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Esther Kaiser - "Das Englische als poetische Sprache"

Das Album "Jazz Poems" der Sängerin Esther Kaiser eröffnete als "Vol.1" die bei Double Moon Records erscheinende engagierte neue Reihe "Next Generation". Gleich in Form einer Serie von Alben will die Plattenfirma in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ‚Jazz thing' den deutschen Nachwuchsjazz dem Hörer näher bringen. Dass es Esther Kaiser ist, die auf dem allerersten Silberling zu hören ist, verdankt sie einerseits dem Engagement des Labelchefs Volker Dück. Andererseits sind ihr Gesangstalent und ihre Sensibilität darin, bekannte Standards der Jazzgeschichte um eigene lyrische Texte zu erweitern, Grund genug.

Esther Kaiser

Die ursprünglich aus Freiburg stammende Sängerin hat sich in Berlin an der Hochschule für Musik, Hanns Eisler, bei Jiggs Whigham und Judy Niemack, das nötige Rüstzeug für ihre eigene Karriere verschafft. Den Unterricht der Gesangsprofessorin Judy Niemacks möchte sie in Bezug auf das Texten und technische Aspekte auf keinen Fall missen: "Sie hat mir anfänglich sicher viel in Richtung Sound, Style und Phrasierung vermittelt. Dann war aber auch ihre Tätigkeit als Textschreiberin für mich sehr wichtig. Allein, dass Jazzsänger auch ihre eigenen Texte schreiben, habe ich erst durch sie kennengelernt. Sie hat an die texterische Arbeit ja einen sehr hohen Anspruch - da habe ich viel von ihr gelernt." Von dieser Zeit des Studiums hat sich Esther Kaiser inzwischen emanzipiert – und ihren eigenen Stil gefunden.

Carina Prange sprach in Berlin mit Esther Kaiser

Carina: Du warst auch Teil der "Berlin Voices" und bist nun mit deinem Projekt "Jazz Poems" sehr beschäftig. Wieviel Raum bleibt dir neben deiner eigenen Band für andere Vorhaben? Und wie verbindest du das mit deiner Unterrichtstätigkeit?

Esther: Die "Berlin Voices" existieren nach wie vor - wir hatten im Herbst einige Konzerte. Ein neues Programm haben wir bereits in Planung; ich kann es auch schon verraten: "Berlin Voices sing the Songs of Billy Joel". Das ganze dann in vierstimmig und in Jazzform. Zu dem Programm wird es auch eine Platte geben. Im Grunde also sind die "Berlin Voices" jetzt aktueller als, sagen wir mal, im Jahre 2002 und die Band hat für mich wieder einen größeren Wichtigkeitsgrad bekommen. Aber"Jazz Poems" – das muss ich schon sagen – steht natürlich in der Rangfolge an erster Stelle. Immerhin ist es mein eigenes und absolut persönlichstes Projekt.

Esther Kaiser

Carina: Du unterrichtest ja auch - wie sehen da deine Schwerpunkte aus? Gehst du eher mit Kopf oder Bauch an die Lehrtätigkeit heran? Was vermittelst du deinen Schülern - was ist für sie besonders wichtig, wenn man das Singen erlernen will?

Esther: Es ist schon durchaus wichtig für mich, dass meine Schüler musikalische Grundlagen haben; allerdings ist das von Fall zu Fall unterschiedlich. Meistens, insbesondere bei Anfängern – und ich habe ja nicht nur fortgeschrittene Schüler - gehe ich an die Sache in der Tat zunächst mit dem Bauch ran, damit die sich erstmal etwas lockern. Aber ich lege auch Wert darauf, dass das Hören, das Imitieren mit dabei sind – auch Blues und beispielsweise Duette. Ich versuche den Schülern zu vermitteln, phantasievoll mit der Musik umzugehen. Allein deswegen, weil viele ja immer Angst haben, Fehler zu machen.

Dann kommt aber irgendwann ein Punkt, an dem es mir sehr wichtig ist, dass sie eine Dur-Tonleiter und eine Moll-Tonleiter singen. Und dass sie das unterscheiden können. Insgesamt kann man sagen, die Herangehensweise ist primär emotional, damit die Schüler sich mit dem Singen anfreunden, damit sie Selbstbewusstsein bekommen. Anschließend aber geht es darum, dass der Gesang auch ein Instrument ist: Und dafür muss man ein bisschen von dem theoretischem Hintergrund lernen.

Esther Kaiser

Carina: Bei deinen Songs auf "Jazz Poems" handelt es sich um Klassiker aus verschiedenen musikalischen Bereichen, darunter viele Standards. Die Texte wurden teilweise von dir hinzugefügt – sie sind in Gedichtform verfasst und in englischer Sprache. Warum schreibst du nicht in deiner Muttersprache Deutsch?

Esther: Das ist eine wirklich gute Frage. Ich habe mich gestern auch mit meinem Schlagzeuger darüber unterhalten. Es ist schon irgendwie komisch: Ich habe nicht das Gefühl, dass mir das Englische, wenn ich dichte, fern ist. Es ist mir dann seltsamerweise näher als das Deutsche. Vielleicht auch, weil meine Art zu Singen, meine Musik eher mit dem Englischen zusammenpasst; weil die Sounds möglicherweise eher "englische" Sounds sind.

Es kommt ganz selten vor, dass ich mal etwas in deutscher Sprache verfasse. Und wenn, dann notiere ich mir nur Bilder und ich übersetze diese dann ins Englische, bringe sie in eine "englische" Form. Anders gesagt: Englisch ist offensichtlich meine poetische Sprache. So wie man vielleicht eine Alltagssprache hat, in der man sich für gewöhnlich ausdrückt – und eine Kunstsprache, in der man dichtet, schreibt oder singt.

Esther Kaiser - "Jazz Poems"

Carina: Wählst du erst die Songs aus und suchst dann thematisch Textzeilen dazu oder sind erst die Niederschriften deiner Gedanken vorhanden und du suchst dazu einen Song?

Esther: In der Mehrzahl ist es so, dass die Musik zuerst da ist. Dass sie mich anspricht und dass ich schon relativ kurz darauf eine Vorstellung davon habe, worüber ich schreiben werde. Die Musik bringt es irgendwie mit sich, ich höre sie und denke: "Ah, das ist es!" Manchmal gibt es auch eine Geschichte, die mit dem Song zu tun hat, mit ihm verknüpft ist. Wenn beispielsweise ein Song jemandem gewidmet ist oder der Titel etwas vermittelt.

Für meine Betextung von "Invierno Porteño" – übersetzt also "Winter" –, dazu habe ich beispielsweise auch winterliche Bilder verwendet. Ansonsten war das meiste trotz alledem sehr frei. Das einzige Mal allerdings, wo ich von einer Vorlage völlig abgewichen bin, war bei "Django", denn der Text handelt nun wirklich nicht von Django Reinhardt. – Aber es kommt in letzter Zeit immer häufiger vor, dass ich zuerst eine Art von Gedicht schreibe und es dann vertone. Das geht dann schon eher in Richtung eigene Songs und könnte in Zukunft ein neuer Schwerpunkt werden.

Esther Kaiser

Carina: Die Texte deiner Lieder, wieviel haben sie mit dir selbst zu tun? Was ist beispielsweise die Botschaft, der Hintergrund, zu deinen beiden Engeltexten für die Piazolla-Stücke "Milonga del Angel" und "La Muerte del Angel"?

Esther: Die Texte haben viel mit mir zu tun. Sie sind dabei relativ abstrakt gehalten, man kann sich also selber einiges dazu denken. Es ist sicherlich auch meine Art, meine Geschichten den Leuten nicht "eins zu eins" aufzudrücken. Ich liebe es einfach, wenn man Spielraum zur Interpretation hat.

"Milonga" und "La Muerte" sind die ältesten Texte auf der Platte. Es gibt in dem Zusammenhang noch einen dritten, der älter ist, aber der ist nicht auf der CD. Bei diesen jedenfalls war es schon etwas Konkretes, von dem ich inspiriert wurde: Es war die traurige Geschichte eines Freundes von mir, der gestorben war – und der sein ganzes Leben über sehr unglücklich gewesen ist. Nie hatte er sich richtig wohl gefühlt, nie kam er wirklich klar. Zu dem Zeitpunkt, als die Texte entstanden, war das noch nicht so lange her. Aber ich kann nicht sagen, warum ich darüber geschrieben habe; es ist einfach passiert.

Die Botschaft von "Milonga" ist äußerlich eine Geschichte über einen Engel. Aber es könnte eben genauso gut auch ein Mensch sein; einfach eine Seele, die auf die Erde kommt und sie kalt und grau vorfindet, aber dennoch bleibt – so wie die Sonnenstrahlen, die ja auch nur ab und zu kommen. Und dieser Mensch oder Engel sucht etwas, sucht nach Antworten, nach Worten, nach Nähe und Wärme. Und die bekommt er nicht. Das führt sozusagen zu einem totalen Rückzug. Aus diesem tritt er dann noch mal für kurze Zeit heraus, weil er plötzlich seine Stimme entdeckt – also das Singen auch im metaphorischen Sinne – doch er macht sich nicht abhängig davon.

Damit wird dieses Kapitel geschlossen und es folgt "La Muerte". Warum er sich im Grunde entscheidet, doch zu gehen, das bleibt offen. Ich kann auch in meinen eigenen Texten nicht immer sagen, warum etwas so oder so ist. Und gerade bei diesen Lyrics ist das schwierig - ich weiß über andere Texte viel besser Bescheid als gerade über den! (lacht) Aber das ist auch das Spannende daran. Sicher, ich könnte den Text jetzt noch mal verändern, für mich klarer machen, aber das will ich nicht. Weil er so entstanden ist und so bleiben sollte. Die Entscheidung des Protagonisten in diesem Song, zu gehen: Er trifft sie einfach - obwohl es ihm auch nicht leicht fällt...

Carina Prange

CD: Esther Kaiser - "Jazz Poems" (Double Moon Records 71036)

Esther Kaiser im Internet: www.estherkaiser.de

Fotos: Moritz David Friedrich

© jazzdimensions2004
erschienen: 22.9.2004
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