Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / szene berlin / 2007
Carlos Bica - "Songs sind Räume zum Ausmalen für den Hörer"

Der portugiesische Kontrabassist Carlos Bica feiert mit seinem Trio "Azul" in diesem Jahr den zehnten Geburtstag. Passend zu diesem Jubiläum erschien unlängst das Album "Believer". In klassischer "Azul"-Besetzung mit Frank Möbus an der E-Gitarre und Jim Black an Drums und Percussion ist die Band derzeit auch auf Europatour, präsentiert sich unverbraucht, virtuos und dabei höchst unterhaltsam wie eh und je.

Carlos Bica

Und auch der CD zeigt sich "Azul" experimentierfreudig: Der Berliner DJ IllVibe hat als Gastkünstler diesmal wichtige Komponenten zum Sound der Musik beigetragen. Stilistisch begrenzen lässt sich der halb in Berlin und halb in Portugal lebende Carlos Bica nach wie vor kaum: neben seinem eher jazz- und rockorientierten Trio "Azul" ist er auch mit dem hochaktiven Projekt "Bica-Klammer-Kalima" und seiner Gruppe "Diz" unterwegs – hier bilden, fast kammermusikalisch, die Sängerin Ana Brandão und ein Streichquartett die tragenden Säulen. Und auch solo geht der Kontrabassist auf die Bühne – dokumentiert auf der 2005 in Portugal erschienenen und dort ausgezeichneten CD "Single".

Carina Prange sprach in Berlin mit Carlos Bica

Carina: Warum hast du "Believer" als Titelstück der neuen "Azul"-CD gewählt? Was ist die Idee hinter dem Stück, was drückt es für dich aus?

Carlos: Generell ist es so, dass die Titel meiner Kompositionen auf sehr unterschiedliche Weise entstehen: Meist sind es Bilder oder Alltagsszenen die ich mit meinen Stücken verbinde. Aber eher im Nachhinein: im Grunde sind die Songs Räume, die der Zuhörer selbst ausmalen darf.

Wenn ich einen Titel für ein neues Album brauche, schaue ich immer als erstes, ob es auf der CD ein Stück gibt, das am deutlichsten die gesamte Stimmung der CD vermittelt. Ein Album ist für mich ein Zeitdokument, mit dem meine Erlebnisse und Erfahrungen erzählt werden – sozusagen durch die Musik. "Believer" drückt das Bedürfnis aus, zu glauben. Für mich war das schon immer ein starkes Bedürfnis.

Carlos Bica

Carina: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Vincent von Schlippenbach aka DJ "IllVibe" für das neue Album? Hat die Mitarbeit eines DJs das Soundkonzept von Azul verändert?

Carlos: DJ "IllVibe" ist ein unglaublicher Musiker und Improvisator, der seine Plattenspieler als Instrument benutzt. Als ich ihn das erste Mal mit der Band "Lychee Lassi" hörte, war ich total begeistert. Als er mir dann zum zweiten Mal in einer Formation zu Ohren kam, in der auch sein Vater Alexander von Schlippenbach spielte, war ich hin und weg!

Jedenfalls - geplant war es ganz anders: In der Anfangsphase dieses Albums spielte ich nämlich mit der Idee, einen Gastmusiker einzuladen. Jemanden, der durch seine Mitwirkung neue Farben in die Musik bringen würde. Als erstes dachte ich an einem Keyboarder, der mit Samples arbeiten sollte. Ich bekam aber Bedenken, dass dies unseren gitarrenorientierten Trio-Sound zu stark verändern würde.

Die schließliche Entscheidung, Vincent ins Studio einzuladen, war ein bisschen riskant, weil wir vorher nicht die Möglichkeit hatten, mit ihm zu proben. Ich bin sehr begeistert von dem Ergebnis! Der Generationsunterschied und die verschiedenen Stile spielten keine Rolle. Es gab nur Platz für Musik und Kommunikation. Es hat viel Spaß gemacht und der Azul-Sound ist immer noch da.

Carlos Bica

Carina: Die neue CD ist das vierte Album von "Azul" und es erscheint passend zum zehnten Geburtstag eures Trios. Habt ihr eine Flasche Sekt aufgemacht?

Carlos: (lacht) Es ist wunderschön, vier CDs mit denselben Musikern gemacht zu haben. Und was für Musiker! Das passiert in der Jazzbranche nicht so oft, eher im Rock-Pop-Bereich. Und auch da nur, wenn die Band erfolgreich ist. Der "Azul"-Sound ist durch meine Kompositionen und die Interaktion von uns drei Musikern entstanden. Die recht unterschiedlichen musikalischen Persönlichkeiten ergeben den Sound des Trios.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich die Möglichkeit habe, mit Frank und Jim einen wichtigen Teil meiner musikalischen Phantasien und Ideen zu verwirklichen. Es gibt sicher viele sehr gute Musiker, die jedoch nicht alle das musikalische Verständnis und die Hingabe haben, diese Art von Musik zu spielen. Die Kommunikation zwischen uns Dreien hat inzwischen einen sehr hohen Grad erreicht.

Carlos Bica & Azul - "Believer"

Carina: Unterscheidet sich "Azul" generell von deinen anderen Projekten wie beispielsweise "Diz" oder "Bica-Klammer-Kalima" - oder auch deinem Solospiel?

Carlos: Ich versuche in jedem meiner Projekte meine Mitmusiker einzubeziehen. Musik ist an erster Stelle Klang, dem man als Musiker nachgehen muss. Für viele Leute klingen meine Projekte sehr unterschiedlich, obwohl ich es selbst nicht so empfinde. Es gibt soviel Musik, die ich in mir höre und entdecken möchte, um mich selbst überraschen zu lassen. Schon allein durch die recht unterschiedlichen Besetzungen kann man die verschiedenen und faszinierenden Klangbilder der Musik nachahnen.

Carina: Deine Kontrabass-Solo-CD "Single" wurde meines Wissens nur in Portugal veröffentlicht - wieso eigentlich?

Carlos: "Single" wurde in den Studios des Senders Berlin-Brandenburg aufgenommen. Ich habe leider keine Plattenfirma in Deutschland gefunden, die Interesse an der Veröffentlichung meiner Soloaufnahme zeigte. In der aktuellen Marktkrise der Musikbranche wagen sich die wenigsten daran, Alben sogenannter "schwieriger" Projekte herauszubringen.

Zum Glück ist die CD bei dem portugiesischen Pop-Label "Bor Land Records" gelandet, dessen Chef das Album mit großer Begeisterung und Engagement zum Erfolg brachte. Die CD erschien im Oktober 2005 und wurde als eine der besten vier "Produktionen des Jahres" in Portugal nominiert. Es ist wirklich schade, dass sie bis jetzt nur dort erhältlich ist…

Carina: Wie geht man als Bassist an eine Soloaufnahme? Was war das für ein Gefühl, nur du und dein Instrument?

Carlos: Es war eine sehr intime Begegnung mit dem Kontrabass. Als Musiker entdeckt man beim Solospiel sich selbst. Eben weil ich allein bin, kann ich nur mit mir selbst spielen und mit dem, was ich höre. Und mit der Stille: Das ist spannend und verlangt hundertprozentige Hingabe. Meine Absicht war, auf diesem Album meiner Intuition freien Lauf zu lassen und auf diese Art und Weise gleichzeitig meine Kunst auf dem Kontrabass zu zeigen.

Carlos Bica

Carina: Wenn ein Publikum live begeistert ist, sieht man das - wie aber setzt man seinen Anspruch beim Einspielen einer CD um, weiß, wie man den Hörer wirklich erreicht?

Carlos: Nun, beim Aufnehmen liegt die Spannung nicht darin, eine Livesituation vor Publikum vorwegzunehmen, sondern in einer Verantwortung, die man sich selbst auferlegt. Wenn ein Musiker ein Album aufnimmt, darf er sich nicht mit der möglichen Reaktion oder den Erwartungen des Publikums beschäftigen. Sondern er muss auf seine innere Stimme hören. Der Musiker muss ehrlich zu sich sein. Nur so erreicht die Musik die nötige Tiefe, die dann die Verbindung mit den Zuhörern und den Mitmusikern herstellen kann.

Carina Prange

CD: Carlos Bica & Azul - "Believer" (Enja ENJ-9493 2)

Carlos Bica im Internet: www.carlosbica.de

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 22.5.2007
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: