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Jacobien Vlasman - "Wittgensteins Sängerin"

Jacobien Vlasman hat einst Philosophie, Germanistik und Romanistik studiert und nach und nach festgestellt, wie schwer es ist, mit Worten das auszudrücken, was man fühlt. Heute, viele Jahre später, bevorzugt sie Melodielinien, die ohne Worte auskommen und ihre ganz eigene Ausdrucksweise sind. Zumindest meistens – gelegentlich versucht sie textenderweise gerne mal wieder das Spiel mit Worten.

Jacobien Vlasman

Auf der CD "Vitrine Vocale" stellt die in Berlin lebende Holländerin jetzt das Spektrum ihrer Gesangskunst in der Reihe "Jazzthing Next Generation" vor. Und auch im Gespräch mit Jazzdimensions erweist sie sich als nicht auf den Mund gefallen…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Jaconien Vlasman

Carina: Gleich mal zu deiner neuen CD "Vitrine Vocale"… Du hast den Prince-Song "Under the Cherry Moon" mit auf der CD – warum gerade diesen Song von ihm?

Jacobien: Prince hat unglaubliche Balladen geschrieben, unter anderem diese hier. Sie passte thematisch gut ins Konzept, außerdem fiel mir einfach eine gute Bearbeitung zu dem Stück ein. "Under The Cherry Moon" schwebt dauernd zwischen weggedröhnt sein zu wollen und zu wissen, genau daran zu Grunde zu gehen.

Durch diesen Song und dann auch durch "Free Fall" kristalisierte sich das eigentliche Motto heraus, nämlich die Vielseitigkeit des Lebens, die unendlich vielen Betrachtungsmöglichkeiten je nach Position – "Vitrine Vocale" eben: sprechendes Schaufenster, was es in Frankreich bedeutet. Betrachten und betrachtet werden.

Carina: Aber dann auch "Girl of Ipanema"? Was möchtest du mit deiner Version zum Ausdruck bringen? Was bedeutet der Song für dich persönlich?

Jacobien: Das "Girl" ist einer der Songs, an dem man nicht vorbei kommt, wenn man sogenannte "Hintergrundmusik" bei schicken Events spielt. Das Stück ist schön und genial, aber ich sang es irgendwann genauso ungern wie "Summertime" oder "Take Five". Aber da ich das Stück wirklich mag, überlegte ich mir, was muss ich machen, damit ich es wieder singen will… So entstand diese Version.

Ich dachte, was denkt das schöne Mädchen darüber, dass sie immer so angestarrt wird? Und wieso läuft sie eigentlich jeden Tag da am Strand rum? So kam die zweite Hälfte des Stücks zustande, eigentlich ein eigenständiges Stück, und zwar "The Girl From Ipanema Talks".

Das Girl ist im Grunde ein echtes Luder – zwar ein armes, aber eben ein Luder! - das die Nase voll davon hat, im selben Kleid und in schlecht sitzenden Schuhen am Strand zu flanieren, wie ein Samba, und die ooooohs und aaaahs von den falschen Typen zu hören. Wobei sie doch nur einen reichen Typen aufgabeln möchte, der sie aus ihrem miserablen Leben rettet!

Carina: Wie kam insgesamt die Auswahl der Stücke zustande?

Jacobien: Die Stücke kreisen viel um persönliche Schicksale, Traumwelten und dann wieder die Realität. Das klingt jetzt sehr allgemein gehalten, aber der Ausgangspunkt war tatsächlich das Motto "(Alb)Traumsequenzen". Du kennst bestimmt den Film "Und täglich grüsst das Murmeltier": Bill Murray erlebt den ganzen Film lang ein und denselben Tag immer wieder, aber jedes Mal anders. Der Tag fängt gleich an, der Radiowecker ertönt mit demselben Song, der Radio-Moderator lässt den gleichen dummen Spruch los, und dann nimmt der Tag seinen Lauf – und endet jedes Mal anders. Ein echter Albtraum.

Nach dem Schema ist auch mein gleichnamiges Stück konzipiert. Und das Thema von Murmeltier zeigt auch, dass man, sobald man nur ein kleines bisschen die Position ändert, wieder neu und anders auf die Dinge schaut. Wie eben auch beim Blick in ein Schaufenster. Die CD sollte nicht balladenlastig werden, aber auch nicht nur textlose Stücke wie das Murmeltier-Stück oder die "Ballade for a young dead man" enthalten, sondern ziemlich vielseitig werden.

Jacobien Vlasman - "Vitrine Vocale"

Carina: Gibt es denn eine Geschichte hinter der "Ballade for a Young Dead Man"?

Jacobien: Die Ballade hat einen traurigen Hintergrund: Ich wohnte in Berlin-Kreuzberg direkt am Kreuzberger Park. Eines Abends hörte ich einen Schuss. Das passiert öfter mal in der Gegend, also habe ich mir nicht viel dabei gedacht. Aber später durchflutete Blaulicht meine Wohnung. Ich schaute raus. Alles war total still und hellerleuchtet, überall lagen diese gelben Plastikteile der Spurensicherung herum, wie in einem schlechten Film. Und als ich runterging, weil ich irgendwie an Bombendrohungen dachte (es war der 14.September 2004), um mein Auto aus der Gefahrenzone zu fahren, durfte ich nicht durch. Man sagte mir nur, jemand sei ermordet worden.

Am nächsten Tag hatte ich einen Zettel von der Polizei im Briefkasten mit der Bitte um Mithilfe. Es standen wenige Informationen darauf, aber so viel, dass ein 25-jähriger Mann vorhergehenden Abend gegen halb neun von willkürlich um sich schießenden Jugendlichen ermordet worden sei. Da dachte ich nur, viel zu jung zum Sterben! Mehrere Wochen sah ich dann die Blutspuren und die restlichen Glassplitter auf dem Gehweg und der Straße. Und jedes Mal, wenn ich da vorbei ging, wurde es in meinem Kopf genauso unheimlich still wie in der Nacht, als ich von oben runter auf den Tatort schaute.

Carina: Selbst wenn du, wie auf der Einstiegsseite deiner Website konstatiert, "keine Vorbilder" nötig hast, wen würdest du hier vielleicht doch in musikalischer oder gesanglicher Hinsicht nennen? Ist es überhaupt vorstellbar, ohne Vorbilder auszukommen?

Jacobien: Ich fange mal mit dem zweiten Teil der Frage an: Es gibt wohl bei jedem Musiker wie auch bei jedem anderen, der seinen Beruf oder sein Hobby mit Passion ausübt, den Moment, wo er überhaupt erst merkt, dass er "total angefressen" ist von Musik – oder Malen, Töpfern, die Börsenkurse verfolgen… Dann gibt man sich immer mehr dieser Faszination hin, und entweder, man hat bereits Vorbilder, die einen überhaupt erst in diese intensive Beschäftigung mit Musik oder anderes hineinziehen, oder man stößt durch die Begeisterung für die Materie auf Vorbilder oder Idole oder einfach Musiker, die man gut findet und die einen inspirieren. So etwas passiert ja fließend, und so war es zumindest bei mir.

Ich hörte früher eine Menge Instrumentalmusik, zu der ich dann einfach "dudelte". Außer Al Jarreau kannte ich einfach keinen Sänger, der mich derart faszinierte. Nicht, weil ich all die anderen schlecht fand, sondern weil ich wirklich sonst keine kannte. Die zerkratzten Vinyl-Scheiben meines Vaters fand ich nicht sonderlich interessant, sondern hörte eher viel Klassik, Pop und R&B und was man eben so hörte als Teenager. Sarah Vaughn beispielsweise wurde mir erst zum Begriff, als ich nach Berlin zog – das war 1993. Dann begann ich mich auch erst für den "alten" Jazz" zu interessieren, auch wenn ich vorher schon den einen oder anderen Standard gesungen hatte.

