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Angela Gabriel -
"Im Schatten der Flöte wuchs der Gesang"

Mit "Perfect View" legte die seit 1988 in Berlin lebende Sängerin Angela Gabriel ein Album vor, das in Zusammenarbeit mit dem weltbekannten amerikanischen Gitarristen Jean-Paul Bourelly entstanden ist. In völliger Gleichberechtigung teilten sich die beiden nicht nur die Produktionsarbeit, auch der Entwicklungs- und Kompositionsprozess der Songs war Gemeinschaftswerk. Das ging bis hin zu den Texten, die, von Gabriel geschrieben, die ein oder andere perspektivische Ergänzung durch Bourelly erfuhren.

Angela Gabriel

Bei der Einspielung wirkten - neben Angela Gabriel und Jean-Paul Bourelly – in ebenso transatlantischer Paarung aus den USA der Bassist Reggie Washington und der Schlagzeuger Kevin Johnson mit, sowie, als kongenialer Berliner Gegenpart, Kai Brückner als weiterer Gitarrist und, last not least, der alte Saxophonrecke Ernst-Ludwig Petrowsky. – Live, on stage, wird "Perfect View" inzwischen mit Angela Gabriels in Berlin beheimatetem Quartett – Kai Brückner (g), Max Hughes (b) und Kai Schönburg (dr) kontinuierlich weiterentwickelt sowie die Bühnenpräsenz ausgebaut.

Carina Prange sprach mit Angela Gabriel und Jean-Paul Bourelly.

Carina: Du hattest bereits ab dem sechsten Lebensjahr Instrumentalunterricht in Gitarre, Querflöte, Klavier. Warum hast du dich in erster Linie für den Gesang entschieden? Wirst du deine instrumentalen Kenntnisse noch weiterhin umsetzen?

Angela: Ich spiele das Klavier im wesentlichen noch, um mich selbst zu begleiten und bestimmte musikalische Aspekte zu erarbeiten. Aus der Gitarre ist vergleichsweise nicht viel geworden. Ich habe klassische Gitarre gelernt, aber irgendwann gemerkt, dass dieses Instrument nicht mein Instrument ist. So an meinem Körper ist es nicht "meins" - wobei ich den Klang andererseits total liebe. Ich arbeite ja auch bevorzugt mit Gitarristen zusammen und ich mag das sehr. Aber spielen sollen das andere, ich nicht.


Ich bin ganz froh, dass ich so eine besessene Querflötistin war.
Im Schatten der Flöte konnte das Singen wachsen!

Was die Querflöte angeht, bin ich eigentlich ganz froh, dass ich so eine besessene Querflötistin war. Denn im Schatten der Flöte konnte das Singen unglaublich gut wachsen. Es gab trotzdem niemals irgendeine Art von ehrgeizigem Fokus auf den Gesang. Aber wahrscheinlich hat es das Singen sein sollen, denn es gibt durchaus eine Gesangstradition in meiner Familie, eine tiefe Verwurzelung in diesem Thema.

Nach dem Querflötenspiel war die Entscheidung zu fällen, was jetzt zu tun ist. Und die fiel zugunsten des Gesangs. Das war zu diesem Zeitpunkt total richtig und das stimmt immer noch. Ich habe keine Ahnung, ob ich die Flöte nochmal hervorhole, kann aber durchaus sein.

Carina: Ist Singen bei dir eher etwas sehr Emotionales? Inwiefern trainierst du deine gesangstechnischen Fähigkeiten?

Angela: Für mich ist das total emotional. Singen ist für mich einer der schönsten Seinszustände: wo ich "hier" bin, in diesem Moment - wo ich nicht an morgen oder gestern denke. Das genieße ich sogar bei den Gesangsübungen, die ich mache. Wenn ich im Sommer wegfahre, Ferien habe, dann singe ich nicht. Die einzige Angst, die ich dann habe, wenn ich zurückkomme ist, ob mein Zwerchfell noch o.k. ist. Hat die Muskulatur jetzt nachgelassen? (lacht) – Das mag vielleicht ein bißchen albern sein, denn natürlich ist das nie so!

Carina: Helfen dir deine Piano-Kenntnisse heute beim Komponieren – oder wie gehst du überhaupt ans Komponieren heran?

Angela: Klar, manchmal habe ich Melodien im Kopf oder irgendwelche rhythmischen Phrasen oder Patterns. Ich versuche das immer alles mit Hilfe eines Minidisk-Recorders festzuhalten und zu sammeln. Und ich finde auch, das jeder Text eine innere Melodie hat so hat jeder Song einfach seine vorbestimmte Melodie. Ich setze mich normalerweise hin, versuche, mich den Dingen zu öffnen, auf dass sie durch mich durchfließen. Das geht manchmal besser und manchmal nicht so gut.

Angela Gabriel

Carina: Ist da erst eine Melodie oder eine Textzeile?

Angela: Grundsätzlich ist es so, das ich zuerst Texte schreibe. Zuerst ist auf jeden Fall der Text da und dann kommen Melodien, dann gehe ich ans Klavier und gucke, welche Changes dazu passen. Ich nehme mir einfach Zeit, so gut ich kann und dann entstehen die Dinge. Dann überlege ich, was ich rhythmisch fühle, was ich innerlich höre.

Carina: Jean-Paul, ein Song ist ja in deutscher Sprache geblieben. Das war ja deine Idee, wie kam es dazu?

Jean-Paul: Ich habe es einfach satt, zu sehen, wie deutsche Sänger versuchen, in englischer Sprache zu singen, um irgendwie "authentisch" zu sein. Und ich habe darauf bestanden, dass Angela etwas auf Deutsch macht. Etwas zu schaffen bedeutet, an dem dran zu bleiben, wer du bist und auf diese Grundlage aufzubauen.

Angela ist Deutsche und hat einen hübschen, süßen Akzent – von daher war für mich klar: das machen wir jetzt, und sehen mal, ob wir die deutsche Sprache in einen neu gemischten "jazz vibe" hineintransferieren können. Ich wollte erreichen, dass dieser Teil von ihr zum Tragen kommt.

Carina: Und – wird er zum Tragen kommen?

Angela: Ich spüre jetzt, dass ich meine Muttersprache eigentlich sehr mag. Und manche Sachen, stelle ich plötzlich fest, will ich gar nicht mehr ins Englische übersetzen. Ich weiß nicht, was daraus wird, ob die deutsche Sprache mehr und mehr Einfluß erhält – aber ich arbeite natürlich auch weiter. Ich bin im Moment wieder in einem Songwriting-Prozess.

Angela Gabriel - "Perfect View"

Carina: Jean-Paul, Angela hat dich bezüglich ihrer Album-Pläne für ihr Projekt ursprünglich beim Festival "Jazz across the border" angesprochen. Was bewog dich dazu, dich für das Projekt zu engagieren?

Jean-Paul: Angela hatte bereits selber eine Vorstellung, wie das Album aussehen sollte. Sie brauchte aber einen erfahrenen Produzenten, und das war der Grund dafür, weshalb sie mich ausgesucht hat. Ich mochte und respektierte das an ihr, dass sie losging und ihre Karriere in die Hand nahm. Außerdem waren die Mittel vorhanden, um eine gute, solide Aufnahme zu machen – und die geeigneten Musiker standen zur Verfügung – und somit haben wir es einfach gemacht.

Carina: Angela, hier in Berlin hast du mit zahlreichen Jazzern Projekte gemacht. Ursprünglich kommst du wohl eher aus dem Bereich "Singer/Songwriter", kann man das so sagen?

Angela: Nein, ganz so würde ich das nicht ausdrücken. Es ist allerdings richtig, dass ich als Jugendliche eine Singer-Songwriter-Phase hatte. Ich stehe dazu durch das Schreiben von Texten auch noch in Verbindung. Aber in dem, wie ich mit Musik umgehe, wurzele ich im Jazz. Obwohl das, was ich mache, nicht einer traditionellen Jazzband entspricht, und ich keine traditionelle Jazzsängerin bin.

Aber ich liebe einfach den Moment, die Gestaltung des Momentes in der Musik. Und die Improvisation, diese Offenheit - ganz besonders in diesen Live-Konzepten: das ist Jazz. Ich habe mich natürlich eine lange Zeit mit Standards befaßt. Und in der Herangehensweise fühle ich mich sehr zu diesen Wurzeln des Jazz hingezogen.

Angela Gabriel

Carina: Du hast bei diversen Musikern Unterricht genommen - hast du an einer Hochschule einen Abschluss gemacht? Hältst du es vielleicht sogar für hinderlich, eine zu akademische Ausbildung im Gesangsbereich zu haben?

Angela: Für mich war es nach meinen Instrumentalausbildungen - ich habe ja klassisch Querflöte gespielt – einfach nicht möglich an der Hochschule klassischen Gesang zu studieren. Ich habe mir zu Beginn meiner Gesangsausbildung Lehrer gesucht, dabei waren auch Leute von Hochschulen. Zu Anfang hatte ich, für etwa zwei Jahre, klassischen Gesangsunterricht. Ich habe das unter Tränen beendet, weil ich schließlich feststellte, dass ich mit dem, was ich hier lernte für das, was ich tat – nämlich Pop und Jazz –, nichts anfangen konnte.

Für mich war das nichts. Dann habe ich ein halbes Jahr lang so gut wie gar nicht mehr gesungen. Und schließlich kam ich mit Leuten zusammen, die mich an eine andere Art von Stimmbildung, Körperarbeit und vieles mehr heranführten – das hat mich sehr, sehr geprägt.

Was richtig ist, das muss jeder für sich selber entscheiden. Aber für mich war das nicht der Weg. Andererseits – wenn du von irgendjemandem eine Note bekommst, eine Zensur, dann hast du einen Pfad, eine Leitschnur: Richtig – falsch. An dem wirst du entlanggeführt. Du musst aber auch tun, was die Menschen von dir verlangen und erwarten, sonst geben sie dir das staatliche Diplom für Jazzgesang nicht.

Und wenn du das so nicht willst, dann musst du deinen Weg selber finden. Wobei das auch bedeutet, dass der sehr, sehr steinig sein kann. Und das fand ich manchmal ziemlich beschwerlich. Aber mittlerweile bin ich auch sehr, sehr froh darüber, denn im Nachhinein hatte alles, was ich getan habe, eine logische Konsequenz. Mittlerweile bin ich soweit zu sagen: ich folge meinen inneren Impulsen. Sie sind o.k. Sie bringen mich auf den richtigen Weg.

Carina Prange

CD: Angela Gabriel - "Perfect View" (Tunesday Records TDR 105/8)

Angela Gabriel im Internet: www.angelvoicemusic.com

Das Interview erschien im Jazz Podium Juli/ August 2003

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Angela Gabriel

mehr bei Jazzdimensions:
Angela Gabriel - "Perfect View" - Review (erschienen: 26.2.2003)

© jazzdimensions2003
erschienen: 1.9.2003
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