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Larry Porter - "Hemisphärenmusik"

Im Falle des Wahlberliners Larry Porter sieht man sich einem, scheinbar unüberbrückbar zweigeteilten, musikalischen Kosmos gegenüber: Porter, dem Jazzpianisten, der er sein Leben lang war, steht in Personalunion gegenüber Porter, der virtuose Meister des exotischen fernöstlichen Zupfinstruments Rubab, der sich über viele Jahre afghanischer und indischer Musik widmete.

Larry Porter

Jene, so grundverschiedenen, Instrumente setzt Porter in diversen Bandkonstellationen gern im ursprünglichen Kontext ein, anerkennt hier auch eine notwendige Trennung. Diese bezieht er jedoch nicht auf die tieferen, konzeptionellen Schichten der Musik. Ein entsprechender Brückenschlag ist geplant in Form eines Albums, auf dem der Pianist auf sich selbst trifft, seinen inneren Zwilling, den Rubabspieler. Und zwei ungleiche Hälften, geschickt vereint, ergeben ein neues Ganzes …

Carina Prange sprach in Berlin mit Larry Porter

Carina: Dein neuestes Album heißt "The Circle is unbroken". Welche Botschaft verbirgt sich hinter diesem Titel?

Larry: Nun, eine Komposition des Albums heißt so. Zum Anderen steht der Kreis für das Allumfassende - der geschlossene Kreis, in dessen Perfektion sich der allgegenwärtige Geist Gottes spiegelt. Der Kreis repräsentiert daneben auch all die Kreisläufe, denen wir als menschliche Wesen unterworfen sind: Atmung, Herzschlag und Blutzirkulation, der Zyklus des Tages, bewirkt durch die Erddrehung … schließlich der Lebenszyklus: Geburt, Leben und Wiedergeburt. Diesen fortwährenden Fluss in meine Musik mit einzubringen, diese Idee fasziniert mich. Das beschäftigt mich schon seit einigen Jahren.

Angefangen in dieser Richtung habe ich während meiner Jahre in New York, als ich, etwa Mitte der Neunziger, dort gelebt habe. Zu der Zeit hatte ich mich wieder in die indische Musik vertieft. Ich war ja in Afghanistan und Indien gewesen, hatte jahrelang insbesondere die Hindustani-Musik, also jene Nordindiens, studiert. Kompositionen aus dieser Region, ob nun vokal oder instrumental, sind vom Prinzip folgendermaßen aufgebaut: Die Melodie beginnt vor dem ersten Beat des zugrundeliegenden rhythmischen Zyklusses - des "Taal" - und leitet über in den ersten Beat des folgenden. Man erhält einen Zirkelschluss, der im Grunde den Umstand verschleiert, dass ein Ende und ein Anfang existiert.

Das ist tatsächlich das genaue Gegenteil der westlichen Songform, obwohl wir auch im traditionellen Jazz oft etwas wie Zyklen verwenden - in Form 32-taktiger Schemen. Bezeichnend ist, dass die Melodie stets am Schluss dieser Form endet - oder ein, zwei Takte vorher. Ende und Anfang sind klar definiert.

Larry Porter

Die Strukturen, wie ich sie verwende, folgen eher dem nordindischen Ansatz: Die Grenzen zwischen Ende und Anfang werden verwischt - fast ausgelöscht -, um einen fortlaufenden Fluss spürbar zu machen. Viele dieser indischen Formen sind eigenständig oder unregelmäßig - obendrein meist kürzer als 32 Takte. Talas - das ist die Mehrzahl von "Taal" -, bestehen gewöhnlich aus sechs bis sechzehn Schlägen - "Matras" -, die aber noch weiter unterteilt werden. Oft werden sie so langsam gespielt, dass ein Schlag den Raum eines ganzen Takts einnimmt. Wirklich lang sind sie jedoch nie. Kurze Formen erleichtern den Aufbau des Flusses.

Das ist also die musikalische Bedeutung von "The Circle is unbroken". Fünf Kompositionen des Albums sind mit diesem Konzept entstanden. Und ich werde in dieser Richtung weitermachen: Die Möglichkeiten faszinieren mich.

Carina: Wie ist eine Verbindung aus Musik des Ostens und des Westens möglich, damit sie am Ende eine Hommage an beide Hemisphären ist und nicht nur ein grober Mix aus Einzelteilen?

Larry: Hier liegt in der Tat der Knackpunkt. Oft hört man einschlägige Musik, die, egal ob sie von westlichen, östlichen oder afrikanischen Musikern gemacht wird, einfach wie ein Eintopf klingt: Als ob man unreflektiert etwas von diesem und jenem zusammenwirft. Aus diesem Grunde bin ich vorsichtig und versuche, wenn ich in diese Richtung gehe, ein homogenes Ergebnis zu erzielen.

