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Gebhard Ullmann - "Bleibende Unruhe"

Sein zwanzigstes Bühnenjubiläum liegt hinter, sein fünfzigster Geburtstag vor ihm: Saxophonist und Bassklarinettist Gebhard Ullmann hat einiges zu feiern. Der umtriebige, in Berlin lebende Musiker, der öfter im Jahr Station in Manhattan, New York macht, ist dafür bekannt, stets mit einer Vielzahl von Projekten gleichzeitig am Start zu sein.

Gebhard Ullmann

Seine musikalische Laufbahn begann Ullmann einst mit der Querflöte. Relativ bald jedoch griff er daneben auch zum Saxophon und entwickelte schließlich eine große Begeisterung für die Bassklarinette, die für ihn beinahe zum Markenzeichen wurde.

Die Veröffentlichung mehrerer Alben pro Jahr bei verschiedenenen internationalen Labeln ist bei Ullmann die Regel, seine weitreichenden Verbindungen ebnen ihm viele Wege. Eine Reaktivierung seiner Band Basement Research für die Bühne und eine aktuelle CD sind für dieses Jahr, spätestens anlässlich seines 50. Geburtstag im November geplant. Ob er danach endlich ruhiger wird? Das ist zum Glück kaum zu erwarten…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Gehard Ullmann

Carina: Zwanzig Jahre bist du inzwischen dabei, ein guter Augenblick für eine kleine Rückschau. Hättest dir beim Verlauf irgendetwas ganz anders gewünscht, würdest im Nachhinein gerne einen anderen Weg gegangen sein?

Gebhard: Nein. Gerade das Suchen nach einer eigenen Aussage ist etwas, was mich nach wie vor antreibt. Musiker, die neue Wege suchen – und vielleicht nicht sofort finden – finde ich besonders interessant. Allemal spannender, als einen, wie auch immer virtuosen neuen Aufguss von etwas zu versuchen, das vor Jahrzehnten entwickelt worden ist. Letzteres ist für mich eher von akademischem Interesse, wohingegen ich eine persönliche Story, ein gutes Stück "Bauch" bei aller Abstraktion essentiell finde.

Ich muss zugeben, dass ich manchmal genervt war von dem was gerade angesagt war, oder mit Hilfe intensiver Promotion als "angesagt" erklärt worden ist. Gerade deswegen bin ich schon etwas stolz, immer noch dabei zu sein. Ich habe über die Zeit – auch heutzutage noch - Projekte kommen und gehen sehen, die die Zeit nicht überdauert haben. Oder, um aktuell zu sprechen: wohl nicht überdauern werden.

Auch einige meiner Produktionen klingen heute, nach Jahren, nicht mehr so aktuell, wie ich es mir seinerzeit vorgestellt hätte. Andere wiederum sind immer noch – und das hätte ich damals so nicht eingeschätzt! - frisch und am Puls. Die Zeit hat da gerade auch auf die Musik eine interessante Wirkung.

Gebhard Ullmann

Carina: Du spielst grundsätzlich deine eigene Musik, deine eigenen Kompositionen und hast dich nie auf die Tribute-Alben-Schiene eingelassen. Wie kam das? Und was bedeutet es für einen selbst, die Fußstapfen der üblichen Jazzheroes zu verlassen?

Gebhard: Ich denke, dass ich nie diese Fußstapfen verlassen habe - im Gegenteil, denn da gehen diese, denen ich folge, seit den 60ern lang. Mein Motto: Wenn deine eigene Musik mehr deinen ureigenen Ausdruck transportiert, dann solltest du genau diesen verfolgen. Ich verstehe mich zu einem wesentlichen Teil als Komponisten und Konzeptionalisten.

Es gab in der Jazzgeschichte stets Musiker die genau dies gemacht haben. Manche haben erst später nur oder überwiegend ihre eigenen Kompositionen gespielt: In dem Maße, wie sie als Komponisten gewachsen sind. Wenn ich ein … heute nennt man das Konzeptalbum … mache, dann nicht, weil die Plattenfirma das als verkaufsfördernd einschätzt, sondern weil es mir ein Bedürfnis ist. Sonst hätte ich auch als Arzt meinen Lebensunterhalt verdienen können. (lacht)

Ich habe übrigens Ende der 80er das Album "Per Dee Doo" mit Jazz-Standards für Nabel produziert und an der "Faust" Produktion der Elefanten in den 90ern essentiell mitgewirkt. Diese Konzepte haben wir entwickelt, uns live "erspielt" – und anschliessend Firmen angeboten. Nicht umgekehrt!

Gebhard Ullmann

Carina: Du hast gerade mal wieder beinahe zeitgleich mehrere CDs auf unterschiedlichen Labels veröffentlicht: BassX3 (Trio mit Peter Herbert, Chris Dahlgren), das Album "Ballads and related Objects" mit dem Clarinet Trio, das "Big Band Project" mit der NDR-Bigband und schließlich "Desert Songs and other Landscapes" mit dem Ullmann/ Swell Quartet wären da zu nennen. Was ist dir an den jeweiligen Projekten wichtig und wird es Tourneen mit den unterschiedlichen Besetzungen geben?

