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Lyambiko
- "Improvisieren ist das halbe Leben"

"Saffronia" lautet der Titel des sechsten, bislang letzten Albums, das die Sängerin mit dem selbstgewählten Namen Lyambiko herausgebracht hat – es handelt sich dabei um eine Hommage an Nina Simone. Um zu verstehen, warum es sich hier wohl kaum um "noch eines dieser Tribute-Alben" handelt, muss man wissen: Nina Simone war von Anfang an eines von Lyambikos größten Vorbildern. Sie hat sich Zeit gelassen mit diesem Projekt, wartete zunächst den eigenen Reifeprozess ab, wuchs mit den sie umgebenden Klängen, wuchs an den Melodien, die ihr Vorbild lange vor ihr gesungen hat.

Lyambiko

Mit "Saffronia" (der Titel entstammt Simones Anti-Rassismus-Song "Four Women") ist Lyambiko ihr bisher persönlichstes Album gelungen. Die junge Sängerin hat es hier, wie stets auch in der Vergangenheit, geschafft, ihre Band mit der nötigen Hartnäckigkeit auf frisches Terrain zu dirigieren. Seien wir also gespannt, was als nächstes kommen wird…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Lyambiko

Carina: Schaut man sich die Titel deiner Alben der Reihe nach an, stellt man fest, dass sie sich meist auf Gefühle und Stimmungen beziehen. Ist das Singen für dich identisch damit, Gefühle zu erleben und erlebbar machen?

Lyambiko: Das kann man auf jeden Fall so sagen. Für mich ist Musik grundsätzlich etwas sehr Emotionales. Musik ist gleichzeitig eine Form der Sprache, mit der man Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Eigentlich bedarf es gar nicht der Worte.

Carina: Warum hast du "Saffronia" als Titel der aktuellen, Nina Simone gewidmeten CD gewählt? Du hättest ja auch "For Nina" nehmen können, oder ganz etwas anderes …

Lyambiko: Das wäre mir einfach zu offensichtlich, zu platt gewesen! Ja, ich muss zugeben, ich hatte großen Bammel davor, mich an dieses Album heranzuwagen. Aber es war irgendwie so, dass ich das Gefühl hatte, ich sei es mir schuldig.

Eher eigentlich, dass ich es irgendwo – sagen wir – meiner Beziehung zu Nina Simone schuldig bin, die ja im Grunde recht einseitig ist. (lacht) Ich musste da ziemlich, viel Mut schöpfen, auf diese Wiese hierin Farbe zu bekennen. Wie gesagt, es wäre mir zu platt gewesen, zu sagen: "For Nina Simone". Ich dachte, ich schleiche mich da erstmal so rein.

Lyambiko

Carina: Du hast früher auch Saxophon und Klarinette gespielt. Wäre es eine Option für dich, auf der Bühne ein Instrument zu spielen, dieses, und nicht die Stimme die Töne erzeugen zu lassen? Sich mal hinter einem Instrument sozusagen "verstecken zu können"?

Lyambiko: Ich beneide ja ganz besonders die Kontrabassisten im Jazz! Die haben ja wirklich ein Instrument, hinter dem sie sich verstecken können. Davon abgesehen ist Kontrabass ein super Instrument, reizt mich sehr. Ich habe spaßeshalber schon das ein oder andere Mal den Bass unseres Bassisten entführt...

Ja, Instrumentalisten können sich leicht hinter ihrem Instrument verstecken. Wohingegen, mein Instrument steckt ja in mir drin, das ist schon etwas anderes! Aber man kann sehr wohl die Stimme auch als Instrument einsetzen. Und bei manchen Stücken empfinde ich es auch ganz genauso.

Lyambiko - "Saffronia"

Carina: Bedeutet auf der Bühne zu stehen und zu singen auch immer sich ein Stück "nackt" zu fühlen? Man muss ja irgendwie sich öffnen…

Lyambiko: Nun, natürlich geht es beim Singen sehr emotional zu; es ist schon so ein gewisser Seelenstriptease. Das ist Fakt, man kommt sich dann manchmal auch quasi "nackt" vor. Aber es sollte eigentlich kein unangenehmes Gefühl sein. (lacht)

Carina: Es war Mark Murphy, der dich seinerzeit singen hörte und dem Chef vom A-Trane empfahl, dich für ein ganzes Konzert zu engagieren. Was meinst du, hat Mark Murphy an deiner Stimme und deiner Person fasziniert?

