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Henrik Schwarz - "Jazzkicks und Techno Beats"

House-Produzent und DJ Henrik Schwarz treibt seit Jahren von Berlin aus sein hartnäckiges Unwesen im internationalen Club-Underground. Mit dem Geheimtipp ist es nun vorbei: Schwarz brachte unlängst ein Album in der bekannten Reihe "DJ-Kicks" von K7 Records an den Start. Nachhaltiges Wühlen in alten Soul- und Jazz-Scheiben ist die Vorarbeit für seine soundtechnischen Veredelungen mit Live-Feeling.

Henrik Schwarz

Carina Prange sprach mit Henrik Schwarz in Berlin

Carina: Warum sorgen Soul-Musik und Jazz deiner Meinung nach für emotionalere Stimmungen und was fasziniert dich daran? Resultiert aus der Verbindung dieser Musik mit Techno Beats und Mixing wieder etwas Organisches?

Henrik: Nun, ich denke nicht, dass Soul oder Jazz generell emotionaler ist als Techno oder House. Ganz und gar nicht! Mich interessiert die Kombination von sehr maschinenhaften Elementen mit sehr menschlichen. Für mich öffnet sich hier ein Spannungsfeld – zwischen den Polen ist eine Menge möglich! Man kann die einzelnen Elemente stärken, indem man sie in Beziehung setzt. Wenn das Verhältnis stimmt, entsteht etwas sehr Schönes.

Henrik Schwarz

Carina: Deine eigenen Tracks und Remixe fügen sich nahtlos in das andere Material ein. Füllst du Lücken mit eigenen Sachen, oder gruppierst du, im Gegenteil, das Fremdmaterial drumherum? Wie kam es zu deinem Track "Imagination Limitation"?

Henrik: Ich habe versucht, die verschiedenen Einflüsse zu verschmelzen. Es geht auch hier um Kombination. Was ensteht, wenn man zwei Sachen zusammenbringt? Dabei spielt es für mich keine große Rolle, ob es mein eigenes Material ist oder nicht. Ich versuche durch Kombination mehr als die Summe der Teile zu erzeugen.

Carina: Du machst, sagt man, "Deephousetracks mit Live-Feeling". Ist es das Live-Feeling, auf das du abzielst? Worin besteht das Rezept dafür?

Henrik: Ich versuche oft, bei meinen Live-Auftritten die besondere Atmosphäre einzufangen. Das passiert, indem ich aufnehme, was ich spiele und dann im Studio als Basis für neue Stücke verwende. Sehr oft hat das Publikum oder der Club oder die Anlage einen gewissen Einfluss darauf, wie man einen Regler bewegt – wie laut man einen bestimmten Sound einstellt, welche Sounds man kombiniert. Diese besondere Energie versuche ich einzufangen.

Henrik Schwarz - "DJ-Kicks"

Carina: Wie würdest du Deephouse von Techhouse abgrenzen?

Henrik: Das sind Schubladen – ich versuche nicht in welche hinein zu fallen!

Carina: Mit deinen Alben lässt du dir grundsätzlich Zeit. Wie lange hat es gedauert, bis du die Songs für "DJ-Kicks" zusammen hattest?

Henrik: Eine Auswahl hatte ich recht schnell! Das Problem war nur die Anzahl der Stücke, die ich unbedingt drauf haben wollte. Leider passen keine zweihundert Tracks auf eine CD... – Die längste Zeit habe ich also damit verbracht die Liste zu kürzen.

Carina: Und welche sind deine drei Lieblingssongs – sofern du dich entscheiden müsstest?

Henrik: Oh das ist ganz schwer! Die Stücke bedeuten mir alle sehr viel. Robert Hood war immer sehr wichtig für mich. Und dann noch Moondog und Arthur Russell. Es ist aber zum Beispiel leider kein Stück von Sun Ra auf der DJ-Kicks gelandet – das wäre auch noch toll gewesen.

Carina: Wenn du mit dem Laptop durch Europas Clubs oder bis nach Japan reist, was inspiriert dich dann dazu, spontan gute Tracks zu kreieren, die die Stimmung auf dem Dancefloor widerspiegeln? Wieviel hängt vom Publikum, von seiner Kultur ab?

