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Nicolai Thärichen -
"Im Spiegel des Gedichts"

Überschwenglich, aber dies nicht ohne Grund wurde Nicolai Thärichen auch schon mal als der "Robert Schumann des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. Dem in Berlin geborenen und lebenden Komponisten, Arrangeur und Musiker ist es gelungen, eine eigenständige Variante des Europäischen Jazz zu kreieren. Seine Musik lebt von der Vielfalt und Kombination der unterschiedlich eingesetzten Instrumente, vom facettenreichen Gesang Michael Schiefels und nicht zuletzt von Thärichens Liebe zum musikalischen Detail.

Nachdem Nicolai auf "Minor Music" zusammen mit seinem Tentett seine erste CD "Lady Moon" veröffentlicht hat, ist nun ein zweites Album in Arbeit.

Nicolai Thärichen

Anja Fröhlich sprach in Berlin mit Nicolai Thärichen.

Anja: "Lady Moon" ist die erste CD, die ihr auf Minor Music veröffentlicht habt. Kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte erzählen? Wir war es, die CD aufzunehmen?

Nicolai: Wir hatten vorher über ein Jahr live Konzerte gespielt. Das Programm war soweit eingespielt, daß ich wußte: Mit der Band kann man jetzt ins Studio gehen. Ohne daß ich ein Label hatte, habe ich erst mal alles selber organisiert. Zum Glück haben die Musiker ohne Gage gespielt. Die Studiokosten waren natürlich nicht umsonst, weshalb das Ganze eine relativ teure Lektion für mich geworden ist.

Aber irgendwo muß man einen Startschuß machen und investieren. Dann hat man erst mal so etwas wie eine Visitenkarte, die man als Band braucht, wenn man auch außerhalb Berlins spielen will, ein bißchen seine Musik voranbringen will und seinen Namen natürlich gleich mit. Sonst spielt man sich in derselben Stadt tot. Es war insofern eine lohnende Investition, um das zu dokumentieren, was wir gespielt haben.

Wir haben sehr gute Kritiken gekriegt und es auch geschafft, über Berlins Grenzen hinaus Interesse zu wecken. Die zweite CD nehmen wir gerade im SFB auf, wo wir das Glück haben, keine Studiokosten zahlen zu müssen, weil das öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist. Radio Kultur macht das mit uns - genauer gesagt, Ulf Drechsel, der Radiosendungen von Berliner Bands produziert, die diese Aufnahmen auch für eigene CD-Produktionen nutzen können.

Anja: Und was erwartet uns da? Wird es in dieselbe Richtung wie "Lady Moon" gehen?

Nicolai: Es geht aus von "Lady Moon" - und dann weiter. Ich habe nach wie vor englischsprachige Gedichte genommen und vertont. Ein paar Stücke sind aber auch ohne Texte. Michael [Schiefel] singt dann praktisch die Melodien - und dies auch teilweise sehr hoch. Es sind atmosphärische Stücke, die die Stimme eher instrumental nutzen.

Anja: D.h. er scattet sich dann durch die Songs...

Nicolai: Genau! So ein bißchen, obwohl er mehr die Themen singt. Er hat natürlich auch Soloparts, bei denen er scattet, aber im Prinzip ist er eher der Interpret und hat nicht so viel Freiheit wie bei seinen Soloprojekten. Wir sind seine "Akustikband" und da nimmt er sich auch zurück, weil er sozusagen nur ein Teil ist von zehn Leuten.

Nicolai Thärichen

Anja: Du schreibst ja die Stücke über englische/ irische Gedichte, Lord Byron usw., wie kamst du darauf?

Nicolai: Recht profan habe ich versucht, selber Texte zu schreiben und fand die zu schlecht. Ich finde es auch verdammt schwer, gute Songtexte zu schreiben. Ich habe zwar früher getextet, aber heute ist das nicht wirklich die Welt, in der ich zu Hause bin.

Es begann damit, daß ein guter Freund mir einen Text von Truman Capote gegeben hatte. Den hatte ich als erstes vertont und habe gemerkt, daß das total Spaß macht, sich an so einem Gedicht abzuarbeiten. Man wird ja außerdem sehr befruchtet von so einer Atmosphäre und gleichzeitig angeregt, genau diesen Text zu kommentieren oder zu illustrieren oder dagegen zu gehen.


So ein Gedicht ist immer ein schöner Partner.
Gleichzeitig sucht man sich mit neuen Gedichten eine Art "Spiegel"!

Von daher ist so ein Gedicht immer ein schöner Partner. Und gleichzeitig sucht man sich mit neuen Gedichten eine Art "Spiegel". Dadurch, daß man etwas sucht, was einen interessiert, findet man ein Stück von sich selbst wieder. Auf der ersten Platte sind ja durchweg Liebesgedichte. Bei der zweiten Platte wird das anders sein. Es sind zwar Liebesgedichte dabei, aber die sind nicht mehr ganz so "outspoken", sondern eher skurril, abstrakt. Robert D. Laing wird sehr oft vertreten sein - und der ist ja schon ein bißchen witziger als diese "alten Herren".

Anja: Nach welchen Kriterien wählst du die Texte aus? Wo fängst du an zu suchen?

Nicolai: Also so bewußt ist das nicht. Max Frisch hat mal gesagt "Schreiben ist sich selber lesen". Wenn ich Gedichte lese, dann ist das ein unbewußtes Finden von etwas, das mich verlockt, es musikalisch einzubetten bzw. meine musikalische Note dazuzugeben.

Anja: ... also wie ein Funke, der überspringt.

Nicolai: Ja das funktioniert sehr intuitiv. Es geht natürlich auch darum, ob das Gedicht überhaupt als Songtext funktioniert. Ich habe eine Menge Lieblingsgedichte, an die ich mich bisher nie rangetraut habe, weil sie mir zu abstrakt sind und es unglaublich schwer sein würde, da eine durchgehende Rhythmik reinzufinden. Es sei denn man macht sehr abstrakte Kunst, die nicht so mein Ding ist. Eine gewisse Rhythmik und Strenge in der Form kommt mir sehr entgegen.

Nicolai Thärichen

Anja: Zu der Musik selber: Wenn ich die einzelnen Stücke höre, habe ich immer eine bestimmte Szene bzw. ein Bild vor Augen, ähnlich wie im Theater. Ist es deine Intention, beim Zuhörer ein solches Bild zu erzeugen?

Nicolai: Also, mit "Szene" kann ich mehr anfangen als mit "Bild". Ich bin nicht so visuell und war immer ziemlich schlecht im Kunstunterricht. Ich hatte Glück, daß man Musik wählen konnte! Aber was ich auf jeden Fall manchmal im Kopf habe sind Szenen. Ich versuche die Songs szenisch durchzuleben, ohne daß ich ein Bühnenbild vor Augen hätte, aber zumindest Haltungen.

Oftmals besteht zwar ein Gedicht aus einer Grundstimmung, aber trotzdem entwickelt sich eine Haltung. Ich finde es spannend, da theatralisch ranzugehen und so etwas zu erzeugen wie Polaritäten, oder - Theaterleute nennen das - "Fallhöhe". Das ist ein total klasse Begriff, weil man den kompositorisch nutzen kann.

Anja: Wie ist das wenn du komponierst? Brauchst du eine bestimmte Umgebung, eine bestimmte Atmosphäre, bestimmte Voraussetzungen? Wie kann ich mir den Entstehungsprozess eines Songs vorstellen?

Nicolai: Ich hab immer versucht, eine Methode zu finden, die immer gleich funktioniert, aber leider habe ich sie nicht gefunden. Ansonsten würde ich jeden Tag ein Lied schreiben. Meistens ist es so, daß ich eine gewisse Anzahl von Gedichten habe, die bei mir auf meinem Stapel ganz oben liegen, die ich auch auswendig kann.

Diese Gedichte spreche und singe ich dann zum Beispiel auf dem Fahrrad vor mich hin und gucke was mir einfällt. Nicht daß ich schon die melodischen Ideen auf dem Fahrrad kriege. Aber ob ich das Gedicht unterstützen will oder ob ich den Song eher brechen will, das kann ich schon entscheiden.

Bei "When we two walked" z.B. wußte ich, daß ich da etwas Walkendes, Gehendes, was aber gleichzeitig auch Ecken hat einbringen will. Dann bin ich auf so einen Siebenergroove gekommen, bei dem die Töne nicht so entscheidend waren.

Bei anderen Stücken wie "She opened the door" stand am Anfang ein Akkord, der so eine Sehnsucht - eine Grundstimmung hatte, daß man sich gleich eingebettet fühlt. Und die Ideen kommen dann eigentlich immer daher, daß ich versuche, dem nachzulauschen und dem Gedicht gerecht zu werden.

Anja: Und wie lang ist so eine Entstehungsphase?

Nicolai: Das ist natürlich auch sehr unterschiedlich! Für "Lady Moon" z.B. hatte ich das Intro mal geschrieben und fand es total klasse. Ich habe dann aber über ein Jahr lang nichts gefunden, was da ranpasst. Ich dachte, nein, das Intro verdient etwas Besseres als diese Fortsetzung! Und dann mußte ich mich richtig zwingen, zu sagen, okay, das ist gut genug, daß du mal was draus machen kannst. Der Song ist also über sehr lange Zeit entstanden. Andere Songs entstehen wirklich innerhalb von einem Tag oder zwei.

Thärichens Tentett - "Lady Moon"

Anja: Ich hab das Verschiedenste über deine Musik gelesen... Kannst du deine eigene musikalische Handschrift beschreiben?

Nicolai: Naja, ich kenne natürlich meine eigenen Wurzeln. Ich habe Jazz studiert und hatte hauptsächlich amerikanische Lehrer an der HdK - die jetzt UdK heißt. Nichtsdestotrotz habe ich mich vorher sehr viel mit klassischer Musik befaßt. Mein Vater war Paukist bei den Philharmonikern und ich saß sehr oft hinter ihm auf dem Podium und habe viele klassische Konzerte gehört.

Ich hatte auch einen recht guten Musik-Leistungskurs, wo wir uns sehr viel mit dem romantischen Kunstlied befaßt haben. Die gesamte "Winterreise" wurde durchgesprochen, viele Hugo Wolf-Lieder oder Brahms. Ich fand die Herangehensweise sehr gut, zuerst das Gedicht zu interpretieren oder sich selber zu fragen, wie würde ich denn das schreiben, wie würde ich das komponieren? Das ist wie ein Mikrokosmos, den man entblättern kann. Mich hat diese kleine Form, die aber trotzdem unglaublich viel enthalten kann, sehr gereizt.

Und meine Wurzeln sind bestimmt auch von der europäischen Musik beeinflußt. Ich habe als Teenager alles Mögliche gehört - von Supertramp bis AC/DC. Die groovigen Sachen haben mich viel mehr angesprochen. Ich habe auch mit sechzehn mehr Schlagzeug als Klavier gespielt - das war lauter als Klavier... Ja und wenn ich dann lese wonach die Musik klingen soll... - also Steely Dan finde ich ebenfalls klasse. Elvis Costello dagegen höre ich gar nicht, kenne von ihm also kaum was. Aber John Taylor oder Bill Evans hatten einen riesigen Einfluß auf meine Musik und haben ihn nach wie vor.

Anja: Du warst ja auch auf Kuba. Hat das deine Musik beeinflußt? Was für ein Interesse steckte dahinter?

Nicolai: Ich hatte viele Beweggründe: Ich hatte gerade das Studium abgeschlossen und wollte auch bereits während des Studiums mal ein Austauschsemester machen und irgendwo ins Ausland gehen. Das hat leider nie geklappt. Und dann war ich halt nachträglich drei Monate in Kuba gewesen bzw. einen Monat davon in Mexiko.

Ich wollte vor allem noch eine Sprache lernen und auch einfach mal auf eine andere Art lernen als in der Hochschule oder durch Platten, die ich mir anhöre und nachspiele. Ich wollte nicht nur die Musik, sondern auch das Leben kennen lernen.

Klavierunterricht habe ich auch genommen und mich sehr mit der kubanischen Rhythmik befaßt. Aber so nach sechs Wochen habe ich dann eher das Land bereist und die Tanzmusik entdeckt, die eine unheimlich komplexe Rhythmik hat. Das macht sehr viel Spaß, sich damit zu befassen, weil man sich rhythmisch gesehen sonst eher in eingeschränkten Kreisen bewegt.

Auf der harmonischen Seite fand ich es nicht so ergiebig. Und insgesamt würde ich jetzt auch nicht behaupten, ich will Salsa-Pianist werden. Aber ich sage ja auch nicht, ich möchte wie Brahms schreiben. Ich will einfach möglichst viel kennenlernen und forsche dann nach den eigenen Tönen.

Anja: Maria Schneider, Gil Evans und Oscar Peterson - wie haben diese drei Menschen dein Leben beeinflußt oder verändert?

Nicolai: Mit 15 war ich Schlagzeuger in so einer Deutschrock Band. Unser Gitarrist hatte eine Menge Jazzplatten geschenkt gekriegt, wollte sie nicht haben und hat sie deswegen mir gegeben. Da war auch eine Oscar Peterson-Platte mit zwei Bassisten dabei und die fand ich einfach nur unglaublich! So eine Musik hatte ich nie gehört, vor allem nicht in der Perfektion und dem Drive auch ohne Schlagzeuger.


Oscar Peterson fand ich einfach nur unglaublich!

Also Oscar Peterson war so ein Erweckungserlebnis, aber nicht ein Pianist, dem ich dann wahnsinnig viel nachgeeifert hätte. Das waren eher Pianisten wie Bill Evans. Ja und Gil Evans hat mich besonders beeinflußt durch die Arrangements, die er für Miles Davis geschrieben hat. In denen habe ich eine Balance zwischen Freiheit, Improvisation und einem sehr unmittelbaren Ausdruck und gleichzeitig einer sehr festgeschriebenen Orchestration gefunden, die aber auch wieder sehr, sehr farbenreich ist und sich eher aus der europäischen Romantik nährt.

Thärichen's Tentet

Und Maria Schneider, die ja Assistentin bei Gil Evans war und dann geschafft hat, was ich anstrebe - nämlich eine eigene Band mit unglaublich guten Musikern auf die Beine zu stellen. Und tatsächlich jede Woche zu spielen! Sie ist unheimlich virtuos als Arrangeurin, hat eine tolle Energie und kennt sich musikalisch extrem gut aus. Ich hatte an diesem längeren Workshop von der HdK bei ihr teilgenommen: Sie ist eine sehr beeindruckende Persönlichkeit.

Anja: D.h. kompositionstechnisch ist sie momentan dein größtes Vorbild?

Nicolai: Schwer zu sagen. Auf der Bandleader-Ebene ist sie wirklich ein Vorbild, aber mich überzeugen nicht alle ihre Kompositionen. Sie arrangiert allerdings unglaublich virtuos, kennt ihre Mittel und kann diese perfekt nutzen. Und da möchte ich natürlich auch hin, was das Handwerkliche angeht. Kompositionstechnisch ist eher Tom Waits mein Vorbild.

Anja: Wie sieht es aus mit Michael Schiefel?

Nicolai: Wir haben uns an der Hochschule kennen gelernt und haben dann lange im Duo gespielt und Konzerte gemacht. Für dieses Duo habe ich auch Songs geschrieben. Die, die es mir Wert erschienen, habe ich später übernommen und umarrangiert. Michaels Solo-Performances aber auch seine anderen Bands wie "Jazz Indeed" habe ich oft gehört und steh da sehr drauf.

Und ich schätze ihn als sehr vielseitigen Sänger, der sehr ernsthaft ist mit den Sachen, die er macht. Er ist unheimlich fokussiert und hat oft genug gesagt "den Song kann ich nicht singen, denn ich kann mir den Text nicht zu eigen machen". Diese Einstellung ist für meinen Geschmack viel zu selten. Ich höre oft irgendwelche Jazzsänger, die Texte singen, deren Vokabeln sie nicht kennen, geschweige denn, was das für Gefühle sind, die sie da ausdrücken.

Anja Fröhlich

CD: Thärichens Tentet - "Lady Moon" (Minor Music mm 801094)

Nicolai Thärichen im Internet: www.thaerichen.de

Fotos: Pressefotos

mehr bei Jazzdimensions:
Thärichens Tentett - "Lady Moon" - Review (erschienen: 30.10.2001)

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© jazzdimensions2003
erschienen: 10.2.2003
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