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Valentin Gregor - "Ich mag meine Töne!"

Der in Berlin ansässige Musiker Valentin Gregor bezeichnet sich als Jazzgeiger und Sänger mit Passion. Zwar wird auch heute noch der Einsatz der Geige im Jazzkontext durch die Vertreter klassischer Musik mit Skepsis und Unwillen betrachtet, dennoch aber hat sich das Instrument im Bereich von Jazz und Weltmusik einen festen Platz erobert.

Valentin Gregor

Hier hat auch Valentin Gregor seine Position gefunden – selbst von der Klassik kommend, hatte er Glück mit seinem undogmatischen Lehrer Otto Kirchenmaier und fand seinen Weg zum Jazz – wenn auch spät – über den von Hajo Hoffmann in Köln neu gegründeten Studiengang "Jazzgeige".

Das aktuell erschienene Album "Smellodie" ist Gregors Debüt in eigener Regie – im Namen der CD schwingt das Melodiöse mit, aber auch das, wie er es nennt, Duftig-Leichte und Flüchtige der Musik. In der Tat merklich ist eine zarte Orientierung in Richtung der leichtfüßigen Musik Brasiliens, dies aber eher auf einer Neigung Gregors basierend, als auf einer konkreten stilistischen Adaption. Auch in die südamerikanische Richtung tendiert Gregors aktuelles Projekt "Berlynatic Akestra", ein Duo mit dem peruanischen Pianisten Victor Alcántara.

Carina Prange sprach in Berlin mit Valentin Gregor

Carina: Stimmt es, dass du auf Konzerten gelegentlich gleichzeitig singst und Geige spielst?

Valentin: Das stimmt tatsächlich! Wie so viele andere Musiker auch, habe ich als erstes gesungen. Bei mir lag das einfach daran, dass bei uns zu Hause viel Gesang war: Mein Vater war ein großer Verehrer von Volksliedern in ihren Urformen aus allen europäischen Ländern, hat das auch in Seminarform gelehrt. Daher gab es viele Lieder, die zu Hause gesungen wurden – er immer an der Gitarre. Und ich habe schon früh mitgesummt, mitgesungen und entdeckt, dass da eine große Leidenschaft von mir liegt. Es kam also nicht von ungefähr, dass bei mir am Anfang der Gesang stand: in einem A-cappella-Chor, der sich in den 80er Jahren aus der Schule heraus gegründet hatte, und eine Zeitlang sehr erfolgreich war.

Valentin Gregor

Seltsam, aber man kann sagen, meine ganze anschließende Musiklaufbahn, über die Hochschule und diverse Bühnen, fand letzten Endes über die Geige statt. Und eigentlich merkte ich erst in den letzten Jahren, dass ich da etwas mehr Raum möchte – für den Gesang. Und seitdem kommt von Tag zu Tag ein kleiner Prozentsatz hinzu: Ich stehe jetzt davor, diesen Anteil weiter zu erhöhen – es wird irgendwann halbe-halbe sein, in den nächsten zwei, drei Jahren.

Carina: Du hast zunächst mit klassischem Geigenunterricht begonnen – später kam das Studium der Jazzgeige hinzu. Inwiefern war deine klassische Ausbildung hilfreich für deinen weiteren Werdegang als stilübergreifend aktiver Geiger?

Valentin: Ich kann sagen, dass die klassische Ausbildung, wenn ich sie von heute aus betrachte, gut war. Für lange Zeit habe ich das Gefühl gehabt, sie sei ein Hemmstein, hätte mich eher blockiert. Wenn ich aber jetzt zurückschaue – ich habe mit sieben auf eigenen Wunsch mit dem Geige spielen angefangen – die ersten drei, vier Jahre hatte ich, sehr, sehr guten Unterricht: Mein Lehrer, Otto Kirchenmaier, war einerseits durchaus streng. Er hat mir aber auch – unmissverständlich! - keine Steine in den Weg gelegt, als ich schon als kleiner Junge anfing, Verzierungen zu spielen, wo es eigentlich nicht vorgesehen war. Im klassischen Bereich reagieren viele Leute ja auf sowas ziemlich empört, selbst diejenigen, die sich von diesem Dogma gelöst haben …

Natürlich hat er es nach außen hin immer unterbunden, mir aber gleichzeitig zugezwinkert: weil er es toll fand, dass da jemand kreativ ist. Für mich waren diese Dinge äußerst wichtig: Kirchenmaier war jemand, der sehr viel Erfahrung im Unterrichten hatte. Ich habe da die richtige Ausbildung bekommen und gleichzeitig diese Legitimierung zum freieren Spielen. Auch heutzutage sind die Lehrer selten so offen: Schüler kommen zu mir und sagen, sie hätten noch klassischen Unterricht, möchten aber "beides" machen … nur, würden sie es dem anderen Lehrer erzählen, dass sie Jazz machen, schlüge der die Hände über den Kopf zusammen.

