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Oli Bott - "Ich versuche zu erzählen,
wer wir sind"

Den Tango des Argentiniers Astor Piazzolla mit seinen eigenen Vorstellungen von Jazz zu verbinden, war sowohl Herausforderung als auch lang gehegter Traum des in Berlin lebenden Vibraphonisten, Komponisten und Orchesterleiters Oli Bott. Mit der Gründung des Quartetts "Vibratanghissimo", deren Debut-CD im letzten Herbst erschien, ging dieser Traum endlich in Erfüllung.

Oli Bott

Das ist aber bei weitem nicht das einzige Projekt, dem sich der umtriebige Musiker nach wie vor widmet. Seit Jahren bildet er ein sehr erfolgreiches Duo mit dem österreichischen Gitarristen Thomas Wallisch sowie eines mit dem französischen Saxophonisten Bertrand Lauer. Oli Bott ist Leiter seiner eigenen Big Band sowie eines eigenen Orchesters, mit dem er unter anderem 2001 das Festival "Jazz Across The Border" eröffnete.

"Dialogues on Identity" hieß die Auftragskomposition, die Kritiker wie Publikum gleichermaßen verblüffte und begeisterte. Oli Botts unterschiedliche Projekte spiegeln aber nicht nur seinen eigenen Ideenreichtum wider, sondern auch die Lebendigkeit der Stadt Berlin und die große Vielfalt der hiesigen Musikszene. Nur hier, sagt er selbst, kann er seine so unterschiedlichen Vorstellungen optimal realisieren.

Peggy Thiele von Jazzdimensions sprach mit Oli Bott in Berlin.

Peggy: Dein Instrument ist das Vibraphon, ein Instrument, das sowohl perkussiv – also wie ein Rhythmusinstrument – als auch pianistisch gespielt werden kann. Wie hast du gerade dieses, doch eher seltener zu hörende Musikinstrument für dich entdeckt?

Oli: Schon als Kind habe ich dauernd auf irgend welchen Töpfen herumgetrommelt. Später habe ich Schlagzeugunterricht genommen und war ganz angetan von den Stabspielen sprich Xylophonen, Marimba- und Vibraphonen. Mein Schlagzeuglehrer hat das schnell gemerkt und mich immer wieder vor diese Instrumente gestellt. Ich blieb schließlich am Vibraphon hängen, weil es als einziges von den Schlaginstrumenten ein Pedal hat; man kann also die Klangplatten wirklich klingen lassen, ähnlich wie bei einem Klavier. Und die Pianowelt war mir nicht unbekannt, denn ich habe zu Hause oft am Klavier komponiert.

Peggy: Mit deinem aktuellen Projekt "Vibratanghissimo" hast du dich auf die Spuren Astor Piazzollas begeben. Was verbindest du mit der Musik Piazzollas?

Oli: Während meines Studiums in Boston habe ich zur Entspannung immer wieder Musik von Astor Piazzolla gehört. Mit ganz einfachen Methoden spinnt Piazzolla wunderschöne Melodien. Eigentlich ist es immer nur ein Motiv, aber das wird ständig weiterentwickelt, ohne dabei hochkompliziert zu werden. Es ist aber keine einfache Musik, nicht billig, nicht simpel, sondern sie hat viele Nuancen, viele Reize. Von da an bin ich immer mit dem Traum durch die Gegend gerannt, irgendwann einmal diese Musik zu spielen. Aber dann gab es das Problem, dass Gary Burton mit Astor Piazzolla zusammengespielt hat. Gary Burton war mein Lehrer. Ich dachte, wenn ich etwas in dieser Richtung in die Wege leite – das wird eine Kopie. Ich könnte mich nicht von diesem Original lösen. Das wäre immer die Messlatte gewesen.

Eines Tages trat der Bratschist Juan Lucas Aisemberg an mich heran und sagte, er wolle ein Tango-Quartett gründen, das kein Bandoneon hat – wo die Funktion des Bandoneon vom Vibraphon ersetzt wird. Das war das Radikalste, was man machen konnte! Für Puristen im Tango-Bereich etwas Unmögliches: Aber für mich war es ideal, denn so habe ich den richtigen Einstieg gefunden, so konnte ich endlich die Musik spielen, die ich immer spielen wollte, ohne irgend etwas oder jemanden zu kopieren, ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber Gary Burton zu haben.

Vibratanghissimo

Peggy: Du bist Bandleader verschiedener Orchester sowie Teil mehrerer Duo-Projekte, und du bist nicht nur Instrumentalist, sondern auch Komponist, Arrangeur und Dirigent – das klingt nach einem musikalischen "Workoholic". Brauchst du diese verschiedenen Ensembles, um deine vielen unterschiedlichen Ideen umzusetzen?

