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Efrat Alony - "Musik ist etwas, was bewegt"

Im Leben kommt es immer anders, als man denkt. Da werden pausenlos Pläne aufgestellt, aber dann macht eine neue Begegnung alles wieder zunichte. So erging es der israelischen Sängerin Efrat Alony, die eigentlich in Berklee Jazzgesang studieren wollte. Ihre Begegnung mit dem Pianisten Mark Reinke verschlug sie anstatt in die USA nach Berlin.

Efrat Alony

Hier hatte die Künstlerin, die gerade mit "Dismantling Dreams" ihr mittlerweile viertes Album auf den Markt gebracht hat, einen Aufenthalt von maximal ein, höchstens zwei Jahren geplant. Aber wieder kam alles ganz anders.

Hermann Mennenga sprach für Jazzdimenions mit Efrat Alony

Herrmann: Wie lange lebst du mittlerweile in Berlin?

Efrat: Mittlerweile fast zwölf Jahre! Ich fühle mich eigentlich ganz wohl in der Stadt. Mir gefällt die Musikszene sehr, und auch das Multikulturelle gefällt mir gut. Das einzige, was mir hier so ein bisschen fehlt, ist mehr Sonne! (lacht) Aber so ist das: es gibt keinen Ort auf der Welt, wo alles stimmt!

Efrat Alony

Herrmann: Bereust du manchmal deine Entscheidung, nicht nach Berklee zurück gegangen zu sein?

Efrat: Nein. Jeder muss im Leben bestimmte Entscheidungen treffen, und ich bin sehr glücklich damit. Ich glaube, es hat meine Musik auch sehr beeinflusst. Klar stelle ich mir manchmal die Frage: was wäre wenn ich doch zurück nach Berklee gegangen wäre? Wie würde meine Musik heute klingen?

Die Jazzszene in den USA ist ja eine völlig andere. In Berlin ist der Einfluss klassischer Musik spürbar, was mich sehr bewegt und was für mich auch sehr wichtig ist. In Berklee wäre das halt sehr anders geworden. Ich bin ja nicht mit Jazz aufgewachsen, somit habe ich für diese Musik auch keine nostalgischen Gefühle. Meine erste bewusste Begegnung mit dieser Musik war mit 21 Jahren, als ich anfing zu studieren.

Efrat Alony

Herrmann: Interessant. Da fängt also jemand an, Jazzgesang zu studieren, ohne zu wissen, was das eigentlich ist.

Efrat: Ich wollte ja eigentlich auch Psychologie studieren und habe mich dann doch zu dem Musikstudium entschlossen – mit dem Hintergedanken, dass ich mich nicht mit Mitte 50 fragen möchte, was wäre wenn. Als ich dann anfing, war es gleich in der ersten Woche so, als ob sich tausend Türen öffnen. Ich hatte einen unglaublichen Wissensdurst, mehr über die Musik zu erfahren.

Natürlich sagten mir Namen wie Ella Fitzgerald oder Billie Holiday erstmal gar nichts, und als ich das erste Mal Scatgesang gehört habe, fand ich das fürchterlich! Aber nach einem Jahr im Studium mache ich ... Scatgesang! (lacht) Das ist das Gute an einem Studium – du nimmst alles erstmal auf. Mittlerweile gehe ich aber in eine eigene Richtung, dahin was mich bewegt. Musik ist schließlich etwas, was bewegt, nicht etwas für den Kopf!

Efrat Alony - "Dismantling Dreams"

Herrmann: Wie hat sich das konkret bei dir verändert? Wie muss man sich das vorstellen?

Efrat: Ich möchte halt keine Musik nur für Musiker machen, sondern für das Publikum. Ich will, dass jedermann von der Musik berührt wird. Wir spielen also nur die Noten, die unbedingt notwendig sind. Die Geschichte soll im Mittelpunkt stehen. Es geht also nicht darum, wie toll meine Stimme ist, oder wie toll die Instrumente klingen. Das ist nicht der Mittelpunkt, der Mittelpunkt ist eine Geschichte zu erzählen.

Herrmann: Hat diese veränderte Wahrnehmung deiner Musik auch Ausschlag auf deine Texte?

Efrat: Ja, die Texte sind viel konkreter geworden. Früher waren meine Texte viel abstrakter, jetzt sind sie konkreter. Ich kann mich also nicht mehr so leicht hinter ihnen verstecken. Heute kann ich hundertprozentig hinter ihnen stehen, ich kann Dinge benennen, auch wenn sie manchmal nicht so schön sind. Wenn du glücklich bist, dann bist du auch nach zwei Sätzen fertig, wenn du aber über Sachen nachdenkst, kommen dir viel mehr Einfälle.

Herrmann: Sprechen wir mal über dein neues Album "Dismantling Dreams". Wie würdest du es selbst bezeichnen?

Efrat: Hmm, ich glaube, das ist einfach eine Platte für Musikliebhaber. Ich glaube, dass alle Platten mehr und mehr zurück zu mir kommen, daher, wo ich herkomme. Als Jugendliche habe ich viel Avantgarde-Pop gehört – Pink Floyd, Beatles, Sting – solche Sachen halt. "Dismantling dreams" ist somit auch nicht zwingend nur für Jazzer. Aber das war eine ganz bewusste Entscheidung, denn wie gesagt, fühle ich mich der Jazztradition nicht verpflichtet.

Jazz hat für mich auch mittlerweile ein schweres Imageproblem. Viele Menschen schrecken ja schon vor dem Begriff "Jazz" zurück, obwohl sie – davon bin ich überzeugt – die Musik durchaus mögen würden. Das ist sehr schade. So war es meine bewusste Entscheidung, das Spektrum meiner Musik zu erweitern. Wer also mit der Jazztradition sehr verbunden ist, ist vielleicht mittlerweile bei mir falsch.

Efrat Alony

Herrmann: Zum Titel "Lights on/off" scheinst du dabei so eine Art Hassliebe entwickelt zu haben, denn du hast den Song mittlerweile zum dritten Mal auf CD gebannt. Was fasziniert dich daran so sehr?

Efrat: Es ist gar nicht so sehr die Faszination, die ich für den Titel habe, sondern er fasziniert sich selber. (lacht) Wir hatten es schon für das erste Album aufgenommen, in einer etwas rockigeren Version, und dann hatten wir es auch immer im Programm. Aber irgendwie wollte der Song selber nicht loslassen und hat darauf bestanden, dass wir uns weiter mit ihm auseinandersetzen.

Wir haben es dann nochmal aufgenommen, diesmal mit einem ironisch-tangohaften Touch. Aber auch davon hatte er noch nicht genug, also haben wir es jetzt noch einmal aufgenommen, diesmal wieder ganz anders, mit viel Keyboard und dunkler. Und ich hoffe, jetzt ist er ruhig geworden. (lacht)

Herrmann Mennenga

CD: Efrat Alony - "Dismantling Dreams" (Enja ENJ-9523 2)

Efrat Alony im Internet: www.alony.de

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 24.10.2009
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