Lyambiko: Ehrlich, ich habe keine Ahnung! Die Sache ist, an dem Abend waren wir drei Sängerinnen, die dort aufgetreten sind. Und er hat die anderen nicht mal gehört. Er kam erst in der Pause, direkt bevor ich anfing. An dem Abend stand ich vollkommen neben mir. Ich war so aufgeregt, dass ich, glaube ich, ganz viel Faxen auf der Bühne gemacht habe! (lacht) Ich war dann eigentlich sehr erstaunt über die Folgen des Ganzen.

Carina: Und was imponiert dir an ihm, in welchen Belangen kann Mark Murphy dir als Vorbild dienen? Oder tut er das überhaupt…

Lyambiko: Ich hatte vorher, ehrlich gesagt, von Mark Murphy nie etwas gehört. Ich hatte ja mit Jazz erst angefangen und hatte keine Ahnung, wer die wichtigen Interpreten sind, wer das Urgestein ist. Als ich dann erfahren habe, da sei Ella Fitzgerald, da sei Mark Murphy … da habe ich erstmal gedacht: Wow, okay, okay… So war das.

Carina: Auf dem Album "Inner Sense" gab es ja zwei von dir geschriebene Texte. Diese Schiene hast du vorerst nicht weiter verfolgt. Textest du zuhause fleißig weiter, beispielsweise für dein nächstes Album?

Lyambiko: Es waren ja nicht nur die Texte, es war ja auch die Musik dazu. Und, ja, ich arbeite daran. Ich arbeite an mir, ich arbeite an dem, was ich tue, was ich schaffe. Es gab bei diesem Album eine relativ bewusste Entscheidung gegen Eigenkompositionen. Aber selbstverständlich bin ich immer wieder dran, was zu schreiben.

Aber es hatte mich ziemlich viel Überwindung gekostet, die beiden Stücke damals an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich hatte mich dafür noch nicht wirklich reif genug gefühlt. Man braucht einfach Zeit, sich zu entwickeln und die nehme ich mir.

Dementsprechend wird es mal wieder so etwas geben, vielleicht aber auch nicht. Mal schauen! Und man kann ja ebensogut mit anderen Songwritern zusammenarbeiten, wie ich das auch in der Vergangenheit gemacht habe – das finde ich sehr, sehr reizvoll.

Lyambiko

Carina: Lyambiko wird als Band also, wenn ich das richtig verstehe, in Zukunft auch nie vorhersehbar sein. Hättest du nun, als frischgebackene Mutter, vielleicht auch ganz andere, neue, Geschichten zu erzählen?

Lyambiko: Es ist für mich kaum nachzuvollziehen, dass jetzt nur noch ein paar Tage verbleiben bis zum ersten Konzert mit dem neuen Programm. Derzeit sag ich mir nur, oh, hoffentlich hast du dann wirklich noch alles im Kopf! Welche Stücke waren das nochmal? Man hat eben den Kopf ganz woanders, das ist klar.

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass ich noch viel Zeit haben würde, mich auf die Konzerte vorzubereiten. Aber die Kleine fordert ja auch ihre Zeit ein und das ordentlich und lautstark. Und da muss man eben einfach improvisieren. Improvisieren ist das halbe Leben.

Carina: Genau wie der Jazz ja auch. Insofern…

Lyambiko: (lacht) Ja, das ist "gelebter Jazz". Genau.

Carina: Nina Simone hat dich ja, das ist nachzulesen, dazu "inspiriert, den Weg einer Jazzsängerin einzuschlagen". Wie hast du das empfunden, dich deinem Vorbild über eine ihr gewidmete CD zu nähern?

Lyambiko: Für mich war es ein ganz sensibler Prozess. Ich habe immer Angst, es könnte so wirken, als wäre man ein Elefant im Porzellanladen. Mir war es auch ganz wichtig gewesen, die Meinung von Leuten wie Roger Nupie einzuholen, dem Leiter von Ninas "International Fanclub". Das war wie eine Absolution, dass er sich so positiv geäußert hat, nachdem ich ihm ein paar Hörproben zugeschickt hatte. Ich meine, er hat sie ja persönlich gekannt…

Und ich weiß auch, dass Nina Simone nicht eben begeistert davon war, wenn Leute Stücke interpretieren, mit denen andere groß geworden sind. Deswegen fiel mir schon ein Stein vom Herzen. Aber andererseits war es von Anfang an mein Naturell, naiv und frech ich an Dinge heranzugehen, von denen ich möglicherweise hätte die Finger lassen sollen. "Ahnungslos" würde vielleicht mancher das nennen! (lacht)

Das war diesmal aber nicht so. Ich habe sowohl Ninas Autobiografie als auch die Biografie von David Nathan, verschlungen. Und ich habe mich ihr bei manchen der – Anekdoten klingt so flach! – also, bei manchen der Geschichten aus ihrem Leben wirklich total nahe gefühlt.

Lyambiko

Carina: Das Projekt hättest du bestimmt vor zehn Jahren nicht gemacht, davon gehe ich mal aus. Wo muss man selbst im Leben stehen, um sich an so etwas heranzutrauen?

Lyambiko: Vor zehn Jahren hätte ich sicher nichts in der Richtung gewagt. Inzwischen war einfach der Zeitpunkt gekommen. Machen wollte ich es schon immer. Es ist dabei auch die Frage, mit welchen Musikern man das macht. Ich habe darüber auch nachgedacht und bin doch letztlich bei meinen Mannen hängengeblieben. Was aber auch eine gewisse Überzeugungsarbeit notwendig gemacht hat! Ich wollte nicht, dass jemand das als Pflichtprogramm abtut weil er vielleicht nicht das Empfinden hat, für diese Künstlerin, für diese Persönlichkeit.

Ich will also nicht behaupten, dass die Musiker, mit denen ich da spielte habe, grundsätzlich Nina Simone-Fans gewesen sind. Es hat seine Zeit gebraucht, ihnen den Gedanken näher zu bringen. Und auch, dass sie sich ein bisschen mit der Künstlerin und ihrer Musik auseinandersetzen.

Für mich persönlich war die Zeit dazu gekommen, ich konnte und wollte das jetzt für mich tun. Ich muss ehrlich sagen, ich stand im Studio, den Bauch mit der Kleinen drin. Sie hat alles gehört und sie war grundsätzlich ruhig, wenn wir spielten. Sonst war sie eigentlich eher 'ne sehr, sehr Laute. (lacht)

Carina: Du hast an Nina Simone auch stets ihr soziales und politisches Engagement bewundert. Wirst du in dieser Richtung nun selbst aktiv werden? Die Frage muss kommen, da kommst du nicht drumherum…

Lyambiko: Bisher habe ich das – als Künstlerin – nicht getan. Es ist sicherlich ein Thema, wo und wie man sich mit der Musik, oder mit dem, was man eben tut, sinnvoll einbringen kann. Ein wichtiges Thema für mich! Im Privaten engagiere ich mich schon lange.

Ich habe aber immer das Gefühl, ich könnte mehr tun. Ich finde, jeder könnte mehr tun! Viele Menschen sind schnell bei der Hand, zu sagen, man "müsste", aber es passiert letztendlich nichts! Auch wenn das soziale Engagement hier bei uns ganz andere Punkte und Aspekte berührt, als jenes im Leben von Nina Simone oder zu ihrer Zeit, andere als die Themen, die sie bewegt haben – man sollte vor der eigenen Haustür anfangen.

