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Andreas Schmidt - "Hotel-Jazz vs. Tristano-Schule"

Dieser Tage macht Andreas Schmidt mit der neuen Jazzreihe 'DO 22' von sich reden, im Berliner Hotel Brandenburger Hof: regelmäßig an jedem Donnerstag tritt der Pianist mit Gästen in der idyllischen, hoteleigenen "Quadriga-Lounge" auf, verwöhnt anwesende Gäste und Konzertbesucher gleichermaßen mit niveauvollem Pianospiel und Vocal-Jazz im Duo oder Trio.

Andreas Schmidt

Schmidt liebt, ganz im Sinne der Tristano-Schule, deren Anhänger er ist, den kreativen Austausch zwischen Musikern über alles; dementsprechend wohl fühlt er sich in kommunikativer musikalischer Atmosphäre. So nutzt er seit Jahren den Montagabend im Berliner Jazzclub "A-Trane", um hier mit geladenen nationalen und internationalen Gästen frei zu improvisieren. Stets wird die musikalische Richtung des Abends offen gehalten, man lernt vom Anderen und mit dem Anderen.

Die Konzerte der Reihe "DO 22" im Brandenburger Hof hingegen sind im Voraus geplant, klar strukturiert und es gibt ein festgelegtes Programm. Andreas Schmidt sieht keinen Widerspruch in dieser Gegensätzlichkeit – lebt er hier doch lediglich zwei Aspekte seines Wesens voll aus: den einfühlsamen Improvisator und den stilsicheren Arrangeur und musikalischen Leiter.

Carina Prange sprach in Berlin mit Andreas Schmidt

Carina: Wie kam es zu dieser Jazzreihe im Brandenburger Hof und wie sieht das dahinterstehende Konzept aus?

Andreas: Die Lounge-Reihe, die wir da initiiert haben, ist von mir zusammen mit dem Direktor des Hotels, Herrn Graf, konzipiert worden. Wir hatten immer wieder zwischendurch kleine Konzerte oder Events dort organisiert. Und das Publikum, das reinschaute – entweder geladene Gäste oder Leute, die zufällig vorbeikamen – findet es immer klasse, wenn Livemusik mit einem konzertanten Niveau läuft. Das heißt nicht unbedingt, dass alles ruhig dasitzt, aber dass man eben schon zuhören kann.

Das Hotel ging gerade durch eine Umbauphase – auch der Flügel wurde umplatziert – da dachte ich, es wäre an der Zeit, eine konzertante Reihe zu versuchen, die sich an das entsprechende Publikum richtet. Es geht nicht um reine Jazzkonzerte, weil den Zuschauern sonst vielleicht, was von der Bühne zu hören ist, zu abgehoben erscheint.

Um einen ersten Schritt in Kommunikation mit dem Publikum zu machen, wollte ich eine Gesangsreihe einführen mit Menschen, mit denen ich bereits früher schon Musik gemacht, oder CDs aufgenommen habe. Das Ganze soll quasi ein "Bonbon" sein, für die Zeit, die jemand im Hotel verbringt. Natürlich auch für Gäste von außerhalb, die nur mal in netter Atmosphäre einen Cocktail trinken wollen. Und dann mal sehen, ob das Erfolg hat und weiterzuführen ist...

Andreas Schmidt

Carina: Du hast ein paar Jahre lang Saxophon gespielt, bevor du dich endgültig für das Klavier entschiedst. Kannst du dich heute durch deine Saxophonkenntnisse besser in Blasinstrumentalisten hineindenken?

Andreas: Ich glaube, der entscheidende Aspekt ist das Melodiöse. Dass man versucht, wie ein Melodieinstrument – sprich wie ein Sänger – zu agieren. Auf welchem Instrument man das tut, ist dann egal. Die frühen Erfahrungen mit Atem, mit langen Tönen und Tonfolgen haben mich zum Melodie-Fan werden lassen.

Dazu gehört ja auch meine andere stilistische Lieblingsecke, die linearen Improvisationen aus der Tristano-Schule und von Warne Marsh und Lee Konitz. Das alles ist darauf ausgerichtet, Melodien zu spielen, die vom Spieler wie ein Sänger empfunden worden sind.

Andreas Schmidt

Carina: Mit anderen Instrumentalisten als Sideman zusammenzuarbeiten oder auch Sänger und Sängerinnen zu begleiten nimmt in deiner musikalischen Arbeit wichtigen Raum ein. Was für Fähigkeiten erfordert speziell die Begleiter- oder Sidemantätigkeit?

