Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / szene berlin / 2006

Ignaz Dinné - "Die Tradition nicht negieren!"

Er ist wieder zurück in Deutschland – nach einem Jahrzehnt USA zog es den Bremer Saxophonisten in die bundesdeutsche Hauptstadt Berlin, wo er schnell heimisch wurde. Denn, wie er sagt, die Lebensqualität sei hier viel höher als in New York.

Ignaz Dinné

Und passenderweise: "Back Home" heißt auch Ignaz Dinnés Soloalbum, das ihn im Rahmen von Double Moons "Next Generation"-Reihe ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken soll. Mit Songs wie "Südstern" und "4th Avenue" erweist er der alten und der neuen Wahlheimat seine Hommage.

Carina Prange sprach in Berlin mit Ignaz Dinné.

Carina: Dein Debutalbum heißt "Back Home". Kürzlich erst bist du von einem zehnjährigen USA-Aufenthalt zurückgekehrt – fühlst du dich hier in Berlin, in Deutschland, schon wieder zuhause?

Ignaz: Ich fühle mich sogar sehr zu Hause in Berlin! Rein atmosphärisch, vom Lebensgefühl, gefiel mir die Stadt gleich – hat ja auch ein wenig Ähnlichkeit mit New York. Aber gemütlicher, weniger einsam. Klar, die Rückkehr war für mich ein deutlicher Einschnitt; in New York und Boston war ich ja relativ lange. Jetzt bin ich wieder hier und auch froh darüber, das war ´ne Bauchentscheidung. Jedenfalls, als es darum ging, wie das Album heißen soll, fand ich, "Back Home" wäre ein guter Name.

Carina: Dein mehrjähriger New-York-Aufenthalt, deine Studien am Berklee College und am Thelonious Monk Institute, inwieweit hat dich diese Zeit musikalisch geprägt?

Ignaz: Als ich nach Amerika ging, hat sich mein ganzes Leben umgestellt. Allein von zu Hause wegzugehen – ich war ja erst zweiundzwanzig. Ich war vorher noch nie in Amerika. Ich war kein Amerika-Fan, es hat mich nicht dahin gezogen, aber dann bekam ich über einen Workshop – "Berklee goes to Germany" –, ein Stipendium. Und da dachte ich, mach das mal ein halbes Jahr, probier es aus! Und dann blieb ich hängen.

Da zu sein hatte sehr viel Einfluss auf meine Musik. Da war die amerikanische Kultur, das Schwarze und Weiße; eine Spaltung, die mit der Musik immer noch sehr viel zu tun hat. Das hab ich natürlich mitbekommen – und war vor dem Kopf gestoßen, wie stark das dort noch immer getrennt ist. Alle Europäer sind davon überrascht: Zwar gibt es keine getrennten Busabteile mehr, aber man merkt, es sind zwei verschiedene Kulturen, Schwarz und Weiß. Was auch die Schwarzen für sich kultivieren – innerhalb des Jazz berufen auch sie sich auf eine Tradition. Allein mitzubekommen, mit welchem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein sie diese Musik spielen, hat auf mich einen großen Eindruck gemacht.

In Boston, im Monk-Institut, fand ich, war die schwarz-weiße Trennung noch weit stärker als in Berklee. New York war immer eine Metropole, ein Land für sich, das mit Amerika nichts zu tun hat. Boston, die Stadt, mit den vielen Iren, hat eine andere Geschichte, vielleicht einen anderen rassistischen Hintergrund als New York.

Ignaz Dinné

Carina: Was war das Wichtigste an deiner Zeit am Monk-Institut?

Ignaz: Einblicke in das Leben von Männern der ersten Stunde sozusagen. Ich konnte mich mit Tradition geradezu umgeben. Das hat mir viel Einsichten in die Musik gebracht: Clark Terry oder Jimmy Heath zu hören, direkt zu sehen, wie sie spielen, ihnen gegenüber zu sitzen. Es ist ja nicht so, dass man so etwas nachlesen kann, das muss man fühlen – indem man davor sitzt, muss man die Vibes spüren! Das hat eine andere Perspektive gebracht. Diese Musiker fühlen sich alle stark in der Tradition verwurzelt, kulturell, sozial …: Schwarz zu sein in der USA der fünfziger Jahre, das prägte und hielt die Community zusammen.

Den Respekt vor der Tradition sehe ich für mich nicht als Last, sondern als Chance. Man kann das ja als Last sehen, jammern, was man da alles an alten Hüten lernen müsse! Für mich ist das eine absolute Bereicherung, ein Riesentopf, aus dem ich mir aussuchen kann, was ich will. Jedenfalls, die Werte, die ich da mitbekam, waren alles andere als alte Hüte. Beispielsweise Clark Terry kennenzulernen: Der war über siebzig und so was von knackfrisch! Eine Spielfreude, die auch alle jungen Typen angefeuert hat; immer, wenn wir was Neues ausprobierten, hat er gejubelt.

Genauso Jimmy Heath, der sagte immer: "Ich habe Clifford Brown und Parker selbst erlebt. Die haben das gut genug gemacht – ich will euch nicht auch noch das Zeug spielen hören!" Klar, der wollte schon, dass wir das lernen, aber er sagte auch: "Macht was Eigenes!" Und das war auch genau das, was ich mitgenommen habe.

Ignaz Dinné

Carina: Betrachtest du dich jetzt also als im amerikanischen Jazz verhaftet?

Ignaz: Ja. Aber auch, weil ich ohnehin bereits mit amerikanischer Musik aufgewachsen war. Mein Vater, Ed Kröger, ist Posaunist und Pianist. Ich war immer umgeben von seiner Musik, und die war sehr amerikanisch, hatte sehr viel von diesen Hard-Bop-Sachen. Meine Mutter hatte einen Jazzclub, wo meine Eltern sich auch kennengelernt haben – da habe ich also schon "pränatal" Jazz gehört.

Carina: Einen Vater zu haben, der einer der bekanntesten Jazzposaunisten ist, prägt das ungemein? Gibt es da nicht auch ein großes Konfliktpotential?

Ignaz: Mein Vater und ich, wir verstehen uns sehr gut. Wir hatten immer viel gemeinsam, sowohl Hobbies als auch die Musik – so bin ich lange Radsportler gewesen und mein Vater auch. Es war weniger dieses Vater-Sohn Verhältnis, wie man es sich in so einer Situation vielleicht klassischerweise vorstellt, eher freundschaftlich oder kumpelhaft – aber er war natürlich eine Vaterfigur für mich.

Auf die Musik bezogen habe ich das nie als Problem gesehen, im Gegenteil. Ich habe sehr viel mit meinem Vater spielen können, wobei ich unheimlich viel gelernt habe und immer noch lerne. Er hat mir vor allen Dingen vorgelebt, dass man als Jazzmusiker leben kann. Allein dafür kann ich dankbar sein, was ich jetzt sehe, wo ich mit meiner Musik selbständig werde: Man kann eine Familie haben, ein Kind ernähren, seine Passion, seine Leidenschaft zum Beruf machen und damit glücklich sein – selbst wenn es Jazz ist. Ich kenne genug Musiker, die gerade an dem Punkt unheimlich die Krise kriegen; sich fragen, wo die Kohle herkommt und die Rente!

Ignaz Dinné

Carina: Du bist mit vielen der ganz Großen im Jazz auf der Bühne gestanden. War das hilfreich oder hat es vielleicht auch das Finden eines eigenen Stils, der eigenen Persönlichkeit behindert?

Ignaz: Nie! Das kann ich absolut verneinen. Ich habe durch Imitation gelernt: Charlie Parker, Cannonball Adderley, Coltrane. Das ist der Grund, weshalb ich mit Musik anfing, weil ich diese Typen gehört habe. Ich bin dadurch sehr viel weiter gekommmen. Ich konnte deren emotionale Intensität spüren und daran wachsen.

Natürlich auch am technischen Aspekt: Früher habe ich wie Adderley gespielt – wenn man mir das sagte, empfand ich es als Kompliment. Weil, ich wollte ja zu dem Zeitpunkt nichts anderes, das war, worauf ich Bock hatte. Ich habe seine Solos Note for Note nachgespielt, mich aufgenommen und verglichen: Wie nah bin ich am Original? Mit allen Details: ich habe über Kopfhörer mitgespielt und gedacht, ich sei Cannonball. Und das war das beste Gefühl! Ich glaube, dadurch, dass ich mich mit Vorbildern beschäftigte, habe ich auch gewisse Elemente in der Musik gefunden, die unabhängig sind von alt und neu – zeitlose Werte.

Ignaz Dinné – "Back Home"

Carina: Du hast Posaune gespielt, es aber mit elf Jahren aufgegeben. Wie bist du dann darauf gekommen, es mit dem Altsax zu versuchen?

Ignaz: Ich bin immer Posaunenfan gewesen, durch meinen Vater. Irgendwann sagte ich zu ihm, dass ich es auch lernen will. Er sagte nur: Gut. Er hat mich ja nie gezwungen, immer gewartet, bis ich selbst etwas sage. Er hat mir die Anfänge beigebracht, meinte aber irgendwann, so, jetzt geh' mal zum Klassiker! Der hat erstmal gesagt: Komm nur mit dem Mundstück! Dabei hatte ich schon zuhause zur Platte versucht, Curtis Fuller nachzuspielen; ich wollte Musik machen, nicht Mundstück spielen. Das war für mich … – das ging nicht! Also hat die Musik erstmal lange geruht. Und dann kam das Saxophon.

Carina: Damit sind wir bei deinem Hauptinstrument angelangt …

Ignaz: Genau, dann kam das Saxophon! Bei einem Musiker, mit dem mein Vater spielte hat, sah ich ein Altsaxophon: Respekt wegen der ganzen Klappen ... Sag' ich also, ich will Saxophon spielen. Mein Vater meinte: Gut. Und hat erstmal gewartet. Aber als ich nach einer Woche nochmal fragte, besorgte er mir ein Instrument und dann ging es unheimlich schnell.

Ich habe das erste Jahr nur so halb geübt, hatte aber trotzdem Parker-Soli rausgehört. So ganz einfache, was ich eben so hingekriegt habe: "Parker´s Mood" – ein Blues in B, da spielt er so ein duftes Ding – die erste Phrase konnte ich nach einer Weile spielen. Obwohl ich noch keinen Unterricht hatte – das war nicht schwer, kann jeder; da ist nix dran. Ich wollte einfach das Gefühl der Musik, dieses Gefühl beim Spielen haben.

Carina: Was spricht dich am Altsax besonders an, das es zu deiner ersten Wahl wurde? Was charakterisiert deinen Sound?

Ignaz: In erster Linie ist mir wichtig, dass es warm klingt – "vibrant" sage ich dazu: Einen Sound mit Resonanzen in allen Bereichen, nicht einen, der nur Obertöne hat oder nur Mitten, sondern der alle Facetten zur Geltung kommen lässt.

Warum das Alt? Ich glaube, ich empfinde die Gegensätze da noch als extremer: Die Höhen können sehr, sehr brillant sein und die Tiefen trotzdem sehr warm und dunkel – was man vielleicht eher mit einem Tenor assoziieren würde. Aber auf dem Alt kann man in der tiefen Lage warm spielen und trotzdem kann der Ton so einen gewissen Fokus haben.

Ignaz Dinné

Carina: Dir wird eine "perfekte Technik" nachgesagt – wie wichtig ist dir das und wie wichtig findest du Technik im Allgemeinen?

Ignaz: Technik – wenn man damit schnell spielen meint – das war für mich immer einfach. Ich hatte auch den Ehrgeiz, es zu lernen, weil es mir ein gutes Gefühl gab, beispielsweise mit Parker mitzuhalten. Viele haben mich gefragt, wie ich das mache. Ich konnte es nicht erklären, ich hatte einfach geübt bis es ungefähr so klang. Motorisch fiel es mir von Anfang an leicht. Begabung? Weiß ich nicht, aber es stellte für mich auf jeden Fall in dem Sinne keine Schwierigkeit dar.

Aber Geschwindigkeit bedeutet für mich nicht mehr so viel. Vielleicht weil ich sehr früh sehr schnell spielen konnte – das hat sich dann abgenutzt. Mittlerweile, wenn ich nur viele Noten aneinanderreihe, bin ich oft unzufrieden: es fällt mir immer schwerer, mit vielen Tönen auch viel Aussage zu verbinden. Das geht nicht mehr zusammen, also spiele ich einfach nicht mehr so viele Noten wie früher. Obwohl ich das natürlich immer noch übe – das ist eine Seite der Virtuosität, eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem Instrument zu kultivieren.

Es gibt einen englischen Ausdruck – "Relaxed Intensity" – dass man es schafft, das Instrument zu kontrollieren und nicht umgekehrt. Wenn ich eine Idee habe, möchte ich sie umsetzen können, möchte möglichst viel Beweglichkeit auf dem Instrument haben. Mich stört es, wenn ich etwas machen will und das klappt nicht. Vielleicht bin ich im Moment mehr an "Soundvirtuosität" interessiert. An Farbenreichtum, was ja auch eine Form von Virtuosität ist: Dass man schafft, viele Farben und damit Stimmungen auf dem Instrument zu erzeugen...

Carina Prange

CD: Ignaz Dinné – "Back Home"
(Double Moon Records DMCHR 71038)

Double Moon Records im Internet: www.sunny-moon.com

Fotos: Anja Grabert

© jazzdimensions2005
erschienen: 23.2.2005
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: