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Jonas Schoen
- "... den Musikern Freiräume lassen!"

Er hat sich einen Namen als Jazzsaxophonist gemacht, ist als Komponist für Filmmusik in Erscheinung getreten, wie für die SAT1-Serie "Wolffs Revier" oder für die ARD-Reihe "Tatort". Er tummelte sich als Sideman zwischen Pop und Rock, von Lonnie Liston Smith bis zu den Weather Girls: Andere würden sich vielleicht im Sonnenschein des Erreichten zurücklehnen, nicht jedoch Jonas Schoen.

Jonas Schoen

Seit zwei Jahren – "bei mir passiert immer alles gleichzeitig" – hat der Familienmensch Schoen obendrein eine Professur für Jazz-Komposition und Saxophon an der Musikhochschule Hannover inne, leitet nach wie vor erfolgreich sein Jonas Schoen Quartett und ist außerdem Chef seiner eigenen Plattenfirma schoener hören: Schoens dort veröffentlichtes Quartett-Debüt "neindo" wurde seinerzeit für die Vierteljahresliste zum Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert.

Neben der Arbeit mit dem Quartett gilt seine Liebe dem Komponieren für Bigband – mit dem HR und dem NDR hat Schoen kürzlich seine eigene Musik als Solist und Dirigent aufgeführt. Inzwischen sind sowohl Schoens Label als auch sein Jonas Schoen Quartett zu einer festen Marke geworden. Mit dem Quartett hat Schoen nun, wiederum auf eigenem Label, ein neues Album "Five and Fortunes" eingespielt.

Jonas Schoen im Interview mit Carina Prange

Carina: Du kannst in diesem Jahr auf 15 Jahre Bandleadertätigkeit zurückblicken. Wie fühlt sich das an? Und wie kam es, dass sich deine feste Besetzung über die Jahre vom Sextett auf ein Quartett reduziert hat – hat das mit dem musikalischen Ausdruck oder auch mit der besseren Finanzierbarkeit eines Quartetts zu tun?

Jonas: Das hat eigentlich nur musikalische Gründe. Ich habe ja schon immer die Tendenz gehabt, unheimlich viel komponieren, vorgeben, ausschmücken zu wollen. Und das hat oft zur Folge, dass man für große Besetzungen schreibt, weil man das besser orchestrieren kann.

Aber das macht einen immer auch irgendwie unbeweglich. Im Laufe der Zeit hat sich einfach der Schwerpunkt verlagert. Und zwar in beide Richtungen. Mein Hauptprojekt ist ja das Quartett, wo ich meine kompositorische Aufgabe darin sehe, möglichst wenig vorzugeben: Es ist ganz wichtig, die Freiräume zu lassen, in denen sich die Stärken und Fähigkeiten der Musiker entfalten können. Dann fängt man an wirklich zusammen zu spielen. Andererseits mache ich jetzt viel für Bigband, wo ich mich, was das Orchestrale angeht, total austobe. Ich probiere, diese beiden Aspekte zusammenzubringen.

Jonas Schoen

Carina: Zum Stichwort Bigband – in einer Jugendbigband gespielt hattest du ja bereits mit vierzehn Jahren. Im Laufe der Jahre warst du bei mehreren anderen Bigbands dabei. Wie wichtig waren für dich das Spielen und Lernen im Gruppenkontext einer Bigband? Inwieweit kam dir das für dein Komponieren für Bigbands zugute?

