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Flexkögel - "Mehr als Solo über Changes"

"flexkögel" - hinter diesem eigentümlich wirkenden Namen verbergen sich ZWEI: die Sängerin Britta-Ann Flechsenhar und der Gitarrist Christian Kögel. Und ihre Band: Bene Aperdannier an den Tasten, Paul Kleber am Bass, Martell Beigang am Schlagwerk. Zwei gleichberechtigte Masterminds, eine sehr kompetente Besetzung aus dem Berliner Jazzumfeld, eigene Songs und Soundideen. Texte (nicht nur) von Robert D. Laing, in Pop-Jazz-Kontext gebracht mit höchst individuellem Touch.

Britta-Ann FlechsenharBritta-Ann Flechsenhar

Wie bei einem so umtriebigen Musikerpaar kaum anders zu erwarten, sind beide auch in diverse andere Projekte involviert: Britta-Ann Flechsenhars "mir sonst noch wichtige" Band heißt Mosaiq - eine A-Capella-Gruppe mit Cello und Kontrabass; außerdem eine Formation mit Brecht/Weill-Programm mit dem Hamburger Gitarristen Alexander Danullis. Christian Kögel ist bei Michael Schiefels Projekt ‚Gay' aktiv, zusätzlich bei ‚Partykeller' mit Claas Willeke und Rainer Winch, sowie in drei US-Bands um den Drummer Jerry Granelli, als da wären 'The V-16 Project' ‚Basie & the Beach Boys', und das ‚Jerry Granelli Septett'… Schnitt. Denn zur Zeit zählt nur EINS: "flexkögel".

Carina Prange sprach mit Britta und Christian von Flexkögel

Carina: Ihr habt beide jeweils getrennt in den verschiedensten Bands gearbeitet. Wann entstand die Idee für ein gemeinsames Projekt?

Britta: Die Idee kam uns etwa 1999 oder 2000. Eigentlich, weil wir beide Musiker sind und uns und unsere Projekte gegenseitig schätzen. Also wollen wir auch gemeinsam mal Musik kreieren und spielen.

Carina: "flexkögel" ist ein Duo, das gemeinsam arbeitet, lebt und gemeinsam Musik macht - wo liegen die Chancen und Risiken?

Britta: Wir sehen "flexkögel" weniger als ein Duoprojekt, als vielmehr als Band mit zwei Leadern - so eine Art "Doppelspitze".

Christian: Und das hat einige Vorteile: Man ist nicht der einzige Boss, der alles entscheiden muss und an dem alles hängt: Stücke schreiben, arrangieren, Texte schreiben, Veranstalter und Presse kontaktieren, Infotexte verfassen, Proben organisieren, und so fort. Aber es ist übersichtlich! Macht es der eine nicht, muss es der andere mal eben übernehmen; man kann sich gegenseitig schnell unterstützen.

Christian KögelChristian Kögel

Carina: Wie wichtig war der Bandkontext für eure CD "What are days for"?

Christian: Es war von Anfang an klar, dass wir eine Band gründen, also mit Bass und Schlagzeug arbeiten wollen, weil auch bereits das erste Material, das wir schrieben, sehr song- und grooveorientiert war. Die Idee, das Ganze noch mit Fender Rhodes anzureichern, kam bei mir persönlich über die CD, die ich 1999 mit Jerry Granelli aufnahm - "Music has its way with me" - bei der Jamie Saft mit seinem verzerrtem Rhodes maßgeblich zum Sound beitrug. Und mit Bene Aperdannier hatten wir gleich einen Rhodes-Spieler im näheren Umfeld, der sich auch mal traut, ein paar Effektkisten anzuschalten.

Flexkögel - "What Are Days for?"

Carina: Wäre ein "echtes" Duo - nur ihr beide, lediglich Gesang und Gitarre -, auch etwas, dass ihr euch vorstellen könntet?

Christian: Wir haben unser Programm live sowohl schon mal im Duo als auch im Trio mit Cello präsentiert. Es wird eine Prise kammermusikalischer, ist aber machbar. Trotzdem war gerade ein Duo nie unser Ziel. Viele Stücke leben von den eher trockenen Grooves, und es gibt nichts tolleres, als sowas mit Kontrabass und Schlagzeug zum Schüsseln zu bringen.

Britta: Und mit Paul Kleber und Martell Beigang haben wir dafür das ideale Gespann, das macht großen Spaß! Dazu kommt, dass Christian in so einer Besetzung eher als Soundgeber arbeiten kann, was seiner Idee von E-Gitarre am nächsten kommt.

Carina: Eure CD weist ein breites Spektrum auf, sowohl an Songs, als an musikalischen Richtungen. Wie versteht ihr euch selbst - als Jazzer, als Singer-Songwriter oder gar als Popkünstler mit Jazzattitüde?

Christian: Na, da fehlt jetzt noch der "Jazzkünstler mit Popattitüde"…: von allem wahrscheinlich ein bisschen! Wir schreiben Songs und Texte, womit wir bei "Singer-Songwriter" wären, wenn das nicht so belegt wäre. Wir sind mit Pop aufgewachsen (wer ist das nicht), haben dann Blut geleckt in Bezug auf den Jazz, eine einschlägige Ausbildung absolviert, nach einigen Jahren Modern Jazz und Improvisieren gemerkt, dass es auch in anderen Musikrichtungen wahnsinnig Interessantes zu entdecken gibt. Im Soundbereich sind wir im experimentellem Pop fündig geworden: Björk, Radiohead, Atari Teenage Riot … Ich verstehe mich am ehesten als improvisierenden Musiker, Songschreiber und Soundbastler.

Carina: Wie kam die Mischung der Texte zustande - Gegenwartslyrik zum einen, eigene Songtexte zum anderen?

Britta: Ich war ziemlich lange auf der Suche nach geeignetem Material. Ich wollte eine klare, eher einfach gehaltene Sprache, weil ich das Gefühl hatte, dass so etwas gut zu meiner Art des Schreibens passt - deshalb kam jemand wie E.E. Cummings nicht in Frage. Von einer Freundin bekam ich ein kleines Buch mit Gedichten von dem Psychiater Ronald D. Laing. Und das war's!

Ich liebe diese Einfachheit, die Art, wie er auch vermeintlich komplizierte Dinge auf den Punkt bringt: Latent am Abgrund, ein bißchen "gaga" und das Ganze nie schwülstig oder besonders dramatisch, sondern immer mit einem Augenzwinkern. Deshalb sind drei Stücke auf dem Album Gedichtvertonungen von D. Laing, nämlich "I mean to Scream", "Zen Sickness" und "Laing 36".

Carina: Wäre auch ein Album nur mit eigenen Texten eine denkbare Option für die Zukunft?

Christian: Zunächst bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, eigene Texte zu schreiben; ein Programm mit Songs zusammenzustellen, bedeutete für mich erst mal, Autoren und Texte zu suchen, die wir vertonen könnten. Herrlicherweise fiel uns dann das Büchlein von D. Laing in die Hände. Nachdem dann Britta-Ann gleich begann, die Originaltexte mit der deutschen Übersetzung zu mischen, war das Eis gebrochen und ich begann auch, mich an eigenen Texten zu versuchen. Eine Beschränkung auf ausschließlich eigenes Material wäre also in Zukunft schon denkbar. Auf jeden Fall möchte ich weiter mit der Mischung aus Deutsch und Englisch arbeiten.

Britta-Ann FlechsenharBritta-Ann Flechsenhar

Carina: Der Song "kokon" ist rein deutschsprachig. Wie wichtig ist euch die Wahl der Sprache?

Britta: Der deutsche Text zu "kokon" ist im Laufe unserer musikalischen Zusammenarbeit entstanden. Mit deutscher Sprache experimentiere ich schon lange herum, war aber nie so ganz zufrieden mit dem, was dabei heraus kam. Dieses Stück bedeutet deshalb eine aufregende Premiere für mich! Etwas auf Deutsch zu schreiben, empfinde ich als eine große Herausforderung. Das hat wahrscheinlich mit all den Klischeefallen zutun, in die ich Angst hatte, hineinzutappen.

Carina: Gewinnt das Deutsche mehr und mehr an Bedeutung?

Britta: Da einen eigenen unverkrampften Weg zu finden ist nicht so einfach. Aber beim Machen habe ich gemerkt, dass ich mit großem Spaß auf Deutsch singe - es ist auf eine Art unmittelbarer, näher …

Deshalb könnte ich mir auch vorstellen, in der Zukunft ein Album nur mit deutschen Texten herauszubringen. Was ich aber auch sehr spannend finde, ist die Mischung aus Deutsch und Englisch innerhalb eines Stückes, wie bei "I mean to scream": Ich bin eben in der Musik auch sehr von der englischen Sprache geprägt. Die Musik, mit der ich aufgewachsen bin, ist nunmal größtenteils englischsprachig - und trotzdem ist Deutsch meine Muttersprache. Da ist so ein Mischmasch aus Englisch und Deutsch ganz passend, finde ich!

Carina: Soundscapes, Sounds an sich, welchen Stellenwert hat das für euch in der Musik?

Christian: Das gehört unbedingt zusammen! Die Improvisation mit verschiedenen Klängen und "handgeschraubten" Effekten ist bei uns die Grundlage. Aus der entwickeln wir instrumentale Intros, Outros oder Zwischenparts, die die Atmosphäre des jeweiligen Songs unterstützen.

Britta: Das ist auch der Bereich, der mich an manch zeitgenössischer Popmusik fasziniert - all die unüblichen, noch nicht zig-mal gehörten und wiedergekäuten Sounds, die auch oft aus Zu- oder Unfällen entstehen.

Christian KögelChristian Kögel

Carina: Und wieviel Anteil hat die Improvisation?

Christian: Die ist für mich zur Zeit faszinierender als harmonische Fortschreitungen, interessante Voicings auf der Gitarre, oder raffinierte Phrasen. Improvisation ist eben mehr als ein Solo über Changes. Auch die Improvisation mit Worten, Textzeilen und Phantasiesprache, die Britta manchmal betreibt, gehört hier dazu.

Bei "flexkögel" darf schon auch mal im herkömmlichen Sinne soliert werden. Auf jeden Fall, wenn es dem jeweiligen Song dient - wie das Rhodes-Solo bei "Somewhere" oder die Rock´n´Roll-Gitarre bei "Strandbikini". Und Dogmen aufstellen wie: Jazzsoli sind out, wir sind modern! - das ist nicht unser Ding.

Carina Prange

CD: Flexkögel - "What Are Days for?" (Minor Music MM 801112)

Flexkögel im Internet: www.flexkoegel.de

Minor Music im Internet: www.minormusic.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions2005
erschienen: 15.12.2005
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