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Frank Spaniol - "Von einem, der auszog"

Er ist einer, der auszog, in der deutschen Jazz-Szene mitzumischen: Der Saxophonist Frank Spaniol stammt aus der saarländischen Provinz, lebt mittlerweile in Berlin und zählt zu den flexibelsten Jung-Talenten im deutschen Jazz.

Frank Spaniol

Mit der Ambient-Lounge-Kapelle De Phazz tourte er jüngst quer durch Europa, mit seinem eigenen Quartett Spaniol4 hat er nun das Live-Album "Loon" eingespielt, das er im März auf einer bundesweiten Tournee vorstellen wird.

Mit Johannes Kloth sprach Frank Spaniol über die Liebe zum Akustischen Jazz, seine Missionierung durch "Zweitausendeins" und musikalische Scheuklappen.

Johannes: Frank, vor genau drei Jahren ist Dein Debut-Album "Acoustic Jazz" erschienen, das von der Fachkritik begeistert aufgenommen wurde. Seither hat sich einiges bei Dir getan…

Frank: Ja, allerdings. Die größte Neuerung ist, dass ich seit Januar 2005 Vater von Lotte bin. Seither hat sich mein Tagesablauf etwas gestrafft, was aber nicht heißt, dass die Musik jetzt zu kurz kommt.

Ich habe zuletzt mit De Phazz Konzerte in ganz Europa gespielt. Immer öfter arbeite ich mit verschiedenen Berliner Musikern zusammen: Oli Bott zum Beispiel, oder Rodolfo Paccapelo, Martin Auer, Paul Kleber, Heinrich Köbberling, Tino Derado, Felix Astor – vor allem in kleinen Besetzungen, beim privaten Jammen oder in kleinen Club-Konzerten.

Außerdem habe ich meine Zusammenarbeit mit Johannes Bartmes vertieft. Mit Bartmes an Keyboards und diversen Effekten und Holger Neswada am Schlagzeug mache ich tanzbare experimentelle Musik, die irgendwo zwischen den Genres schwebt.

Frank Spaniol

Johannes: Dein neues Live-Album "Loon" ist allerdings ein klassisches Akustik-Jazz-Album geworden, eingespielt in der altbekannten Besetzung des Frank Spaniol Quartetts.

Frank: Ja, ich halte an dem fest, was sich über Jahre bewährt hat. Die Band heißt jetzt aber "Spaniol4". Im März gehen wir auf eine dreiwöchige Tournee, die ich selbst zusammengebucht habe. Eine Wahnsinnstelefoniererei! Aber jetzt ist die Planung allmählich abgeschlossen und wir freuen uns auf's Spielen.

Frank Spaniol

Johannes: Wann und wo ist "Loon" entstanden?

Frank: Nach einer kleinen Tour im Februar 2005 haben wir einen letzten Gig im Klangraum Studio in Mainz vor geladenen Gästen gespielt. Die Studiobesitzer sind gute Freunde und haben es sich nicht nehmen lassen, das Konzert aufzuzeichnen. Wir waren durch die vorangegangenen Gigs so gut eingespielt, dass wir die Aufnahmen als CD herausbringen wollten. Übrigens haben wir keinerlei Schnitte gemacht: Die Tracks sind wirklich so drauf, wie wir sie gespielt haben.

Spaniol4 - "Loon"

Johannes: Trotz erfolgreicher Ausflüge in die Welt der Elektronik, zieht es Dich immer wieder zum Akustischen Jazz zurück. Warum?

Frank: Ich liebe den Sound von Kontrabass, von richtigen Instrumenten. Und mir ist der Gegenpol wichtig: Auf der einen Seite steht da dieses elektronische Projekt De Phazz, bei dem doch alles sehr durchproduziert ist. Das macht zwar Spaß, aber ich komme nun mal aus der Jazzecke. Meine erste Band war ein Trio mit Bass und Schlagzeug und das hat mich geprägt.

Johannes: Obwohl Du mit Deinem Quartett an traditionellen Formen festhältst, hat Euer Sound nichts Verstaubtes.

Frank: Ich habe immer Probleme mit Genre-Bezeichnungen. Aber vermutlich ist das, was wir machen, so etwas wie "Modern-Mainstream": Es gibt in unserer Musik relativ klar strukturierte Formen, aber die Musiker sind so versiert, dass sie in der Lage sind, diese aufzubrechen. So dass es eben nicht nach einer Jam-Session klingt, sondern richtig modern. Da werden die Harmonien freier ausgespielt. Aber das Grundgerüst ist durchaus an den Wurzeln des Jazz angelehnt.

Johannes: Mit Ulf Kleiner am Klavier, Markus Bodenseh am Kontrabass und Sebastian Merk am Schlagzeug scheinst Du dafür die ideale Besetzung gefunden zu haben. Wie habt Ihr Euch kennen gelernt?

Frank: Die Beziehung zum Pianisten rührt vom Studium her, wir haben gemeinsam in Mainz studiert. Als ich dort 1994 anfing, war der Jazzstudiengang gerade im Aufbau. Und die Leute, die mit mir anfingen, habe ich als sehr träge in Erinnerung. Wenn die Vorlesungen vorbei waren, hatte keiner mehr Lust, zu jammen. Ulf dagegen war immer dafür zu haben. Wir haben fast jeden Abend zwei bis drei Stunden nach der Uni geprobt, einfach weil wir heiß auf's Auschecken neuer Stücke waren.

