Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / szene berlin / 2008
Christoph Titz - "Glauben an die Sache"

Nach "Magic" legt der in Eschweiler geborene, inzwischen in Berlin lebende Trompeter nun mit dem neuen Album "When I love" nach. Christoph Titz, der seine starke Bühnenpräsenz derzeit in Live-Settings erneut unter Beweis stellt, ist ein Genre-Hopper par excellence und fühlt sich nahezu überall zuhause – auch seine Alben sind dementsprechend ein Gang durch verschiedene Stilistiken und ein Mekka für Fans von Trompetenklängen unterschiedlichster Couleur.

Christoph Titz

Im Interview verrät der an den Hochschulen von Maastricht und Hilversum ausgebildete Musiker, warum es ihm so wichtig ist, musikalisch immer in Bewegung zu bleiben.

Carina Prange sprach in Berlin mit Christoph Titz.

Carina: Deine neue CD "When I love" ist gerade frisch aus dem Presswerk gekommen. Schon bei "Magic" fiel auf, wie nahtlos du dein Trompetenspiel in den Gesamtsound einpasst. Inwieweit bist du beim neuen Album ähnliche Wege gegangen, wo siehst du Parallelen oder Unterschiede zwischen beiden Alben?

Christoph: Eine grundsätzliche Gemeinsamkeit besteht darin, dass alle Songs, bis auf ein gemeinsam mit Philip Niessen geschriebenes Stück, nämlich "Porenna Kawa", wieder von mir sind. "When I love" ist aber, bis auf drei kleine Loops – und die muss man erst einmal finden! – wesentlich akustischer. Ist alles echt gespielt! Die Art der Besetzung ist gleich geblieben, wobei diesmal viel Perkussion dabei ist; insbesondere gibt es mehr nordafrikanische Klang- und Rhythmuseinflüsse. Beim Vorgängeralbum "Magic" überwogen hingegen die Latin-Rhythmen.

Gleich geblieben ist auch die Rolle der Trompete und die Intention, die hinter dem Spiel steckt. Das neue Album ist sehr songorientiert - es geht mir um eine bestimmte Atmosphäre, die ich hoffentlich wieder getroffen habe. Wie diese genau aussieht, ist schwer in Worte zu fassen - und der Phantasie des Hörers sollte ja auch gar nicht alles "vorgekaut" werden! Ich hoffe schlichtweg einfach, dass ich meinem Ziel ein Stückchen näher gekommen bin… Wichtig ist mir, dass man sich meine Musik einfach anhören kann, in den verschiedenen Lebenssituationen…

Sehr wichtig ist mir außerdem, dass alle anderen Instrumente auch ihren Platz bekommen – das ist mit ein Grund dafür, dass ich die Songs einer Platte thematisch und stilistisch eher mische. Dieser Ansatz ähnelt dem der Popmusik; eine "Solistenorientierung" ist da meines Erachtens die falsche Herangehensweise. Es gibt ja beispielsweise Bassistenalben, bei denen man bereits nach den ersten paar Takten heraushört, wer hier wohl der Bandleader ist. Aber ganz ehrlich, musikalisch macht das keinen Sinn, wenn der Bass die ganze CD über einfach zu laut ist. (lacht)

Christoph Titz

Carina: Was unsere Leser bestimmt auch interessiert: das neue Album ist diesmal keine SACD mehr – hat sich dieses Format beim letzten Mal nicht ausgezahlt?

Christoph: Nie wieder SACD, kann ich da nur sagen! Das ist definitiv weggeworfenes Geld! Wenn sich jemand das leisten kann und eine entsprechende Anlage hat, ist das sicher toll. Aber es hat fast niemand einen DVD-Player, der wirklich SACD abspielen kann – das ist schlichtweg zu teuer.

Ein DTS-Format, also 5-Kanal Kinosound, würde eher Sinn machen. Aber hier stellt sich dann die Frage, ob man wirklich in der Mitte sitzenbleibt, um eine ganze Platte in Surround zu genießen! Wenn man es genau nimmt, hören wir ja meist noch nicht mal richtig Stereo.

Carina: In welchen Projekten bist du derzeit außer deiner eigenen Band aktiv? Anders gefragt, wo liegen Schwerpunkte deines derzeitigen musikalischen Schaffens?

Christoph: Zunächst einmal liegt mein Schwerpunkt klar bei meiner eigenen Musik – denn das ist das, was ich am besten kann und wo ich viel Geld und Energie reinstecke. Aber ich habe in den letzten Jahren häufig mit anderen Bands gespielt; es gab sogar Monate, in denen ich zehn verschiedene Programme, Stile, Ästhetiken etc. spielen musste oder durfte. Das macht sehr viel Spaß, man lernt sehr viel, aber es verwirrt auch manchmal… Ich bin dann häufiger im Unreinen mit meinem Equipment, da ich, um allem gerecht zu werden, im Prinzip für jede Band etwas anderes bräuchte.

Derzeit spiele ich Avantgarde-Jazz mit Art Af Oryx – ganz etwas anderes als meine Musik! – eine neue CD wird es da bald geben. Die Bandleader, Willem van Dijk und Thomas Büchel, sind beide für mich sehr wichtige Menschen, um mich mit ihnen über Musik auszutauschen. Die jazzigste Formation, bei der ich mitspiele, ist das Kathrin Lemke Quintett in Berlin. Eine recht neue Band für mich hingegen ist Funk De Nite, eine Band aus Krakau – ich werde mit der Truppe demnächst viel in Polen und der Ukraine unterwegs sein.

Mit Brings, der Rockgruppe aus Köln, wird ein ganz anderer Nerv bei mir getroffen. Dabei zu sein macht viel Spaß und bringt auch eine Menge Arbeit. Hinzu kommt noch bei RTL die "DSDS"-Band - bei "Deutschland sucht den Superstar" bin ich somit seit zwei Jahren dabei. Und, nicht zu vergessen, kürzlich habe ich bei den Aufnahmen der letzten CD von Sarah Connor mitgewirkt und bin auch gelegentlich bei einigen ihrer Konzerte dabei.

Mein Ziel ist es aber letztlich, von meiner eigenen Musik leben zu können. In meiner eigenen Band und mit meiner eigenen Musik fühle ich mich so richtig zuhause!

Christoph Titz - "When I love"

Carina: Was bislang nirgends nachzulesen ist, wie kam es eigentlich, dass du zur Trompete gegriffen hast und Trompeter geworden bist?

Christoph: Das war so: Ich war zehn Jahre alt. Wir waren in Frankreich im Urlaub. Meine Mutter fragte mich aus heiterem Himmel während einer Autofahrt, was ich für ein Instrument ich denn vielleicht gerne lernen möchte. Das fiel mir dann spontan die Trompete ein – und das war, in diesem Augenblick, die Entscheidung!

Warum gerade die Trompete? Nun, der Klang dieses Instruments ist eine klare Sache, steht über der Musik und ist sehr flexibel. Und ich bin einfach froh, Trompeter sein zu dürfen… ich freue mich jeden Tag aufs Neue, spielen zu dürfen. Für diese Leidenschaft bin ich, auch wenn sich das jetzt pathetisch anhört, unglaublich dankbar!

Christoph Titz

Carina: Wie groß ist der autodidaktische Anteil in deiner Karriere? Wieviel lernt man beispielsweise durch zuhören und zuschauen bei Live-Konzerten?

Christoph: Dieser Anteil ist sehr hoch! Sicher, ich habe studiert und man bekommt dort Tipps für den Ansatz oder zu Technik, Harmonik und vielem mehr. Aber ganz viel habe ich mir selber zusammengesucht, von überallher. Habe mir mein eigenes Improvisationskonzept gemacht, auf eigene Faust Atemtechnik geübt.

Natürlich habe ich zunächst selbst mühsam herausfinden müssen, wie das Ganze funktioniert; das können einem auch nicht viele Leute von außen vermitteln… Mit anderen Trompetern zu spielen, ob in einer Bigband oder einer Section, das ist immer sehr inspirierend und lehrreich. Ansonsten hingegen höre ich nicht so wahnsinnig viel Musik, ich brauche tatsächlich schon mal Ruhe für meine Ohren!

Klar habe ich auch ein paar Soli anderer Musiker rausgehört. Aber dabei haben mich die genauen Noten gar nicht so sehr interessiert - da finde ich eher meine eigenen. Die Atmosphäre ist es, um die es mir geht! Wie werden Stimmungen erzeugt, wie Gefühle transportiert? Warum klingt Miles Davis so unglaublich? Das speziell ist gar nicht so schwer zu beantworten: er hat einen "Gesamtsound" entwickelt! Und dieses immer wieder aufs Neue, über Jahre – dabei blieb das, was er dazu auf der Trompete spielte, doch immer recht ähnlich.

Das ist nicht abwertend gemeint, im Gegenteil! Miles hat sich immer wieder das passende Bett für seine Melodien und seinen Klang gebaut. Oder gelegentlich auch mal von Gil Evans bauen lassen… da dieser in der Lage war, Miles die Musik auf den Leib zu schreiben.

Christoph Titz

Carina: Gibt es denn in diesem Zusammenhang noch andere Vorbilder für dich?

Christoph: Clifford Brown fasziniert mich. Wegen seiner großartigen Beweglichkeit und Melodiösität beim Bebopspiel. Aber mir gefällt es weniger, dass bei dieser Musik der Solist meist sehr im Vordergrund steht. Das waren schon Genies, Leute wie Parker, Gillespie, Navarro! Aber als Miles Davis mit "Kind Of Blue" kam… Da kehrte erstmal Ruhe ein, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Stille, die "klingt".

Keine vordergründige Virtuosität, sondern dynamische Struktur. Die Stücke bekamen sozusagen einen Anfang und ein Ende. Ein Oben und ein Unten, wenn man das so sagen kann. "My Funny Valentine" war für mich die beste Miles-Platte. Das war ein Bandsound, der sich dieselben Parameter zunutze macht wie gute Rock- und Popbands es tun. Und gleichzeitig hat die Musik etwas Trancehaftes.

Aber ich schweife schon wieder ab! Wenn ich Musiker live spielen sehe oder ihre Alben höre, versuche ich mich ganz intensiv auf die jeweilige Musik einzulassen. Versuche, mich an den Sound der jeweiligen Band zu gewöhnen und zu verstehen, was die Band oder der Musiker vorhaben. Es gibt natürlich auch Konzerte, da passiert bei mir so gut wie nichts – aber oft werde ich auch völlig überrascht! Stimmt die Intention, öffnet mich das auch für Musik, von der ich das nicht für möglich gehalten habe. Da kann ich dann sehr viel lernen!

Aber manchmal wünschte ich mir, weniger involviert in Musik zu sein. Um einfach wesentlich naiver an die Sache rangehen zu können. So wie es ist, vergleicht man automatisch immer mit sich selbst und versucht, alles intellektuell zu erfassen. Oft versuche ich, meinen Beruf zu vergessen, wenn ich auf ein Konzert gehe, um mehr vom Abend haben zu können…

Christoph Titz

Carina: Auf deiner Website kann man, was positiv auffällt, das Info-PDF sogar in polnischer Sprache herunterladen. Du kommst in Polen ja auch gut an. Wie würdest du die polnische Jazzszene bzw. das polnische Publikum charakterisieren?

Christoph: Seit dem letzten Jahr spiele ich mit meiner Band viel in Polen, deswegen hat meine Managerin sämtliche Texte ins Polnische übersetzt. Die ganze Pressearbeit läuft auf Polnisch – das ist natürlich hilfreich, um engere Kontakte zu den dortigen Veranstaltern und der Presse aufzubauen.

Am 19. August letztes Jahr war mit einem Konzert auf dem Warschauer Jazzfest gewissermaßen mein "Polen-Auftakt". In der Altstadt hatten sich 5000 Leute versammelt, allein, um uns zuzuhören. Das war großartig und erhebend - und hat unheimlich viel gebracht für unsere weitere Zukunft in Polen! Dieses Jahr bereits waren wir wieder zum Jazzfest eingeladen – am 18. August war unser großer Auftritt. Abgesehen davon haben wir schon bei vielen anderen polnischen Festivals und in polnischen Clubs spielen dürfen.

In Polen gibt es viel mehr Radioformate als hierzulande, die meine Musik spielen. Das dortige Jazzradio ist übrigens sehr zu empfehlen - in Deutschland kann man es über Internet hören. Die hiesige Medienwelt ist ja für uns Jazzmusiker vergleichsweise schwer nachzuvollziehen und oft ist es ganz schön traurig, was hier abläuft, beziehungsweise nicht abläuft! In Polen hingegen sind die Menschen und auch die Medien wesentlich offener für Musik. Sie lassen sich gerne überraschen und sind es außerdem einfach gewohnt, gute Musik zu hören.

Zudem pflegen die Polen ihre eigenen Helden wie Tomasz Stanko oder Piotr Wojtasik ganz außerordentlich. Die Szene macht einen sehr entspannten Eindruck, alles scheint dort besser vernetzt zu sein. Die Zusammenarbeit zwischen Veranstaltern, Musikern und so weiter funktioniert wesentlich besser. Und, klar, es macht natürlich schon deswegen Spaß, dort zu spielen, weil die Akzeptanz von Seiten des Publikums und der Musiker da ist!

Für mich war es jedenfalls sehr wichtig, die Chance zu bekommen, dort Fuß zu fassen. Das stärkt meinen Glauben an die Sache. Ganz abgesehen davon, dass ich mich dort richtig wohl fühle – leckeres Essen, gutes Bier, was will man mehr?! (lacht)

Carina Prange

CD: Christoph Titz - "When I Love" (Marotymusic MM001)

Christoph Titz im Internet: www.christophtitz.de

Marotymusic im Internet: www.marotymusic.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Christoph Titz - "Magic" - Review (erschienen: 19.9.2004)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 12.4.2008
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: