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Klaus Hoffmann - "Das Prinzip Hoffmann"

Im März 2011 feiert der Liedermacher und Sänger Klaus Hoffmann seinen 60. Geburtstag. Vorher geht es dieser Tage noch einmal auf Tour kreuz und quer durch die deutschen Lande. Hoffmann ist eine Klasse für sich, nicht so politisch wie etwa Konstantin Wecker, aber auch nicht so exzentrisch. Von der Tradition eines Jaques Brel herkommend, dessen Lieder er immer wieder singt, aber auch einfach Sänger, Barde sein, das steht ihm gut.

Klaus Hoffmann

Hoffman schreibt aber auch Bücher, Texte im Buch oder Anekdoten zwischen den Stücken auf der Bühne, das ist seine Welt. Und von seinem Weg hat er viel gesungen, ihn ist er, oft einsam in der Künstlerseele, stets weitergegangen, meist bescheiden und nicht allzu expressiv auftretend. Mit "Das süße Leben" kommt Hoffmann auf dem neuen Album mit altbewährter Band sehr hoffnungsvoll rüber, geradezu verschmitzt – aber nicht nur…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Klaus Hoffmann

Carina: Starten wir mit einem Zitat von Sigi Schmidt-Joos über "Das süße Leben", dein neues Album: "der Gesamteindruck fabelhaft erwachsen und gleichwohl zeitlos, weltweise und dennoch neugierig und jugendlich frisch" …

Klaus Hoffmann: Hach, der Schmidt-Joos ist nunmal ein großer Charmebolzen, was da auch rüberkommt. Nun, "weltweise" würde ich mir so nicht anmaßen! Das ist so 'ne große Vokabel – "weise sein" ist an sich bereits ziemlich schwierig. Jugendlich frisch, das hängt mir nach, wegen dem, was ich alles gemacht habe. Das habe ich auch inne. Aber da war noch irgendwas. Was Nettes?

Carina: Da war noch "neugierig"...

Klaus Hoffmann: Ja, das bin ich wieder! Obwohl, ich laufe ja immer so ein bisschen auf der Stelle. Wir Menschen von der Musik wissen, dass wir uns bisweilen wiederholen… Also in den Geschichten, in den Inhalten und sicherlich auch in der Musik – die letzte Platte "Spirit", entging dem etwas, weil ich ein wenig "kopfiger" wurde. Immerhin habe ich gezeigt, dass ich mehr als meine berühmten drei Akkorde zupfen kann, die ich immer so kokett auf der Bühne vorstelle. Wie nenne ich das: "A, E und D ist im Raum!" (lacht)

Aber die Einfachheit ist insofern gut, als dass du mit sehr wenigem versuchst, viel zu machen und deine Geschichte erzählst. Kommen dabei gewisse Wahrheiten rüber, die du obendrein trennen kannst von diesen vielen Lügen und Spielchen, zu denen wir alle neigen, dann ist das schon gut.

Klaus Hoffmann

Carina: Schon Erich Kästner sagte: "Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch". Bedeutet das, dass wir alle das Kind in uns hegen und pflegen müssen? Und wie pflegst du es? Gehst du im Wald spazieren, oder ärgerst du die Nachbarskinder?

Klaus Hoffmann: Ich gehe im Wald spazieren. Aber ich ärgere nicht die Nachbarskinder, sonst kriege ich lebenslangen Stress – wir leben ja da Haus an Haus. Das kannst du dir nicht erlauben! Also mit dem Kästnerschen Kind, das ist auch etwas überstrapaziert. Ich hab das lange so dargestellt und lebe ja auch davon. Aber im Laufe meines Älterwerdens – ich werde nächstes Jahr sechzig – wurde ich denn doch etwas verstört. Wie geht man damit um? Das war wirklich so. Ab fünfzig wurde die Sache gefährlich. Du wirst also endlicher. Es kommt immer mehr die Erkenntnis, dass du auch du deinen Löffel abgeben wirst, irgendwann.

