Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / szene berlin / 2006

Julia Hülsmann - "E.E. Cummings & der Jazz"

Julia Hülsmann gehört zu jenen jungen Musikerinnen, die ihre Karriere selbst in die Hand nehmen. Seit nunmehr zwölf Jahren hat sie in der deutschen Hauptstadt eine neue Heimat gefunden. Nach ihrem Studium an der Berliner Hochschule der Künste, die heute UdK genannt wird, hat die Pianistin sich sowohl dem Unterrichten verschrieben – derzeit ist sie als Lehrbeauftragte an der UdK tätig –, als auch ihre eigene Präsenz auf der Bühne und im Aufnahmestudio ausgebaut.

Julia Hülsmann

Das "Julia Hülsmann Trio", dessen Namensgeberin sie ist, existiert in Berlin seit 1997 – nun gelang eine Verbindung über den großen Teich nach New York. Dort hatte die norwegische Sängerin Rebekka Bakken auf Julia Hülsmann bei ihrem damaligen Aufenthalt in der amerikanischen Jazzmetropole einen großen Eindruck gemacht. Mittelbares Ergebnis dieses Zusammentreffen war, daß Hülsmann speziell für die Sängerin Texte von E.E. Cummings auswählte und passende Songs dazu schrieb. Mit Julia Hülsmanns eigenem, durch Bakkens Gesang verstärkten Trio wurde das Vorhaben umgesetzt und auf CD gebannt.

Carina Prange sprach mit Julia Hülsmann und Rebekka Bakken.

Carina: Julia, dein "Julia Hülsmann-Trio" gibt es bereits seit 1997. Zu Anfang hast du in erster Linie Fremdkompositionen gespielt, inzwischen handelt es sich bei deinem Material überwiegend um Eigenkompositionen. Ist dies deiner Meinung nach ein Prozeß, den jeder Komponist durchlaufen muß?

Julia: Vermutlich ist dieser Weg nicht für jeden Musiker notwendig - aber für mich war es eine durchaus naheliegende, eine zwangsläufige Reihenfolge. Es war für mich das Selbstverständliche, zunächst beinahe nur Standards zu spielen und diese erst in einer späteren Phase mit eigenem Material zu mischen. Inzwischen allerdings spiele ich mehr oder weniger ausschließlich meine eigene Musik.

Carina: Du bist in Bonn geboren und aufgewachsen. Jetzt lebst du in Berlin. Ist die Hauptstadt ein guter Ort für Jazzmusik und Kunst im Allgemeinen? Verglichen mit New York - ist es in Berlin leichter, einen Lebensunterhalt zu verdienen?

Julia: Wenn man es mit New York vergleicht, ist es mit Sicherheit in Berlin leichter. Sich finanziell durchzuschlagen ist hier einfacher, obwohl ich, zugegeben, auch in New York gerne leben würde. Berlin ist allerdings für Musiker eine wirklich sehr gute Stadt – deswegen bin ich schließlich hergezogen. Im kommenden Januar werden es zwölf Jahre – ich würde mich also mit Fug und Recht als Berlinerin bezeichnen. Die Stadt ist deswegen etwas Besonderes, weil sie sehr offen ist, und du hier eine Menge sehr guter Musiker findest. Diese Musikergemeinschaft wächst ständig weiter, es ist hier alles sehr inspirierend. Und - nicht zu vergessen – du kannst eben hier mit Musik deinen Lebensunterhalt verdienen...

Rebekka Bakken/Julia Hülsmann

Carina: Rebekka, du und Julia, ihr seid euch in New York zum ersten Mal begegnet. Habt ihr euch da schon vorgenommen, gemeinsam etwas aufzunehmen – oder war es eine Überraschung, als Julia dich gefragt hast, ob du bei ihrem Projekt mitmachen willst?

