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Sebastian Studnitzky - "Nicht auf irgendeinen Zug aufspringen!"

Der Trompeter Sebastian Studnitzky machte bereits auf Wolfgang Haffners DVD-Video "Shapes – Live In Concert" nicht nur eine gute Figur, sondern überzeugte durch seinen außerordentlichen Trompetenton. Der in Berlin lebende Musiker spielt aber nicht nur Trompete, sondern obendrein auch Piano und Keyboards.

Sebastian Studnitzky

Sebastian Studnitzkys diesjährige CD mit schlichtem Titel "Trio" zeigt uns einen Künstler, der es nicht nötig hat, in irgendeinem Mainstream-Fahrwasser erfolgsheischend Musik zu machen, sondern der undogmatisch seinen eigenen Weg geht.

Carina Prange spach für Jazzdimensions mit Sebastian Studnitzky

Carina: Auf deiner Website steht, dass "…dein emotionales, schnörkelloses Spiel, das auf jegliche Effekthascherei verzichtet, so eigentümlich zentriert" sei. Ist die erwähnte Zentriertheit Ergebnis eines bewussten Vorgangs? Sind das deine eigenen Worte?

Sebastian: (lacht) Das ist ja gleich eine lange Frage! Nein, das sind nicht meine Worte, das hat mal ein Kritiker geschrieben. Aber ich fand es ganz passend. Und, ja, es ist sogar ein relativ langwieriger Vorgang. Ich habe mir jetzt ja auch ziemlich lange Zeit gelassen bis ich eine eigene Platte gemacht habe. Ich wollte einfach nicht auf irgendwelche Züge aufspringen, sondern warten, bis sozusagen ein Zug von innen kommt. Und das ist nun das Ergebnis von der ganzen Geschichte, auch der Sound.

Wenn man anfängt, Jazz zu spielen und Musik zu machen, dann gibt es ja tausend Einflüsse. Und es gibt schon so Zeiten, wo man einfach verschiedenen Einflüssen hinterherrennt. Und irgendwann gibt es dann ein Stadium, wo man sich von dem allen ein bisschen lockerer macht. Und entscheidet, das und das will man nicht und man findet schließlich seinen Weg und seinen Sound.

Sebastian Studnitzky

Carina: Da hier das Stichwort "Effekthascherei" fällt – steht dies im Gegensatz zum Streben nach Authentizität? Wie wichtig ist dir Authentizität und wie definierst du sie?

Sebastian: Im Gegensatz zu was? Effekthascherei? Ja, auf jeden Fall… (lacht)

Carina: Führ das mal ein bisschen aus…

Sebastian: Es gibt immer Abkürzungen im Künstlerleben, man kennt inzwischen die Tricks, man weiß, was man machen muss, damit das Publikum – das "halbinformierte" Publikum – das toll findet. Oder auch ein sogenanntes "professionelles" Publikum, man weiß genau, was man machen muss, damit man gewisse Kunstgeschichten bedient – das ist ebenfalls so eine Art Effekthascherei.

Ich fand es für mich wichtig, mich von dem ganzen Krempel freizumachen und die Stärke eher aus der Ehrlichkeit zu ziehen. Und genau daraus zu ziehen, dass ich darauf bewusst verzichte: Ich wollte weder ein Konzeptalbum machen noch eines, das sich beispielsweise bei Brigitte-Leserinnen total toll verkauft. Oder vor Weihnachten hoch, laut schnell, auf irgendeinen Zug aufspringen.

Sondern ich wollte bewusst die Stärke aus meiner Ehrlichkeit ziehen – und habe deswegen auf bestimmte Effekte bewusst verzichtet. Es gibt schon so ein paar Tricks etwa im Studio, wie man etwas breiter macht oder leichter zugänglich oder, oder… Ich wollte es dagegen lieber ein bisschen spröder lassen, an der ein oder anderen Stelle. Und die Stärke lieber aus der Musik kommen lassen.

Sebastian Studnitzky - "Trio"

Carina: Gilt damit für deine Musik grundsätzlich das Prinzip, dass "weniger mehr" ist?

