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Sonja Kandels - "Das innere Lächeln"

Die Idee, die hinter dem Titel ihres gerade erschienenen Albums "God Of Laughter" steht, ist die des "inneren Lächelns" - mit plakativer Äußerlichkeit hat Sonja Kandels nichts im Sinn. Als Tochter eines Entwicklungshelfers wuchs sie, den verschiedensten Kulturen ausgesetzt, in Niger, Afghanistan und Kamerun auf: Hier liegt ihre innere Verbindung zur afrikanischen Musik, hier liegen auch ihre eigentlichen Wurzeln.

Sonja Kandels

Für Sonja Kandels Musik gehen nicht nur die Stilrichtungen eine afrikanisch-jazzige Liaison ein. Hier spiegelt sich auch ihr Wunsch wider, sich und ihre Stimme auszuprobieren, auf der Gefühlsebene in immer neue Gebiete vorzudringen und mehrsprachige Vielfalt miteinzubeziehen. Das Bedürfnis nach emotionaler Authentizität ist elementar für sie; von daher folgerichtig auch ihre gefühlsmäßige Herangehensweise an Musik - und das Ergebnis ist schlichtweg beeindruckend!

Carina Prange sprach in Berlin mit Sonja Kandels.

Carina: Dein neues Album heißt "God Of Laughter" - nach einem Gedicht von Wole Soyinka. Was hat dich den Texten von Soyinka näher gebracht, und worum geht es im Inhalt des Gedichtes, das leider nicht im Booklet steht?

Sonja: Wole Soyinka ist zunächst einmal, was die afrikanische Literatur angeht, einfach ein sehr, sehr bedeutender Mann. Als Soyinka im Haus der Kulturen der Welt war, hatte ich ein Faltblatt von dem Musiker bekommen, der die Lesung musikalisch unterstützt hat - zu den Gedichten Perkussion hinzugefügt hatte. Dadurch habe ich diese Texte gelesen und auch andere seiner Bücher.

Der vollständige Text geht thematisch viel weiter - also: "god of laughter", das ist nicht nur der Gott des Lachens, sondern gleichzeitig der Gott, der das Tote neu erweckt, der Schöpfergott gewissermaßen. Der es versteht, jeden Moment künstlerisch und neu zu erleben. Man sagt auch, er trägt einen Buckel und hat eine unheimlich schwere Last zu tragen. Und trotzdem versteht er es aber, eine Verzauberung im Moment zu leben und auch anderen zu gönnen.

Ja, dieses Bild hat mich einfach fasziniert, weil das Leben, wenn es künstlerisch oder schöpferisch passiert, genau so sein sollte. Das war auch eine Motivation, den Titel als Motto der CD zu verwenden - und so ist das entstanden.

Sonja Kandels - "God of Laughter"

Carina: Was möchtest du mit deiner Musik vermitteln? Wie ist die Idee entstanden, Jazz und ursprüngliche afrikanische Musik zu verbinden?

Sonja: Das ist ein wenig ein "Zurückerforschen" dessen, was ich als Kind in Afrika erlebt habe - und dessen, was ich hier in Europa gelernt habe. Oder der Musik, die ich später gehört habe - nämlich Jazz. Die Idee war dann, das durch die Jazzausbildung miteinander zu verbinden - es sind eben Dinge, die ich liebe.


Jeder muß versuchen, das, was er an Musik aufgenommen hat,
für sich neu zu interpretieren!

Ich fühle mich der afrikanischen Musik sehr verbunden, aber sie traditionell wiederzugeben ist mir nicht wirklich möglich, weil ich keine Afrikanerin bin. Jeder muß versuchen, das, was er an Musik aufgenommen hat, für sich neu zu interpretieren und auch darzustellen. Bei mir war das die Suche nach einer möglichen Fusion von afrikanischer Musik und Jazz.

Carina: Als du in Kamerun gelebt hast - wie kann man sich deine erste Annäherung an afrikanische Musik vorstellen? Inwiefern war für dich als kleines Mädchen in einer amerikanischen Schule der Kontakt zu den Ureinwohnern des Landes möglich?

Sonja: Also, wenn man aber als Kind eines neugierigen Entwicklungshelfers unterwegs ist, dann hat man immer Bezug zu den Einwohnern. Einmal durch die Nachbarn, die es gibt. Die amerikanische Schule war zwar eher gemischt, hatte aber schon Ähnlichkeit mit einem Club, wo man unter sich ist. Aber wir hatten eigentlich immer Kontakt zu Priestern oder zu Leuten, die in der Ethno-Richtung forschten - und mit Einwohnern viel zu tun hatten.

Sonja Kandels

Wir waren demnach viel unterwegs und haben sehr viele traditionelle Feste miterlebt. Ich habe mich als Kind gar nicht vor diesen Eindrücken schützen können. Das war zunächst eine sehr große Kraft, die mir entgegenkam und dann ein großes Staunen - das ist ein sehr intensiver, emotionaler Eindruck, der bleibt, der sehr stark bleibt.

Carina: Als weiße Frau, die afrikanische Musik macht - wie ist da deine Akzeptanz in der "Black Community"?

