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Ulrike Haage - Grenzgang mit Musik und Worten

Der Gewinn des Deutschen Jazzpreises, der durchschnittlich alle zwei Jahre verliehen wird, und auch unter dem Namen "Albert-Mangelsdorff-Preis" bekannt ist, ging im Jahr 2003 zum ersten Mal an eine Frau. Die Preisträgerin, Ulrike Haage, reiht sich damit ein in die Garde der anerkannten Erneuerer des Jazz, die da lauten: Wolfgang Schlüter (2001), Heinz Sauer (1999), Ernst-Ludwig Petrowsky (1997), Peter Kowald (1996) und Alexander von Schlippenbach (1994).

Ulrike Haage

Für viele Jazzkenner mag der Name der Preisträgerin eine Überraschung gewesen sein. Immerhin, Ulrike Haage... – war das nicht die Keyboarderin der Rainbirds, die einst deutsche Popgeschichte geschrieben haben? Richtig – aber das ist nur eine Facette des Gesamtbildes. Ulrike Haage hat sich sehr wohl im Popbusiness getummelt, aber auch den Verlag "Sans Soleil" gegründet, der u.a. die letzten Tagebücher von William S. Burroughs herausgab. Und sie hat sich als Produzentin, Skriptautorin und Theaterkomponistin in der Avantgardeszene einen Namen gemacht, trat mit Klang- und Hörspielprojekten (u.a. "Reise, Toter", 2001; "ding fest machen", 2003) in Erscheinung.

Hiermit nähern wir uns auf weiter Kreisbahn dem eigentlichen Schaffensschwerpunkt der Pianistin und Komponistin: Das Ausloten des Feldes von Musik und Sprache, das Verschieben von Grenzen zwischen diesen, in der Regel als getrennt empfundenen Konzepten. Die Formel für die Visualisierung ihrer Tätigkeit bezeichnet sie mit "Third Mind" – die Verschmelzung von Musik und Wort zu einer eigenen Sprache, die sie kontinuierlich weiterentwickelt. Hierin liegt auch der eigentliche, von der Jury als ausschlaggebend gewürdigte, Beitrag zur Ausdehnung des Begriffes "Jazz".

Ulrike Haage bedient sich der Elektronik gleichberechtigt zu akustischen Klangerzeugern – zwischen Synthesizer und Klavier sieht sie folgerichtig keinen relevanten Unterschied.

Carina: Gewinnerin des Jazzpreises 2003 – warst du überrascht, diesen Preis zu bekommen? Immer wieder werden ja Musiker als Jazzmusiker angesehen, weil sie improvisierte Musik oder Ähnliches machen. Bist du eine Jazzmusikerin?

Ulrike: Ich war total überrascht, gleichzeitig aber auch total erfreut von dem Anruf der UDJ, der Union Deutscher Jazzmusiker. Ich war sowieso gerade dabei zu überlegen, ob ich jetzt wieder solistisch arbeite oder mehr Konzerte gebe. Was mich daran auch sehr gefreut hat, war die Tatsache, dass die Verleihung einstimmig war. Und dass die Begründung eben auch die war, dass die Jury wirklich jemanden auswählen wollte, der innovativ ist, der Grenzen überschreitet. Das eigentlich ist ja schon eine Erweiterung des Jazzbegriffes.

Und für mich ist Jazz ein Lebensgefühl. Ich bin ja mit ihm aufgewachsen, mich hat das als Kind bereits in meiner eigenen musikalischen Entwicklung geprägt. Dieser Wunsch, sich auszudrücken – und auch der, sich keine Grenzen zu setzen – , das ist für mich ein Grundgefühl des Jazz. Für mich impliziert der Begriff Jazz eigentlich: Freiheit. Und diese Freiheit nutze ich auch für meine musikalische Entwicklung. Insofern bin ich gewissermaßen eine Musikerin, die ihre Wurzeln zwar im Jazz sieht, aber sich auch darüber hinaus entwickelt hat.

Ulrike Haage

Carina: Dir wird nachgesagt, dass du über die Jahre mit der Verwendung von Stimme/Sprache und "elektronischen Soundtracks" deine poetische Handschrift als Komponistin von Wort (Poesie) und Musik als eigene Sprache konsequent fortsetzt. Wie würdest du dein Prinzip des "Third Mind" selbst beschreiben?

Ulrike: Es ist tatsächlich so, dass ich Literatur und Musik zu einer "Sprache" verwebe. Weil es mich interessiert, in einer guten Sprache bestimmte Worte "anders" leben zu lassen, ihnen durch die Musik noch eine zusätzliche Ebene zu geben. Was nicht bedeutet, dass man dabei einfach die poetische Bedeutung verdoppelt, sondern dass man, ganz im Gegenteil, zwei Dinge verschneidet und damit einen neuen Assoziationsraum schafft. Und dabei bin ich meinem eigenen Gedächtnis auf der Spur, meinen Erinnerungen. Wobei ich manchmal nicht weiß, wo ein spezieller Klang, oder der Wunsch, genau diesen Klang zu verwenden, herrührt.

Und den Klang schneide ich, wie gesagt, zusammen mit Sprache. Wobei ich mich im Moment allerdings in die Richtung bewege, von der Sprache wieder mehr wegzulassen. Daher arbeite ich zur Zeit auch an einer Instrumentalplatte, auf der überhaupt kein Wort, keine Sprache auftaucht – außer einem einzigen Zitat von Marcel Duchamp, das ich mir geborgt habe. Der hat nämlich etwas Wunderbares über die Intuition des Künstlers gesagt: Dass man eben nicht erklären kann, wo das, was man macht, herkommt und warum man es macht. Und das, quasi, ist der Satz, mit dem ich auch meine Platte erkläre.

Carina: Du bist ja Pianistin und Keyboarderin, gleichzeitig Komponistin und, im weitesten Sinne, Soundkünstlerin. Elektronik und akustisches Spiel – inwieweit sind sie überwindbare Gegensätze? Oder, anders gefragt, wie schaffst du es immer wieder, beide zu einer Einheit zu verbinden?

Ulrike: Das liegt daran, dass das für mich gar keine Gegensätze sind – Elektronik und Akustik. Die Elektronik ist für mich ebenso lebendig und ebenso ein Werkzeug, ein Instrument, wie der Flügel selber. Ich habe schon sehr früh damit angefangen, mich mit Elektronik zu beschäftigen und dabei gewisse Synthesizer dermaßen in mein Herz geschlossen, dass ich behaupten würde, die leben genauso wie ein akustisches Instrument. Sie haben eine gewisse Grundqualität, so wie gewisse Instrumente immer eine Qualität haben werden. Ob es ein Flügel ist oder eine Gitarre, ein Cello, eine Stimme, ein Synthesizer, ein Wurlitzer-Piano, die haben alle an sich ein Eigenleben. Die Elektronik gehört für mich total dazu.

Ich bin mit Elektronik und mit akustischen Instrumenten aufgewachsen - die jetzige Generation muss sich hingegen erstmal wieder einen Zugang zu letzteren erschaffen, weil sie komplett mit Elektronik aufwächst. Aber was mich angeht, ist beides ein Teil meiner Sozialisation, meines Lebens und darum benutze ich beides. Ich liebe es sehr, diese Gegensätze, wenn man sie als solche ansieht, zu verbinden. Auf meiner neuen CD mache ich demzufolge den Versuch eines Brückenschlags: also auch Kompositionen, die allein auf dem Flügel entstehen, mit Elektronik und Flügel wiederzugeben. Das ist in den ganzen Tracks überwiegend eine relativ "feinbeinige" Arbeit, die aber eben meiner Phantasie entspricht, meiner momentanen Vision von Instrumentalmusik.

Ulrike Haage

Carina: Die Arbeit mit der Frauenbigband "Reichlich Weiblich", mit den Rainbirds; die Zusammenarbeit mit Meret Becker, das Projekt zu Jane Bowles und das zu Louise Bourgeois – immer wieder spielt bei dir im Laufe der Jahre die Zusammenarbeit mit oder die Projektarbeit über herausragende und teilweise auch vergessene Frauen eine große Rolle. Wie kommt das und inwiefern ist dir das Frausein im künstlerischen Schaffensprozess wichtig?

Ulrike: Das Frausein, für sich betrachtet, ist mir nicht wichtig – denn das bin ich ja nunmal. Ich kann mir gar nicht groß überlegen, ob mir das wichtig ist oder nicht, ich bin's halt einfach. Also ich bin eine Frau, und ich mache Musik: Mich interessieren daher bestimmte Themen und ich habe immer – unabhängig davon, ob es sich um Frauen oder Männer handelt – nach Verbündeten gesucht, weil mir die Kollaboration einfach unheimlich Spaß macht.

Und im literarischen Bereich oder auch im Theaterbereich ist es fast natürlich, dass ich danach suche, was für Frauen es gibt. Das ich abschätze, welche davon mich interessieren, und auch, welche man aufstöbern kann, die vielleicht noch nicht so bekannt sind. Man liest über männliche Persönlichkeiten so viel... – unsere Welt ist ja durch sie geprägt und voll davon!

So betrachte ich es nicht als notwendig, mich damit auch noch zu beschäftigen; ich empfinde es als vorrangig, dass ich mich um die interessanten Frauen kümmere. Und da gucke ich, jetzt im Bezug auf die literarischen Projekte, auch sorgfältig nach der Sprache. Sie muss mich faszinieren. Ich finde es wichtig, dass unsere Welt die Blickwinkel von Frauen genauso erfährt wie die von Männern. Denn das ist einfach interessant – für die Frauen wie für die Männer.

Carina Prange

Aktuelle CD: Ulrike Haage - "SÉlavy" (edel 0155212CTT)

Edel Records im Internet: www.edel.com

Vollständiges Interview erschienen im Jazzpodium.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Haage.

mehr bei Jazzdimensions:
Ulrike Haage - "SÉlavy" - Review (erschienen 4.8.04)

© jazzdimensions2004
erschienen: 23.08.2004
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