Sebastian: Doch, auf jeden Fall! Das ist jetzt auch keine Wertung – also ich persönlich stehe auf leise und eher sparsame Musik! Das soll überhaupt keine Wertung sein… Es gibt ja Musik, die total "busy" ist und dadurch natürlich ebenfalls stark. Mich persönlich reizt das eher nicht, ich stehe mehr auf minimalistische Musik und versuche dementsprechend – in meinem Spiel und in meinen Kompositionen – mit minimalen Mitteln zum Ziel zu kommen. Eine Stärke erreiche ich somit eher durch das gezielte Einsetzen von wenig Mitteln.

Sebastian Studnitzky

Carina: Außerdem bist du Multiinstrumentalist. Dass du Klavier und Trompete spielst, ist bekannt. Welche Instrumente gibt es da womöglich noch? Habe ich da was verpasst?

Sebastian: Nee, das ist schon die komplette Liste! (lacht) Es gibt als drittes Standbein noch diese Elektronikgeschichte. Ich habe als Klassikpianist angefangen, hatte eine klassische Ausbildung. Anschließend habe ich Jazztrompete studiert und zunächst ausschließlich Jazztrompete gespielt. Danach wurde ich parallel ein bisschen zum Pop-Soul-Elektro-Keyboarder.

Daraufhin kam eine Computerphase, in der ich relativ viel gebastelt und an elektronischer Musik geschraubt habe. Es folgte eine Zeit, in der ich eher akustisch Klavier gespielt habe. Das sind alles nicht unbedingt verschiedene Instrumente, aber durchaus unterschiedliche Funktionen. Und vermutlich kommt da nicht noch mehr dazu. Ich versuche mich eher wieder auf Weniges zu konzentrieren.

Carina: Also, du lernst nicht irgendwann noch E-Bass oder so…

Sebastian: Nee, sicher nicht!

Carina: Du bewegst dich munter in Pop und Jazz, aber auch mal zum Lounge oder Nujazz hin… Sowohl die Musik deines Trios als vielleicht auch die von Triband ordnet man noch grob unter "Jazz" ein. Ist der Jazz-Begriff nicht etwas unscharf geworden und sollte heutzutage neu umrissen werden?

Sebastian: Ich glaube, neu umreißen ist müßig – dadurch, dass das Feld so weit aufgegangen ist. Es ist natürlich die alte Frage, die heute jedem Jazzmusiker ständig gestellt wird. Und es ist ebenfalls müßig, da immer aufs Neue drüber zu diskutieren.

Es ist letztlich eine Generationsfrage. Es gab eine Generation in den Vierzigern, da ist man einfach mit Jazz aufgewachsen. Ich hingegen bin mit anderen Stilen aufgewachsen, habe den Jazz erst später entdeckt! Und der Jazz geht in meiner Biografie von vornherein eine Symbiose ein mit anderen Stilen.

Dadurch haben die ganzen Musiker meiner Generation oder auch der Generation nach uns, überhaupt keine Berührungsängste mit Pop. Die sind einfach mit dieser Musik aufgewachsen. Deswegen ist es total klar, dass unsere "Standards" nicht mehr Broadway-Musicals sind – weil ich beispielsweise noch nie in einem Broadway-Musical war und die ganzen Songs nicht von dort kenne.

Unsere "Standards" sind ganz andere Songs. Und ich finde, das ist eine tierische Entwicklung und tut dem Jazz total gut! Es macht ihn dadurch extrem aktuell! Der Boom, den man in den letzten Jahren bemerkt, dass Jazz wieder hipper wird, der rührt auf jeden Fall daher, dass es viele junge Musiker gibt, die den Jazz-Begriff erweitern, indem sie Sachen, die im Moment hipp sind, mit reinbringen in den Jazz.

Früher war es ja auch so, in den 40er, 50er Jahren war Jazz hipp! Und das ist eine Form von Energie, die für den Jazz wichtig war. Jazz ist für mich nicht unbedingt nur ternäres Spiel, sondern auch eine gewisse künstlerische Einstellung zur Musik. Und eine gewisse Hippness.

Carina: Kann man heute noch Bebop spielen?

