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Sebastian Schunke -
"Rhythmus muss der Harmonie dienen!"

New York und Berlin, brodelnde Metropole und aufstrebende Hauptstadt, lateinamerikanische Rhythmen und europäischer Jazz: Der Pianist und Komponist Sebastian Schunke ist ein Globetrotter, persönlich wie musikalisch. Mit Anfang zwanzig machte sich der gebürtige Hannoveraner, der eine klassische Musikausbildung genossen hat, nach New York auf, und fand in der dortigen Latin-Szene eine neue, eine zweite Heimat.

Sebastian Schunke

"Symbiosis", sein 2002 erschienenes Debut-Album, bot einen ersten, bemerkenswerten Einblick in das kreative Potential, das in dem jungen Musiker schlummerte, denn sein musikalischer Ansatz war anders, seine Verbindung von Latin und Jazz wich auf erfrischend neue Art und Weise vom Herkömmlichen ab. Mit seiner neuen CD "Mouvement" geht er diesen Weg konsequent weiter. Und es ist nicht mehr von der Hand zu weisen: Sebastian Schunke liebt und lebt den Latin-Jazz nicht nur, er wird auch immer mehr zu einer der prägenden Persönlichkeiten dieser Musik – engagiert, tonangebend und richtungweisend.

Peggy Thiele von Jazzdimensions traf Sebastian Schunke in Berlin.

Peggy: Nach dem großen Erfolg von "Symbiosis" kommt demnächst dein zweites Album "Mouvement" auf den Markt. Inwieweit hat sich deiner Meinung nach das musikalische Konzept geändert oder weiterentwickelt?

Sebastian: Erst einmal ist die Besetzung anders, es sind jetzt elf Musiker, statt fünf. Das Konzept hat sich insoweit geändert, als dass ich probiert habe, mehr Raum in der Musik zu lassen, so dass verschiedene Elemente zusammenkommen können. Dann sind auf "Mouvement" weniger Stücke drauf, als auf "Symbiosis", dafür sind sie länger; ein Stück ist zum Beispiel siebzehn Minuten lang. Das Album lehnt sich eher an die Miles-Ära an, somit klingt es anders als die erste Platte. Aber das eigentliche Konzept, das Grundkonzept, ist schon noch das gleiche: Ich nehme Latin-Rhythmen, verbinde sie mit europäischen Elementen und erschaffe so ein neues Ganzes.

Peggy: Mit zwölf Jahren hast du die Musik des Pianisten und Komponisten Eddie Palmieri entdeckt. Was war es, was dich an seiner Musik sofort begeistert hat? Hast du auch heute noch bestimmte Vorbilder, denen du nacheiferst?

Sebastian: Also bei Eddie war es der Expressionismus, die Energie seines Spiels, was mich beeindruckt hat. Das war etwas völlig Neues im Latin-Jazz-Bereich, so wie er Akkorde und die Bläser gesetzt hat – dieses Aggressive, Energiegeladene – da war so richtig Power dahinter. Heute höre ich ihn nicht mehr so oft, aber damals hat mich das total beeindruckt. Und es hat mich zweifellos zum Latin-Jazz gebracht. Im Moment höre ich viel Miles Davis; seine Sachen aus den siebziger Jahren. Ein Pianist, von dem ich sage, dass er mich beeinflusst, wäre zum Beispiel Danilo Perez, der in Amerika lebt. Aber ansonsten beschäftige ich mich zur Zeit hauptsächlich mit der Musik von Miles.

Sebastian Schunke

Peggy: Ich habe deinem Lebenslauf entnommen, dass du mit 19 ein Jura-Studium begonnen hast. Wie ist es dazu gekommen?

Sebastian: Feigheit. (lacht)

Peggy: Feigheit vor der Musik?

Sebastian: Ja, es war so, dass ich während meiner Zivi-Zeit in Hannover unheimlich viel Musik gemacht habe. Ich hatte drei, vier Bands. Und wie das so ist, da hat mal der eine Musiker rumgezickt, dann wieder der andere und ich dachte nur: Wenn du deine eigene Band hast, mit der du deine eigene Musik machen willst, dann hättest du ständig diese Problemchen ... Nee, mache irgendwas anderes, aber etwas, wo du viel Zeit für Musik hast – studiere halt Jura! So ist das also gekommen. Ich habe das Studium komplett durchgezogen; erst als ich in New York war, kam der endgültige Entschluss, nur noch Musik zu machen. Ich war ein Spätzünder – aber der Vorteil ist, dass ich es jetzt um so mehr zu schätzen weiß, dass ich meine eigene Musik machen kann, dass ich sie machen darf.