Wer Elemente aus verschiedenen Kulturen entlehnt und zusammenführt, muss es so tun, dass daraus mehr entsteht, als ein Auftürmen der Einzelteile. Es muss etwas Vollständiges, Ganzheitliches dabei herauskommen; etwas wie eine neuartige Substanz, wie sie durch Ablauf einer chemischen Reaktion entsteht. Die simple Voraussetzung hierfür ist, meiner Ansicht nach, solides Wissen über beide zu verbindenden Richtungen. Das bedeutet gleichfalls, Respekt für die Traditionen an den Tag zu legen und deren Integrität zu bewahren. Dabei muss man aber Vermischung und Interaktion zulassen, sodass die schon erwähnte chemische Reaktion stattfindet. Dies ist der Schlüssel!

Larry Porter Trio
(mit Johannes Fink, Oliver Steidle)

Carina: Was besitzt die Musik aus dem fernen Osten, insbesondere Musik aus Ländern, mit über die Jahrhunderte gewachsenem musikalischen Erbe, das man in der westlichen Musik nicht findet?

Larry: Wer die ganze Anziehungskraft östlicher Musik zu beschreiben versucht, beträte ein weites Feld. Kommt man das erste Mal nach Asien, so fallen bestimmte Charakteristika auf, insbesondere in dortiger traditioneller Musik: Es gibt im Grunde keine Harmonien. In moderneren Formen der östlichen Musik existieren sie in gewissem Rahmen, nicht jedoch in der traditionellen Musik. Daraus folgt, dass man ausschließlich mit Melodie und Rhythmus arbeitet: Auch wenn das für Westler so klingt, als würde etwas fehlen, dieser Umstand gestattet ein viel tieferes Eindringen in die verbleibenden beiden Aspekte. Das faszinierte mich - als ich in den 70ern von meiner ersten Indienreise zurückkam, hatte ich ein vollkommen neues Verständnis der Melodie erlangt: Dieses Konzept ist dort auf einer viel höheren, feinstofflicheren Ebene verwirklicht als bei uns.

Angefangen bei minutiöser Artikulation und Ausformulierung jeder Note, ihrer Tonhöhe, Form und Wechselwirkung mit vorangehenden oder folgenden Noten. Die Möglichkeiten tonaler Ornamentierung sind unendlich, man entwickelt völlig neue Hörgewohnheiten. Das bezieht sich ebenso auf den Rhythmus: Der gesamte Komplex der Talas und deren Unterteilung in Schläge - "Matras" - ist so tief und vielschichtig, dass es viel interessanteres Rohmaterial hergibt, als das, womit wir "in the West" normalerweise arbeiten.

Larry Porter Trio - "The Circle is unbroken"

Carina: Du arbeitest gerade an Musik für Rubab und Klavier. Wie kann man sich dieses Projekt vorstellen - und wird es in Bälde ein Album mit dieser Musik geben?

Larry: Das will ich hoffen! Ich suche derzeit noch eine Plattenfirma, und da ich alles selbst mit Overdubs einspiele, wäre es prima, wenn mir ein Produzenten zur Seite steht. Die Kompositionen werden zum Teil auf afghanischen Rhythmen basieren, zum Teil auf speziellen, abwegigen Skalen. Dazu kommt meine eigene, recht vertrackte Auffassung von Harmonien, was alles sehr farbig machen wird: Für gewöhnlich, wenn östlicher Musik westliche Harmonien aufgepfropft werden, kommen sehr einfache, aus fast reinen Dreiklängen bestehende Akkorde zum Einsatz, wie in der Popmusik. Man trifft diese Mixtur bei indischen Film-Soundtracks an, und leider auch oft in westlicher Fusionmusik.

Larry Porter

Mein Album dagegen wird vom melodischen Material her östlich sein - auf der Rubab gespielt. Darunter liegen - vom Klavier - westliche Harmonien in Form hochentwickelter Jazzakkorde. Das ergibt einen vollkommen neuen Sound, wobei auch viel improvisiert wird, was es sehr interessant macht. Zwangsläufig muss ich bei einigen Stücken zuerst das Klavier einspielen, bei anderen wiederum die Rubab. Und dann muss ich es nur noch schaffen, mit mir selbst zu musizieren - von beiden Richtungen her! (lacht)

Carina Prange

CD: Larry Porter Trio - "The Circle is unbroken" (Meta Reords 024)

Larry Porter im Internet: www.eastwestmusic.net

Meta Records im Internet: www.metarecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 14.1.2006
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