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Almut Schlichting - "Auf Schatzsuche"

Einfach "nur" das Altsaxophon in einer Jazzband zu spielen wäre der in Berlin lebenden Musikerin Almut Schlichting wohl bei weitem nicht genug: seit jeher von der Kunst des Theaterspielens fasziniert, hat sie bereits zahlreiche Kompositionen für Bühnenstücke geschrieben. In eine vergleichbare Richtung zielt auch ihre Jazz-Kammeroper "Melusine", ein ambitioniertes Unterfangen, das auch von der Berliner Senatsverwaltung als förderungswürdig erachtet wurde.

Almut Schlichting

Darüber hinaus verwirklicht sie die verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeit in unterschiedlichsten musikalischen Projekten. Zu nennen ist ihr 1997 gegründetes Sextett Shoot the moon oder ihre Band Anke und die Seemannsbräute die mit, wie es heisst, "Seemannsliedern und Meergedichten" auch humorigen Töne anschlägt.

Eine Brücke zwischen beiden Projekten mag man in einer gewissen Sehnsucht zum Meer sehen: das neue Album von "Shoot the moon" nämlich läuft unter dem bezeichnenden Titel "Treasure Island". Musik und Songtexte – auch bei diesem Projekt von Anke Jochmaring gesungen – stammen wiederum aus Schlichtings Feder. Ergebnis ist ein herzhaft expressives Album mit lockerem Ansatz.

Almut Schlichtings Offenheit zu neuen, individuellen Ausdrucksformen spiegelt sich auch in den Konzerten wider, die die musikalische Schatzsuche auf die Bühne bringen werden. Eine arbeits- und aufführungsreiche und niemals langweilige Zukunft ist allemal gesichert.

Carina Prange sprach in Berlin mit Almut Schlichting

Carina: Es geht ja gerade beim Komponieren für Theaterprojekte auch darum, das Geschehen für den Hörer und Betrachter musikalisch zu illustrieren – inwieweit ist dies auch ein Anliegen bei der Jazzmusik, die du schreibst?

Almut: Ich selbst gehe beim Komponieren oft von Bildern aus - deshalb entsteht auch beim Hörer eine starke Vorstellungswelt, die allerdings keinesfalls identisch mit meiner sein muss. Bei den Songs von "Shoot the Moon" etwa funktioniert das auf den Konzerten oft sehr gut: Indem der Hörer in unsere Welt von eigentlich unfertigen Geschichten, kurz skizzierten Situationen und Klangerlebnissen eintaucht, schafft er sich im Kopf seine eigene Film- und Bildspur, zu der er durch die Musik angeregt wird.

Jeder deutet die Songs anders, und entwickelt dadurch eine sehr persönliche Beziehung zur Musik. Ich würde mir wünschen, dass die Songs von unserer CD "Treasure Island" ein Soundtrack für den Alltag werden. Dass man sie beim Geschirrspülen singt, beispielsweise…

Almut Schlichting

Carina: Stilistisch und thematisch lässt sich dein Sextett "Shoot the moon" nicht recht eingrenzen: Jazz trifft auf Walzer, Tango und vieles mehr. Reizt dich die Verbindung und Verknüpfung unterschiedlichster Stile und Elemente?

Almut: Das Eigene an meiner Musik ist das Gebräu aus unterschiedlichsten Elementen, die mir zufällig im Ohr bleiben und mit denen ich mich beschäftige. Als Kind habe ich immer Mixkassetten aus dem Radio aufgenommen: Aufnahme an … und den Sender gewechselt, wenn es zu langweilig wurde! Es gab Kassetten, da kam ein halber Wetterbericht, dann ein Straußwalzer, dann der Refrain von einem verrauschten Rocksong.

Im Prinzip ist es heute noch so ähnlich. Die persönlichen Faszinationen sind der Schlüssel zu den Kombinationen von Stilelementen in den Songs. Genauso ist es mit dem Bandsound von "Shoot the Moon" - die Prägungen, die jedes Bandmitglied mitbringt, beeinflussen natürlich auch den Stilmix. Ein Beispiel: wir spielen seit Juni mit einem neuen Schlagzeuger, Rudi Fischerlehner. Dadurch verändern sich manche Grooves, und die Songs zeigen plötzlich neue Facetten. Jeder Musiker bringt durch seine Vorlieben und Fähigkeiten überraschende neue Elemente in die Musik.

Almut Schlichting

Carina: Geht es auch um ein ad absurdum Führen der Hörervorstellungen, um das Spiel mit einem Wechselbad der Gefühle und Eindrücke beim Hörer? Erklär mal deine Intention in dieser Hinsicht…

Almut: Die Musik ist mehrdeutig. Starke Bilder und Gefühle werden ironisch gebrochen oder verrätselt und fragmentiert. Dadurch entsteht eine Art Sinn-Labyrinth, in das jeder Musiker und auch jeder Hörer seine eigene Bedeutung hineinlesen kann. Jeder erfindet seine eigene Geschichte, und die wahre Geschichte bleibt verborgen. Vielleicht gibt es auch keine Wahrheit, sondern nur eine Sammlung von Lügengeschichten...

Shoot the Moon - " Treasure Island"

Carina: In den Linernotes zu "Treasure Island" liest man, die Songs, die du komponiert und getextet hast, erhielten "ihren Glanz und ihre Form in der Probenarbeit und bei den Konzerten." Hat also neben dem Rohmaterial, das du lieferst, für die Musik von "Shoot the moon" die Konstellation gerade dieser sechs Musiker besondere Bedeutung?

Almut: Die beteiligten Musiker sind essentiell für die Musik. Durch sie erwachen die Stücke erst zum Leben. Alle Musiker von "Shoot the moon" haben einen ausgeprägten eigenen Sound, die meisten sind selbst Bandleader und Komponisten. Von der ersten Fassung eines Songs bis zur Konzertreife ist es oft ein langer Weg, auf dem jede Menge Anregungen und Kritik der Musiker in die Musik einfließen.

Auch beim Spielen entsteht vieles spontan. Oft sind die besten Versionen eines Songs die, bei denen die Musiker aus der vorgegebenen Struktur ausbrechen und etwas völlig Unerwartetes passiert. Wir haben jetzt erst angefangen, die Möglichkeiten des Unerwarteten wirklich auszuloten, weil die Struktur der Stücke teilweise sehr komplex ist. Ich bin gespannt, wie sich die Musik in den Konzerten, die wir dieses Jahr noch spielen, weiterentwickelt.

Carina: Für deine, jetzt fertiggestellte Jazz-Kammeroper "Melusine" ist eine Aufführung als Verbindung von Tanz- und Musiktheater geplant - mit "Shoot the Moon and Guests". Was ist der Stand der Dinge?

Almut: Die "Melusine" liegt mir sehr am Herzen. Sie ist aber natürlich viel aufwendiger zu realisieren als ein normales Jazzkonzert. Deshalb kam es noch nicht zu einer Aufführung, obwohl wir inhaltlich schon ziemlich weit sind. Das Team für "Melusine" besteht aus der Regisseurin Mirella Weingarten, dem Dramaturgen Marcus Gammel, der Tänzerin Laura Siegmund – und "Shoot the Moon" als Musikerensemble.

Das Projekt "Melusine" wird weitergeführt. Vielleicht ergeben sich dann neue Möglichkeiten - ich würde die "Melusine" gerne an besonderen Orten aufführen … vielleicht sogar auf Jazzfestivals!

Almut Schlichting

Carina: Was unterscheidet diese Jazz-Kammeroper von anderen Projekten aus dem Bereich "Musiktheater" oder "Jazz und Theater"?

Almut: Zunächst – wir machen kein "Neues Musiktheater"! Die Musik ist im Jazz verwurzelt, nicht in der zeitgenössischen Neuen Musik. Andererseits machen wir aber auch kein Musical – dafür sind wir zu poetisch und zu abstrakt. Wir machen wiederum auch kein "Konzert mit Tanz", sondern zeigen ein Stück mit einem durchlaufenden roten Faden und erzählerischem Material.

Indem wir die Improvisationskompetenz nutzen, die sowohl Jazzmusiker als auch zeitgenössische Tänzer mitbringen, wird es relativ freie Passagen geben, aber auch durchkomponierte Sequenzen, bei denen Musik und Tanz aus gemeinsamen erzählerischen Motivation heraus eng verknüpft sind. Wir bewegen uns mit der "Melusine" also, wenn man so will, komplett zwischen den Kategorien.

Carina Prange

CD: Shoot the moon - "Treasure Island" (NRW Records NRW 9015)

Almut Schlichting im Internet: www.almutschlichting.de

NRW Records im Internet: www.mv-nrw.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2008
erschienen: 10.6.2008
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