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Kai Brückner - "Die Gitarre war immer mein Instrument!"

Der Berliner Gitarrist Kai Brückner gehört zu jener neuen Generation von Musikern, die sich nicht einer bestimmten Tradition oder Stilistik verpflichtet fühlen. Diese Vielseitigkeit machte ihn im Laufe der Jahre zu einem der begehrtesten Sideman in der Berliner Jazzszene. Die freie Improvisation, das Interagieren mit den Bandkollegen und das ständige Ausloten der Möglichkeiten in der Musik sind ganz klar seine Sache.

Kai Brückner

Nach Studien in den USA und Kanada fand sich Kai Brückner Ende der neunziger Jahre in Berlin mit drei Gleichgesinnten zusammen – die Band Yakou Tribe war geboren. "Road Works", das Debütalbum der Herren Brückner, von Klewitz (sax), Gunkel (b) und Winch (dr), gehörte im Jahre 2001 zu den erfreulichsten Überraschungen in der Jazzszene. Ihr frischer, unverkrampft klingender Soundmix aus Großstadt-Blues, Jazz, Rock und vielem mehr überzeugte. Jetzt, drei Jahre später, nach unzähligen Live-Gigs, gereift durch viele gemeinsame Erfahrungen erschien ihr zweites Album "Red and Blue Days".

Peggy Thiele von Jazzdimensions sprach mit Kai Brückner in Berlin.

Peggy: Im Gegensatz zum ersten Yakou-Tribe-Album "Road Works", dessen Produktion sich über Jahre hinzog, ist "Red and Blue Days" in sehr kurzer Zeit entstanden. Wie unterscheiden sich die beiden Alben musikalisch voneinander?

Kai: Es ist schon so, dass sich auch die Stücke auf "Red and Blue Days" über längere Zeit entwickelt haben. Das wurde nicht alles mal schnell geschrieben und dann eingespielt, wir haben sie schon vorher oft live präsentiert. Der eigentliche Unterschied zwischen beiden Alben liegt darin, dass die neuen Stücke sehr viel thematischer sind, mehr so wie kurze Lieder. Auf der ersten Platte haben wir uns auch noch viel mehr Zeit für Sound- und Experimentierpassagen gelassen, was wir heute nur noch live machen. Auf der Bühne dauern die Stücke sehr viel länger als auf dem Album. Dort ist praktisch nur das Essentielle jedes einzelnen Stückes zu hören, das Thema, ohne die Live-Improvisationen.

Peggy: Zur CD war zu lesen: "Der Sound auf "Red and Blue Days" sei direkt dem Berliner Pflaster abgelauscht". Wie wirkt sich die Stadt auf dein musikalisches Schaffen aus? Was genau hat denn der Großstadt-Asphalt zu dir gesagt?

Kai: Wir sind natürlich von allen möglichen Dingen beeinflusst. Es gibt unheimlich viele Musiker hier, mit unterschiedlichen Stilistiken, man bekommt ständig neue Ideen, lernt einfach dazu durch Sachen, die man hört, die man sieht, durch die Geräuschkulisse... Für uns hat sich daraus ein bestimmter Sound entwickelt, den man vielleicht als Road Movie-mäßig bezeichnen könnte. Es war nie beabsichtigt gewesen, dass unsere Musik so klingen soll, sie hat sich einfach dahin entwickelt.

Kai Brückner

Peggy: Der Yakou-Tribe-Sound ist ein komplexes Geflecht aus unterschiedlichen Musikstilen. Der Jazz bildet jedoch immer die Basis, von der aus ihr in diese verschiedenen Richtungen agiert. In welcher musikalischen Tradition siehst du dich selbst und die Band?

Kai: Als ich jung war, habe ich nur Rockmusik gehört, erst mit vierzehn, fünfzehn habe ich angefangen, mich mit Jazz zu beschäftigen. Mein Vater hatte das immer gehört, doch als Kind hatte ich dem nichts abgewinnen können. Ich fing mit modernen Fusion-Sachen an, die waren für mich ein bisschen einfacher zu hören und zu verstehen. Später wandte ich mich auch anderen Jazzstilen zu. Ich kann also nicht sagen, dass ich in irgendeiner Tradition verwurzelt wäre.

Was die Band angeht... Wir sind alle mit der gleichen Musik groß geworden, wir stehen alle auf diesen countryhaften, bluesmäßigen Americana-Sound, der sich auch in unseren Stücken wiederfindet, dazu kommen noch diverse Pop-Elemente. Doch unsere Basis ist der Jazz, wir wollen ja etwas machen, von dem aus wir improvisieren können. Wir wollen alles Mögliche ausprobieren und uns in kein Schema pressen lassen.

Peggy: Wie muss man sich die Studioarbeit bei Yakou Tribe vorstellen? Wie funktioniert ihr bei einer Session als Quartett? Existiert so etwas wie eine hierarchische Ordnung oder herrscht das kreative Chaos?

Kai: Eindeutig das kreative Chaos. Es hilft aber, jemanden dabeizuhaben (wie in diesem Fall Wolfgang Loos), der die Sachen von außen beurteilen kann. So eine richtige Hierarchie in der Band gibt es nicht. Klar, wenn jemand ein Stück schreibt und eine Idee damit verfolgt, dann richten sich alle anderen ein bisschen nach dieser Idee. Wenn aber ein anderer eine andere, womöglich bessere Idee hat, und diese wird vom Autoren wie vom Rest der Band akzeptiert, dann ist natürlich alles offen.

Peggy: Dein Name findet sich auch auf den Besetzungslisten anderer Bands wieder, so z.B. auf der des Thärichens Tentett oder auf dem des Jacobien Vlasmann Quartetts. Welchen Stellenwert nimmt die Arbeit für und mit Yakou Tribe neben den anderen Projekten ein? Nach welchen Maßstäben setzt du deine Prioritäten?

Kai: In meinem Kopf nimmt sie den höchsten Stellenwert ein. In der Praxis ist das nicht immer so. Manchmal spielen wir längere Zeit gar nicht, dann gibt es mit den anderen Bands mehr zu tun. Trotzdem bin ich für die Band weiter am Schreiben und Machen. Es ist schon mein Lieblings-Baby, obwohl ich die anderen Bands auf keinen Fall missen möchte.

Peggy: Wie sieht es mit einem Kai Brückner Trio oder Quartett aus? Siehst du dich lieber als Sideman oder könntest du dir auch vorstellen, eine eigene Band zu leiten?

Kai: Ich könnte mir das gut vorstellen, wobei ich einen riesigen Respekt vor dem Trio habe. Ich habe selbst mal kurzzeitig in einem Trio gespielt. Ja, ich kann es mir gut vorstellen, eine Band zu leiten. Doch dafür müsste ich noch ein wenig weiter sein und vor allem ein Konzept haben. Würde ich in der Zukunft aber sehr gern mal machen. Im Moment bin ich allerdings nicht an einem Punkt, wo das in Frage kommen würde. Und als Sideman arbeite ich auch wirklich sehr gern.

Yakou Tribe - "Red And Blue Days"

Peggy: Wie und wann wurde die Gitarre dein Instrument?

Kai: Die war immer mein Instrument. Als ich acht war, hat meine Mutter meinem Vater eine Konzert-Gitarre geschenkt, weil er immer den Wunsch hatte, ein anderes Instrument zu spielen. Er hatte mal Geige gelernt, das aber nicht weiter verfolgt. Das war die ursprüngliche Idee. Aber dazu ist es nie gekommen. Statt dessen haben meine Mutter und ich uns einen Lehrer genommen und zusammen diese ganzen Feld-Wald-und-Wiesen-Begleit-Mitschmetter-Lieder gelernt. Das war sehr nett.

Ich hatte also von Anfang an das richtige Instrument für mich gefunden. Man hat ja bei der Gitarre auch schnell ein Erfolgserlebnis. Ich hatte als Kind keinen klassischen Unterricht, trotzdem hatte ich schnell dieses Liederbegleitende drauf. Und mit fünfzehn, als ich den Jazz entdeckte, fing ich eigentlich noch einmal von vorne an. Ich lernte Tonleitern, Notenlesen und den ganzen Krempel noch mal völlig neu - allerdings nur mit durchwachsenem Erfolg.

Peggy: Nach deinem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin warst du für längere Zeit in New York. Was ist, aus heutiger Sicht, das Wichtigste, was dir Musiker wie John Abercrombie, Mike Stern oder Jerry Granelli mit auf den Weg geben konnten?

Kai: Das sind drei total verschiedene Leute. Mike Stern habe ich ziemlich lange sehr vergöttert. Ich war zweimal bei ihm zum Unterricht und wir haben einfach nur stundenlang gespielt. Es war sehr nett. Mit Abercrombie hatte ich länger zu tun. Auch hier war es so, dass wir nur gespielt haben, und er hat Kommentare dazu abgegeben. Nicht technischer, sondern musikalischer Art. "Mach mal weniger ... Denk mal mehr im großen Bogen ..."

Von John Abercrombie habe ich vieles durch zusehen und zuhören mitbekommen, wenn wir zusammen in der Gitarrenstunde gespielt haben. Mit Granelli hatte ich am längsten zu tun gehabt, erst an der Hochschule und später bei mehreren Touren in den Staaten. Wir haben ein enges, gutes Verhältnis zueinander, nicht ohne Streit, aber wir mögen uns einfach. Jerry hat mir sehr viel mitgegeben, was Musikalität betrifft. Seine Auffassung ist es, sich einen Scheiß um virtuose Sachen zu kümmern, aber immer musikalisch zu denken. Daran versuche ich mich zu halten, auch wenn ich vielleicht noch weit davon entfernt bin.

Kai Brückner

Peggy: Eines deiner interessantesten Projekt war das Hörbuch "Brückner – Bukowski": Gedichte von Charles Bukowski, gesprochen von deinem Vater, dem Schauspieler Christian Brückner, untermalt durch die Musik von Yakou Tribe. Jazz und Lyrik – was fasziniert dich an dieser Kombination? Und welche Rolle spielt die Literatur allgemein in deinem Leben?

Kai: Die Literatur hat lange Zeit in meinem Leben gar keine große Rolle gespielt, zum Leidwesen meines Vaters. Vielleicht war das so eine Art Abtrennung, gerade weil zu Hause so viel davon zu finden war. Dazu kommt, dass ich den Deutsch-Unterricht in der Schule nicht gerade spannend fand. Das lag nicht an den Texten, sondern daran, dass alles immer so elend lang zerkaut wurde.

Was ich jetzt bei den Projekten interessant finde, ist der Dialog zwischen Sprache und Musik, die Sprache als Instrument zu verstehen, das ist wichtig, mindestens genauso wichtig wie der Text-Sinn. Es geht mehr um das Eingehen auf die Sprachmelodie, auf die Intensität, die gerade da ist. So eine Lesung verläuft ganz anders, als ein Konzert. Es gibt zwar festgelegte Stücke, doch meistens interagieren wir frei. Und das macht es jedesmal ziemlich spannend. Es kann toll werden, aber auch mächtig in die Hose gehen.

Peggy: Gibt es irgendwas, das du in deinem Leben unbedingt einmal ausprobieren möchtest?

Kai: Es gibt nicht so was wie: Ich möchte mal auf den Mount Everest. Ich möchte meine Kinder groß ziehen, so dass sie gut im Leben zurecht kommen. Ich möchte viel reisen, mit der Familie und mit der Band. Und ich möchte einmal das Gefühl haben, ich beherrsche mein Instrument richtig. Auch wenn das jetzt blöd klingt, aber das geht wahrscheinlich jedem Musiker so. Man weiß, man kann spielen, hat aber nie das Gefühl, man beherrscht das Instrument wirklich. Dieses Gefühl ein einziges Mal zu haben, wenigstens ein bisschen, das wäre schon was.

Peggy Thiele

Aktuelle CD: Yakou Tribe - "Red and Blue Days" (Traumton)

Traumton im Internet: www.traumton.de

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Kai Brückner und Joerg Grosse-Geldermann.

© jazzdimensions2004
erschienen: 28.12.2004
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