Rebekka: Das kam so: Julia kam in New York bei einem meiner Gigs vorbei und hat mir anschließend gesagt, sie sei total begeistert von mir. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, daß sie etwas für mich schreiben würde. Ein Jahr später hat sie mich dann deswegen wieder kontaktiert. In der Zwischenzeit hatte sie mir auch eine ihrer CDs geschickt und mir war klar geworden, daß ich es hier mit einer wirklich außerordentlichen Musikerin zu tun habe. Also gefiel mir die Idee immer besser. Das Ganze ging damit weiter, daß sie mir Musik schickte mit dem Vorschlag, die Stücke gemeinsam aufzunehmen. Genau das haben wir dann gemacht – und das war der Anfang, oder besser, die Fortsetzung des Anfangs.

Carina: Julia, du hast einige der Gedichte von Edward Estlin Cummings für dein Album ausgewählt, der momentan für Jazzbands so ziemlich der populärste Dichter zu sein scheint. Was zeichnet speziell seine Texte aus? Hast du nach einem Sänger für diese Lyrics gesucht und Rebekka gefunden oder war es genau andersherum?

Julia: Es war tatsächlich genau andersherum. Ich hatte eine Stimme - oder vielmehr die Vorstellung davon – und habe dann nach geeigneten Texten gesucht. Es hat mich viel Zeit gekostet, das Gewünschte zu finden. Am Ende stieß ich dann auf Gedichte von E.E. Cummings, die genau paßten – und ich hatte im Vorfeld wirklich eine Menge Gedichtmaterial gewälzt.


Es war genau andersherum – ich hatte eine Stimme
und habe dann nach geeigneten Texten gesucht!

Aber hier war es so, daß ich Bilder vor Augen hatte, während ich die Gedichte las, ich hatte eine bestimmte Vision, eine Idee. Cummings ist offensichtlich sehr eigen. Vielleicht ist das deswegen so, weil – wie ein Kollege von dir einmal sagte – in seinen Gedichten ein ganz spezieller Rhythmus steckt. Ich habe leider keine Originalaufnahmen gehört, auf denen er selbst sie liest. Aber daß der Rhythmus dabei sehr wichtig ist, ist offensichtlich. – Das ist letztendlich der Grund, warum ich Texte von Cummings ausgewählt habe.

Julia Hülsmann Trio mit R. Bakken - "Scattering Poems"

Carina: Rebekka, wie sieht deine Beziehung zu den E. E. Cummings-Texten aus?

Rebekka: Ich habe inzwischen eine Beziehung zu ihnen entwickelt, eben weil ich sie singe. Eine starke Beziehung. Sie bedeuten eine Menge für mich und auf der Gefühlsebene kommt beim Singen wirklich viel zum Vorschein. Sehr viele, sehr schöne Dinge. Aber vorher, das muß ich leider zugeben, hatte ich eigentlich überhaupt kein Verhältnis zu seinen Lyrics.

Carina: Einen Vertrag mit ACT-Music zu bekommen scheint ein großer Schritt in Richtung einer internationalen Aufmerksamkeit für deine Musik zu sein. Julia, wie hat sich die Beziehung zu ACT entwickelt?

Julia: Oh, das ist im Grunde genommen eine ganz simple Story. Ich hatte nämlich schon immer, und jetzt bitte nicht lachen - schon immer den Plan, eine ACT-Künstlerin zu werden (lacht). Ich wollte eben gerne gerade mit dieser Firma zusammenarbeiten. Das allererste Demo, das wir gemacht haben, habe ich auch nur zu ACT geschickt. Später war ich natürlich schlauer und sagte mir: O.k., vielleicht sollte ich es auch noch zu verschiedenen anderen Labels schicken. Aber anfangs schickte ich Material wirklich nur dorthin.


Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte,
wieviele Demos er hier liegen hätte ...

Wahrscheinlich hatte ich einfach Glück, denn beim Hinterhertelefonieren hatte ich eines Tages Siggy Loch persönlich am Apparat. Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte, wieviele Demos er hier liegen hätte. Ich entgegnete, daß ich mir das wohl schon vorstellen könnte, aber... – Offensichtlich hatte er dann meine Person irgendwie im Kopf. Und Rebekka auch – immerhin wußte er genau, wer sie ist.

Er hat noch am selben Abend zurückgerufen und gesagt, daß wir das Projekt zusammen machen würden. Es gab keinen Kampf nach dem Motto, bitte, bitte lass' uns das machen. Es war sofort so, daß er das mit uns durchziehen wollte.

