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Marc Muellbauer - "Ruhe mit Faktor Neun"

Eine neunköpfige Band auf die Bühnen unseres Landes zu bringen, ist eine unrentable Geschichte und deswegen nur mit viel Idealismus umsetzbar. Doch diesen hat Bassist Marc Muellbauer in ausreichender Menge. In London geboren und in Deutschland aufgewachsen, lebt der Musiker seit einigen Jahren in Berlin. Seit geraumer Zeit ist er hier als unentbehrlicher Sideman im Julia Hülsmann Trio oder der Marc Secara Group aktiv, geht aber auch regelmäßig mit Künstlern wie Tim Fischer oder Klaus Hoffmann auf Tour.

Marc MuellbauerMarc Muellbauer

Als Bandleader und Komponist zeigt Muellbauer nun verstärkt Profil: Mit seinem Nonett "Marc Muellbauer´s Kaleidoscope" hat er, für den einst Jaco Pastorius der Schlüsselreiz für den Einstieg in die Musik war, ein Album mit großer Bandbreite aufgenommen. "Quiet" wurzelt im Jazz, bedient sich aber auch Elementen der Neuen Musik - und gelegentlich einer Prise Folk…

Carina Prange sprach in Berlin mit Marc Muellbauer

Carina: Wie kam es zu dem Albumtitel "Quiet?" Ausgesprochen leise ist die Musik ja im eigentlichen Sinne des Wortes nicht… - Suchst du die Nähe zur Begrifflichkeit des "Quiet Storm" oder was hat dich inspiriert?

Marc: "Quiet" heißt ja nicht nur "leise", sondern auch "ruhig" - und so etwas meine ich eher: einen Punkt in mir, in dem ich zur Ruhe kommen kann. Für mich kann das Schreiben sowas darstellen - ein Moment des Ruhigwerdens und In-mich-reinhörens… Aber genauso oft ist es auch eine Qual; es lässt mich nicht los, wenn ich mit einem Stück nicht vorankomme: Die ganze Zeit arbeitet es in mir weiter, und ich kann erst wieder entspannen, wenn ich die gesuchte musikalische Lösung gefunden habe.

Marc MuellbauerMarc Muellbauer

Carina: Warum so eine ungewöhnliche Besetzung zur Umsetzung deiner Kompositionen und musikalischen Ideen? Gibt es für die Nonett-Besetzung ein explizites Vorbild in der Geschichte des Jazz?

Marc: Die Entscheidung für diese Besetzung hat sich zum einen aus dem sehr polyphonen Charakter der Musik entwickelt, und zum anderen aus meinem Bedürfnis eine große Jazzband mit einem anderen, sehr weichen, Sound zu schaffen.

Ein direktes Vorbild aus der Jazzgeschichte gibt es für die Besetzung nicht - auch wenn es dort viel Musik gibt, die ich liebe und die mich beeinflusst hat, meine Klangvorstellung kommt eher aus der klassischen Musik. Ich wollte eine Band mit einem transparenten Sound, der jedes Instrument für sich zur Geltung kommen lässt, und trotzdem ein großes Spektrum an Dynamik und Intensität ermöglicht.

Marc MuellbauerMarc Muellbauer

Carina: Deine eigene musikalische Ausbildung streifte und vertiefte ja diverse Genres: Jazz, Neue Musik, Klassik; auf Kontrabass wie E-Bass… Im Studium hast du mit der klassischen Ausbildung angefangen - inwieweit war das hilfreich für deine derzeitigen unterschiedlichen Tätigkeiten?

Marc: Meine Beschäftigung mit der sogenannten "klassischen" Musik hat mir in vielerlei Hinsicht enorm den Horizont erweitert: Was den Kontrabass als Streichinstrument angeht, das Spielen ohne Verstärker - und dabei die Erkenntnis, was eigentlich ein tragfähiger, akustischer Sound ist. Aber vor allem bin ich dankbar für die unzähligen Orchesterproben und Proben mit Ensembles der Neuen Musik, weil ich die Musik der letzten 350 Jahre auf eine intimere und direktere Art kennengelernt habe, als es als reiner Zuhörer geht: Orchesterproben sind wie musikalischer Anatomieunterricht - oder Kompositionsunterricht, wenn man so will.

Immer wieder werden einzelne Instrumentengruppen separat geprobt; man bekommt einen faszinierenden Einblick in den Aufbau des Stückes, das gerade gespielt wird. Und "Le Sacre Du Printemps" oder Schostakovichs "Neunte Sinfonie" im Orchester zu spielen, das kann schon überwältigend sein.

Marc Muellbauer`s Kaleidoscope - "Quiet"Marc Muellbauer`s Kaleidoscope - "Quiet"

Carina: Und nun, … fühlst du dich manchmal hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Musikstilen, unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen?

Marc: Nein, hin- und hergerissen nicht; ich mache ja mittlerweile nur noch Sachen, die mir Spaß machen. Früher fand ich´s manchmal schwer, alles unter einen Hut zu bringen, der Tag hat ja nur 24 Stunden. Die instrumentalen - und auch musikalischen - Anforderungen sind ja zum Teil sehr unterschiedlich, sodass einem ein Hardbop Gig oder ein Neue-Musik-Konzert manchmal wie zwei verschiedene Welten vorkommen.

Aber gerade das ist eine enorme Bereicherung: Ich sehe wenig Sinn darin, in engen stilistischen Kategorien zu denken. Für mich ist die Musikgeschichte aller Kulturen ein Kontinuum, aus dem wir schöpfen können. Wenn ich mir die Musik der letzten Jahrhunderte und der verschiedenen Weltkulturen ansehe, dann bekommt auch die Frage, was neu ist, oder hip, eine andere Bedeutung. Für mich zählt eigentlich nur: hat das, was ich tue, wirklich etwas mit mir zu tun? Gibt es da eine wirkliche Verbindung? Denn dann bedeutet die Musik auch etwas, was sich den Zuhörern mitteilt.

Marc MuellbauerMarc Muellbauer

Carina: Du unterrichtest an der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" als Lehrbeauftragter für Jazzkontrabass. Was gibst du den jungen Leuten mit auf den Weg, die selbst einmal Jazzbassist werden wollen?

Marc: Also, ich lerne mindestens soviel von meinen Studenten, wie sie von mir! Aber zunächst einmal ganz pragmatisch: Neun von zehn Kontrabassisten, die an die Hochschule kommen, müssen noch sehr viel über das Instrument lernen. Das hängt einfach damit zusammen, dass die meisten Kontrabassisten erst im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren mit dem Instrument anfangen; da gibt es in der Regel einiges zu tun. Dann gibt es musikalische Inhalte, die man auf seinem Instrument lernen muss, wenn man ein Jazzmusiker werden will. Ich versuche aber dabei für die Eigenheiten von jedem Studenten offenzubleiben, und alle zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Das Interessante dabei ist: Wir Menschen sind alle so unterschiedlich, dass ich manchmal dem einen Studenten genau das Gegenteil von dem nahelege, was ich seinem oder ihrem Kollegen gerade erzählt habe.

Carina Prange

CD: Marc Muellbauer`s Kaleidoscope - "Quiet"
(schoener hören/NRW 4021)

Marc Muellbauer im Internet: www.marcmuellbauer.de

schoener hören im Internet: www.schoener-hoeren.de

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Hülsmann/Muellbauer/Winch - "Trio" - Review (erschienen: 20.1.2004)

© jazzdimensions2005
erschienen: 10.11.2005
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