Sonja: Die Leute sind eigentlich sehr positiv überrascht, was ich sehr angenehm finde. Sie wundern sich zwar, daß sich eine Weiße für so viele verschiedene Sprachen interessiert. Und auch darüber, daß es dabei doch relativ authentisch wirkt. Ich pflege auch immer mal nachzufragen: wie empfindet ihr das jetzt, und habt ihr das gerade verstanden, was ich gesagt habe... Das kam eigentlich immer gut rüber.

Und so mancher sagt sogar, hey, du gibst auch unseren schwarzen Frauen ein bißchen Mut, zeigst ihnen, wie sie sich mehr bewegen könnten, den Mund aufmachen und sich ausdrücken! So habe ich das bis jetzt sehr positiv mitbekommen.

Sonja Kandels

Carina: Deine Diplomarbeit an der Hanns Eisler Hochschule behandelt die "Gesänge der Baka-Pygmäen". Etwas davon fließt auch auf deinem neuen Album ein. Wie kamst du gerade auf dieses spezielle Thema?

Sonja: Die Musik, eine Schallplattenaufnahme von den Baka-Pygmäen, habe ich irgendwann mal bei einem Freund gehört. Ich hatte sogar ganz vergessen, daß wir sie auch mal im Busch besucht hatten, als ich noch ganz klein war! Aber ich hatte mich nie an diese Klänge erinnern können.

Was ich von der Musik her am tollsten fand, war, wie die Frauen im Wasser stehen und trommeln: diese Wassertrommeln - zusammen mit dem wie Jodeln klingenden Gesang. Dieses Jodeln der Baka-Pygmäen ist wie ein Ur-Ruf aus dem Dschungel - so anziehend, so sinnlich urtümlich - beinahe wie Vogelgesang. Zusammen mit diesen Trommeln steht man einfach im Flußwasser - auch wieder wie das Natürlichste, was es gibt. Diese Musik machen nur Frauen, weil sie in Verbindung steht mit dem Waschen am Fluß.


Das Alltägliche mit der Musik zu verbinden,
ist eine Fähigkeit, die wir hier in Europa eigentlich verloren haben!

Das Alltägliche mit der Musik zu verbinden, eine Fähigkeit, die wir hier in Europa eigentlich verloren haben, ist da noch so stark vorhanden. Das hat mich auch dazu gebracht, zurückzugehen, wo ich aufgewachsen bin und wo nur die Baka-Pygmäen aufzufinden sind, nämlich nach Kamerun. Dieses Interesse, oder vielmehr die Entscheidung wurde eigentlich immer klarer: dort und nur dort mußte es sein...

Carina: Gesangstechnisch und auch sprachlich probierst du dich in den verschiedensten Richtungen aus. Inzwischen hast du eine eigene Gesangssprache erfunden. Wann verwendest du deine Phantasieworte anstelle von den vielen anderen Sprachen, in denen du singst?

Sonja: Diese Phantasiesprache ist eine Freiheit, die ich mir nehme, wenn ich noch kindlicher, also noch ursprünglicher singen will. Wenn ich meine Stimme noch mehr als Instrument benutzen möchte, oder als Sound, als Klangfarbe. Wenn ich einfach mal erzählen möchte von einer Vorstellung, die ich habe, die ich anderen übermitteln möchte. Es ist aber keine verstehbare Sprache in dem Sinne, daß sie aufgeschrieben oder überhaupt reglementiert wäre. Ich weiß noch nicht, inwiefern ich das in Zukunft ausbauen werde. Eigentlich ist es ein Spiel - auch ein Spiel mit Improvisation.

Sonja Kandels

Es ähnelt auf jeden Fall den Phantasiesprachen, wie sie Kinder unbefangen erfinden, ein Kommunikationsmittel, das zu jeder Zeit da sein kann. Ich verwende meine Phantasiesprache immer dann, wenn ich Lust auf Laute habe, auf ein Spiel mit Lauten. Ich spreche keine afrikanische Sprache fließend - ich lerne jetzt gerade Wolof und kann ein bißchen hiervon, ein bißchen davon. Dort ist es oft schwierig, sich zu verständigen; also spricht man in der Regel die Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte - eben Englisch oder Französisch. Der Rest sind Tausende verschiedener Sprachen, die es in den Ländern gibt.

Wenn von zwei Personen die eine Wolof spricht, dann spricht die andere meist wieder etwas anderes - also einigt man sich auf Französisch. Die Vorstellung, die man bei der Sprache hat, die man verwendet, die ist mir wichtig. Denn das ist es, was wirklich den Hörer berührt oder den Ton intensiviert - ob die Leute es inhaltlich verstehen oder nicht.

Eine Erklärung kann man immer noch in der Ansage bringen - viele verstehen schließlich auch kein Englisch. Und warum dann sollte man alles nur auf Englisch machen? Es lohnt den Versuch, dem Hörer auch andere Sprachen näher zu bringen - als Klang!

Carina Prange

CD: Sonja Kandels - "God Of Laughter" (Minor Music 801101

Sonja Kandels im Internet: www.proton-berlin.de/kuenstler/

Minor Music im Internet: www.minormusic.de

Fotos: Vielen Dank an Uwe Kerkau Promotion

Dieses Interview erschien in ungekürzter Form im Jazzpodium 3/2003

© jazzdimensions2003
erschienen: 12.5.2003
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