Aber dieses "Kind" blagt auf seine Art natürlich auch in mir rum. Ich glaube, ich bin jedoch, was Sigi Schmidt-Joos sehr positiv auszudrücken weiß, sehr erwachsen geworden. Ich war aber schon immer ein sehr erwachsenes, diszipliniertes Kind. Jetzt zum Beispiel komme ich von meinem Schreibtisch, ich schreibe an meiner Biographie, die Ende nächsten Jahres rauskommt. Nachdem ich auch noch einen neuen Roman geschrieben habe, der im Februar erscheint: der heißt "Philipp und die Frauen". Er handelt von einem Mann, der sechzig wird, auf Kur ist, um seine Gelenke zu schonen und was nicht alles …

Inzwischen entdecke ich, dass dieses Kind in mir vielleicht manches Mal zu kurz gekommen ist, dass es auch nicht besser konnte. Und dass die Kunst das Schönste in meinem Leben war. Das ist vielleicht ein bisschen traurig, wenn es so einseitig ist. Gut dieses Kind darf jetzt auch mal in den Wald… Was hast du ihm sonst noch vorgeschlagen, die "Nachbarskinder ärgern"?

Klaus Hoffmann - "Das süße Leben"

Carina: Beispielsweise...

Klaus Hoffmann: Nun, da ärgere ich lieber die Erwachsenenwelt. Aber in diesem Gegensatz aus Kinderwelt und Erwachsenenwelt, da bin ich auch sehr organisiert, vornehmlich auf der Bühne. Meine Musiker sind ebenso organisiert. Jeder Berufsmusiker muss sehr erwachsen sein heutzutage, muss alle Tassen im Schrank haben. Dass man seiner Kunst nachgeht, das ist ein großes Abenteuer. Weil es meistens nicht viel Geld bringt. Man lebt sehr unsicher. Aber das habe ich mir ausgesucht, obwohl ich selber so ein unsicheres Kind war.

Alleinerzogen... – ich habe meine Mutter allein erzogen, die Mutter hat mich allein erzogen. Der Vater war nicht da und dann fing ich an, Geschichten zu erzählen, aus dem Kino, aus Büchern… Vielleicht durch die Musik meines Vaters bin ich verleitet worden, sogar seine Sehnsucht weiterzuspinnen. Aber es bleibt eine unsichere Sache, kann ich keinem empfehlen!

Klaus Hoffmann & Band

Carina: Immer hat in deiner Musik auch das Melancholische, die nachdenkliche Seite des Lebens eine große Rolle gespielt. Bist du im Grund deines Herzens ein Melancholiker oder macht es dir schlicht besonders viel Spaß, insbesondere auf der Bühne sozusagen in die dramatischen Rollen zu schlüpfen?

Klaus Hoffmann: Ja, diesen Pathos den finde ich gut, der lässt aber leider im Laufe der Erkenntnisgewinnung nach. Pathos ist einerseits toll. Die Franzosen, die ich verehre – Brel und auch die Piaf – die gingen ja viel weiter. Während man als Evangelischer in Deutschland eher unpathetisch ist. Deswegen ist man auch nicht besser dran, es ist nur alles ein bißchen kleinlauter …

Gestern habe ich im Fernsehen einen interessanten blöden Film gesehen, von Leuten, die aussteigen und "nach Malle" gehen, nach Mallorca. Wo man dann so Leute mit so Rieseneimern sieht, und diesen Sangria-Halmen, die dann volltrunken in die Kamera starren und sagen: "Endlich kann ich meinen Nachbarn sehen wie er ist! Er geht mal aus sich raus!"

Das war – das kann man ja schon gar nicht mehr beschreiben! – das ging einfach fürchterlich über all meine Grenzen. So bin ich aber eben auch erzogen: Höflich, bescheiden, in diesem moralischen Kodex gefangen. Sodass das Pathos, die Bühne, die weiter gesteckten Grenzen mir gefallen mussten.

Jetzt habe ich den Anfang deiner Frage vergessen! Willie Brandt würde sagen: Wie war nochmal der erste Teil Ihrer Frage?