Rebekka Bakken/Julia Hülsmann

Carina: Deinen Kompositionen wird ein starkes Gefühl für Melodie nachgesagt, sie sind voll zarter Nuancen und sind außerdem sehr phantasievoll. Gelegentlich weisen sie auch eine Herangehensweise auf, die aus der Popmusik entlehnt zu sein scheint. Wie hast du deinen persönlichen Stil entwickelt? Welches sind deine hauptsächlichen Einflüsse?

Julia: Ja, die oft angesprochene Sache mit den Einflüssen... – Da gibt es eine Menge unterschiedlicher Einflüsse - an erster Stelle sehe ich da die klassische Musik, mit der ich ja begonnen habe. In den letzten Jahren habe ich übrigens festgestellt, daß klassische Musik für meine persönliche Entwicklung sogar wichtiger ist als ich gedacht hatte. Es ist einfach deswegen so, weil ich nunmal eine Menge klassische Musik gehört und gespielt habe. Popmusik ist natürlich auch ein Einfluß, weil ich sie als Teenager gehört habe – und selbstverständlich auch heute noch. Außerdem mag ich Popmusik sowieso. Nicht jede Art von Popmusik, sondern Songwritersachen, wie beispielsweise Randy Newman oder Sting.


In den letzten Jahren habe ich festgestellt, daß klassische Musik für meine persönliche Entwicklung wichtiger ist, als ich gedacht hatte!

Der Jazz ist natürlich zentral für mich, weil Jazz mir die Freiheit gibt, alles umzusetzen – hier gibt es einfach keine Begrenzungen. Das ist für mich das Entscheidende am Jazz. Einer derjenigen, die mich besonders beeinflußt haben ist Don Grolnick, der Pianist und Komponist. Leider ist er inzwischen gestorben – eine sehr traurige Angelegenheit. Ich schätze ihn als eine bedeutende Persönlichkeit für den Jazz und für zeitgenössische Komposition im Allgemeinen. Das ist also ein Einfluß – aber es gibt so viele weitere. Inzwischen bin ich da für alle Seiten offen: Pat Metheny und Fusion und natürlich Miles Davis. All diese Leute haben mir Wege gezeigt.

Carina: Das Julia Hülsmann Trio "featuring Rebekka Bakken" stellt euch beide sehr in den Vordergrund. Wie wichtig sind die beiden anderen Bandmitglieder in diesem Zusammenhang? Ist der Unterschied zum rein instrumentalen Konzept nicht groß genug, um über darüber nachzudenken, dem Gesamtprojekt einen neuen Namen zu geben?

Julia: Die anderen sind mir selbstverständlich immer sehr wichtig. Eine Sache, die hier mit hineinspielt, ist natürlich die Promotionschiene. Der Gesang hat in diesem Projekt einen großen Stellenwert – mit keiner anderen Sängerin als Rebekka könnte ich es machen.

Somit sind sie und ich einfach nun mal die beiden wichtigsten Personen in dieser Band. Andererseits ist es aber eben mein eigenes Ding, es ist meine Musik. Ein anderer Name ist also nicht nötig, der jetzige stimmt perfekt - er beschreibt es genau so, wie es ist. Es ist mein Projekt und ich bin froh, daß ich diese wichtigen Leute dabei habe. Das ist gut so. Wäre ein anderer, schöner Name aufgetaucht – na, vielleicht hätte ich nichts dagegen gehabt. Aber für zwingend notwendig habe ich das nicht gehalten.

Carina Prange

CD: Julia Hülsmann/Rebekka Bakken - "Scattering Poems"
(ACT Music 9405-2)

ACT Music im Internet: www.actmusic.com

Photos: Joerg Grosse Geldermann (Next) / ACT

mehr bei Jazzdimensions:
Hülsmann / Bakken - "Scattering Poems" - Review (erschienen: 17.2.2003)
Hülsmann/Muellbauer/Winch - "Trio" - Review (erschienen: 8.2.2001)

© jazzdimensions2003
erschienen: 4.8.2003
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: