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Sandra Weckert -
"Natürlich gibt es ein Konzept!"

Nicht überall wo "Bar Jazz" draufsteht ist auch "Barjazz" drin. In Sandra Weckerts vierten CD jedenfalls garantiert nicht. Auch wenn die so heißt. Da wird jazzig-schräg gebürstet was das Zeug hält: Vom AC/DC-Cover ('It`s A Long Way To The Top') über ein total verstimmtes Klavier ('Neukölln is jazz!') bis hin zu überlangen Titeln ('He: How more often do you wanna hang up this dirty towel? She: Exactly as often as you throw it on the floor. He: Kiss my ass!'). Ooops!

Sandra Weckert

Rainer Voss sprach für Jazzdimensions mit Sandra Weckert.

Rainer: Vorab – damit nix untergeht: Was sind so die typischen Fragen die dir gestellt werden (und auf die du keinen Bock mehr hast)?

Sandra: Typische Fragen sind: Warum singst du nicht? Warum bist du nicht blond? Warum machst du nicht einfach nette Musik? Wie kommst du auf diese Musik und die Stücktitel?

Rainer: Täuscht mich mein Eindruck, oder ist die Vollblutmusikerin Sandra Weckert tatsächlich morgens um 11 Uhr bereits "alive, live & well"?

Sandra: Morgens um 11? Ich stehe um sieben Uhr auf, wecke meine Tochter, frühstücke mit ihr, bringe sie dann in die Kita und bis um 11 habe ich dann noch mindestens drei andere Dinge erledigt.

Rainer: Strebst du den Titel "Held in der Arbeit" an, oder hattest du gestern kein Konzert?

Sandra: Nein, den Titel strebe ich nicht an. Aber ich habe das von meinen Eltern übernommen. Die sind zwar keine Musiker, dafür aber Ärzte. Ich wurde erzogen nach dem Motto: Wenn du 24 Stunden arbeitest – bist du 24 Stunden wert. Wenn du 12 Stunden arbeitest – bis du 12 Stunden wert.

Rainer: Was steht auf deiner "Out-Liste"?

Sandra: Unpünktlichkeit.

Rainer: Das würde ja auch den Tagesablauf durcheinander bringen ...

Sandra: Genau. Ganz oben auf meiner Out-Liste stehen auch Jazzmusiker, die nicht mit ihrem Publikum kommunizieren oder sich für was Besseres halten. Und davon gibts 'ne Menge. Das finde ich schrecklich. "Deutschland sucht den Superstar" und Dieter Bohlen stehen ganz oben auf der Liste, Burger King ist ganz oben auf der Out-Liste, Mc Donalds ist ganz oben, George W. Bush ist ganz oben, Leute, die ihre Kinder anschreien sind ganz oben ...

Sandra Weckert

Rainer: Sandra Weckert verzieht ihre Miene auf dem Cover von "Bar Jazz" weil sie gerade einen Schluck von ... was getrunken hat?

Sandra: Wodka.

Rainer: Aber der geht doch ganz gut runter. Da gibt's wirklich Schlimmeres.

Sandra: Das steh' ich nicht drauf. Es sei denn, man fährt nach Slowenien und isst ein richtig slowenisches Essen mit viel Fleisch und trinkt dann einen Slibowitz.

Rainer: Zwecks Verdauung?

Sandra: Genau, das ist total geil. Ansonsten trinke ich nicht.

Rainer: Unbedarfte Käufer deiner gerade erschienenen CD mit dem Titel "Bar Jazz", also solche, die vor dem Kauf nicht "reingehört" haben, dürften sich zurecht verarscht fühlen, wenn sie spät abends die klassische Nummer: "Ich lade sie oder ihn noch auf einen Kaffee ein, lege meine neue BarJazzScheibe auf und dann geht´s richtig ab ..." durchziehen wollen, und das Ganze dann nach hinten losgeht. Ist der Titel ein gewollter Bruch mit Erwartungshaltungen?

Sandra: Wenn du dir das Cover von "Bar Jazz" anguckst und wenn du mich darauf siehst, dann weißt du, dass da kein Barjazz drauf ist. Die Hirnwindungen muss man schon einstellen. Wenn da jemand drauf ist der so aussieht und es steht "Barjazz" drauf, dann muss man die auflegen.

Kurz bevor die CD rausgekommen ist, bin ich morgens um 2 Uhr mit einem Taxi nach Hause gefahren. Der Chauffeur war ein totaler Freak aus Kreuzberg mit Afrolook. Dem habe ich die brandneue CD gegeben und ihn gefragt: "Wenn Sie die bei Saturn stehen sehen, würden Sie die kaufen?" Dann hat er erst mal Licht gemacht, sie sich angesehen und gelesen: "Sandra Weckert. Barjazz. Also Barjazz finde ich ganz gut – aber das Cover ... Nee!"

Sandra Weckert & Exotic Fruits - "Bar Jazz"

Rainer: Deine Mitspieler geben schon mal Statements ab à la (Sabine Zlotos): "Bei diesem Stück musste ich mein Geigen-Debüt geben. Das war ein ungewöhnlicher Spaß, weil alle nicht mit ihren eigentlichen Instrumenten gespielt haben. Man merkt, dass man plötzlich ganz anders denkt und auch ganz anders bei der Sache ist. Das fand ich wirklich sehr cool." Oder (Peer Neumann): "Es gibt kein falsch oder richtig intonieren." Das passt dann ins Konzept, oder gibt es kein solches?

Sandra: Natürlich gibt es ein Konzept. Das Konzept ist der rote Faden, der das Ganze durchzieht, und das Konzept setzt sich aus meinen Kompositionen zusammen. Das heißt, die Stücke, die ich schreibe, werden schon von den Musikern gefärbt. Ich habe einen Sound im Kopf und den setze ich dann natürlich durch. Der Sound ist total unterschiedlich.

Sabine hat mal vor etlichen Jahren Geige gespielt und ich wollte eine Geige haben. Und da sie das konnte, hat sie die dann auch gespielt. Andere Geiger würden sagen: "Oh Gott, was hast du gemacht? Das ist ja schrecklich," aber das reicht für den im Konzept gewollten Zweck. Und wenn zum Konzept die Nasenpfeifen gehört, dann müssen wir eben zwei Wochen lang Nasenpfeifen spielen üben.

Rainer: Am 2. April geboren, bist du dem gleichnamigen Scherz nur knapp von der Schippe gesprungen.

Sandra: Ja, ganz knapp. Das war, weil ich mit dem Gesicht nach oben gekommen bin. Sonst wäre ich am 1. April geboren geworden.

Rainer: Wo wir gerade bei Geburtstagen sind, darf ich einen Blick zurück auf deine letzte CD 'Mindestens 50 Fans können sich nicht irren' werfen: Wusstest du, dass 53 Jahre nach Gerd Dudek's Geburtstag (28. September 1938) Miles Davis gestorben ist? Und dass 'Gerd Dudek, Gerd Dudek!' exakt den gleichen Sprachrhythmus wie: 'Salt Peanuts, Salt Peanuts!' hat? Back to the roots?

Sandra: (lacht) Das wusste ich nicht. Weder das eine noch das andere. Aber "Salt Peanuts" ist natürlich ein geiles Stück. Salt peanuts, salt peanuts ... (singt)

Rainer: Deine Tochter heißt Naima – benannt nach der gleichnamigen John Coltrane Komposition? Welcher Songtitel/Name hätte ggf. für einen Sohn in der Schublade gelegen?

Sandra: Ich wollte immer "Thelonius" haben. Aber da ist mein Mann dagegen, weil er meint, dass man das nicht aussprechen kann und alle nur die Abkürzung "Theo" benutzen würden.

Sandra Weckert

Rainer: Apropos Namensgebung: Mindestens genauso ungewöhnlich wie die Titel von "Bar Jazz" ist teilweise die Instrumentierung. Die Melodica mag manch einem noch aus Kindertagen bekannt sein, die Nasenflöte wenigen ein "Aha" entlocken, aber beim "Euphonium" werden die letzten das Handtuch werfen. Nikolaus Neuser spielt es; Bariton Horn, Tenor-Tuba oder sehr kleine Tuba sind als Beschreibung unzureichend. Ein Wort dazu?

Sandra: Inspiriert hat mich ein Film mit zwei konkurrierenden Zigeuner-Brass-Bands die im selben Dorf wohnen. Die haben eine wahnsinnig geile Musik gemacht. Eigentlich wollte ich dann, dass Peer Neumann das Euphonium spielt. Aber ich habe kein Euphonium bekommen. Dann war ich im Proberaum und Petra Krumhuber (trombone) lief mir über den Weg und ich habe sie gefragt, ob sie nicht Lust hat bei einem Stück mitzuspielen. Dann kam Anke Luchs (trombone) noch dazu und mit Ulrike Hauptmann (trombone) waren es schon 3 Posaunen. Super, ein kleines Orchester. Und dann stiess durch Zufall Nikolaus Neuser (Euphonium) dazu. Mir war bekannt, dass er Trompete spielt und ich habe ihn gefragt, ob er mitspielen will. Da kam dann raus, dass er auch Euphonium spielt. Super super geil. Das wollte ich haben. Das Euphonium ist ein geiles Instrument.

Rainer: Es heißt, es sei eines der bestgehütetsten Geheimnisse, dass das Euphonium das wichtigste Instrument des Orchesters ist.

Sandra: Darum erzählen wir es auch nicht weiter!

Rainer Voss

CD: Sandra Weckert & Exotic Fruits - "Bar Jazz" (Enja)

Sandra Weckert im Internet: www.sandraweckert.de

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Photos: Mit freundlicher Genehmigung von Sandra Weckert.

© jazzdimensions2003
erschienen: 16.12.2003
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