Henrik: Wie oben schon gesagt, hat das Publikum großen Einfluss darauf wie man spielt. Es beeinflusst den Energielevel sehr. Erstaunlicherweise geht es gar nicht so sehr darum, ob man nun in Japan oder England oder Deutschland spielt. Natürlich sind die Kulturen verschieden, aber im Grunde sind wir uns doch alle sehr ähnlich! Der Club oder die Stadt spielen eine viel grössere Rolle als das Land.

Henrik Schwarz

Carina: Wieviel Einfluss hat ein DJ auf das Clubpublikum, was erreichst du noch, außer die Leute zum Tanzen zu bringen?

Henrik: Hoffentlich noch einiges mehr! Ich glaube die Freiheit, in Clubmusik neue Wege zu gehen, kann Menschen inspirieren, neue Dinge zu tun. Ich würde mir wünschen, dass jemand nach dem Tanzen nach Hause geht und, ausgelöst durch die gute Musik, am nächsten Tag eine gute Idee hat.

Carina: Wie kann man sich überhaupt intuitives Arbeiten mit Dateien vorstellen, die man ja, im Gegensatz zu Schallplatten, nicht anfassen kann? Hast du die ganzen Sounds im Kopf?

Henrik: Ja eigentlich schon – es stimmt, es ist ein Problem, dass da nichts Visuelles ist! Bei Platten kann ich mir immer die Cover sehr gut merken. Ich sehe das Cover und weiss was drauf ist. Bei Dateien gelingt mir das mithilfe von Bezügen. Ich kann mir beispielsweise merken, zu welchem Song eine bestimmte Sounddatei gehört. Alle Sounds, die ich in einem Stück benutze, gehören damit zusammen. Außerdem lege ich die Dateien immer an bestimmte Stellen in meiner Software. Ich weiss dann zum Beispiel, dass die Jazz-Drumloops alle unten links liegen.

Carina: Beim Arbeiten mit Files und Laptop, mit modernster Technik – was würde passieren, wenn der Strom ausfällt? Fühlst du dich manchmal von der Technik abhängig?

Henrik: (lacht) Och das geht eigentlich! Wenn der Strom ausfällt, geht ja heutzutage eh gar nichts mehr – egal was man macht!

Henrik Schwarz

Carina: Hast du zuhause eine große Schallplatten- bzw. CD-Sammlung oder hörst du Musik auch grundsätzlich nur über den Rechner? Und welches sind die dir wichtigsten Alben, die du nennen würdest, wenn du nur fünf auf eine einsame Insel mitnehmen dürftest?

Henrik: Oh ja, ich habe sehr viele Schallplatten und höre die auch sehr gerne – viel lieber als vom Computer. Man kann schon auch gut klingende Sachen am Rechner machen, aber MP3s mag ich in letzter Zeit immer weniger. Sie klingen einfach scheußlich! Wenn ich nur fünf mitnehmen dürfte, hätte ich ein echtes Problem.

Klar gibt es ganz ganz wichtige Platten – ich finde es aber sehr schwer, da einzugrenzen. Eigentlich fehlt da auf jeden Fall was. Es gibt aber eine, die auf alle Fälle dabei wäre und das ist: "Guem & Zaka Percussion". Und ziemlich sicher wäre auch "World Of Arthur Russell" dabei. Dann noch "Chick Corea & Herbie Hancock live". Dann würde ich noch eine DVD mit 5000 MP3s in bester Qualität brennen.

Carina: Was hat dich bewogen, vom Bodensee nach Berlin zu gehen - tobt hier wirklich eine supercoole Dance- und DJ-Szene oder ist da auch viel Werbeeffekt dabei?

Henrik: Hier tobt schon eine tolle Szene – auf jeden Fall! Nach Berlin bin ich aber urspünglich nicht wegen der Musik, sondern wegen meines Jobs als Grafikdesigner gekommen. Musik war damals nur ein Hobby...

Carina Prange

CD: Henrik Schwarz - "DJ-Kicks" (K7 Records K7207CD)

!K7 Records im Internet: www.k7-de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 11.1.2007
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