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Kalle Kalima - "Was für ein Klima!"

Kalle Kalima hat mit seiner Band "Klima Kalima" ein Album eingespielt, welches "Helsinki on my mind" betitelt ist und bewusst - vom Cover, von den Songtiteln und auch stimmungsmäßig einen Bezug zum Land seiner Herkunft, Finnland, herstellt. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass sich Jazziges, finnischer Rock und freie Formen hier miteinander verbinden. Verspielt geht er mit dem Material um - der Titel des Songs "Berliinin munkki" beispielsweise bedeutet "Mönch von Berlin" aber, anders übersetzt, auch "Berliner" (Pfannkuchen) - so stellt Kalima gleichzeitig einen Bezug zu seiner Wahlheimat Berlin her.

Kalle Kalima

Der Gitarrist ist zweifellos einer der umtriebigsten der Berliner Szene, mischt hier mit schrägen Projekten wie "U.N.K.L." oder "Momentum Impakto" den Bereich der improvisierten Musik auf und scheint immer auf dem Sprung zu sein, unterwegs zum nächsten Gig, zum nächsten ideengeladenen Projekt.

Im E-Mail-Interview mit Carina Prange nimmt er sich Zeit für klare Antworten.

Carina: Du komponierst die Musik deiner Band "Klima Kalima" in erster Linie selbst, bist als Gitarrist, als Komponist, aber auch mal, wie neuerdings bei dem Projekt "Soi" als melodiöser Spieler und Orchestrator aktiv. Komposition und Improvisation, was hat wann, wie und warum den Vorrang? Wieviel Spielraum brauchst du selbst für dein Gitarrenspiel, wieviel Freiraum lässt du deinen Mitspielern?

Kalle: Das Komponieren und das Improvisieren sind für mich eigentlich dasselbe. Der Unterschied liegt in dem Tempo des Schaffens. Improvisation ist eine schnelle Art des Komponierens, wobei die Mitmusiker oft als Ideenmotor funktionieren. Es sind gerade Kommunikation und Konversation innerhalb der Gruppe, die selbst Ideen, die sonst nicht so aussagekräftig wären, interessant machen. Das Komponieren im traditionellen Sinne ist ein langsamer Prozess, wobei man die Ideen über einen längeren Zeitraum aufarbeiten kann. Ich finde es interessant, gemeinsam mit meiner Gruppe zu improvisieren, aufzunehmen und zu überarbeiten. So wurde z.B. das Stück "Metsäryhmää" (Waldleute) auf "Helsinki on my mind" geboren.

Bei "Klima Kalima" ist die Form der Stücke oft wie beim traditionellen Jazz. Die freche Art und Weise, wie wir diese Stücke spielen, macht die Veränderung aus. Die Mitmusiker haben viel Freiraum, aber man bleibt bei der Form der Komposition, obwohl man die Grenzen so weit, wie es nur geht, ausdehnt.

Bei "Johnny La Marama" und "Momentum Impakto" spielen wir teilweise völlig improvisierte Stücke und teilweise welche mit komponierten Teilen. Bei beiden Bands bringen alle Musiker Stücke mit ein. Das Endresultat ist oft unberechenbar, sogar für die Musiker. Bei "Momentum" ist meine Rolle als Gitarrist anders als die normale, weil es keinen Bassisten gibt. Da habe ich das Gefühl, dass ich die Richtung der Improvisation besser gestalten kann und auch muss. Jetzt weiß ich, was für einen schwierigen Job die Bassisten haben! – Wir waren gerade mit "Johnny La Marama" im Studio. Die Aufnahmen bringen unsere Band in Richtung minimalistischen Rock und Groove Musik. Wir versuchen, uns vom Jazz-Solo-Denken zu entfernen, um einen frischen Gesamtklang zu erzeugen.

Bei "Soi" (3 Sängerinnen, Cello, Orgel, Percussion und akustische Gitarre) versuche ich, mit einfachen Elementen und ungewöhnlicher Orchestration etwas Neues aus den gewöhnlichen Dreiklängen herauszuholen. Es gibt wenig Freiraum für Improvisation, hier stehen die Kompositionen im Mittelpunkt und die finnischen Texte. Stücke mit Gesang komponiere ich darüberhinaus auch – für "Baby Bonk" (Klingeberg, Roder, Griener): Da kann ich schön mit dadaistischen Texten und Klängen arbeiten.

Kalle Kalima

Carina: Dein Album heißt "Helsinki on my mind" – wie sehr bist du von deiner finnischen Heimat als Inspirationsquelle beeinflusst? Wie sehr von der Folktradition deiner Heimat inspiriert? Und, was regt dich überhaupt dazu an, eine Komposition zu schreiben?

Kalle: Es gibt sehr viele Jazzmusiker in Finnland, die momentan alte religiöse Hymnen oder Volksmusik als Inspiration benutzen. Mittlerweile haben so viele das gemacht, dass ich es schon ganz langweilig finde. Darüber hinaus kenne ich die finnische Schlager- und Tangomusik auswendig: früher habe ich nämlich in Finnland auf vielen Hochzeiten gespielt. Die typischen Hochzeitsspiele – inkl. der Speisen und Getränke – sind mir aus dieser Zeit bekannt. Das hat oft in perverser Art und Weise Spaß gemacht, aber die Gigs waren lang, vier Sets pro Abend. Das alles hat bestimmt einen unbewussten Einfluss auf meine Musik. Aber für mich ist finnische Volksmusik eigentlich Rockmusik. Ich bin mit finnischem Rock aufgewachsen und es gibt ein starke Tradition von finnischen Rock- und Jazz-Gitarristen, z.B. Jukka Tolonen und Raoul Björkenheim. Bestimmt gibt es dazu noch etwas sehr Finnisches in meiner Musik. Das lässt sich aber schwer definieren. Denn alles, was man hört, wird schließlich zu einem Teil eines Ganzen und ich bin immer offen für verschiedenen Musikrichtungen aus der ganzen Welt gewesen.

Bei mir entstehen Kompositionen grundsätzlich beim Jammen. Ich bin nicht einer von denen, die im Kopf komponieren. Wenn ich traurig bin, werden die Stücke meist besonders gut …

Kalle Kalima

Carina: Das Album "Helsinki on my mind" ist das erste deiner Band ‚Klima Kalima'. Die Titel der Stücke sind in finnischer Sprache notiert. Und: wie kam die Auswahl der Stücke zustande? Wurde sie erst im Studio getroffen, oder stand die Auswahl vorher fest… Erzähl doch ein wenig zur Entstehung des Albums!

Kalle: Mit "Klima Kalima" spielen wir seit 2001 zusammen. Als wir letztes Jahr ins Studio gingen, hatten wir sehr viele Stücke im Programm. Wir haben im Studio einfach alles aufgenommen, was insgesamt sechs Stunden Material waren. Es hat sehr viel Spaß gemacht, aber die verschiedenen Takes zu hören und auch die Reihenfolge zu entscheiden, bedeutete auch eine Unmenge Arbeit. Wir haben sehr unterschiedliche Versionen von Mastern gemacht und einmal hatte ich schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass wir mal ein ganzheitliches, sinnvolles Album zusammenstellen können. Meine Frau, Essi, hat mir bei der letzten Wahl geholfen.

Uwe Hager von ZYX Music hatte die Idee, dass meine Herkunft auf der CD deutlich gemacht wird. Ich fand die Idee gut. Dann hat eine Freundin von mir in Helsinki die Fotos aus Helsinki gemacht. Es gibt ein Foto mit viel Schnee auf den Autos direkt im Stadtzentrum. Dabei habe ich gedacht, dass der Titel "Helsinki on my mind" ganz gut zu dem Foto passen würde. Das hat etwas Bittersüßes. Auf einer Seite vermisst man seine Heimat. Auf der anderen Seite ist das Leben dort oben als Jazzmusiker sehr hart. Dazu noch dieses Klima, das nicht gerade zu einem Kalima passt … Im Winter ist es dort unglaublich windig. Der Wind ist feucht, obwohl Minusgrade herrschen. Irgendwann friert selbst das Meer. Dann ist es schön, mit Langlaufskiern oder sogar mit dem Auto aufs Eis zu fahren.

Klima Kalima - "Helsinki on my mind"

Carina: Die diversen Projekte, an denen du beteiligt bist, bewegen sich im Bereich der freien Improvisation, der Avantgarde, des Modern Jazz. Gibt dir das als Gitarrist die Möglichkeit, mehr, oder anderes, technisches Equipment einzusetzen, die Grenzen deines Instrumentes auszutesten? Wie sehr bist du ein Technikfreak?

Kalle: Ich mag die Vielseitigkeit der Gitarre. Ich übe zuhause häufig das Spielen auf einer Westerngitarre. Sie ist schwerer zu spielen als die E-Gitarre und die Finger brauchen mehr Kraft. Ich spiele bei zwei Projekten, nämlich "SOI" und "Bica/ Klammer/ Kalima", ausschließlich die Westerngitarre. Auch die Idee, dass ich alleine ohne Verstärker musizieren kann, z.B. auf der Straße, wenn es sein muss, ist mir als Familienvater wichtig.

Anderseits liebe ich die technischen Möglichkeiten der E-Gitarre, am meisten aber die analogen Effekte wie Verzerrer, Tremolos usw. Digitale Sachen verwende ich für die Soundmodulation nicht so gern, obwohl sie ganz praktisch sind. Einen Sampler setze ich allerdings sehr gerne ein. Ich finde, dass die E-Gitarre von allen Instrumenten dasjenige ist, zu dem Effekte am besten passen. Und von daher soll man sie auch benutzen, wenn man das Instrument expressiv spielen will.

Carina: Welchen Stellenwert hat für dich das "klassische" Jazz-Gitarrenspiel? Hast du Vorbilder aus dieser Richtung, oder interessiert dich das weniger?

Kalle: Ich habe, seitdem ich vierzehn bin, Jazz studiert und sehr viele Stunden mit Montgomery, Hall und Scofield zugebracht. Dabei habe ich vieles über Musik gelernt. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich die Sounds meiner Vorbilder hinter mir lassen muss, wenn ich meine eigene Stimme finden will: Es gibt genug Jazz-Leute heutzutage, die irgendwelche Stars imitieren und das sehr gut machen. Am liebsten spiele ich Musik, die offener ist und mir Möglichkeiten für eine expressivere Spielart bieten. Meiner Ansicht nach wurde die E-Gitarre als Instrument in der Rock- und Countrymusik wesentlich expressiver gespielt als in Jazz. Jimi Hendrix und David Gilmour von Pink Floyd sind für mich große Vorbilder gewesen, weil sie tief in den Klang hinein getaucht sind. Und erst so richtig interessant wird es, wenn man diese Rockeinflüsse mit denen von Coltrane oder Coleman verbindet.

Carina Prange

Aktuelles Album: Klima Kalima - "Helsinki on my mind"
(Village 1026-2/Zyx Music)

Kalle Kalima im Internet: www.kallekalima.com

Zyx Musik im Internet: www.zyx.de

Fotos: U. Neumann

© jazzdimensions 2007
erschienen: 27.2.2007
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