Ella Fitzgerald finde ich natürlich immer noch großartig, Billie Holliday auch, Carmen McRae und Betty Carter … Es gibt eine sagenhafte Duo-Platte von den beiden, die ist wirklich unfassbar, auch, weil die beiden alten Damen hörbar viel Spaß haben beim Live-Mitschnitt! Außerdem Bobby McFerrin, Ani Di Franco, nicht zu vergessen Maria Joao, Norma Winstone, Joni Mitchel, das Stimmwunder Sainkho Namtchylak, Sidsel Endresen, Björk, David Linx, Susi Hyldgaard… Aber auch eine Menge Instrumentalisten gehören auf meine Liste: Maria Schneider, Keith Jarrett, Brad Mehldau, Bill Carrothers, The Bad Plus, Radiohead, Matthew Herbert, Django Baites, Bugge Wesseltoft, Nik Bärtsch… Aber irgendwie kann ich nicht sagen, dass das meine Vorbilder sind. Ich höre sie wahnsinnig gerne und sie inspririeren mich.

Jacobien Vlasman

Carina: Also bleibst du dabei, dass man ohne Vorbilder auskommt?

Jacobien: Ja, ich denke schon. Aber da wir, wie einige Generationen vor uns wohl auch, zu spät geboren wurden, sind wir, ob wir wollen, oder nicht, beeinflusst von dem, was es schon gab. Und so kochen wir alle irgendwie unser Süppchen aus ähnlichen Zutaten. Allerdings ist jedes anders zusammengestellt, so dass es wieder neu klingt. Manche erfinden ja komplett neue Gewürze. Das, was es schon einmal gab, nehmen manche als "Vorbilder" wahr, andere gehen damit unbewusster um. Dazu zähle ich wohl auch.

Ich habe nie ernsthaft versucht, so "zu klingen wie…", da gibt es ja nette Übungen! Licks nachsingen und die dann in ein Solo einbauen, wodurch definitiv die Stimme geschult wird. Aber man sollte sowas machen, um dann auf seine eigenen Linien zu kommen. Früher habe ich oft eigentlich einfach "nur" gesungen und mir eingebildet, das sei jetzt nirgendwo geklaut, sondern zustande gekommen, weil ich mich mit dem Song auseinandergesetzt habe. Aber auch durchs Hören von Musik bleibt ja etwas im Gedächtnis oder im Ohr. Sprich, auch ich habe bestimmt nicht das Rad neu erfunden, setze aber die Speichen immer wieder anders zusammen, so dass es vielleicht neu und vorbildlos klingt.

Sich nur an seinen Vorbildern zu orientieren, insofern man welche hat, bedeutet eventuell Gefahr zu laufen, eine reine Kopie zu werden. Vorbilder könnten einem aber vielleicht helfen, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen. Alles reine Spekulation, denn irgendwie schmeckt mir der Begriff "Vorbilder" zu sehr nach Selbstaufgabe, was man im Allgemeinen aber eher nicht darunter versteht.

Sagen wir: eine Faszination für das Können toller Musiker ist auf jeden Fall befruchtend und lässt das Feuer brennen. Und wenn man diese Faszination nicht hat, dann hat man einen Tunnelblick und sieht wohl auch nur sich selbst. Ach, was, dann übt man den falschen Beruf aus! Wenn man Vorbilder also als Begeisterung versteht, dann sage ich: nein, man kommt sicherlich nicht ohne Vorbilder aus.

Jacobien Vlasman

Carina: Wo siehst du dich momentan selbst? Das heißt, wie definierst du dich als Sängerin und Musikerin, Arrangeurin und Komponistin?

Jacobien: Erster "Lapsus Tangus"! Habe ich früher auch mal so gesagt: "Ich bin die Sängerin und das sind die Musiker …" – Womit ich das weit verbreitete Klischee nachformulierte, Sänger hätten keine Ahnung von dem, was sie tun! Deswegen hier eine kleine Korrektur in der Fragestellung und deren Beantwortung: Ich sehe mich als Musikerin, deren Instrument die Stimme ist – sprich, Sängerin.

Zudem arrangiere und komponiere ich selber. Ich finde es total schwierig, mich selber zu beurteilen oder einzuordnen oder zu definieren. Wahrscheinlich bin ich einfach ein Kind meiner Zeit. Ich habe keinen konkreten Plan, den ich verfolge, sondern probiere einfach aus, bis es mir gefällt. Ich versuche, meinen Durst zu stillen, den Weg zu finden, das auszudrücken, was ich ausdrücken möchte, um dann wieder einen neuen Weg einzuschlagen, weil der alte mich mittlerweile langweilt oder nicht mehr ausreicht. Sagen wir: ich bin schon irgendwie dauernd auf der Suche und verweile ab und an hier und da. Und das ist auch gut so, denn das bedeutet Leben.

