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Micatone
- "Den Echo würden wir schon wollen ..."

Nachdem sie sich mit ihren ersten beiden Alben "Nine Songs" und "Is You Is" fett in der Loungeecke breitgemacht haben, würden 'Mictone' diese eigentlich gerne wieder verlassen – als zu einengend empfinden sie diese Klassifizierung. Jenseits aller Stileinordnungen ist die Berliner Band um die Sängerin Lisa Bassenge, hinter denen als produzierende, graue Eminenz noch Stefan Rogall vom Sonar Kollektiv steht, vor allem eines: durchaus und unleugbar erfolgreich...

Micatone

Rainer Voss sprach in Berlin mit Lisa Bassenge (voc), Paul Kleber (b), Boris Meinhold (g) und Sebastian Demmin (keys) von Micatone.

Rainer: Fangen wir mal am Anfang an. Der Name der Band, "Micatone", bedeutet ... was?

Micatone: "Mica" ist ein italienischer Slangausdruck, den man mit "ohne" übersetzen könnte. Und Micatone würde dementsprechend "ohne Ton" bedeuten. Obwohl wir ja – natürlich! – Töne produzieren...

Rainer: Google spuckt bei dem Suchbegriff "Nomad" einen intelligenten Forschungsroboter aus, einen portablen MP3-Player, einen digitalen Kompass und nicht zuletzt "Folge 33" der Ur-Enterprise mit Captain Kirk. Demnächst wird also unter diesem Begriff auch Micatones neues Album "Nomad Songs" gelistet. Und das steht dann für...?

Micatone: Der Titel "Nomad Songs" kommt davon, dass Lisa [Bassenge] einen Großteil der Texte auf Reisen geschrieben hat. Einerseits spiegeln sie so etwas wie Rastlosigkeit wieder, andererseits sind die Songs so angelegt, dass man sie am Lagerfeuer spielen können soll. "Nomad" steht dementsprechend natürlich für "Nomade".

Rainer: Redegewandte Verkäufer sind in der Lage, selbst Wein per Telefon zu verkaufen ... Wie würdet ihr die Micatone-Musik anpreisen?

Micatone: Wie, zum Verkaufen?

Micatone

Rainer: Nun, wenn man per Telefon Wein verkaufen kann, den der Hörer nicht schmecken kann, wie beschreibt man dann mit Worten Musik, die man nicht hören kann – wenn man die Musik also quasi "liest"?

Micatone: Äh … puh … (lange Pause) ... Das machen Musiker in der Regel eher ungern, weil man sich selber damit in eine Schublade packt!

Rainer: Wenn es eine Schublade gäbe, wie hieße die?

Micatone: Oje! Das ist so eine Frage, mit der wir Probleme haben. Wir reden gerne über die Musik oder die Details, aber wir würden nicht sagen: Das klingt "madonnamäßig" oder sonstwie. Wir haben schon versucht, einen eigenen Sound zu schaffen. Es gibt natürlich gewisse Einflüsse, die wir haben.

Rainer: Ihr wollt euch also partout nicht einordnen lassen?

Micatone: Früher haben wir versucht eher eine Liveband zu sein, die in einem Clubkontext funktioniert – dass wir vom Konzept her live das spielen, was der DJ sonst macht, auf elektronischer Basis. Davon, von dieser Loungeecke, wollen wir uns jetzt eher wegbewegen.

Micatone - "Nomad Songs"

Rainer: Anders gefragt, wenn jemand die vorangegangenen Produktionen von Micatone, "Nine Songs" und "Is You Is" besitzt, dann stehen in seinem Plattenschrank auch Scheiben von ... welchen Bands?

Micatone: Vielleicht Matthew Herbert, Jazzanova, Feist, Gil Scott, Erykah Badu, Miles Davis, Lee Morgan...

Rainer: Bei dem Lied "Trouble Boy" spielt EAR aka Demba Nabe´ von "Seeed" mit. Wie kam das zustande ?

Micatone: Demba ist ein alter Freund von Lisa. Zuerst wollten wir allerdings Patrice für das Lied gewinnen. Dann hat Demba aber das Stück gehört und hatte totale Lust dazu was zu machen und meinte, er würde viel besser dazu passen als Patrice. Das fanden wir dann auch und innerhalb von ein paar Tagen war alles eingespielt.

Rainer: Über die Liveacts und Mund-zu-Mund-Propaganda erschließen sich bestimmt neue Käuferschichten. Der Trick mit dem "Palettenweise CDs aufkaufen", um in den Charts nach oben zu rücken macht bei der Sparte "Jazz" wohl keinen Sinn ?

Micatone: (Gelächter) Man könnte das ja mal probieren. Aber was will man dann da? Oder wollen wir zum Grand Prix d' Eurovision fahren? Einen "Echo", ja ... – den "Echo" würden wir schon wollen!

Der Stil der Platte ist allerdings nicht mit "Jazz" zu umschreiben. Es ist dann aber auch wieder keine Chartmusik, sondern eher Popmusik mit jazzigen Anklängen und ziemlich avantgardistisch. Wir haben nicht als Hintergedanken, dass wir eine Platte machen müssen, die sich einhunderttausendmal verkauft, sondern in erster Linie, dass wir dazu stehen können.

Micatone

Rainer: Wenn man sich die Besetzungsliste von "Micatone" ansieht, könnte man den Eindruck gewinnen, die Band wäre eine rein Berliner Veranstaltung – was in keiner Weise abwertend gemeint ist. Wie kommt das ?

Micatone: Teilweise kennen mir uns schon aus Kindertagen, aus dem gleichen Jugendhaus oder Übungsraum. Tim Kroker, unser Schlagzeuger kommt übrigens aus Frankfurt am Main. Dass wir uns so, in dieser Form, zusammengefunden haben, ist schon eher Zufall.

Rainer: Welche Frage habe ich vergessen bzw. welche hätte noch unbedingt gestellt werden müssen? Wollt ihr noch irgendetwas los werden?

Micatone: Kauft unsere Platte, Leute! (Gelächter) Kauft – kauft!

Rainer Voss

CD: Micatone - "Nomad Songs" (Sonar Kollektiv/Rough Trade SK061)

Sonar Kollektiv im Internet: www.sonarkollektiv.de

Fotos: Vielen Dank an Sonar Kollektiv!

Mehr bei Jazzdimensions:
Micatone - "Nomad Songs" - Review (erschienen: 30.6.2005)

© jazzdimensions2005
erschienen: 5.6.2005
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