Carina: Ob du im Grund deines Herzens Melancholiker bist…

Klaus Hoffmann: Auf jeden Fall bin ich ein Romantiker. Ich habe schon immer die Rebellion der Rebellen gesucht, da ich mit der Politik quasi stets auf Kriegsfuß stand – das heißt, sobald die Uniform sichtbar wird, die Plakate, da bin ich sofort querdenkerisch dagegen… Im Grunde wollte ich immer "die Kunst". Dieser hehre Begriff hing über mir, weil er die größtmögliche Grenzenlosigkeit ausdrückte, für mich, der als Kind immer Grenzen brauchte… Durch die Frauen war ich eigentlich ganz gut erzogen, aber die männlichen Grenzen fehlten mir.

Klaus Hoffmann & Band

Carina: Dein Album trägt den Titel "Das süße Leben" und gleich der erste Song heißt "Die Welt ist schön". Auf der grünen Wiese feiert ihr – zu sehen im Booklet der CD – das süße Leben. Ist das, in Zeiten der Wirtschaftskrise, der Tea Party Bewegung in den USA, der Klimakatastrophe, als ironischer Kommentar zu verstehen?

Klaus Hoffmann: Nebenan sitzt die Malene – die beste Ehefrau der Welt, würde Kishon sagen –, die hat diese Fotos gemacht, und Jim Rakete hat die draußen gemacht. Diese Wiese – also, das ist ja schon ein Lacher –, wir waren wirklich am ersten Sonnentag, das war Pfingsten, auf der Wiese. Und ich finde das sieht ziemlich angestrengt aus, das Feiern. So locker kam das da gar nicht!

Es ist ja ein Zitat. Da ich diesen italienischen Neo-Realismus so verfallen bin und Fellini sehr verehre – "Amarcord" ist mein Schlüsselfilm – stellt man das einfach so dar. Auch wenn wir es natürlich nie so machen. Aber trotz alledem: Wir müssen feiern lernen - – und nicht nur zum Erntedankfest. Das ist ganz wichtig. Darauf ist "Dieses Süße Leben" bezogen…

Nun zu diesem Intro, "Die Welt ist schön." Malene sagt zu mir, du schreibst jetzt dieses Lied mal als Intro. Als ob wir ein Buch öffnen. Also gut, Hoffmann schreibt... – und setzt die letzte Zeile darunter. Und die lautet wirklich, "Die Welt ist schön."

Dass man sich heute daran reibt: Ob man das eigentlich noch unterschreiben könne? Und ich sage dir: ich verpflichte mich dazu, das zu unterschreiben: Ja, es ist gut. Es ist schön! Im wahrsten Sinne des Wortes.

Klaus Hoffmann & Band

Carina: Ist es, davon abgesehen, nicht stets wichtig, den Menschen Mut zu machen? War das "Prinzip Hoffnung" Teil der Intention für dieses Album?

Klaus Hoffmann: Durchaus. Das habe ich spät im Nachhinein entdeckt. Der Protagonist sagt ja im zweiten Lied, er wolle sein Leben ändern, "ich will ein anderes Leben leben…" Dann sagt er zum Schluss noch, "die Kreise meines Lebens…", und holt sich dann wieder ein. Sagt auch obendrein: "Nochmal von vorne!" Das halte ich für vermessen.

Dieses Lied ist wunderschön, weil es in der Tradition der alten Barden glänzt, wo ich ja mal herkam, von François Villon. Auch Rimbaud habe ich verehrt. So naturbelassen, so wunderschön: "Pack deine Gitarre aus, dann überlisten wir den Tod…" Das ist zwar alter Tobak, aber, klassisch gemeint, auch die einzige Möglichkeit.. Das ist Hoffnung immer, das steckt ja in meinem Namen.

Meinen Vater, den kannte ja keiner wirklich. Ich noch viel weniger. Weil er so schwer jemand an sich ran ließ. Nachkriegsgeneration, hat seine Träume natürlich überhaupt nicht ausgelebt. Wollte sicher, so gingen das Gerücht, meine Mutter verlassen, um alles nachzuholen. Einfach, weil er so schweigsam war – er konnte sich ja gar nicht dagegen wehren. (lacht)

Also das führte ich dann fort, wie es sich gehört, für diese Jungs und Mädels, die aus dieser Generation kommen. Natürlich bleibt nur Hoffnung! Ich würde ja heute, nach vierzig Jahren – mit sechzehn habe ich angefangen –, diesen alten Tobak überhaupt nicht mehr machen. Ich kann es aber erstens nicht besser, ich weiß es auch nicht besser.