Sebastian: Heute noch Bebop spielen? Also ich habe da totalen Respekt, das ist eine geile Musik und es macht auch viel Spaß! Aber es ist einfach nicht mehr auf die Art hipp, wie es das etwa in den 40ern war. Da wurde es anders gelebt! Da gibt es inzwischen andere Musikstile, die eher diese Attitude haben. Deswegen macht für mich diese Kombination Sinn und es ist auf jeden Fall Jazz!

S. Studnitzky (Th. Schloemann)

Carina: Wenn man reinen Bebop spielt, spielt man ja sozusagen eine "klassische Musik"…

Sebastian: Klar, und auch der Klassikbegriff hat sich völlig gewandelt. Im eigentlichen Sinne ist "Klassik" die Wiener Schule. Aber inzwischen ist "Klassik" alles, was nicht schräg klingt – nicht Schönberg, oder so. Alles, wo irgendwie ein Orchester auf der Bühne sitzt. Solche Begriffe wandeln sich. Und es ist auch geil, dass die sich wandeln.

Carina: Auf deiner MySpace-Seite sprichst du von dem Abschluss deines Jazztrompetenstudiums als von einem "wertlosen Diplom". Wofür war das Studium im Rückblick denn vielleicht trotzdem gut?

Sebastian: Ich hatte eine gute Zeit, hatte ein paar super Lehrer, es war ein guter Einstieg in die Szene und ich habe einen Haufen Leute mitgekriegt. Einfach dieses Gefühl, zu studieren fand ich toll, den ganzen Tag zu üben. Und als Student in irgendeiner WG zu wohnen, eigentlich kein Geld zu brauchen, einfach Tag und Nacht Musik zu machen, das war schon geil.

Ich studierte in Stuttgart bei Klaus Stötter, der ein Wahnsinns-trompeter ist, ein Wahnsinnskünstler. Und ich hatte dort außerdem ein paar tolle Nebenfachlehrer. Ich habe in Amerika studiert, was mir total viel gebracht hat. Ich möchte das nicht missen! Wäre ich jetzt reich und Rentner, würde ich gerne nochmal studieren! Nicht unbedingt Jazz vielleicht, aber das ist auf jeden Fall eine gute Zeit.

Aber was das Diplom betrifft, wofür braucht man ein Jazzdiplom? Ich bin Jazz- und Popularmusikpädagoge, aber ich unterrichte nicht – das ist für mich grade gar kein Thema. Deswegen brauche ich auch kein Diplom. Wenn ich einen Gig haben will, dann fragt mich keiner nach meinem Diplom.

Carina: Kann es sogar hinderlich sein?

Sebastian: Das stimmt tatsächlich! Ich habe ja eine Zeit lang relativ viel Pop gespielt, in diesem deutschsprachigen Soul-/R'n'B-Umfeld. Da wurde schon eher ein Näschen gerümpft, wenn da "so ein Studierter" daherkam... Da muss man erstmal beweisen, dass es bei weitem noch nicht verkopft sein muss, wenn man sich eine Weile mit der Materie auseinandergesetzt hat. Und für diverse Sachen auch Vokabeln hat.

Carina: Einiges kann man ohnehin erst in der Praxis, auf Tourneen, beim Livespiel mit anderen Musikern richtig lernen…

Sebastian: Ja, und das geht noch viel weiter… Klar, die Beherrschung des Instruments ist der Einstieg in die Szene. Der Jazz aber lebt für mich, abgesehen von Solokonzepten, vor allem durch die Kommunikation der Musiker. Das ist eigentlich alles, was mich interessiert!

Es gibt inzwischen hundert Millionen schnelle Tenorsaxophonisten auf der Welt – und tolle Trompeter. Das interessiert mich überhaupt nicht mehr. Es ist die Voraussetzung, dass jemand virtuos ist. Aber mir ist ausschließlich wichtig, was innerhalb der Band abgeht. Und das lernt man ganz klar durch Spielen!

Einmal das. Und erst der nächste Schritt ist, dass man irgendwie studiert. Und irgendwann kommt die große Entscheidungsfrage: was macht man jetzt beruflich? Nur weil man ein Jazzstudium hinter sich hat, heißt es noch lange nicht, dass man Jazzmusiker wird. Von meinem Studiengang sind 90% der Absolventen keine Jazzmusiker geworden. Sondern Musicalspieler oder Lehrer.

Nochmal: Der nächste Schritt, den man machen muss, sind die Überlegungen: Wie kann man davon leben? Wie will man davon leben? Was heißt es, Künstler zu sein? Was macht man? Da gehört heutzutage viel, viel mehr dazu als nur das Instrument gut zu spielen.

Nur ein Viertel meines Lebens besteht aus Trompete üben oder Trompete spielen. Tatsächlich geht es mehr darum, Entscheidungen zu treffen! Macht man eine eigene Band? Wie sieht die aus? Was ist das für ein Konzept, was heißt da wirtschaftlich? Wie stellt man so ein Ding auf die Beine?

Abgesehen davon macht man PR und so weiter. Das gehört ja alles dazu! Das lernt man natürlich nicht im Studium! Da sind dann einige total erschrocken, wenn es ernst wird und man plötzlich merkt, oh Scheiße, hey, davon kann man ja eigentlich gar nicht leben! Beziehungsweise,. es ist viel schwerer. Oder ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe...

Sebastian Studnitzky

Carina: Deine beiden Kernprojekte sind Triband und das Studnitzky-Trio. Welche Seite von dir selbst kannst du in den beiden Bands jeweils am besten verwirklichen?

Sebastian: Ja, die Frage macht schon Sinn… Bei Triband liegt der kreative Moment vor allem im Songwriting. Es macht total Spaß, in dieser Viererkombination gemeinsam Songs zu schreiben. Und das ist auch der improvisatorische Moment in der Band. Weil wir tatsächlich die Songs zu viert schreiben und uns auch ohne Idee zu viert treffen. Wir hocken daraufhin im Studio und kreieren wirklich aus dem Moment heraus einen Song. Das ist ziemlich nah dran an Improvisation und diesem Grad der Freiheit und des Risikos, den ich im Jazz so liebe. Das ist für mich mit der spannenste Moment! Das natürlich auf der Bühne umzusetzen, ist eher eine bestimmte Vorgehensweise, mehr ein Pop-Ansatz. Die fetten Sounds sind sehr strukturiert, die Parts sind relativ klar. Das hat nicht mehr diese Freiheiten.

Die ich aber andererseits im Trio wiederum habe. Das Trio macht unglaublichen Spaß, gerade in dieser Besetzung. Wo ich Trompete und Klavier spielen kann. Wo man selbstverständlich auch damit improvisieren kann. Und wir haben ein "harmonieloses" Trio, wenn ich Trompete spiele – Trompete, Bass Schlagzeug. Wir haben aber auch ein "Klaviertrio", wir haben ein bisschen Elektronik. Es ist eine sehr freie Herangehensweise…

Und diese beiden Projekte zu haben, ist für mich paradiesisch, weil es mich in einer perfekten Balance hält. Früher hat mir manchmal etwas Freiheit gefehlt – wenn ich dann viel Jazz gespielt habe, hat es mich etwas genervt, dass die Bands oft alle so schlecht geprobt sind, oder einen schlechten Sound haben und, und… (lacht) Ja, durch diese beiden Projekte habe ich alles, was mir wichtig ist.

Carina: Du bist als Sideman in diversen Projekten tätig – nach wie vor überwiegend als Pianist? Wieso?

Sebastian: In der Tat oft mehr als Pianist oder Keyboarder. Eigentlich bin ich im Moment in zwei Bands fest dabei. Diese Saison, das ist bei Nils Landgren, da spiele ich Rhodes und Keyboards und mache auch so ein, zwei Trompetensoli am Abend. Aber eigentlich bin ich da der Keyboarder in der Band. Und bei Mezzoforte. Da ist das so 50/50. Man könnte sagen, eigentlich bin ich eher Trompeter und spiele so ein bisschen Rhythmuskeyboard. Das sind meine Sidemanprojekte, die mir beide total Spaß machen.

Carina: Im März diesen Jahres hast du zwei Konzerte im lettischen Riga gespielt und wirst im Herbst erneut zwei Konzerte in Lettland geben. Wie kam eure Musik dort an und wie hast du die lettische Jazzszene erlebt?