Oli: Wahrscheinlich brauche ich das schon. Glücklicherweise ist es so, dass ich mittlerweile schon vorher weiß, für wen ich schreibe. Ich kann also gleich richtig loslegen, was ja der Traum der meisten Komponisten ist: So entsteht nämlich eine sehr viel persönlichere Musik, weil gerade beim Orchester, eine wirkliche Person dabei herauskommt und nicht nur irgendein Trompeter, der zwar auch versucht, seine persönliche Note abzugeben, sich aber vielleicht gar nicht wohl fühlt in der Musik. Aber genau das versuche ich in der Musik zu erzählen – wer wir sind, und nicht, was wir alles Tolles spielen können.

Bin ich ein Workoholic? Jein. Es ist eher eine gewisse Vielseitigkeit. Das ist vielleicht auch der Vorteil am Jazz. Beim Jazz darf man vielseitig sein, muss sich nicht festlegen und kann sich Zeit lassen. Es gibt zwei Wege erfolgreich Musik zu machen. Der eine ist der schnelle Weg, der geht über eine Story, einen klaren Namen, Marketing. Der andere ist ein sehr langsamer Weg, bei dem man Sachen macht, an die man wirklich glaubt, die zu einem gehören, die man einfach gut machen will. Und den gehe ich.

Peggy: Trotz anhaltender Rezession, was CD-Verkäufe angeht, sieht es so aus, als erlebe gerade der Jazz zur Zeit eine Art Renaissance. Was, glaubst du, steckt hinter dieser Entwicklung? Und wird sich dieser Trend halten können?

Oli: Mir fällt schon auf, dass bei vielen Jazzkonzerten ein neues, ein viel jüngeres Publikum da ist. Manchmal spiele ich und denke: "Wow, bin ich in einem Popkonzert? Was machen die hier?" Viele junge Leute sprechen mich nach den Konzerten an und fragen: "Ist das wirklich Jazz, was ihr da macht?" Die stehen darauf, auch weil sie merken, dass wir das alles live spielen. Nichts ist aus der Konserve. Das ist eine neue Faszination für die Kids, dieses Live-Erlebnis.

Jazz ist cool geworden, wohl auch, weil sich der Jazz verändert hat. Andererseits sind die Sachen, die gerade so angesagt sind, sehr viel mit Gesang, gehen mehr in Richtung Singer/Songwriter, Folk oder Country – was ich auch mag, so ist es nicht. Aber kommen dadurch auch langfristig mehr Leute in Jazzkonzerte? Ich weiß es nicht, aber es wäre schön! Ich finde, solange einfach etwas passiert, ist es immer spannend. Ich selbst habe ein sehr gutes Gefühl.

Peggy: Du bildest unter anderem ein Duo mit dem österreichischen Gitarristen Thomas Wallisch. Mit ihm zusammen hast du auch das Label 'big-tone-records' gegründet. Welche Vorstellungen und Ziele habt ihr mit der Gründung verfolgt, und wie sieht die Bilanz bisher aus?

Oli: Grundmotivation war, dass die großen Labels dieses Projekt nicht wollten. So hatten wir nur zwei Optionen. Entweder arbeiten wir mit kleinen Labels zusammen oder wir machen das Ganze selbst. Es war also eine sehr pragmatische Entscheidung. Wir haben tausend Exemplare von "Unknown Beauty" machen lassen und haben alle verkauft, ohne Werbung, ohne alles. Für uns hat sich das also total gelohnt.

Dadurch, dass wir die ganzen Kontakte selbst knüpfen mussten – zu Zeitschriften, Radiosendern etc. – haben wir außerdem sehr viele Leute kennengelernt. Es sind sehr spannende, sehr direkte Kontakte dabei entstanden. Eine gute Basis für weitere Projekte. Ich mag es außerdem, die Sachen selbst in der Hand zu haben. Ich musste erst lernen, Verantwortung auch abzugeben. Aber wenn ich sie abgebe, will ich auch wissen, an wen. Wenn ich mir nicht sicher bin, mache ich es im Zweifelsfall lieber selbst.

Oli Bott

Peggy: Von 1995 bis '96 hast du am renommierten Berklee College in Boston Vibraphon und Komposition studiert. Mit welchen Erwartungen an dich selbst, an das Studium und auch an das Land bist du nach Amerika gegangen? Und inwieweit haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Oli: Während ich Abitur machte, gab es einen Workshop vom Berklee College. Da bin ich hingegangen, mit null Erwartungen. Ich wollte eigentlich nur Gary Burton kennenlernen, irgend etwas mit ihm zusammen machen. Am Ende hat er mich tatsächlich gefragt: "Willst du so was wie Postbeamter werden oder Musiker?" Ich sagte sofort: "Musiker!" Und er antwortete: "Gut, dann kriegst du ein Stipendium!" Ohne jegliche Erwartungen hatte ich plötzlich dieses Stipendium.