Daraus ist auch ein Duo-Projekt entstanden - das "Diethelm-Duo". Mit den anderen beiden Bandmitgliedern und dem Trompeter Thomas Siffling habe ich parallel dazu in einer Piano-losen Formation gespielt. Die aktuelle Band ist quasi der Zusammenschluss beider Projekte.

Johannes: Du kommst eigentlich aus der saarländischen Provinz, hast dann in Mainz studiert und lebst seit ein paar Jahren in Berlin. Wie gefällt Dir die Jazz-Szene in der Hauptstadt?

Frank: Super, aber das wusste ich schon durch Sebastian, der schon vor längerer Zeit nach Berlin gekommen war. Ich habe hier in Berlin die Chance, mit vielen Leuten, die auf sehr hohem Niveau spielen, zusammenzuarbeiten. Die Ballung an interessanten Leuten ist einfach irre.

Frank Spaniol

Johannes: Du bist eigentlich ein musikalischer Spätzünder gewesen, oder?

Frank:Ja, ich habe mir erst mit 17 Jahren ein Saxofon gekauft. Und nach der Schule stand das Thema Musikstudium überhaupt nicht im Raum. Ich habe drei Jahre lang Maschinenbau studiert und dabei immer weiter geübt. Irgendwann kam ein Punkt, da habe ich mir gesagt: Eigentlich hast Du doch gar keinen Bock auf diesen Maschinenbau-Kram. Die Erkenntnis war wirklich übel: drei ausgelöschte Jahre! Von morgens bis abends hatte ich in der Uni gesessen und am Wochenende irgendwelche Übungen gemacht, die ich am Montag abgeben musste - das war grauenhaft.

Johannes: Hatten Deine Eltern Verständnis für Deine musikalischen Ambitionen? Welche Rolle hat Jazz bei Euch zuhause gespielt?

Frank: (lacht) Mein Vater spielt Seemannslieder auf der Gitarre: das ist meine musikalische Vorbildung. Ach ja, und mit sechs Jahren habe ich für ein bis zwei Jahre Mandoline gespielt - bis zum Niveau von Weihnachtsliedern. Zum Jazz bin ich erst spät über meinen Bruder gekommen. Ein Kumpel von ihm brachte öfters Jazz-Platten mit: "School Days" von Stanley Clarke zum Beispiel oder Sachen von Steely Dan.

Die Bläsersätze haben mich sofort fasziniert. Das war Mitte der 80er-Jahre, als es gerade losging mit den CDs. "Zweitausendeins" in Saarbrücken hatte zu dem Zeitpunkt alle Platten abgestoßen und man konnte plötzlich für 1,90 Mark alte 70er-Jahre-Jazzplatten kaufen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung und habe einfach alles gekauft, was dort stand. Ich habe mein ganzes Geld für endlos viele Sonny Rollins und Miles Davis-Platten ausgegeben. Also habe ich die Jazz-Missionierung eigentlich Zweitausendeins zu verdanken.

Johannes: Neben dem Tenor greifst Du auf Konzerten auch gerne mal zum Sopransaxofon. Würdest Du John Coltrane, der das Sopransaxofon ja im Jazz durchgesetzt hat, zu Deinen musikalischen Einflüssen zählen?

Frank: Ja, wenn auch der wichtigste Einfluss Sonny Rollins war und ist. Aber wie das immer so ist: wenn Du von jemandem, der so viel macht wie John Coltrane, am Anfang die falschen Platten erwischt, denkst du: Der Typ kann ja überhaupt nicht spielen. Coltrane hat mich früher einfach nicht interessiert. Ich habe erst spät wirklich verstanden, dass Coltrane ein Genie ist, was den Sound angeht, was das melodische Konzept angeht, das Timing, die Kompositionen.

Aber man muss auch bereit sein für bestimmte Einflüsse. Nach Sonny Rollins kam für mich Joe Henderson und die Pentatonik. Über Henderson, der ja auch sehr von Coltrane beeinflusst war, bin ich dann eben wieder bei Coltrane gelandet. Heute höre ich aber auch ganz andere Sachen, zum Beispiel Joe Lovano. Derzeit stehe ich total auf Jerry Bergonzi. Das ist ein Meister in allen Belangen.

Frank Spaniol

Johannes: Noch ein paar Worte zur Ambient-Lounge-Combo De Phazz - einer Band, mit der Du Dir ja noch einen ganz anderen musikalischen Bereich erschlossen hast.

Frank: Ja, da habe ich auch einfach Glück gehabt, dass ich den Posaunisten von De Phazz, Otto Engelhardt, kennen gelernt habe. Ich denke, dass das Problem mancher Jazzer ist, dass sie zu fest in einer Sache drinstecken. Ich will möglichst viele unterschiedliche Platten machen. Dann merken die Leute auch, dass ich keine Scheuklappen trage.

Johannes Kloth

CD: Spaniol4 - "Loon" (Klangraum Records)

Frank Spaniol im Internet: www.frankspaniol.de

Klangraum Records im Internet: www.klangraum.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 13.3.2006
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