Lyambiko

Carina: Du warst die Jahre über auf der Suche nach dir selbst - inwieweit bist du mit diesem Selbstfindungsprozess vorangekommen? Ich habe dieselbe Frage übrigens auch schon mal an Lizz Wright gerichtet…

Lyambiko: Ich suche noch! (lacht) Ja, ich suche. Wie ich auf dem letzten Album bei einem der Stücke zum Ausdruck bringen wollte, es ist immer eine gewisse Ruhelosigkeit da, weil ich das Gefühl habe, mich selbst noch nicht wirklich gefunden zu haben. Aber, wie heißt es doch so schön, der Weg ist das Ziel. Und am Tag, an dem ich dort angekommen bin, frage ich mich vielleicht, was mache ich jetzt? Was passiert weiter?

Carina: Stimmt, ist gar nicht so einfach, das wäre nämlich die nächste Frage: Wenn du alles gefunden hast, was du suchst, besteht dann für dich weiterhin die Notwendigkeit, Lieder zu singen?

Lyambiko: (lacht) Ja, besteht dann überhaupt noch die Notwendigkeit für irgendwas?

Carina: Schwer zu sagen…

Lyambiko: Siehst du!

Carina: Kommen wir mal zu etwas anderem. Mit deiner Stimme könntest du ebensogut Blues, Soul oder Funk singen - wird es beim Jazz bleiben?

Lyambiko: Jeder wird zunächst in irgendein Kästchen gepackt. Man will ja jeden irgendwie zuordnen können. Das ist nun eben das Kästchen, in dem ich sitze. Ich fühle mich derzeit darin auch noch relativ wohl. Aber ich sehe es auch nicht so, dass ich mich unbedingt als Jazzsängerin würde bezeichnen wollen.

Ich vermag auch nicht zu definieren, was einen dafür qualifiziert, eine "Jazzsängerin" zu sein. Bloß weil man Jazz singt? Okay gut, aber es gibt ja viele verschiedene Facetten in dieser Musik. Hört man die Alben oder die Aufnahmen der Vergangenheit durch, da ist eine Vielzahl verschiedener Einflüsse und Facetten. Und von daher, was würde man mit dem Begriff dann bezeichnen? Eine Vielfalt oder sowas…

Carina: Also besser nur "Sängerin"? Dann ist man nämlich ganz davon weg, von Stildefinitionen.

Lyambiko: Ja, genau! Man nimmt mit denen so vieles vorweg. Man drückt ja irgendwie aus, dass sei der Weg, den man einschlägt. Und das will ich nicht. Ich glaube zwar nicht, dass ich morgen in einer Heavy Metal- oder Punkband einsteigen werde, aber…

Carina: Wer weiß…

Lyambiko: Ja, keine Ahnung… Wer weiß! (lacht)

Lyambiko

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie? Wobei wir jetzt schon wieder bei einem ganz schwierigen Thema sind…

Lyambiko: Eine Lebensphilosophie? Nicht direkt, aber ich erinnere mich gerade daran, dass ich meiner Mutter als Teenager altklug jeweils den Satz entgegengeschleudert habe: Fehler sind dazu da, gemacht zu werden. Lass es mich selbst herausfinden! Ein bisschen wie diese "Mit dem Kopf durch die Wand"-Mentalität, die wahrscheinlich immer noch ein Bestandteil meines Selbsts ist. Und mit der ich bislang gut zurechtgekommen bin. Eigentlich aber weniger mit dem Kopf durch die Wand … "mit dem Bauch durch die Wand" müsste man sagen. (lacht)

Carina: Das stelle ich mir jetzt gerade bildlich vor!

Lyambiko: Ulkig, nicht? Weil, es ist ja weniger mein Kopf, der mir das sagt! Es kommt eigentlich mehr aus dem Bauch heraus. Ich bin schon eher der emotionale Typ. Erst das Ganze zum guten Abschluss zu bringen, das ist dann Kopfsache!

Carina Prange

CD: Lyambiko - "Saffronia" (Sony BMG 88697231622)

Lyambiko im Internet: www.lyambiko.com

Sony Music im Internet: www.sonyclassical.de

Fotos: Pressefotos (Uwe Arens)

Mehr bei Jazzdimensions:
Lyambiko - "Saffronia" - Review (erschienen: 18.3.2008)
Lyambiko - "Inner Sense" - Review (erschienen: 23.3.2007)
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erschienen: 11.1.2009
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