So bin ich auch nach Amerika gegangen. Das Ganze hatte sich so unglaublich ergeben, dass ich mich gar nicht vorbereiten konnte. Ich habe natürlich erwartet, viel zu lernen. Ich hatte ja nur zwei Jahre Zeit und wollte unbedingt dieses Diplom nach Hause bringen, was ich auch geschafft habe. Meine Erwartungen an Amerika? Ich habe viel erlebt, mich umgeschaut, aber ich habe festgestellt, dass ich dort nicht leben will. Ich war auch in New York und habe gesehen, wie hart und wie teuer das Leben dort ist, gerade für Musiker – ohne Arbeitserlaubnis sowieso. Ich habe für mich dort keine Perspektive gesehen.

Peggy: Du bist nach deinem Studium nach Berlin gezogen. Hast du hier diese Perspektive gesehen? Und was bietet dir die Stadt heute?

Oli: Es stand zur Alternative nach Frankfurt zu gehen – ich komme aus der Nähe von Frankfurt – oder nach Berlin. Nach Frankfurt wollte ich nicht. In Berlin wohnte ein alter Schulfreund von mir. Also ging ich nach Berlin, in den Prenzlauer Berg. Ich bin mit dem Vibraphon unter dem Arm auf jede Session getigert und war begeistert davon, wie entspannt diese Stadt ist. Hier konnte ich auch mit wenigen Gigs existieren.

Toll war auch, dass hier unglaublich viele Musiker leben oder vorbeikommen. Auch die Leute, die ich beim Studium kennengelernt hatte, kamen im Laufe der Zeit alle mal nach Berlin. Und dann konnten wir hier ein Projekt machen. Das finde ich immer noch toll an dieser Stadt, dass sie so viele Leute anzieht. Und es gibt nicht nur eine Jazzszene, sondern unheimlich viele; in einem Bezirk, einem Club oder auch nur in einem kleinen Keller, egal, sie existieren einfach. Ich kann hier schöpfen, finde hier immer genau die richtigen Musiker, die so spielen, wie ich es mir erträume.

Oli Bott

Peggy: 2001 hast du mit der Auftragskomposition "Dialogues on Identity" das "Jazz Across The Border"-Festival eröffnet. Hat sich dieses Projekt seitdem weiterentwickelt? Sollte nicht eine CD daraus entstehen?

Oli: Nun ja, das ist wohl die extremste Form meiner Langsamkeit. Ich habe nach dem Festival vom Berliner Senat den Auftrag erhalten, das Projekt weiterzuentwickeln und daraus ein eigenständige Komposition zu bauen. Das habe ich im letzten Jahr gemacht. Unser Konzert der JazzUnits wurde live mitgeschnitten. Herausgekommen ist eine sehr spannende und energievolle Aufnahme, die ich Anfang 2005 herausbringen werde. Im Moment sind die Aufnahmen im Pariser Studio von Bertrand Lauer und werden gemischt. Das erste Ergebnis habe ich schon bekommen.

Peggy: Gibt es irgendwas, das du in deinem Leben unbedingt einmal ausprobieren möchtest?

Oli: Ich würde zum Beispiel gern irgendwann mal am Meer wohnen. Ich habe viele Träume und Ideen, an denen ich aber nicht konkret arbeite. Ein Thema, was mich sehr interessiert, sind Charaktere, Identitäten. Ich würde gern noch viel mehr Leute kennenlernen, um zu erfahren, was das Besondere an ihnen ist, was sie anders sehen als ich und warum. Um das zu erfahren, möchte ich noch viel reisen.

Unlängst war ich auf Einladung des Goethe-Instituts zusammen mit Thomas Wallisch in Indien. Neben dem Schock, den die unglaubliche Armut auslöste, war aber auch eine ungeheure Faszination für das Land und die Menschen da. Ich habe auf der Reise viel gelernt und verstanden. Und wenn es etwas gibt, was ich noch erreichen will, dann ist es sicher das: Einfach noch viel mehr zu verstehen von der Welt.

Peggy Thiele

Aktuelle CD: "Vibratanghissimo" (IPPNW-CONCERTS)

Oli Bott im Internet: www.olibott.com

Vibratanghissimo im Internet: www.vibratanghissimo.de

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Oli Bott.

© jazzdimensions2004
erschienen: 8.6.2004
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