Andreas: Gefordert … hmm, ich glaube, "gefordert" würde nur in einer Situation etwas werden, in der ein "Chef" alles bestimmt. Der dann sagt, ich brauche einen Handwerker, der das so und so ausführt. Ich war glücklicherweise in vielen verschiedene Projekten involviert, in denen es eher kooperativ zuging. In denen man sich gegenseitig beeinflusst hat. Das, was dann zählte, war tatsächlich eine Art Kommunikationsebene und der Austausch von Musik, von Geschmack – und von Visionen, die man hat. Das ist es, was diese Leute gesucht haben!

Wenn beispielsweise ein Trioprojekt mit dem Sänger Michael Schiefel lief, war es so, dass Michael wusste, was dabei ungefähr herauskommen könnte. Das wurde im Vorfeld öfter im A-Trane ausprobiert. Ich sehe so etwas eher nicht als Sidemantätigkeit, sondern als eine sich gegenseitig beeinflussende musikalische Reise.

Lisa Bassende Trio - "Three"

Carina: Du verstehst dich, wie auch auf deiner Website zu lesen ist, neben deiner Tätigkeit als Pianist auch als Komponist und Arrangeur wie als Produzent und Organisator. Wo liegt momentan der Schwerpunkt, in welcher Position findest du dich derzeit am meisten?

Andreas: In den letzen Jahren war ich ja vorwiegend als Arrangeur tätig; habe beispielsweise drei Platten mit Lisa Bassenge gemacht, was sehr, sehr, sehr arbeitsintensiv war. Als Organisator habe ich mehrere Konzertreihen im A-Trane auf die Beine gestellt: jeweils eine Woche mit Lee Konitz, eine Woche mit David Liebman. Und jetzt diese Lounge-Reihe.

Neben dem Organisatorischen bin ich jetzt gerade an einem Punkt, an dem ich mich als Schwerpunkt wieder an das ausschließlich improvisierende Klavierspielen heranwage. Dazu gehört, dass ich bei den Montagskonzerten im A-Trane mehr und mehr Klaviertrios spielen lasse, die in der Tradition der Tristano-Schule stehen. Also keine Absprache mehr! Es wird auch über den Musikern vertrautes Standardmaterial improvisiert, das man aber so abstrahierend darbietet, dass nicht unbedingt ein Konzept erkennbar ist.

Das erkennbare, zentrale Konzept dabei ist die Improvisation. Ich plane übrigens, im Trio mit dem Schlagzeuger John Schröder und einem Bassisten eine Hommage an Lennie Tristano einzuspielen. Natürlich auch mit eigenen Stücken, freier Improvisation und – selbstverständlich – ein paar Verneigungen vor dieser Schule…

Carina: Du unterrichtest Klavier an der Berliner Hochschule für Musik, Hanns Eisler, und arbeitest als Korrepetitor. Welche Aufgaben übernimmst du in der Hochschule, wo liegen Unterrichtsschwerpunkte und was möchtest du den Studenten in erster Linie vermitteln?

Andreas: Die Unterrichtsschwerpunkte werden von der Hochschule vorgegeben, sprich: Klavierunterricht im Nebenfach für Instrumentalisten und Sänger. Was ich zu erreichen versuche, ist, dass die Schüler sich selber bei ihren eigenen Songs begleiten können. Oder Playbacks machen können, zu denen sie dann üben. Und dass sie natürlich später klavierspielen, arrangieren und komponieren können, um als Berufsmusiker durchzukommen. Damit sie nicht abhängig von anderen Musikern bleiben müssen.

Andreas Schmidt

Korrepetition … – hier geht es um Korrepetition auch für Instrumentalisten. Das ist vergleichbar mit der für Sänger – nur für alle Studenten, also Trompete, Saxophon, Posaune. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem improvisatorischen Spiel. Man macht beispielsweise absichtlich keine Arrangements, sondern trainiert den spontanen Umgang mit wechselnden Situationen. Oder die Schüler kommen mit Improvisationsideen, die man gegenseitig ausprobiert.

Vor allen Dingen geht es für Instrumentalisten darum, ein Lied in allen zwölf Tonarten durchzuspielen und zu improvisieren, damit man sich auf seinem Instrument sicher fühlt. Das stammt wieder aus der Tristano-Schule. Dass man auf seinem Instrument einfach weiß, egal, was es ist, in welcher Tonart, in welcher Situation: ich kann das spielen, was ich denke oder fühle.

Carina Prange

CD: Lisa Bassenge Trio - "Three" (Minor Music )

Andreas Schmidt im Internet: www.schmidt-music.com

Minor Music im Internet: www.minormusic.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 21.10.2006
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