Jonas: Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich für diese Frage eigentlich genau der Falsche bin: Ich habe nämlich nicht die typische Bigbandkarriere gemacht, war nicht im der Landesjugendbigband und nicht im Bujazzo. Gut, es stimmt, ganz am Anfang war ich in der Uni-Bigband, die mein damaliger Saxophon-Lehrer Andreas Böther geleitet hat. Anschließend war ich kurz in der Downtown-Bigband von Bob Lanese. Aber danach spielte ich eigentlich kaum noch selbst in Bigbands, sondern interessierte mich eher dafür, Stücke und Arrangements für Bigband zu schreiben. Die ersten Versuche klangen allerdings erbärmlich! (lacht)

Später war ich eine Weile in der Lüneburger Bigband "Blechschaden" – dort waren Bob Mintzer und Maria Schneider zu Gast, das war schon eine sehr interessante Zeit. Aber abgesehen von gelegentlichen NDR-Aushilfen, fing ich erst vor etwa vier Jahren wieder an, viel Bigband zu spielen, und zwar als Lead-Altist in Marc Secaras "Berlin Jazz Orchestra". Die Band wird von Jiggs Whigham geleitet; wir haben dort viel von Steve Gray aufgeführt, der mich ebenfalls sehr beeindruckt. Das alles zusammen bietet unterm Strich schon reichlich Anregungen für mein eigenes Schreiben.

Im Januar und Februar war ich übrigens mit meiner eigenen Musik zu Gast beim NDR und beim HR. Ich habe aber nicht voll mitgespielt, sondern hatte lediglich ein paar Soli und leitete das Ganze hauptsächlich: Wenn ich es mir aussuchen müsste, würde ich in der Tat das Dirigieren dem Spielen vorziehen.

Jonas Schoen

Carina: Du warst noch in der Schule, als du dein Studium an der Hochschule in Hamburg bereits begonnen hast. Inwieweit haben dich deine Lehrer Dieter Glawischnig und Herb Geller stilistisch und menschlich beeinflusst?

Jonas: Herb hat mich relativ wenig beeinflusst: Der einzige ernst zu nehmende Unterricht war für mich der klassische Unterricht auf dem Saxophon; ich war ein ziemlich eigenwilliger Student. Das, was mir einige Lehrer hätten zeigen können, hat mich damals nicht interessiert – und ich war nicht souverän genug, das zu nutzen, was sich mir bot. Vom Wesen her bin ich eher ein Autodidakt – noch Jahre später habe ich allerdings dies und jenes des Gelernten rausgekramt und mich darüber gefreut.

Dieter Glawischnig war eine wichtige Bezugsperson. Ohne mein Fachlehrer zu sein, stellte er immer eine Art Vaterfigur dar: Er hat einen ungeheuer weiten Horizont und weiß die Studenten zu ermutigen, ihren Weg zu gehen und selber zu schreiben.

Jonas Schoen Quartett – "Five And Fortunes"

Carina: Im Bereich Filmmusik und Musiktheater hast du auch Erfahrung vorzuweisen. Und 2003 standest du als Saxophonist und gleichzeitig Akkordeonist bei "Leonce und Lena" im Berliner Ensemble selbst mit auf der Bühne…

Jonas: Nicht auf der Bühne (lacht) – bei "Leonce und Lena" sitzen wir ausnahmsweise im Orchestergraben. Das Stück läuft immer noch – drei-, viermal im Monat, auf jeden Fall noch bis zum Sommer. Die Band besteht aus sieben ganz unterschiedlichen, aber, jeder für sich betrachtet, unheimlich guten Musikern. Das mit dem Akkordeon kam so: als die Band zusammengestellt wurde, hat man jemanden gesucht, der auch Akkordeon spielt. Ich habe es extra für die Aufführung gelernt. Ich spiele nicht sehr gut, aber mit der Zeit entwickelt man doch eine Beziehung zum Instrument.

Carina: Welche weiteren Instrumente spielst du denn, abgesehen von den Blasinstrumenten, noch?

