an der Royal Academy of Music studiert. Wie kam das mit London seinerzeit zustande?

Sarah: Ich erfuhr durch eine Freundin davon, die dort klassischen Gesang studierte. Ich habe im letzten Schuljahr bei einem Londonaufenthalt die Royal Academy besucht und mich beworben. Zu der Zeit wollte ich gerne Jazzgesang lernen und es gab dort diesen Studiengang. Und dann wurde ich prompt genommen!

Carina: Norma Winstones Gesangsstil ist ja äußerst intensiv - hat sie diese Intensität auch beim Unterrichten vermittelt?

Sarah: Norma ist eine herzliche, natürliche Frau und Lehrerin, gar keine Akademikerin sondern einfach eine intuitive Sängerin. Im Unterricht war sie sehr spontan und hat einfach versucht, mir Impulse zu geben, mich weiter zu entwickeln.

Das war eine freundschaftliche Beziehung – wir haben in ihrem Haus Tee getrunken, Musik gehört und gesungen. Nicht sehr strukturiert, aber entspannt. Sie hat einen ganz anderen Stil als ich, aber die Zeit mit ihr war ein schöner Einstieg in den Jazzgesangsunterricht.

Sarah Kaiser

Carina: Du hast ja einen Abschluss an der Tylor University in "English Writing and Music" gemacht – fühltest du dich seitdem in der englischen Sprache zuhause – vielleicht sogar mehr als in der deutschen?

Sarah: Beim Schreiben von Liedern auf eine Art ja, da ist es oft so, dass mir eher auf Englisch eine musikalisch unterlegte Zeile einfällt als auf Deutsch. Allerdings ist Deutsch eindeutig meine Muttersprache und ich lebe seit 1999 wieder in Berlin, also ist mir Deutsch an sich schon näher als Englisch.

Sarah Kaiser - "Grüner"

Carina: Wie kam es, dass du dich für die neue CD - abgesehen davon, dass der Labelchef es gerne so wollte hast überzeugen lassen, das ganze Album mit deutschen Texten zu füllen?

Sarah: Ich fand die Herausforderung spannend, gerade, weil es nicht das war, was ich am "bequemsten" oder einfachsten fand. Was mich überzeugt ist einfach, dass es einen Unterschied macht, ob das Publikum die Texte versteht oder nicht.

Und das Publikum in Deutschland versteht einfach deutlich mehr von deutschen Texten als von englischen, das weiß ich aus Erfahrung. Mir sind Texte wichtig, und ich will gerne, dass bei den Hörern nicht nur die Musik sondern eben auch die textlichen Aussagen ankommen.

Carina: Hat es (rückblickend) vielleicht doch einen Vorteil, wenn die Sprache, in der man sich kreativ ausdrückt - die "poetische" Sprache –, eine andere ist, als die Alltagssprache?

Sarah: Nein, rückblickend würde ich das nicht unterschreiben. Es ist ja auch eine Kunst, Poesie in den Alltag zu bringen und mit der eigenen Sprache spielerisch zu arbeiten. Man ist nur vielleicht sorgloser in einer anderen Sprache, es "wirkt spielerischer", weil man eben auch selbst der Fremdsprache nie so nah ist wie der Muttersprache.

Carina: Wie kommen die deutschen Texte beim Publikum an - inwiefern wird sich deiner Meinung nach die Reflexion, der Dialog mit dem Publikum verändern?

Sarah: Noch kann ich dazu nicht so viel sagen, da wir gerade mit den ersten Konzerten der Release-Tour beginnen, aber bisher habe ich schon deutlich mehr Kommentare zu den Texten bekommen - siehe alleine dieses Interview – als bei z.B. meiner englischen Platte "Miracles". Ich bin gespannt, wie sich dieser Dialog gestalten wird.

Carina: Gibt es Dinge, die sich in der eigenen Muttersprache ohnehin besser ausdrücken lassen - an welche denkst du da in erster Linie?

Sarah: Da gibt es nichts bestimmtes, das mir gerade einfällt. Jede Sprache hat so ihre Eigenheiten, ihre Redewendungen und Ausdrucksweisen. Spannend wird es, wenn die dann zu einer Melodie und einem Rhythmus, zu einer Musik finden, wie zum Beispiel beim Song "Du tust weh" – das hätte einfach nicht funktioniert auf englisch... "You hurt" wirkt nicht gleich.

Sarah Kaiser

Carina: Du bist außer in Jazz und Pop auch im Soul, im Gospel zuhause. Führt das Singen dieser sprituell aufgeladenen Musik automatisch zu größerer eigener Spiritualität, zu einer Verstärkung des eigenen Glaubens? Was denkst du?

Sarah: Ich war seit meiner Kindheit besonders von schwarzer Musik angezogen – Soul, Hip Hop, R'n'B, Jazz, Gospel. Das ist einfach eine intensive Art des Musizierens, die mich emotional schon immer stark angesprochen hat. Und dann ist es so, dass ich immer einen Bezug zu dem haben muss, was ich singe, und mein Gesang dann am stärksten ist, wenn mein emotionaler Bezug zum Text auch groß ist.

Früher hat mich das Hören von Gospel – von ehrlicher Gospelmusik die aus dem Herzen kommt – berührt, aber ich habe es eigentlich erst als Erwachsene selbst gesungen, als ich auch meinte und verstand, was ich sang. Dann kann es den Glauben auch stärken, aber nicht zwangsweise und nicht alleine, da gehört für mich mehr dazu.

Carina: Anders gefragt, lädt man die Musik mit der eigenen Spiritualität auf, oder fließt die Energie in die andere Richtung?

Sarah: Ich glaube, das kann in beide Richtungen gehen. Gute Musik kann auch echt was mit dir als Musiker machen, gute Texte mit dir als Singendem. Aber Musik ist immer Ausdruck des Musizierenden, und wenn er/sie es zulässt, auch mit dessen Spiritualität gefüllt.

Das kann sehr sehr kraftvoll sein und mir fallen dazu viele Beispiele ein, John Coltrane, Dianne Reeves, Brian Blade und viele andere.

Carina: Und: Spiritualität und Glaube, wie definierst du diese beiden Begriffe mit eigenen Worten?

Sarah: Spiritualität ist geistliches Leben, wie auch immer das beim Einzelnen aussieht. Glaube ist einfach erst mal das, woran du glaubst. Jeder glaubt an etwas. Wichtig ist daher nicht der Glaube an sich sondern, woran oder an wen man glaubt.

Sarah Kaiser

Carina: Das neue Album "Grüner" beschreibst du selbst als dein bisher persönlichstes Album. Liegt es an der Direktheit des sich Ausdrückens in der deutschen (Mutter-)Sprache, oder an der Tatsache, dass du alle Texte selbst geschrieben hast?

Sarah: An letzterem, eindeutig! (lacht)

Carina: Sind die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen nicht grundsätzlich Quelle dessen, was ein Musiker zu Papier bringt?

Sarah: Auf eine Weise schon, aber ich habe zuvor halt Texte von anderen gesungen, teils auch Coversongs – da ging es mehr um die Interpretation einer Geschichte, das mache ich auch sehr gerne. Hier geht es jetzt um das Erzählen der eigenen Geschichten, das Finden der eigenen Stimme.

Carina: Schwingen im CD-Titel "Grüner" unter anderem die Assoziationen Umwelt, Natur, deine Natur mit? Oder was assoziierst du noch alles?

Sarah: Der Titel ist bewusst offen gewählt, genau darum geht es mir, um verschiedene Denkrichtungen. "Grüner" beschreibt die Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist, die Sehnsucht nach mehr Leben, sowohl konkret als auch abstrakt. Dieses Thema zieht sich durch viele Songs der Platte, daher fand ich den Titel sehr passend.

Carina: Dein Album lebt auch aus der engen Zusammenarbeit mit dem Pianisten Samuel Jersak. Zwei zentrale Protagonisten in einer Band, bietet das so etwas wie ein "Sicherheitsnetz"? Auch für den Gesang? Und wie sehr prägt das die Musik?

Sarah: Samuel und ich arbeiten seit 2002 eng zusammen und haben einfach schon viel Musik zusammen entwickelt und geschrieben. Wir zwei ergänzen uns gut – er füllt den harmonisch instrumentalen Teil aus, ich den melodisch sängerischen. Natürlich hat er somit meine Musik bisher stark geprägt. Und es ist ein schönes Musizieren, wenn man sich auf der Bühne blind aufeinander verlassen kann.

Sarah Kaiser

Carina: Und nun noch eine Frage zu zwei Songtexten: was hat dich zu "Guerilla Gärtner" und "Mr. President" inspiriert? Was war die Geschichte, die zu diesen beiden Liedern führte?

Sarah: "Guerilla Gärtner" ist entstanden, nachdem ich im Radio einen Bericht über die Guerilla Gardening Bewegung gehört hatte, also Menschen, die los ziehen, um Städte zu begrünen, und zwar in manchmal illegalen Nacht und Nebel Aktionen – mich ließ dieses Bild nicht mehr los, das "Kämpfen mit Blumen und Pflanzen"; herrlich, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!

Und "Mr. President"? Das erzählt von einer Begegnung mit einem Jungen aus Mosambik, Fransico. Es war eine kurze Begegnung vor ein paar Jahren, ein Nachmittagsausflug mit ein paar Jungs aus einem Kinderheim; er erzählte mir, was ihn bewegt, was er gerne mal werden möchte. Seine Antwort hat mich beeindruckt, weil sie etwas kindlich Selbstbewusstes hatte, Vertrauen ins Leben. Der Aufenthalt in diesem Heim war sehr bewegend, viele krasse Schicksale aber auch viel Hoffnung, weil Menschen sich dort liebevoll für die Kinder investieren. Die Begegnung mit Francisco, sein Wesen, haben mich besonders berührt, deshalb wollte ich ein Lied darüber schreiben.

Carina Prange

CD: Sarah Kaiser - "Grüner" (Jazz 'n' Arts JnA 5110)

Sarah Kaiser im Internet: www.sarahkaiser.de

Jazz 'n' Arts Records im Internet: www.jazznarts.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 17.10.2010
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