Valentin Gregor

Carina: Die Begegnung mit Hajo Hoffmann 1988, der ja dann auch dein Geigenlehrer mit Jazzausrichtung wurde, inwieweit brachte die "den Stein deiner neuen musikalischen Orientierung ins Rollen?"

Valentin: Die Frage enthält quasi die Antwort: Dieses Treffen brachte ganz viel bei mir ins Rollen. Um es vorauszuschicken – zu einem gewissen Zeitpunkt hatte ich total die Lust verloren. Das ist eine Krise, die vielen ambitionierten klassischen Geigern, aber auch anderen klassischen Musikern begegnet, wenn sie in die Pubertät kommen; weil so viele andere Dinge wichtig werden. Man will nichts mehr wissen von diesem engen Korsett, von diesem Zwang, der oft beim Erlernen klassischer Musik herrscht. Viele kommen nicht mehr zum Musizieren zurück. Auch bei mir stand es lange auf der Kippe.

Ganz verloren hatte ich den Kontakt zur Geige allerdings nie. Und eines Abends war ich in Hannover in "Offenbachs Keller": Hajo Hoffmann war auf der Bühne im Duo zusammen mit einem technisch hochversierten Pianisten aus der Kölner Ecke. Sie spielten Funk - ohne Schlagzeug, ohne Keyboards, ohne E-Bass! Sowas von groovy, das habe ich noch nie vorher gehört – jeder auf seinem Instrument hat das völlig vergessen machen, dass keine Band, keine Rhythm-Section dabei war. Für mich war das einfach unglaublich! Das hat mich total hingerissen, wie energetisch Hajo gespielt hat, wie virtuos. Und nie klang das nach Klassik, es klang einfach nur – authentisch! Ich war fest davon überzeugt, ihn ansprechen zu müssen: Der kam wie der Engel, der einem manchmal erscheint.

Valentin Gregor

Ich bin also auf ihn zu und habe nachgefragt. Und er sagte mir, ja, er werde jetzt gerade Dozent an der Musikhochschule Köln … er habe da studiert und wolle nun eine Jazz-Geigen-Klasse aufbauen. – Mit anderen Worten, ich habe ihn gerade in diesem "goldenen Moment" angesprochen! Wir haben uns getroffen, ich habe ihm vorgespielt und er sagte, ich hätte Talent, er würde mir auf jeden Fall Unterricht geben und mit den Leuten von der Hochschule sprechen. Insofern, um zur Frage zurückzukommen: Ja, das war wegweisend. Das war der entscheidende Schritt in den Jazz. Und mit Jazz bin ich erst spät in Kontakt gekommen.

Hajo hat mich mit den Auflagen vertraut gemacht, die ich in Köln beachten müsse, um aufgenommen zu werden: Ein Stück von Charlie Parker sollte dabei sein – der Jiggs Whigham käme nämlich vom Bebop und hätte seine ganze Abteilung entsprechend geprägt. Dann bin ich hurtig zum Bebop gewechselt; das war auch wichtig, weil der Zigeunerswing die Geige immer in so einer ganz bestimmten Ecke lässt: Wenn ich mir den Jazz erschließen wollte, musste es über den Bebop geschehen, über die Stilrichtung, die ja neben dem Swing und dem Blues das Hauptmerkmal des Jazz ist.

Valentin Gregor

Carina: Dir werden "atemberaubende Improvisationen und leidenschaftliches Spiel" auf der Geige nachgesagt. Was inspiriert dich für deine Musik, für das Musikmachen im Allgemeinen?

Valentin: Es ist schwer, das in Worte zu fassen, was da abgeht. Was ich jetzt auch sage, es wird nicht wirklich treffen – weil ich es selbst nicht so richtig weiß. Warum ich wann zu welchen Akkorden und welchen Melodien getrieben werde, das kann ich eigentlich nicht sagen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich im wesentlichen Ausführender bin: Irgend etwas in mir drängt mich dazu. Ich verspüre einfach eine große Mitteilungslust musikalischer Art. Was es ist, das mich zu den Tönen treibt, die ich spiele und dazu, wie ich sie spiele, ist damit nicht beantwortet. Aber ich mag sie.

Valentin Gregor - "Smellodie"

Meine Musik würde ich als "animierend" umschreiben; erhellend, ganz selten auch mal traurig. Ich bin keiner, der depressive Musik spielen würde. Nun, vielleicht will ich diesen Teil, den ich natürlich auch in mir habe, nur nicht zeigen. Dann wieder ist meine Musik sehr, sehr intim: Ich kann sozusagen den Konzertraum vom Rest der Welt abgrenzen, dass da nur noch Band und Publikum existieren! Das sind dann Momente, bei denen ich denke, es könnte den Leuten zu intim werden, zu intensiv. Vor dieser Intensität habe ich sogar selbst ein bisschen Angst, komischerweise …

Carina Prange

CD: Valentin Gregor - "Smellodie"
(Anjoke Records 00412/Eigenvertrieb)

Valentin Gregor im Internet: www.valentin-gregor.de

Fotos: www.valentin-gregor.de

© jazzdimensions2005
erschienen: 6.4.2005
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