Der Mikis Theodorakis, mit seinen über 80 Jahren – ein Freund von mir hat diesen wunderbaren Bildband gemacht über sein Leben – was dieser Mann erlebt hat… Guckst du dir so eine Biographie an, dann bist du vergleichsweise durch dein Leben gehetzt. Das ist ein reiner Musiker mit großen Ausdruck. Da musst du dich natürlich fragen, ob du das Richtige gemacht hast. Aber das steht uns nicht an. Und was trug's? Was trug das alles? Die Hoffnung zu überleben!

Carina: Haben Künstler, was meinst du, grundsätzlich eine Mission gegenüber der Öffentlichkeit zu erfüllen?

Klaus Hoffmann: Ja… (ironisch), die müssen anständig unterhalten! Und mit den Milliarden, die sie dann einnehmen, müssen sie gute Sachen tun. Keine Waffen kaufen. Oder sie sollen dann wenigstens dem Fernsehen zuleibe rücken, dass die uns mehr spielen. Sie müssen sich einsetzen, rebellisch unterwegs sein.

Was müssen sie noch? Sie müssen gut aussehen. Immer dünn sein. Dürfen sich nicht falsch ernähren. Wenn sie Skandale haben, darf es auch nicht zu weit gehen. Was müssen sie noch? Über Geld haben wir schon gesprochen – sie müssen alles Geld wieder abgeben! Darben. In schwarzen Röcken gehen. Und jedes Mal – überprüfbar! – gut sein.

Ich habe mich darüber nie beschwert. Ich habe oft darunter gelitten, ich habe es nie gesagt. Diese Kränkbarkeit der Künstler, das ist ja überhaupt den Motor, ob du weitermachst oder aufgibst. Ist soweit ganz nett, diese Kontrolle. Aber es ist nie genug! Und darunter leide ich heute noch, diese Frage: "Wann ist eigentlich genug?"

Ist es genug, wenn ich acht Stunden durchgeschrieben habe, bis mir die Tinte aus dem Ohr fließt? Oder acht Stunden gesungen? Immerhin, du hast ja, wenn du als Sänger unterwegs bist, die Möglichkeit, in den Wald zu rufen. Das ist schön, weil, du tust es aktiv. Die Schreiber haben es schwerer.

Aber wann ist genug? Gibt es ein Sängerhandbuch? Würd' ich schreiben! Zum Beispiel, wann darf ich ins Schwimmbad gehen? Diese Selbständigkeit musst du erlernen. Dazu gehört viel Alleinsein. Und dafür sind wir total unterbezahlt.

Klaus Hoffmann

Carina: Ist es schwierig, sich über die Jahre nicht durch eine politische Bewegung vereinnahmen zu lassen, mit anderen Worten: bei sich selbst zu bleiben? Wie macht man das?

Klaus Hoffmann: Das ist sehr schwierig. Ich habe versucht mich anzupassen. Ich kann auch opportunistisch sein, das siehst du an meinem Musikgeschmack. Viele Berufe haben die Möglichkeit, dem auszubüxen, da kann man über den Chef meckern und so. Und das kann ich wenig, weil ich bin da selbstverantwortlich. Deswegen bin ich dem auch auf diese Weise ausgebüxt.

Bis ich rausekam, dass "altmodisch" nicht schlecht sein muss! Querdenker, die fallen auf. Wenn sie nicht eingemeindet werden wollen, müssen sie allein bleiben. Dieses Alleinsein aber ist das Schwierige. Ich habe es versucht, immer zu vermeiden, weil es einfach meine größte Achillesferse ist. Jetzt soll es die größte Kraft sein. Und das birgt inne, dass du da zu dir kommst, im Alleinsein. Aber es ist nicht immer sehr angenehm...

Carina Prange

CD: Klaus Hoffmann - "Das süße Leben" (Stille Musik/Indigo 027-2)

Klaus Hoffmann im Internet: www.klaus-hoffmann.com

Fotos: Pressefotos (Jim Rakete, /Malene)

© jazzdimensions 2010
erschienen: 15.11.2010
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