Ich hoffe jedoch, dass ich meine kompositorischen Fähigkeiten noch viel weiter ausbauen kann, denn da sehe ich mich selber noch nicht sonderlich weit. Das werde ich mit 80 wahrscheinlich noch sagen. Es gibt so vieles, was ich noch umsetzen will, Klänge, die ich nachts träume, aber noch nicht zu Papier bringen kann. Ich hoffe allerdings, dass ich davon einiges bis 80 umgesetzt haben werde!

Und stimmlich gibt es auch immer wieder neues zu entdecken – damit meine ich natürlich insbesondere Klänge, abgesehen von verschiedenstem Material, was es zu singen gibt. Dies zu erwähnen erscheint mir aber geradezu banal. In Bewegung sein wie das Leben selbst, trifft es schon viel besser.

Carina: Gibt es einen Kontext, in den du dich setzen würdest?

Jacobien: Kontext? Keine Ahnung… Ich habe definitiv nicht den "klassischen" Weg eingeschlagen. Aber, was ist das schon heutzutage? Jedenfalls habe ich, als das Ganze intensiver wurde mit dem Singen, eher als Instrumentalistin fungiert, als als Text-Sängerin, da Vokal-Musik mich anfangs nicht sonderlich interessierte und die Gelegenheiten, die sich mir zum Singen boten, auch eher für Instrumentalisten ausgelegt waren.

Aber vielleicht stehe ich damit keineswegs alleine. Ella Fitzgerald hat sich ja auch für ihre Soli die Bläser intensiv angehört, und das merkt man deutlich in der Art, wie sie soliert. Wobei ich mich jetzt absolut nicht mit ihr vergleichen möchte, das wäre höchst anmaßend! Mich hat aber immer interessiert, die verschiedenen Klänge der Stimme auszuloten und nicht "nur" Text zu singen und "sauber" zu singen.

Heute interessiert es mich jedoch viel mehr als früher, Text zu singen und zu schreiben. Ich habe erkannt, dass es eine riesen Möglichkeit ist, Texte zu artikulieren, da haben wir Sänger manchmal schon einen Vorteil gegenüber den Instrumentalisten. Und es ist ziemlich schwer, einen Text gut zu interpretieren. Ich weiß aber immer noch nicht, in welchen Kontext ich mich deswegen setzen würde. Ich sage einfach: ich bin Sängerin.

Carina: Du hast Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert. Wie würdest du den Weg von der Beschäftigung mit Ideen und philosophischem Denken hin zum Gesang in deiner eigenen Phantasiesprache beschreiben? Existiert da eine Verbindung?

Jacobien: Definitiv besteht da eine Verbindung. Ich habe ziemlich lange studiert, insgesamt fast neun Jahre, und am Ende hatte ich zum einen absolut die Nase voll, alles, was ich las, analysieren zu müssen und zum anderen hatte ich das Gefühl, vor lauter Sprache immer noch nicht das sagen zu können, was ich wirklich wollte.

Zugegebenermaßen hatte ich das auch schon vor dem Studium, aber das Studium hat mir in der Richtung nicht geholfen, sondern mir vielmehr noch deutlicher aufgezeigt, dass Sprache begrenzt ist, oder aber zu viele Worte nötig sind, um etwas Konkretes zu beschreiben. Dass diese Worte dann auch noch mehrdeutig sind, und man am besten verstanden wird, wenn man zur Beschreibung eines Gegenstandes à la Wittgenstein zwei Erklärungsmöglichkeiten kombiniert – sagt, "diesen Stuhl" und dabei eben auf ihn zeigt.

Leider kann man – um hier noch weiter großspurig mit meinem beschränkten philosophischen Wissen um mich zu schmeißen –, auf Gefühle wie Schmerz, Trauer, Liebe nicht "zeigen". Sondern man muss auch da mit unzulänglichen Platzhaltern oder Ausdrücken vorlieb nehmen, wie "Schmerz gleich Schrei". Der Schrei steht für den Schmerz, aber er ist es nicht. Alles weitere zu diesem echt spannenden Thema bei Wittgenstein! So kam ich zum Schluss, dass ich mich für mich selber am besten ohne Worte ausdrücken kann.

Es klingt jetzt ein wenig nach Räucherstäbchen – aber ich fand es zu banal und nicht zutreffend, nur "zu sagen", ich bin traurig, sondern ich habe es lieber und für mich zutreffender in Laute gepackt. Ebenso konnte ich Gefühle wie Aggressionen oder Freude oder Lethargie besser mit Stimmklängen ausdrücken.

Okay, okay, ich habe auch viel gelacht – was, wenn das Lachen echt ist, ein super Gefühlsausdruck ist! Und natürlich ist es durchaus so, dass ich auch singend nicht eins zu eins oder hundertprozentig verstanden werde. Aber mir geht es manchmal auch ganz egoistisch einfach darum, nur für mich etwas so ausdrücken zu können, wie ich es meine. Auch wenn es keiner so versteht. Aber ich habe es wenigstens "für mich richtig gesagt".

Jacobien Vlasman

Carina: Liest man in deinem Lebenslauf, so findet sich dort der Satz "… bis sie sich … als Frühberufene, aber Spätentschiedene, ganz der Musik zuwandte." Was gab für dich den Ausschlag dafür, ins kalte Wasser der Jazzwelt hineinzuspringen?

Jacobien: (lacht) Ja, diesen schönen Satz hat mal der Josef Engels in der FAZ geschrieben… Es ging zwar irgendwie alles ziemlich fließend bei mir, aber natürlich gab es auch einen bzw mehrere Momente, die dem Ganzen noch einen extra Push gaben. Ich hatte bislang fast monatlich an einem Workshop in Berlin teilgenommen, der eigentlich nur für Instrumentalisten ausgelegt war, dort traf ich auf einen Pianisten, mit dem ich viele Duo-Gigs hatte, und dann belohnte ich mich 1996 mit einem Workshop bei Maria Joao, was den ersten Ausschlag gab.

Sie sagte, nachdem alle Workshop-Teilnehmer ein Solo-Stück vortragen mussten: "You have to call Carlos Bica!" Da ich zu dem Zeitpunkt mit einem Musiker zusammen war und dauernd irgendwelche Musiker bei uns auf der Matte standen, hatte ich schon mal keine Berührungsängste, die "tollen" Musiker anzurufen, frei nach dem Motto meiner Schwester, "Nein hast du, Ja kannst du kriegen!" Auch hatte ich keine Angst, weil ich halt noch nicht so viel wusste. Und auch nicht wusste, was man alles falsch machen kann (leidend sind die Wissenden) und somit einfach drauf los sang.

Ich rief tatsächlich Carlos an, wir nahmen drei oder vier Stückchen auf, und dann kam auch sofort ein ziemlich gut bezahlter Gig, und die Zuhörer fanden es gut. Das war der zweite Moment: Ich wurde für etwas bezahlt, was ich gerne machte, den Leuten gefiel es und die Bezahlung war obendrein gut! Es war aber auch ein ganz komisches Gefühl, für etwas bezahlt zu werden, was ich gerne machte, da ich eher so erzogen wurde, dass Arbeit immer ein bisschen weh tun muss.

Musik machen tat überhaupt nicht weh, sondern ließ mich fliegen. Das war wohl der dritte Grund: Ich fühlte mich frei. Es machte einen riesen Spaß und wollte die Musik nicht mehr nur als Hobby machen, sondern ich wollte mich 24 Stunden am Tag mit Musik beschäftigen können. Und als "Spätentschiedene" gab es ja sooooo viel nachzuholen!!!

Außerdem war es damals für mich so gut wie die einzige Möglichkeit, mich auszudrücken und für mich unvorstellbar, irgend etwas anderes zu machen. Musik war wie die Luft zum Atmen. Hätte ich Widerstand bekommen und hätte das ganze nicht so gut funktioniert, dann hätte ich irgendwann Schnappatmung bekommen und hätte vielleicht nicht weitergemacht. Wer weiß das schon. Aber es lief eigentlich ziemlich gut von Anfang an. Vielleicht ein wenig zu gut…

Jacobien Vlasman

Carina: Früher stand Jacobien mit Kurzhaarschnitt und eher androgynem Outfit auf der Bühne, inzwischen erleben wir Jacobien Vlasman mit langem, wallendem Haar, femininer Kleidung und sexy Outfit. Bedeutet Sängerin zu sein auch, sich von Zeit zu Zeit innerlich und äußerlich neu zu definieren?

Jacobien: Ich kann zwar nicht für alle Sängerinnen dieser Welt sprechen, aber für mich gilt: Nein, definitiv nicht. Ich denke, das hat nichts mit dem "Beruf" Sängerin zu tun, sondern, das ist einfach das Leben, der Lauf der Zeit, die nicht stehen bleibt. Das wäre doch gruselig, wenn man meint, die Zeit geht spurlos an einem vorüber und man fährt sein Leben lang auf derselben Spur wie so eine einsame Lok auf der Holzbahn! Als Kind hat man gerne im Sandkasten gespielt, jetzt spielt man Poker oder andere Erwachsenen-Spiele.

Und auch das passiert nicht von einem Tag auf den anderen, sondern fließend! Meine Musik hat sich zwangsläufig im Laufe der Zeit geändert, da ja auch ich nicht stehen bleibe – ohne mich aber komplett neu zu definieren! Und wenn ich jemanden nach fünfzehn Jahren wiedertreffe, dann wird derjenige sicherlich auch sagen: Mensch, hast Du Dich aber verändert! Ich fühle mich, wenn ich intensiv darüber nachdenke, natürlich auch anders als zu der Zeit, als ich noch brav in die Uni rannte.

Und "neu definiert" habe ich mich vielleicht immer dann, wenn ich in eine neue Stadt kam oder ein neuer Lebensabschnitt begann. Wie das wahrscheinlich jedem passiert, der etwas Neues anfängt. Aber im Laufe meiner "Sängerkarriere" hatte ich nicht das Gefühl, mich neu definiert zu haben, weder äußerlich noch innerlich. Auf keinen Fall bewusst und schlagartig und mit Konzept und Absicht. Warum auch. Ich bin ja keine Madonna – schade auch, sie ist schon ein echtes Phänomen und verdient definitiv mehr Geld als ich … that's jazz! – die anlässlich jeder neuen Platte quasi zu einer neuen Person wird.

Also, wie mein Leben verläuft hat nichts damit zu tun, dass ich Sängerin bin. Vielleicht eher damit, dass ich einen Beruf ausübe, der auf der Bühne stattfindet. Oder damit, dass ich etwas Kreatives mache. Aber ich bin ja keine Pop-Ikone, die Millionen von Platten verkauft und die sich entweder aus Spaß oder aus Flucht vor sich selbst neu erfinden muss. Der Kurzhaarschnitt und alles andere war ja nicht gestern, sondern ist zehn Jahre her…

Carina: In den Zeiten des Vocaljazz-Booms mit vielen, vielen jungen gutaussehenden Sängerinnen, ist es da vielleicht wichtig, für die Medien und das Publikum, vom Aussehen und der Ausstrahlung mit den jungen Mädels mitzuhalten?

Jacobien: Wenn Du auf das kurze Höschen auf dem Cover anspielst: Das ist eher ungeplant passiert und nicht mit dem Vorsatz: "Hey, Sex sells!" Natürlich isst das Auge mit – ich würde mich jetzt auch nicht unbedingt mit fettigen Haaren und Schlumpfshirt auf dem Cover sehen wollen. Sprich, eine gewisse visuelle Ästhetik finde ich völlig altersunabhängig einfach schön und auch nicht ganz unwichtig.

Die Zeiten sind vorbei, dass man sagt: Alles, was zählt, ist die Musik. Sie ist das Wichtigste, auf jeden Fall – die Einstellung jedoch, dass "Kunst mehr zur Kunst wird" und besonders intellektuell daherkommt (oder sogar erst dann echte Kunst ist), wenn man Äußerlichkeiten völlig außer acht lässt (und diese Nachlässigkeit als "zur Kunst dazugehörig" hochstilisiert) und alles, was banal oder nach Mainstream schmeckt, sofort abtut als "Nicht-Kunst", diese Einstellung finde ich absolut anstrengend!

Außerdem läuft das auf dasselbe hinaus wie das, was dadurch angeprangert wird und man eigentlich vermeiden möchte. Völlig albern finde ich hingegen, sich jünger zu machen, als man ist und mit 50 noch "einen auf Vamp" zu machen. Außer, es passt wie beispielsweise bei Tina Turner – sonst fällt mir da übrigens keine ein, bei der ich das nicht peinlich finde!

Jacobien Vlasman

Carina: Wenn es also nicht das Aussehen ist, was dann?

Jacobien: Was viel wichtiger ist, dass man weiterhin sein Ding macht und nicht auf den Zug des seichten Jazz aufspringt. Das gilt nicht nur für ältere Sängerinnen. Aber auch in ausgefallenen Richtung gibt es immer mehr fantastische junge Sänger und Sängerinnen mit tollen Projekten, und ich hoffe, dass es in der Richtung weitergeht und nicht die Äußerlichkeit überhand nimmt.

Denn, seien wir mal ehrlich, wir bewegen uns mit unserer Musik abseits vom Massengeschmack. Und ich befürchte, das wird halt auch so bleiben. Die Fans von Tokyo Hotel werden sich bestimmt nicht wegen eines sexy Outfits oder einer unglaublich jungen, sagen wir zwölf Jahre alten, Wunderstimme plötzlich dem Jazz zuwenden…

Ich könnte hier noch lange ausschweifen, wieso der Jazz nicht so stark wahrgenommen wird, aber das würde lange dauern, und ich weiß nicht, ob gerade meine Einstellung jemanden interessiert. Es geht auf jeden Fall nicht darum, mit jungen Mädels mithalten zu können in punkto Aussehen und Ausstrahlung. Das klingt übrigens so, als würde man mit den Jahren zwangsläufig unattraktiv werden und seine Ausstrahlung verlieren! Ist das so? Dann kontere ich doch einfach mit Reife…

Carina: Mit anderen Worten, die Musik zählt doch?

Jacobien: Ich hoffe, es geht schwerpunktmäßig um die Musik, denn gutes Aussehen kann man nur schwer hören – ... und schlechte Musik tatsächlich schwer sehen, oops! Wo wir ja eigentlich wieder beim "Sex sells" wären … Nein, es geht hierbei ja nicht um einen Schönheitswettbewerb, sondern darum, gute Musik zu machen. Ich habe jedenfalls keine Ambitionen, durch Äußerlichkeiten irgendwie mithalten zu müssen und sehe diese Notwendigkeit auch nicht.

Ich bin zwar auf der Jazzahead rumgelaufen mit den Worten, ich sei "Miss Mai" – das war aber nur ein Witz, weil meine Bookerin mich ein paar Mal als "Mai/Juni Next Generation" vorstellte, ohne meinen Namen zu nennen! Um nochmal einen hinkenden Vergleich anzuführen: Was müssen denn dann Dee Dee Bridgewater oder Maria Joao denken? Müssen die jetzt in Rente gehen?

Ich habe halt das "Pech", dass ich sehr spät angefangen habe mit der Musik als Beruf. Und so werde ich immer ein wenig älter sein als all die aufstrebenden jungen Talente. Aber, ist das wirklich Pech? That's life… Ich bin ja trotzdem eine "Next Generation", ätsch!

Carina Prange

CD: Jacobien Vlasman - "Vitrine Vocale"
(Double Moon DMCHR 71070)

Jacobien Vlasman im Internet: www.jacobienvlasman.de

Double Moon Records im Internet: www.doublemoon.de

Fotos: Uwe Neumann, Henriette Zeuzem,

Mehr bei Jazzdimensions:
Jacobien Vlasman Quintett - "Vitrine Vocale" - Review (erschienen: 5.8.2008)
Jacobien Vlasman Quartet - "Infant Eyes" - Review (erschienen: 1.5.2001)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 11.9.2008
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