Jonas: Ach, vor einem guten Jahr habe ich mir ein Bandoneon zugelegt! Ein ganz altes, Baujahr 38, von Alfred Arnold – gebaut in Sachsen. Ich liebe Tango: Vor vielen Jahren habe ich Tangomusik für einen Kurzfilm geschrieben ["Jeden Tag Weihnachten" von Miko Zeuschner, 1997; d. Red.]. Die würde ich gerne mit dem Quartett aufnehmen, aber ich muss noch viel üben – das Bandoneon ist wahnsinnig schwer zu spielen. Aber ich arbeite dran. (lacht)

Komponieren tue ich am Klavier. Außerdem bringt es mir großen Spaß, Percussion zu spielen … wenn die Musik danach ist!

Jonas Schoen

Carina: Als Komponist bist du mindestens ebenso aktiv wie als Musiker. Zählst du dich selbst zu den Geschichtenerzählern, die mit Musik ihr Leben und ihre Erlebnisse weitergeben?

Jonas: Ich bin auf jeden Fall ein Geschichtenerzähler. Sowohl als Komponist wie auch als Solist. Aber ich weiß nicht, ob das "meine" Geschichten sind, oder wo die sonst herkommen mögen. In meine Musik fließt natürlich ganz viel Persönliches ein, aber "persönlich" ist ja nicht dasselbe wie "privat". Es ist bestimmt ratsam, sich nicht zu wichtig zu nehmen, es geht ja vorrangig um die Musik und nur mittelbar um meine Person. Wer sich selber zu wichtig nimmt, hat im Grunde keinen Respekt vor der Kunst.

Ich persönlich mag es, wenn Stücke etwas erzählen, wenn sie einen zu sich bringen. Ich liebe auch ganz klare und schlüssige Strukturen, aber diese allein bieten mir nicht die Motivation für ein Stück – sie sind mehr die "Instanz", die mich die Sachen ausarbeiten lässt. Manchmal beginnt es aber auch ganz "technisch", als rumprobieren mit Material, das dann aber anfängt zu leben, irgendwann. Ich suche immer eine gute Balance zwischen Rationalität und Intuition.

Carina: Was schafft denn dann für dich die Grundlage für gute Kompositionen – Phantasie, Routine und ein Verständnis für strukturiertes, organisatorisches Denken und Arbeiten? Oder was außerdem?

Jonas: Das kommt total drauf an! Das ist ja das Schöne an der Sache: so wie alle Musiker unterschiedlich sind, sind es auch alle Komponisten. Und es gibt ganz verschiedenartige Musik, die auf höchst unterschiedlichen Grundlagen entsteht. Es gibt Leute, die denken sehr strukturell. Dann gibt es andere, die gehen vor allem über den Klang. Es existieren also ganz verschiedene Herangehensweisen und entsprechend auch verschiedene Begabungen.

Auch bei meiner Tätigkeit an der Hochschule in Hannover merke ich, dass es grundsätzlich wichtig ist, anzuerkennen, dass jeder Mensch so unterschiedlich ist, wie es nur sein kann: Als Student, als Musiker und auch als Komponist. Nur, in der Lehre neigt man dazu – im Sinne des pädagogischen Ansatzes – zu vereinheitlichen. Das versuche ich, so gut es geht, zu vermeiden.

Jonas Schoen

Carina: Kommen wir mal zu deinen Instrumenten: welche Saxophone, Flöten und Klarinetten spielst du – Marken und Modelle?

Jonas: Mein Altsax ist ein altes Conn. Ich weiß nicht, welches Modell es genau ist – soviel ist sicher, es steht kein "M6" drauf. Man nennt die Baureihe "Transitional". Die Gravur ist ein "Ladyface", aber wirklichen Aufschluss über die Baureihe gibt das nicht. Dazu benutze ich – untypischerweise – ein Selmer-Mundstück: ein "S80", Bahn F. Die Blätter auf dem Alt sind Hemcke 2½.

Weiterhin habe ich eines der ganz frühen Yamaha-Sopransaxophone, mit einem ganz tollen Yanagisawa-Metall-Mundstück; auch eher ungewöhnlich: Ich habe aus Neugierde vieles probiert – dieses Setup bleibt unerreicht! Blätter 3er Vandoren.