Gebhard: Alle diese Projekte werden auf Tournee sein – zumindest in den USA. Mit Ausnahme vielleicht der Big Band; aus organisatorischen Gründen. Mir liegen alle diese Projekte am Herzen: Das Clarinet Trio, weil es einen Mikrokosmos meiner Musik darstellt und wir untereinander im Trio auch eine intensive persönliche Ebene erreicht haben. Für BassX3 gilt dasselbe im Tieftönerbereich! Und das Quartett mit Steve Swell, Barry Altschul und Hill Greene ist einfach genial für mich als Saxophonist, Bassklarinettist und Spieler. (lacht)

Ullmann/Dahlgren/Lande - "Die Blaue Nixe"

Carina: Auf unterschiedlichen Labels vertreten zu sein, ermöglicht eine enorme Bandbreite, ist aber auch harte Arbeit: Alternativ könntest du ja auch über viele Jahre mit nur einem Projekt an den Start gehen – was bedeutet dir die Vielfalt in Bezug auf deine musikalisch-kreativen Ausdrucksmöglichkeiten?

Gebhard: Ich versuche in verschiedenen Richtungen kreativ zu sein und das, was mir im Kopf herumschwirrt, zu dokumentieren. Das ist nicht beliebig, sondern läuft parallel. Und diese Labels bedeuten eigentlich nicht harte Arbeit, sondern die Label-Chefs treten auch selbst an mich heran. Machmal bedanken sie sich, dass ich meine Musik bei ihnen veröffentliche! (lacht) Das ist für mich einer der Unterschiede zu den Labels hier in Deutschland in diesen Tagen!

Carina: Du bist ursprünglich Saxophonist, inzwischen aber auch leidenschaftlicher Bassklarinettenspieler. Was fasziniert dich am Sound, am Ansatz gegenüber dem Saxophon?

Gebhard: Ich liebe den Sound der Bassklarinette, weil er so unassoziativ ist. Weil sie soviele Klänge und Facetten bietet, mehr als die meisten anderen Instrumente. Allein schon wegen des großen Tonumfanges, in dem sie immer unterschiedlich klingt. Außerdem hat sie von der Natur her eine Ästhetik, bei der man eher an die E-Musik denken würde. Da ist also sehr viel Neuland zu entdecken.

Ich setze jetzt gleichwohl wieder verstärkt auf das Tenorsaxophon, weil ich nach langer Zeit – und nicht zuletzt über die Beschäftigung mit der Bassklarinette –, neue Wege gefunden habe, dieses Instrument zu spielen. Ich beschäftige mich derzeit auf meinen verschiedenen Instrumenten mit Vierteltonskalen. Auf einigen dieser Skalen bauen neue Kompositionen auf, deren Möglichkeiten ich derzeit in verschiedenen Besetzungen auslote.

Gebhard Ullmann

Carina: Im letzten Herbst warst du mit dem Quintett Basement Research nach fünf Jahren Pause in neuer Besetzung in Europa unterwegs. Wie ist das gelaufen, wie wurde das Projekt von Publikum, Presse und Veranstaltern angenommen?

Gebhard: Gute Frage. Wenn ich etwas Neues probiere, scheint es manchmal nicht sofort anzukommen – übrigens manchmal auch bei mir selbst nicht! (lacht) Dann gehe ich beim nächsten Mal ein paar Schritte weiter. Das "Tá Lam"-Projekt brauchte beispielsweise über ein Jahrzehnt, bis es – erst in den letzten Jahren – als "Meilenstein" tituliert wurde.

Auch bei Basement Research ist das ähnlich. Die Besetzung entstand ja Anfang, Mitte der 90er aus einem Quartett mit Ellery Eskelin, Drew Gress und Phil Haynes. Damals wurde meine erste Produktion für Giovanni Bonandrini vom Soul-Note-Label eingespielt. Für Basement Research bin ich noch auf der Suche, wie es weiterlaufen soll, und habe letztes Jahr in neuer Quintettbesetzung erstmals frisches Terrain erkundet.

In diesem Jahr wird die Besetzung wieder anders sein. Mit Julian Arguelles werde ich u.a. eine Frontline von Baritonsaxophon, Bassklarinette und Posaune haben. Gerald Cleaver wird Schlagzeug spielen, Drew Gress wird wieder dabei sein und Steve Swell wird das Quintett komplettieren. Wir werden in New York einige erste Konzerte geben. Und ich bin mir sicher, dass wir auf dem Weg ein gutes Stück vorankommen werden…

Carina Prange

CD: Ullmann/Dahlgren/Lande - "Die blaue Nixe"
(Between The Lines BTLCHR 71216)

Gebhard Ullmann im Internet: www.gebhard-ullmann.com

Between The Lines im Internet: www.betweenthelines.de

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Gebhard Ullmann - "Von Stockhausen zum Jazz" - Interview (erschienen: 2.1.2001)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 27.6.2007
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