Peggy: Wie schwer war es, als Europäer in der Latin-Szene Fuß zu fassen? Hat es äußere oder innere Widerstände gegeben, die du überwinden musstest?

Sebastian: Innere vor allem. Als ich früher Eddie Palmieri gehört habe, da dachte ich immer: Das ist die große, weite Welt, da hast du als vom Dorf Kommender nichts zu suchen ... Äußere Widerstände gab es überhaupt nicht. Ich wurde sofort mit offenen Armen von den Latinos, die mit Eddie gespielt haben, die praktisch mit allen Menschen der Welt gespielt haben, empfangen: Die fanden es toll, dass ich mein eigenes Konzept mit Latin mache. Und da schwanden dann auch die inneren Widerstände. Ich hatte überhaupt keine Probleme, habe mich wohl gefühlt und bald gemerkt, dass auch ich meinen Teil dazu beitragen kann.

Peggy: Wie würdest du den Begriff "Euro-Latin" definieren? Und was genau ist die europäische Komponente in deiner Musik?

Sebastian: Ich glaube, zunächst einmal meine Herkunft: Ich bin Europäer und mit europäischer Musik groß geworden. Ich bringe dieses Romantische, Melancholische in die Musik ein. Dann interessiert mich der sehr starke harmonische Bezug und auch die vielen modernen Strömungen, die es jetzt in der europäischen Musik gibt. Der Rhythmus, den ich benutze, hat der Harmonie zu dienen – das ist in der lateinamerikanischen Musik anders.

Wenn man Mischungen von traditioneller lateinamerikanischer Musik hört, dann ist die Rhythmik dort sehr im Vordergrund, was für Europäer oft als anstrengend empfunden wird. Bei mir ist es so, dass der Rhythmus dem musikalischen Konzept, der Komposition untergeordnet wird; das würde ich unter europäisch verstehen. Aber das Europäische muss sich natürlich den traditionellen ungeraden Rhythmen anpassen. Das zusammen, würde ich sagen, ist dann Euro-Latin.

Sebastian Schunke "Mouvement"

Peggy: Du hast viel von den lateinamerikanischen Musikern gelernt, bei denen du studiert hast und mit denen du arbeitest. Glaubst du, es gibt etwas, das sie auch von dir lernen konnten?

Sebastian: Da müsste man mal die Jungs fragen. (lacht) Ich glaube, eines haben sie gelernt: sie mussten anders spielen! Richie Flores – Grammy-Gewinner, der mit allen Großen der Welt gespielt hat – hatte mir damals nach den ersten Aufnahmen gesagt: "Ich musste Percussion noch nie so spielen wie bei dir!" Die Rhythmen sind anders, weil ich ihm in einer bestimmen Art und Weise Raum gebe, wie es wohl andere nicht machen. Wenn, dann haben meine Musiker nicht von mir als Virtuose, als Pianist viel gelernt, sondern von mir als Komponist. Ich glaube, sie haben einfach gelernt, ihre eigene Tradition und ihre eigenen Instrumente anders zu spielen.

Peggy: Seit Jahren pendelst du zwischen New York und Berlin. In New York gibt es eine gewachsene Latin-Szene, aus der du sicher viele Anregungen und Ideen aufgreifen kannst. Was hat dir Berlin in dieser Hinsicht zu bieten?

Sebastian: Am Anfang, als ich mich gerade entschieden hatte, mit meiner Musik auch in Berlin Fuß zu fassen, da dachte ich: Oh Mann, New York ist viel geiler mit seiner tollen Latin-Szene ... Das stimmt natürlich, aber inzwischen weiß ich, dass Berlin dafür ganz andere Sachen zu bieten hat. Da wäre zum ersten der ganze Bereich der elektronischen Musik, die ich ja auch in meine Kompositionen mit einfließen lasse. Dann die Verbindung von Neuer Musik und Jazz, was es hier extrem gibt und wovon man noch nicht so viel gehört hat. Aber damit beschäftige ich mich seit einiger Zeit sehr intensiv.

Natürlich ist da noch die besondere Atmosphäre der Stadt, die "Relaxness", die jungen Leute, die sehr innovativ in ihren kleinen Bereich arbeiten. Die sehr kreativ sind, und bei denen nicht Geld im Vordergrund steht. Man kann sich hier sehr gut mit den Musikern austauschen, einfach reden und abhängen – Musik hören. Damit gibt mir Berlin einen Einfluss, den mir New York als Stadt nicht geben kann.

Sebastian Schunke

Peggy: Es ist nicht nur die lateinamerikanische Musik, die dich fasziniert, sondern auch die Kultur. 2003 hast du an einem Festival in Kolumbien teilgenommen. Hattest du die Möglichkeit, etwas in die Kultur dieses Landes einzutauchen? Sprichst du spanisch?

Sebastian: Ja, ich habe mal in Spanien gelebt. Mit meinen Latinos spreche ich nur spanisch. Das ist "Amtssprache" in meiner Band. Wenn ich deutsche Musiker integriere, müssen sie spanisch sprechen ... oder sie haben Pech gehabt. Es ist leider so, aber die können nun mal alle kein Deutsch. Wir waren zwei Wochen in Kolumbien und haben auf fünf Festivals gespielt. Ich habe Kolumbien, speziell Bogotá, sehr gut kennengelernt.

Unser Conga-Spieler Nene Vasquez hat fünfzehn Jahre in Kolumbien gelebt, deswegen hat er mich auch allen Leuten vorgestellt, die er kannte. Ständig musste ich irgendwo Radio-Interviews geben ... Ich war zwar überfordert, aber die ganzen Eindrücke waren toll. Ich habe die Kultur sehr zu schätzen gelernt, weil die Menschen trotz ihrer vielen Probleme, die mir vorher gar nicht so bewusst waren, viel Freude an der Musik haben und diese Freude auch zurückgeben. Davon kann man sich wirklich eine Scheibe abschneiden.

Peggy: Zwischen Kuba- und Brazil-Welle - wo befindet sich deiner Erfahrung nach der Latin-Jazz? Ist er noch angesagt?

Sebastian: Ich schere mich zwar nicht darum, was andere sagen, aber man beobachtet ja so einiges. Ich glaube, dass die große Kuba-Welle vorbei ist. Die Brazil-Welle ist sicher erst im Kommen. Es gibt jetzt viel "Elektro-Brazil" und "Elektro-Latin", worauf ich auch stehe, was ich gut finde. Aber diesen traditionellen Latin-Jazz, so wie man ihn kennt, der wird immer weniger gehört. Ich glaube, dass meine Musik mit dieser Musik auch nicht mehr viel zu tun hat. Die alten Begrifflichkeiten Jazz, Latin ... daraus entwickeln sich einfach neue Arten, die man vielleicht noch nicht so greifen kann. Der traditionelle Latin-Jazz ist vorbei, aber er entwickelt sich längst zu etwas Neuem.

Sebastian Schunke

Peggy: Was sind deine nächsten musikalischen Pläne? Steht mit "Mouvement" eine Tournee an?

Sebastian: Ja, eine kleine Tournee steht im Mai an; wir spielen unter anderem im Berliner Soultrane. Anschließend werden wir ein paar Club-Konzerte in Deutschland geben. Im Sommer spielen wir auf Festivals und im September geht es nach Venezuela. Ich werde nur mit zwei, drei Musikern rüberfliegen und dann mit Musikern vor Ort Workshops und Konzerte veranstalten. Für den Oktober sind Auftritte in Spanien geplant und im November werden wir in New York spielen.

Peggy: Gibt es irgendwas, das du in deinem Leben unbedingt einmal ausprobieren möchtest?

Sebastian: Solche Fragen sollte man eigentlich ganz kurz beantworten. Na ja, Träume habe ich viele. Einer davon wäre – auch wenn es vielleicht banal klingt – mit meinen Lieblingsmusikern, mit meinen Freunden, sei es in Montreux, sei es auf einem der anderen großen Festivals meine Musik zu präsentieren. Das ist wirklich etwas, wo meine Hoffnungen hingehen.

Peggy Thiele

Aktuelle CD: Sebastian Schunke - "Mouvement" (timba 59783-2)

Sebastian Schunke im Internet: www.sebastianschunkemusic.com

Timba-Records im Internet: www.termidor.com

Mehr bei Jazzdimensions:
Sebastian Schunke - "Symbiosis" - Review (erschienen: 10.2.2003)

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Sebastian Schunke.

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© jazzdimensions2004
erschienen: 4.3.2004
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