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Mack Goldsbury - "Ein Weltsound auf dem Saxophon"

Sein robuster und dennoch feinfühliger Sound auf dem Tenorsaxophon ist das Markenzeichen, mit dem Mack Goldsbury auf internationalen Bühnen berühmt wurde, mit dem er von der texanischen Provinz bis in die Jazzelite der New Yorker Downtown-Szene vordrang. Abseits vom Jazz spielte er mit den Temptations oder Stevie Wonder und begleitete die Popsängerin Cher auf ihrer Afrika-Tournee.

Mack Goldsbury

Seit Jahren in Deutschland ansässig, lebt Goldsbury inzwischen etwas zurückgezogener auf dem Land, konzentriert sich auf einige wenige Jazzprojekte und zum Tenorsax haben sich Sopransax und Piccoloflöte hinzugesellt. Aber die bedient Goldsbury ebenso souverän, und auch seinem Tenorsound konnten die Jahre nichts anhaben.

Diesen Sound hat er noch immer, doch in der Presse liest man zurzeit nur selten über ihn: Goldsbury hat sich, obwohl er nach wie vor aktiv in zahlreichen Projekten mitwirkt, im Verhältnis zu seinen umtriebigen Jugendjahren, die ihn auch in Popbereiche führten, doch sehr zurückgezogen. Inzwischen lebt er mit Familie im Berliner Umland – und ist's zufrieden: "Ständig in der Szene sichtbar zu sein," wie er es ausdrückt, hätte er nicht mehr nötig.

Carina Prange sprach mit Mack Goldsbury in Berlin

Carina: Mack, du hast schon sehr jung angefangen, ein Instrument zu spielen und bist mit sechzehn Jahren Berufsmusiker geworden. Mittlerweile hast du Familie und hast dich außerhalb der Großstadt niedergelassen. Hat sich deine Vorstellung von Leben und Arbeit in deinen reiferen Jahren verändert?

Mack: Nein, meine Vorstellungen haben sich nicht in diesem Sinne "geändert". Es ist nur nicht mehr so entscheidend ständig in der Szene sichtbar zu sein, wie damals, als ich noch wesentlich jünger war. Wenn man neu dabei ist, ist es genauso wichtig gesehen wie gehört zu werden. Das hatte mir seinerzeit schon der große Jazzpianist Red Garland eingeschärft, als ich vor Jahren im Begriff war, von Texas nach New York zu ziehen.

Ein junger Musiker muss, meiner Meinung nach, jeden Job nehmen, der des Weges kommt, wohingegen da ein erfahrener Spieler die Wahl hat, oder eben ein eigenes Projekt aufbaut. Sobald man etabliert ist, kann man wohnen, wo man will. Jetzt, da ich Kinder habe, ist der beste Ort auf dem Land. Aber schon Jahre vor dieser Zeit habe ich immer versucht, sowohl in der Stadt als auch außerhalb ein Plätzchen bereit zu haben. Genau wie die anderen früher – Phil Woods, Zoot Sims, Keith Jarret, Al Cohn und Bill Goodwin.

Mack Goldsbury

Carina: Du hast selbst als Bandleader fungiert und bist seit längerem Co-Leader einer Reihe von Projekten. In letzter Zeit scheinst du daneben verstärkt als Sideman in Erscheinung zu treten – ist das richtig?

Mack: Also, es so auszudrücken, ich wäre hauptsächlich als Sideman tätig, trifft nicht ganz den Punkt. Hauptsächlich arbeite ich als Co-Leader - mit den Schlagzeugern Ernst Bier und – seit neuestem – Michael Clifton. Ein vergleichbares Projekt, wiederum als Co-Leader, existiert mit Andreas Böttcher. Und dann wäre da noch die seit 25 Jahren bestehende Duo-Zusammenarbeit mit dem Bassisten Ed Schuller zu nennen. Eine weitere interessante Sache am Laufen habe ich noch mit Akira Ando am Bass und Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer.

Die "Tribesmen" wiederum, ein weiteres Bandprojekt, betrachte ich als eine Art von Kooperative sechs gleichberechtigter Mitglieder. Als da wären der Sänger Pete "Wyoming" Bender, Reggie Moore am Klavier, Kevin Burrell als Percussionist, sowie Martin Lillich und Ernst Bier an Bass und Schlagzeug. Diese Art von Zusammenarbeit, genau wie die Co-Leaderschaft, bewirkt in meinen Augen mehr als eine Verdoppelung der Inspirationsquellen.

Wenn ich eine Farbanalogie verwenden darf, würde ich das etwa so beschreiben: Meine Ideen sind, sagen wir, rot und blau. Die des Co-Leaders sind gelb und weiß. Tun wir uns zusammen, bekommen wir mehr als rot, blau, gelb und weiß – nämlich auch orange und lila, grün und rosa. Alles Farben – beziehungsweise Ideen – die ohne diese Partnerschaft nicht möglich gewesen wären.

Ich arbeite bevorzugt in solchen Konstellationen und weniger häufig als Sideman – dies zum Beispiel mit Cornelia und Reggie Moore bei "Moore & Moore", oder bei "Baby Sommer and the Swiss Horns". Natürlich ist es ein Privileg, wenn man von bedeutenden Musikern zu einem Sideman-Job gebeten wird, aber es unterscheidet sich naturgemäß sehr von der Führungsposition: Ein guter Sideman wird aber stets versuchen, seine Stimme in die Vorstellungen von jemand anderem einzupassen, ohne seine Persönlichkeit dabei aufzugeben.