Auch die Bassklarinette ist eine Yamaha, ebenfalls mit einem Selmer-Mundstück mit 2er Vandoren-Blättern. Bei Ebay habe ich eine Muramatsu-Silberrohr-Querflöte erstanden. Die war eigentlich total schrott, aber auch nach der notwendigen Überholung war sie das Geld insgesamt noch wert.

Carina: Spielst du noch eine andere Klarinette außer der Bassklarinette?

Jonas: Ja, die B-Klarinette, sie ist auch von Yamaha. Und dann gibt es equipmenttechnisch noch etwas zu den Mikrofonen zu sagen: In kleinen Clubs spiele ich gerne ganz ohne solange es irgend geht, das ist für mich viel angenehmer. Aber wenn die Bühnen größer werden, wird das schwieriger.

Wenn es größere Räumlichkeiten sind, verwende ich Clip-On-Mikros von SD-Systems aus Holland. Für Alt und Tenor, sodass ich sie umstecken kann. Auf dem Sopran setze ich die Variante mit zwei Mikros über den Klappen ein, weil das meines Erachtens besser klingt. Ja, und auch für die Bassklarinette habe ich SD Systems Clip-Ons.

Carina: Du hast ein paar Jahre beim klassisch orientierten Hamburger Saxophonquartett mitgespielt. Wie wichtig war für dich dieser Ausflug in die Klassik, weg vom Jazz?

Jonas: Der war sehr aufschlussreich, denn ich habe von meinem klassischen Saxophonlehrer in meinem Studium sehr viel gelernt. Viele Tonübungen und instrumentale Grundlagen kamen aus der Richtung. Das Saxophonquartett als Besetzung finde ich an sich ein bisschen nervig. Es ist zwar einerseits ganz spannend, weil es eine Instrumentengruppe ist, die in jeder Lage die gleiche Bauart hat; das ist wie bei den Streichern – der Sound, der sich ergibt, ist sehr homogen.

Das hat man sonst oft nicht – gut, die Frage ist letztlich, ob man das nun besonders toll findet, oder gerade eben nicht: es ist ein Klang, den man auch suchen muss. Was mich stört, ist dieser typische instrumentaltechnische Zugang: zu demonstrieren was man alles für Sax-Quartett transkribieren und spielen kann: von Mittelalter über Bach bis Zappa. Das ist mit zu zweckfrei und unmusikalisch, sowas geht mitunter in Richtung "Pink Panther" als Blockflöten-Quartett! (lacht)

Jonas Schoen

Jedenfalls, alternativ für eine kleinere Bläserbesetzung zu schreiben, die gemischt zusammengesetzt ist und ganz heterogen klingt, ist auch spannend. Davon abgesehen ist es immer sehr schön, kammermusikalisch zu musizieren. Egal, in welcher Besetzung. Und was im Hamburger Saxophonquartett natürlich vorrangig war, dass man wirklich zusammen atmet, eine Art "gemeinsamen Puls" teilt: Das ist auch für das Spielen in einer Jazzband sehr aufschlussreich – insofern habe ich davon wirklich stark profitiert.

Was ich obendrein sehr inspirierend finde, ist, das modernes klassisches Saxophon die klanglichen Möglichkeiten des Instruments voll ausschöpft. Hmm, nun ja … wenn auch diese Möglichkeiten musikalisch nicht immer allzu interessant genutzt werden… (lacht)

Carina Prange

CD: Jonas Schoen Quartett - "Five and Fortunes" (schoener hören)

Jonas Schoen im Internet: www.jonas-schoen.de

schoener hören im Internet: www.schoener-hoeren.de

Fotos: Astrid Busch

Mehr bei Jazzdimensions:
Jonas Schoen - "Hamburg, Berlin, Germany" - Interview (erschienen: 4.11.2001)
Jonas Schoen - "My Middle Name" - Review (erschienen: 30.9.2002)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 20.4.2006
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