Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / szene berlin / 2006
Ulla Meinecke - "Ein gewisser Wahnsinn gehört dazu!"

Seit 28 Jahren ist die Sängerin und Songschreiberin Ulla Meinecke bereits im Musikgeschäft unterwegs. Mit Liedern wie "Die Tänzerin" oder "Feuer unterm Eis" hatte sie schon früh einen festen Platz in den Herzen der Menschen erobert und selbst die Radiosender spielten ihre Songs hin und wieder, auch wenn sie deutschsprachig waren und das nicht immer dem Modetrend entsprach.

Ulla Meinecke

Die Rockpoetin, wie sie sich selber nennt, ist kein bisschen leise geworden und arbeitet nach wie vor an dem, was sie am besten kann: am Texten sprachlicher Kleinode. In letzter Zeit erschien nicht nur die CD "Im Augenblick", eine Retrospektive mit vierzehn Songs aus jenen 28 Jahren, sondern auch ein Buch mit gleichnamigem Titel – trotzdem bleibt Ulla Meinecke in den Augen der meisten Medienmacher völlig unverdient ein Nischenthema.

Carina Prange sprach mit Ulla Meinecke in Berlin

Carina: Du hast bereits mit zehn Jahren angefangen, Gitarre zu spielen und dich mit fünfzehn mit Poesie und Dichtung auseinandergesetzt. Wann und warum wurde dir klar, dass Musikmachen dein Lebensinhalt und Beruf werden würde? Und warum schreibst du in erster Linie Songtexte, überlässt das Komponieren aber anderen?

Ulla: Dass das mein Beruf werden könnte, habe ich erst zu hoffen gewagt, als es dann so war! Sowas kann man nicht planen, dazu ist der Job auch zu unsicher. Ich kenne Heerscharen von ganz tollen Musikern, die davon nicht leben können. Gut, ein gewisser Wahnsinn gehört dazu: Man muss es wirklich wollen und dafür unter Umständen auch Dinge riskieren. Manches vereinbart sich nicht, sonst bleibt man einfach ein Amateur, das ist klar, man muss sich da reinknien.

Inzwischen habe ich das Glück, dass ich seit 28 Jahren Profi bin – damals kam die erste Platte. Eigentlich von der Musik leben tue ich seit 1980. Weil, ich war ja noch angestellt, während der ersten beiden Platten…

Und warum ich nicht komponiere? Im Texten bin ich richtig gut. Das ist eine besondere Begabung. Talent, aber auch verbunden mit unheimlich viel Arbeit. Das Talent erst auszuformen ist ja die Sache, nicht?! Beim Komponieren ist es so, mir fällt manchmal im Team mit einem anderen Komponisten was sehr Schönes ein. Aber, es ist nicht meine Stärke. Jedenfalls, wenn ich als Komponistin ungewöhnlich gut wäre, wäre mir das schonmal aufgefallen!

Ich möchte aber, dass die Kompositionen möglichst genauso stark sind, damit sich alles wirklich trifft. Und deshalb überlasse ich das anderen. Man soll nicht so habgierig sein und langweiliges Zeug komponieren und nur wegen der GEMA immer seinen Namen drunter setzen. (lacht)

Ulla Meinecke

Carina: Es gibt ja nicht nur die CD "Im Augenblick", sondern auch ein Buch mit gleichnamigem Titel. Wie fühlt sich das an, wenn man die eigenen Bühnengeschichten und Liedertexte und auch die Photos von Jim Rakete so gesammelt vor sich ausgebreitet sieht?

Ulla: Arg gespenstisch! Die Vergangenheit gibt es ja als etwas Homogenes gar nicht, es ist ja eher, dass wir uns unser Leben als so ´ne Kontinuität stricken. Dabei sind es eigentlich immer Momente. Es sind Momente, es sind Episoden, es sind Begegnungen, sogenannte "Zeitorte". Jeder, der sich mit seiner Vergangenheit befassen muss, wird feststellen, dass er Erinnerungen von vor zwanzig Jahren möglicherweise viel präsenter hat als die vor drei. Wir sind ja sehr selektiv.