Mack Goldsbury

Carina: Du hast einen sehr musischen Hintergrund – dein Vater war Geiger und hat Country und Western und gelegentlich auch Jazz gespielt. Hat diese musikalische Umgebung deine Einstellung zu Musik geprägt? Wie sieht es mit deinen Kindern aus – spielen sie ein Instrument? Und würdest du sie dazu ermutigen, Berufsmusiker zu werden?

Mack: Musik habe ich gemacht, solange ich mich zurückerinnern kann. Als ich drei war, spielte ich Mandoline. Sobald ich dazu in der Lage war, mit fünf oder sechs Jahren etwa, ging ich mit der Band meines Vaters auf die Bühne, spielte Mandoline und sang. Er und seine Band, die "Blue Bonnet Playboys" machten die erste Varieté-Fernsehshow in Texas – für CBS. Und in der fünften Klasse begann ich, Klarinette zu spielen, habe aber nie viel geübt.

Beim Zwischenzeugnis der siebten Klasse rief mich mein Vater, als er die wahrlich nicht berauschenden Noten sah, zu sich ins Wohnzimmer und sagte: "Sohn, hol deine Klarinette. Mit diesen Noten ist es an der Zeit, dass du lernst, den Blues zu spielen!" Denn, 'den Blues spielen können' bedeutete für meinen Vater die Grundlage der Musik. Nachdem er mein Zeugnis gesehen hatte, war er der Meinung, mit Musik hätte ich wohl mehr Chancen im Leben.

Und immer, wenn mir jemand übel mitspielte, pflegte er mich in jener Zeit dadurch zu trösten, dass er fragte: "Und, weiß derjenige, wie man den Blues spielt?" Und seitdem habe ich den Blues geübt. Meine ältere Tochter, die gerade neun ist, spielt Klavier. Nach ihrem letzten Zeugnis zu urteilen, sollte ich ihr auch langsam den Blues beibringen! Meine Jüngste ist sechs und ihre Mutter glaubt, dass sie mal Schlagzeugerin werden wird. In der Zwischenzeit lernt sie erstmal Ballett – nächste Woche geht's los. Ich will das meine Kinder glücklich sind und werde sie unterstützen, was immer sie als Weg wählen.

Bier/Goldsbury Quartet - "Live at the A-Trane"

Carina: Das Duo mit dem Organisten Andreas Böttcher hast du vorhin bereits erwähnt - was macht ihr aktuell? Auch deine Soloaktivitäten würden mich an dieser Stelle interessieren – du hättest ja, sagt man, mal eine CD in dieser Richtung aufgenommen. Last not least dein Quartett: Was gibt es zu vermelden?

Mack: Mit Andreas Böttcher, der ja ein echter Mulitiinstrumentalist ist, habe ich insgesamt drei CDs gemacht – die letzte hieß "Lost Paradise". Wir spielen regelmäßig zusammen und sehen uns fortwährend nach Auftrittsmöglichkeiten um. Solokonzerte habe ich tatsächlich gemacht, aber das mit der Solo-CD ist ein Gerücht. Vielleicht mache ich aber irgendwann wirklich eine, angedacht ist es!

Gerade im Werden ist eine Aufnahme des Bier/Goldsbury-Quartetts zusammen mit Sonny Fortune und desweiteren eine Quartettaufnahme mit Michael Clifton. Dann freue ich mich auf eine Tour in den Staaten und auf die Aufnahme einer CD mit eigener Gospelmusik: Ein alter Freund von mir in Texas ist Pastor einer der größten Baptistenkirchen und "leiht" mir quasi seine Band und seinen Gospel-Chor…

Carina: Früher warst du ja auf Tour mit einigen Topstars aus der Pop-Ecke während heutzutage dein Fokus eher auf Modern Jazz und Mainstream liegt. Du bist in New Mexico geboren und in Texas aufgewachsen – dass der Blues an sich für dich wichtig war, hattest du bereits gesagt, aber welche Bedeutung hat er für deinen Saxophonstil?

Mack: Der Blues ist nach wie vor der wichtigste Einfluss in meiner Musik. Ich ordne mich der texanischen Schule des Saxophonspiels zu, zu der Leute wie Leo Wright oder David "Fathead" Newman gehören, oder auch Arnette Cobb, Ornette Coleman und James Clay.

Neulich hat mir jemand gesagt, mein Saxophonspiel höre sich an, als ob ich Deutsch sprechen würde. Nachdem ich in Asien, Afrika, Süd- und Mittelamerika, Europa und natürlich den USA unterwegs gewesen bin, würde ich meinen, dass mein Saxophon in all diesen Sprachen "spricht". Genau wie ich mich selbst als Weltbürger betrachte, muss mein Saxophonsound folglich ein "Weltsound" sein.

Carina Prange

CD: Bier/Goldsbury Quartet - "Live at the A-Trane"
(Konnex ENJ-9437 2)

Konnex Records im Internet: www.konnex-records.de

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Bier/Goldsbury Quartett - "A-Live at the A-Trane" - Review (erschienen: 12.7.2003)
Bier/Goldsbury Quartett - "Next Move" - Review (erschienen: 25.3.2001)
Mack Goldsbury - "Von New York nach Berlin" - Interview (erschienen: 9.11.1999)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 17.7.2006
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