Sebastian: Ich habe da schon lange ziemlich gute Kontakte. Ich stehe generell auf Osteuropa und auch total auf Skandinavien. Lettland ist natürlich das perfekte Bindeglied, man hat irgendwie Ostsee und so dieses skandinavische Licht und ein bisserl dieses osteuropäische Chaos... Deswegen gefällt mir das schon immer. Schon als ich da vor fünfzehn Jahren mit dem Bundesjazzorchester war, fand ich das tierisch. Riga ist 'ne wunderschöne Stadt. Ich war da jetzt schon ein paarmal und habe Workshops gegeben.

Da ist jedes Jahr ein großer Jazzworkshop, der eine Woche lang geht. Da bin ich mit dem Wolfgang Haffner mal hin, habe ich mit ihm mal gespielt, dann war ich mal Dozent, dann haben wir mit Triband da gespielt – ziemlich Erfolge gefeiert! Und so entstanden einfach gewisse Kontakte, die jetzt intensiviert wurden. Zu Musikern, zu Leuten, die Konzerte organisieren. Im Endeffekt von Berlin nach Riga – das ist keine größere Aktion, als nach Minden in 'nen Jazzclub zu fahren.

Und es macht natürlich total Spaß. Im Ausland zu spielen ist generell lustig. Es ist natürlich auch immer eine gute Situation, weil du von vorneherein ein viel höheres Standing hast. Du kommst auf die Bühne und alle sind schonmal gespannt. Während man sich hierzulande immer so ein bisserl mit diesem "deutschen Problem" beschäftigen muss, dass man immer denkt, alles Gute kommt von außen.

Es macht tausendmal mehr Spaß, in Riga in 'nem vollen Club zu spielen als in 'nem Jazzclub in Mitteldeutschland oder so. Da gibt es inzwischen auch Freundschaften, sodass wir mit allen Projekten immer ziemlich präsent sind. Die Szene ist super, es gibt total gute Musiker. Immer wenn wir da spielen, geben wir auch einen Workshop an der Hochschule. Und da entsteht eine ganz lustige Verbindung.

Carina: Zurück zu deinem Album: Es ging dir einfach darum, deine Musik zu spielen, nicht darum, ein Konzeptalbum mit irgendeinem hochtrabenden Motto zu verwirklichen. Wenn man erfolgreich Musik machen will, wie weit kann man sich von der derzeitigen Sensationssucht der Masse loslösen – seien es Hörer oder Leser?

Sebastian: Ich glaube nach wie vor dran, dass sich das Gute und Ehrliche langfristig durchsetzt. Klar, es gibt immer diese Abkürzungen, aber ich glaube, die führen nur zu schnellem Erfolg. Mich interessiert diese ganze Musik nicht, die dafür produziert ist, um schnell viele Platten zu verkaufen. Das höre ich. Nach einem Ton entlarvt sich das für mich. Es ist gut gemacht und ich respektiere da vieles von. Aber im Endeffekt – ich möchte 'nen Künstler hören, ich möchte 'ne Entwicklung hören. Und nicht ein Konzept, um viele Jazzplatten zu verkaufen.

Das interessiert mich wirtschaftlich, darüber versuche ich mich zu informieren. Aber als Musiker möchte ich diesen Weg nicht gehen. Und ich kann mir das leisten und es funktioniert trotzdem! Und im Endeffekt – das Publikum merkt es. Mit Triband wäre es tausendmal einfacher gewesen, mit Sandy als Sängerin eine Balladenplatte mit deutschen Texten zu machen. Oder irgendso einen Scheiß. Klar, da hätten wir zehnmal soviel Platten verkauft!

Aber wir merken trotzdem, dass es zuckt. Es dauert länger und den Leuten, denen es dann gefällt – ich glaube, die checken auch, dass es sich künstlerisch auf 'nem anderen Niveau abspielt. Nicht unbedingt technisch auf 'nem anderen Niveau, aber es ist uns auf 'ne Art "ernster". Und ich glaube daran, dass sich sowas auszahlt. Abgesehen davon mache ich sowas auch nicht, damit es sich "auszahlt". Auch wenn es sich nicht auszahlt, mach' ich es trotzdem, solange ich damit irgendwie über die Runden komme! Aber ich glaube daran, dass das langfristig Sinn macht.

Sebastian Studnitzky

Carina: Was bedeutet denn in diesem Zusammenhang eigentlich "Erfolg" für dich?

Sebastian: Erfolg ist eigentlich das phantastische Leben, das ich im Moment lebe. Und von mir aus, wenn das so weiter geht, bin ich im Großen und Ganzen bereits glücklich. Es gibt natürlich so gewisse Rahmenbedingungen … wirtschaftlich bin ich im grünen Bereich, egal ob ich da jetzt nun 500 Platten oder 5.000 Platten mehr verkaufe. Ich brauche kein fettes Auto.

Was mich aber natürlich als Künstler interessiert, sind gute Auftrittsbedingungen. Wenn man einen gewissen Erfolg hat und 200 Leute oder 500 in 'ner Stadt sieht, dann bedeutet es halt, dass man dementsprechend ein besseres Instrument besitzt, auf dem man spielt, eine bessere Bühne. Das Publikum kennt die Musik, ist dadurch offener, vielleicht gespannter. Das ist für mich viel eher ein Anreiz, erfolgreich zu sein, als jetzt irgendwie "Knete".

Das habe ich auch mit meiner Trioplatte gemerkt. Iinsofern hatte die jetzt Erfolg, weil diese vier, fünf Konzerte, die ich bis jetzt gespielt habe, super liefen. Die waren voll bis ausverkauft. Und ich merke, das ist 'ne andere Spannung in einem Club, wenn die Leute wirklich wegen der Musik kommen. Wenn sie das hören wollen. Und du hast 'nen vollen Club, das hat so eine gewisse Energie, die ich toll finde. Es macht natürlich total Spaß, auf so einem Niveau zu musizieren.

Es hängen auch logistische Sachen dran. Je erfolgreicher man ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man eine Tour buchen kann, bei der man von Konzert zu Konzert nicht so weit fahren muss. Die Hotelzimmer sind besser. Man kann es sich leisten, seinen Tagesablauf besser einzuteilen, weil man irgendwie hier 'n Stündchen spart oder da 'n Stündchen spart, oder 'nen Hunderter mehr zur Verfügung hat, um sich einfach gewisse Sachen leisten zu können. Lauter so Zeug. Man hat gewisse Freiräume. Das sind Sachen, wo für mich Erfolg Sinn macht.

Carina: Du hast das Klavierspielen in diversen Projekten ja sozusagen unter verschärften Bedingungen gelernt, weil du am Anfang, wie du es ausdrückst, jedes Mal "um dein Leben spieltest". Diese Drahtseilakte, das Lernen durch das Improvisieren eines Konzertabends, war das für dich ein ganz wichtiger Weg zur eigenen Identität als Musiker?

Sebastian: (lacht) Ja, auf jeden Fall! Ich war trompetenmäßig in jener Zeit nicht so richtig befriedigt. Ich hatte verschiedene Projekte, habe hier und da gespielt. Das hat auch alles Spaß gemacht. Aber dann kam plötzlich der Moment, wo ich für diese Pianistenjobs engagiert wurde. Und ich habe tatsächlich plötzlich auf der Bühne eine andere Art des Musizierens erfahren. Im Endeffekt ist da auch dieser Stil entstanden, dass ich minimalistischer spiele. Auf der einen Seite minimalistischer, auf der anderen Seite tiefer.

Weil auf der Trompete, da war ich irgendwie so ein bisserl auf dem falschen Weg. Da habe ich geübt und war ganz flott unterwegs, aber hatte diese Tiefe nicht so richtig gespürt.Diese ganzen Projekte, das hat sich alles ein bisschen in eine andere Richtung entwickelt. Aber die Klaviersachen, die haben mich auf einen anderen Trichter gebracht. Darauf, worum es eigentlich geht – nämlich tatsächlich auf der Bühne damit zu punkten, dass ich "der Stud" bin. (lacht) Nicht damit, dass ich toll spiele und schnell spiele und ein guter Trompeter bin und tralala! Sondern damit zu punkten, dass ich einen Sound in den Raum stelle. Dass ich eine Aussage mache, eine Message habe. Oder mal eine Pause mache und dadurch eine Spannung erzeuge – solche Sachen. Dadurch habe ich für mich wieder den Spaß zurückbekommen.

Und das habe ich wiederum auf die Trompete übernommen. Es gibt einen relativ schwierigen Moment, finde ich – man studiert ein Instrument und dann kommt man ins Spielen und spielt hier und da. Und plötzlich fragt man sich, hey, was mach' ich hier eigentlich? Was ist überhaupt der Sinn von der ganzen Geschichte?

Jazz ist natürlich ein ziemlicher Drahtseilakt. Auch wirtschaftlich. Dann ist man ziemlich schnell in dieser Zwickmühle, dass man Sachen spielen muss, um zu überleben. Die machen aber keinen Spaß. Die eigenen Sachen, die Spaß machen, da legt man eher drauf! Und das ist ein relativ schwieriger Moment, wo sehr, sehr viele – natürlich auch zu recht! – einknicken. Wo sehr viele Talente auf der Strecke bleiben.

So von sich aus trägt sich dieses ganze Ding nicht. Da weht einem ein ganz schön steifer Wind ins Gesicht! Und ich hatte dieses Glück, dass diese Jobs, mit denen ich Geld verdient habe, dass ich die auf dem Klavier gespielt habe. Unter diesen verschärften Bedingungen – also auch künstlerisch höchst anspruchsvoll. Und ich hatte auf der Trompete auf der anderen Seite die Freiheit, alles abzusagen, worauf ich keinen Bock hatte.

Carina: Das ist schon cool!

Sebastian: Diese ganzen Bigband-Sachen… Ich musste nicht unterrichten. Ich musste nicht mit irgendwelchen schlechtgeprobten Jazzbands in der Gegend rumdudeln... schneller, höher, weiter! Sondern ich konnte einfach mal das Gas rausnehmen und sagen: "Hey, Moment – ich spiel' jetzt nur noch das, worauf ich total Bock habe."

Und das war für mich so der entscheidende Wendepunkt in meiner Karriere, ab dem ich die Möglichkeit hatte, zu warten, was sich entwickelt. Und mich dann erst wieder als Künstler zurückzumelden. Das ist eigentlich ein Glücksfall.

S. Studnitzky (Th. Schloemann)

Carina: Da passt jetzt ja diese Frage sehr schön – hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Sebastian: 'ne Lebensphilosophie? Was ist 'ne Lebensphilosophie?

Carina: Ja, was ist das? Das ist auch 'ne gute Frage...

Sebastian: Ich mein', kurz drauf antworten geht nicht! (lacht)

Carina: Gut, es kann natürlich auch ein Motto sein, das ist dann meistens kürzer...

Sebastian: Nee, das wird abendfüllend, glaube ich. Das wird bestimmt abendfüllend. Hmm, wo fangen wir da an? Also, ich meine, im Endeffekt geht es darum… Nee, ich glaube, das geht zu weit. (lacht) Nee, ich verrate dir lieber 'ne musikalische Philosophie.

Carina: O.k., dann machen wir das.

Sebastian: Also, die musikalische Philosophie besteht darin, mich selbst immer aufs Glatteis zu führen. Indem ich, in dem Moment, wo ich merke, das geht in eine Richtung, die ich kenne, oder in dem ich merke, aha, das wäre jetzt der leichte Weg, immer mit aller Macht versuche, die Abzweigung zu nehmen. Um dadurch quasi die Energie zu bekommen, Kunst zu machen.

Und, ja, das ist ein alles umspannendes Ding. Eigentlich geht es darum, dieses musikalische Leben mit dem Leben insgesamt in Einklang zu bringen, Körper und alles – einfach 'ne Balance zu finden. Das ist die Philosophie. Wenn diese Balance stimmt, dann funktioniert irgendwie auch alles. Aber Lebensphilosophie wäre, glaube ich…

Carina: …zu hoch gegriffen?

Sebastian: (lacht) Ja, das wäre zu hoch gegriffen!

Carina: Gut, aber lassen wir das einfach so stehen. Das ist doch schon mal interessant...

Carina Prange

CD: Sebastian Studnitzky - "Trio" (Herzog Records 42601090096)

Sebastian Studnitzky im Internet: www.studnitzky.de

Herzog Records im Internet: www.herzogrecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2008
erschienen: 23.11.2008
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