Ich habe gerade bei diesem Buch endgültig festgestellt, ich bin kein Mensch für die Vergangenheit. Es hat seine Gründe, warum ich beispielsweise auch nix sammle. Freunde, Mitarbeiter oder manchmal auch das Management, die sind fassungslos, weil ich keine Videos von Auftritten habe, keine Presseclips archiviere – gut, das machen die für mich, das gehört sich ja auch irgendwie… Aber ich kenne Kollegen, die heben feinsäuberlich jeden Ton auf, den sie von sich geben. Ich habe zum Teil noch nicht mal meine alten Platten, was echt schade ist, weil die vergriffen sind. Die kriege ich dann vielleicht mal von `nem Fan geschenkt.

Und, meine Fotoschublade – die "Schublade des Grauens": Da ist nichts sortiert. Ich rief dann irgendwann Jim an – weil, das hört sich jetzt lächerlich an, ich schaffte es nicht, diese Schublade auszuleeren, mir wurde schon "ganz Andreas", als ich die ersten oberen Schichten abgetragen hatte. Ich konnte es auch nicht erklären und das war mir erst recht peinlich.

Ulla Meinecke

Also rief ich Jim an und fragte ihn, so ein bisschen hintenrum: "Du, sag mal, Jim, könntest du mir denn helfen bei der Auswahl der Photos für das Buch und so?" Und er sagte: "Ja, natürlich. Dann komm' ich mal vorbei." Und dann saßen wir da und ich habe in fliegender Hast, quasi mit Jims Unterstützung, diese Photos auseinandergerissen. Und ganz schnell sortiert: Nehm' wa nich, nehm' wa nich, brauch'n wa auch nicht – so! (lacht)

Nach einer Stunde kriegte Jim einen Lachanfall und sagte, er fände es wunderbar, endlich mal einen Menschen zu sehen, der auch solche Probleme mit der Vergangenheit hätte. Er sagte, als er sein Archiv habe neu sortieren müssen, sei es eine Lebenskrise sondergleichen gewesen. (lacht ganz laut)

Es gibt ja Menschen, die lungern unheimlich gerne in der Vergangenheit rum, was ich zum Teil in meinem Alter schon erschreckend finde. Ich kenne Kollegen, die sind sogar noch fünf oder zehn Jahre jünger, die erzählen nur von früher. Habe ich noch nie verstanden. Es ist eine Temperamentsache. Für mich ist es nicht so, dass ich denke, es sei unwichtig. Aber vergangen ist vorbei.

Klar, die Vergangenheit von Kollegen … ich habe mit großer Freude und Spannung, wie ja nun alle Dylan-Fans, sein wunderbares Buch verschlungen. Und Dylan hat ja eine tolle Sprache und dieses New York der Endfünfziger Jahre erstieg richtig vor meinem Auge. Nur meine eigene Vergangenheit, ach du lieber Gott! (wird theatralisch)

Carina: Na gut, dann lassen wir die mal.

Ulla: Das ist auch so unwirklich, weißt du! Manches erscheint so unwirklich, wenn ich darauf zurückgucke: Wie, das hast du alles gemacht? Ja, so so… (lacht)

Ulla Meinecke - "Im Augenblick"

Carina: Man erzählt - und so habe ich dich auch bereits in einem Konzert vor knapp zwanzig Jahren erlebt – dass du "ganz ohne Hektik, ohne Show" die Bühne betrittst, einfach singst und Geschichten erzählst. Wie weit stimmt das?

Ulla: Ich habe auf der Bühne – von wegen "gelassen und unhektisch" – nach wie vor eine wahnsinnige Bühnenangst. Die ist inzwischen nur deshalb aushaltbar, weil ich es akzeptiert habe, dass die nicht weggeht. Aber ich gehe ja auch in eine Situation, wo ich, abgesehen von den Musikern, nicht alleine bin. Da begleiten mich ja die guten Geister, die Musen sitzen auch mit rum.

Wenn man sich in diese Situation reingibt, das ist was ganz besonderes. Und dann eben mit den anderen Musikern zusammen, ich kann mir kaum was Schöneres vorstellen. Das entschädigt dann für die ganze Aufregung vorher. Wenn ich nämlich da bin und nehme die Leute wahr, dann ist die Aufregung weg. Ich habe zwar immer noch eine sehr hohe Spannung, aber diese Angst ist weg.

Carina: Bist du da identisch mit der Privatperson Ulla Meinecke?

Ulla: Hmm, ich habe nicht so eine Draufsicht auf mich. Inwieweit da was identisch ist - keine Ahnung! Das müsste man eher Leute fragen, die mich sehr gut kennen. Ich persönlich, ich kann das nicht so analysieren. Anderseits, was vielleicht auch nicht bei allen Kollegen so ist, bin ich nicht identifiziert mit … man nennt es, glaube ich "Persona" … mit der "Persona in der Welt".

Ich könnte auch salopp sagen: Ich bin noch nie auf mein eigenes Poster reingefallen. Ich wache nicht morgens auf und denke: "Ha, ich bin Sängerin!" Sondern, ich bin immer nur mein kleines Ich, und das ist der Beruf, den ich liebe. Aber ich kenne Kollegen die sind derart identifiziert mit ihrem "so sein", dass mir das Angst machen würde. Das ist bei mir nie so gewesen.

Carina: Du hast dich immer als Rockpoetin und nicht als Liedermacherin bezeichnet. Was macht deiner Meinung nach eine Rockpoetin aus, wie definierst du den Begriff und dich selbst?

Ulla: Auch diesen Ausdruck habe ich nicht erfunden. Liedermacher hingegen, das kann man sogar musikalisch festmachen, das ist wirklich eine ganz bestimmte Tradition. Das sind Leute wie Hannes Wader oder Reinhard Mey. Klaus Hoffmann akzeptiert es ja, glaube ich, auch für sich.

Und – ich b i n eine Rockmusikerin! Das hat nix zu tun mit martialischem Leder, das hat auch nix zu tun mit "die Gitarren hängen tief, morgen gibt es gutes Wetter." Das ist eine Lebenshaltung. Ich kenne Leute, von denen ich sagen würde: der oder sie hat das Herz eines Rock´n´Rollers, obwohl sie gar keine Musiker sind. Das ist für mich ein bestimmter Wert.

Und, ich k o m m e daher. Es ist die Musik, die ich am meisten liebe. Natürlich, auch da mischen sich Dinge. Mit vierzehn kam ich durch Zufall an eine John Lee Hooker-Platte und verehrte ihn ab Stund, bis heute. Ich habe immer gedacht, den müsst' es auf Rezept geben, das ist eine heilende Stimme! Und war dann unendlich begeistert, als eine neue Platte von ihm rauskam und die hieß zutreffend "The Healer" – denn das war er, ein Heiler!

Ich hatte ja das Privileg, in Frankfurt zu wohnen. Durch die Anwesenheit des wunderbaren Fritz Rau, der da sein Wesen trieb und in heiliger Mission ja nun alles holte, erst den Jazz, dann den Blues und dann die Rockmusik, gegen alle Widerstände – großer Mann, ich werde ihm ewig dankbar sein! – habe ich da Hendrix noch live gesehen! Das ist einfach die Musik, mit der ich am meisten zu tun habe.

Ulla Meinecke - "Im Augenblick" (Biographie)

Carina: Im Song "Feuer unterm Eis" lautet eine Textzeile: "Zum Fallen habe ich kein Talent", eine andere: "Ich geb´ nicht zu, was du längst von mir weißt" – inwieweit bieten Songtexte, die Alltagssituationen beschreiben, für den Hörer die Möglichkeit, sich darin wiederzufinden?

Ulla: Das klappt bei meinen Sachen offensichtlich ziemlich gut. Klar, ein bestimmter Teil von einem selber ist da wahrscheinlich immer drin. Allein der Blick darauf. Aber, es funktioniert wirklich ausgezeichnet und ich kenne Leute, die schwören, dass sie Figuren aus meinen Songs, die ja wirklich alle Kunstfiguren sind, persönlich kennen. Und dann denke ich immer, oh prima! Das hat gut funktioniert. (lacht)

Es gibt ja sowas wie eine emotionale Wahrheit. Also selbst bei erfundenen Figuren in Romanen, oder in Filmen oder Songs, die können zutiefst wahr sein, weil sie eine emotionale Wahrheit haben. Ja genau, so sieht das aus.

Ulla Meinecke

Carina: Der Song "Alles schäumt" - mit den Zeilen "nichts darf fließen, aber alles schäumt" und mit den "Fluten" darin – gewann ja durch die Katastrophe in Asien einen ungewollten aktuellen Bezug. Asien ist auch, wie du einmal in einem Interview sagtest, dein Lieblingskontinent neben Europa. Wie gehst du mit diesem Bezug um?

Ulla: Ja, sicher, der ist einfach… – das ist einfach mein Kurzblick auf die Welt. Ich weiß, dass das jetzt wirklich merkwürdig klingt, aber dieses "Alles träumt von Fluten" ist ein sehr instinktiv entstandener Text; ich lege mir nicht unbedingt Rechenschaft ab. Ich merke, dass da ein Ausdruck, dass da Zeilen kommen, die ich gar nicht zur Gänze analysiere oder analysieren kann. Ich spüre nur: das ist richtig. Ich suche so lang, bis es sich richtig anfühlt, richtig schmeckt und richtig riecht.

Dieses Bild kam tatsächlich aus einem Traum von mir. Ich träumte von so einer Wasserwand. Und das ist (überlegt) ... fünfzehn Jahre her. Ja. Dieser Traum hatte ziemliche Folgen. Das war eine Phase, während der ich ständig von Wasser träumte; kaum war ich eingeschlafen, war ich schon im Wasser. Und das war sehr beeindruckend. Und diese Serie von Träumen über Wasser, schwarzes Wasser, beängstigendes Wasser … auch manchmal klares Wasser und schöne Momente: diese Riesenwoge war der Abschluss einer ganzen Serie von Träumen, die mich seitdem nie wieder heimgesucht haben.

Carina: "Im Augenblick" heißt die CD, lautet der Buchtitel - du selbst sagst in den Linernotes zum Album, dass du gerne "im Augenblick", also im Hier und Jetzt seist.

Ulla: (Ernsthaft) Außer, wenn ich beim Zahnarzt bin, dann wäre ich immer gern woanders.

Carina: Kann man das als Lebenseinstellung verstehen? Mit anderen Worten: hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Ulla: Hm, ooch, Philosophie würde ich das nicht nennen. Aber: das Leben ist kurz. Das Leben ist … wir sind nur für ´ne kurze Zeit hier. Und ich bin auch kein religiöser Mensch, gehöre keiner Religion an. Aber, was einem ja oft nicht gelingt, wenn einem bewusst wird, was man im Kopf für ein Theater abhält: Dass man eigentlich dauernd woanders rumlungert, im Nachher, im Vorhin, im Gestern, im "nächstes Jahr." Und dass man manchmal überhaupt nicht mitkriegt, was man gerade im Moment eigentlich macht, das ist schade.

Das Ideal, was man aber sicher nicht erreicht, außer, man ist Zen-Meister und erleuchtet: Wirklich zu essen, wenn man isst, zu schlafen, wenn man schläft, zu singen, wenn man singt. Im Moment zu sein, im Augenblick zu sein. Anwesenheit, das ist für mich der wichtige Punkt, das wünsche ich mir. Und gerade dadurch, dass ich das so schätze, merke ich auch, was für ein tierisches Theater ich oft veranstalte. Wie eben die meisten anderen Leute auch.

Man ist nie so ganz da. Manchmal tue ich irgendwas und bin mir dessen überhaupt nicht bewusst. Dann muss ich dreimal gucken, ob der Herd aus ist. Und ärgere mich: Mein Gott, was rennst du denn so schnell? Es gibt ja auch diesen Satz: Hast du es eilig, geh langsam. Das ist richtig.

Ulla Meinecke

Also, ein wirkliches Ideal wäre, so zu leben, wie ein gutes Feuer brennt: Dass es wirklich bis auf den Grund brennt und dann nichts mehr übrig bleibt als reine, schöne Asche. Nicht noch irgendwelche Stücke und Brocken und so. Nur, wer erreicht das schon?! Aber wir sind ja noch jung, wir können´s ja mal probieren. (lacht)

Carina Prange

CD: Ulla Meinecke - "Im Augenblick" (the-berliner.com/SPV)
Buch: Ulla Meinecke - "Im Augenblick"
(Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Ulla Meinecke im Internet: www.ulla-meinecke.de

The Berliner im Internet: www.the-berliner.com

Fotos: Pressefotos (Dank an the-berliner.com)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 18.8.2006
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: