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Victor Bailey - vom Sideman zum Leader

Selbstfindung abseits vom Smooth-Jazz

Sein Name war immer wieder zu lesen und er selber zu sehen in den letzten Jahren - immer dann, wenn Bill Evans wieder auf Tournee war. Nur die Tour in diesem Jahr mußte er auslassen, weil sich hier die Pläne der beiden Freunde überschnitten. Victor Bailey, dessen großes Vorbild Jaco Pastorius war, ist selber in dessen Fußstapfen getreten (Weather Report) und hat als Sideman eine lange Karriere hinter sich.

Victor Bailey

Er würde sich selbst immer auch als "Leader" bezeichnen - und ist nun endlich mit seiner nach zehn Jahren erschienenen zweiten Solo-CD zu hören. So lange hat er auf eine Chance für seine eigene Musik gewartet - mit "Low Blow" ist ihm ein Werk gelungen, das den unterschiedlichsten Einflüssen in seinem Spiel Rechnung trägt. Und den Text seines Liedes über Jaco Pastorius singt er selbst - obwohl kaum jemand wußte, daß er singen kann und das schon seit frühester Jugend! Also in diesem Sinne eine Debüt-CD.

Was den Menschen hinter dem Musiker ausmacht, wollte Carina Prange genauer wissen und traf Victor Bailey, der mit seinem Koffer ebenso überpünktlich im vereinbarten Hotel ankam wie sie selbst.

Carina: Warum hast du vom Sideman zum Bandleader gewechselt - denkst du, jeder Musiker muß in seinem Leben beide Erfahrungen gemacht haben?

Victor: Ich bin immer ein "Leader" gewesen. Dies ist zwar erst mein zweites Solo-Album - was ich aber damit sagen will, ist, daß es nicht Neues für mich ist, Musik zu schreiben, zu komponieren, eine Band zusammenzustellen oder eine Platte zu produzieren. Ich habe das in vielen Fällen für jemand anderen gemacht, der dann jeweils als Künstler im Vordergrund stand. Aber selbst wenn ich in anderer Leute Band von anderen Leuten gespielt habe, wurde mir oft vorgeworfen, daß ich versucht hätte, die Leitung des Projekts in die Hand zu nehmen. Also, die Leitungsposition ist etwas ganz Selbstverständliches für mich.

Carina: Du und Bill Evans - ihr habt in vielen Projekten zusammengearbeitet - wie groß ist der Einfluß von dem, was Bill Evans gemacht hat (und noch macht) auf deine Arbeit - oder gibt es da auch andersherum einen Einfluß deiner Arbeit auf Bill?

Victor: Es macht Bill und mir sehr viel Spaß, miteinander zu arbeiten. Aber ich würde nicht sagen, daß einer von uns den anderen beeinflußt hat. Wir sind vielmehr groß geworden unter dem Einfluß derselben Persönlichkeiten. Also, ich möchte es nicht so ausdrücken, daß wir uns gegenseitig beeinflussen - Bill und ich waren bereits Freunde bevor wir Musiker wurden. Somit ist er einer meiner "Boys" - wie wir das in Amerika sagen.

Carina: In den U.S.A. ist man zur Zeit sehr begeistert vom Smooth Jazz. Wie denkst du darüber und in welche Richtung geht deiner Meinung nach dort die Musikindustrie im Moment?

Victor: Ich denke, es ist o.k., wenn Smooth Jazz seinen Platz hat. Ich glaube, daß da eine Menge Leute sind, die sich irgendwie zu Jazzhörern entwickelt haben. Ich will damit sagen, für diejenigen, die früher auf Rock oder R & B standen, aber sich zu alt für das moderne Zeug halten, oder beispielsweise mit HipHop nichts am Hut haben, für die ist "Smooth Jazz" etwas, was anzuhören geht.


Unglücklicherweise ist Smooth Jazz
das Einzige was zur Zeit in den USA läuft!

Aus diesem Grund hat er auch seine Berechtigung, finde ich. Unglücklicherweise ist das zur Zeit das Einzige, was in Amerika läuft - soweit es den zeitgenössischen Jazz betrifft. Du kannst dort nicht die Art von Musik machen, die ich mache. Die Musik, die ich spiele, wird meistens ausgegrenzt. Wir könnten in New York, San Francisco and Los Angeles spielen - das wär´s schon. So ist die zeitgenössische Jazzszene in den U.S.A. Ich hoffe, daß es uns gelingt, einige von diesen Mauern einzureißen. Aber so schnell wird das nicht funktionieren.

Victor Bailey

Carina: Deine letzte Solo-CD wurde vor 10 Jahren produziert. Warum lag zwischen jenem Album und deinem Neuen soviel Zeit?

Victor: Smooth Jazz! Ich war seit dem ersten Solo-Album in jedem Jahr bei einer oder zwei Plattenfirmen. Aber alle amerikanischen Plattenfirmen wollen Radiomusik. Sie fragen: Warum hast du keine Radiomusik für uns? Sie wollen "Smooth-Radio". Das ist ja auch in Ordnung, aber es ist nicht das, was ich mit meinem Leben machen will. And vor allem: Wenn du erstmal damit anfängst, mußt du damit weitermachen. Und dann nehmen dich die Leute, die ernsthaftere Musik mögen, nicht mehr ernst. - Und die Smooth Jazz-Fans wiederum wollen die verrückte Musik, die ich schreibe, nicht hören. Also war es für mich mehr eine Frage davon, auf die Gelegenheit zu warten, bei der ich das umsetzen konnte, was ich tief innen drin gefühlt habe.

Carina: Jaco Pastorius - wie wichtig ist er für dein Leben und deine Musik - bzw. wieviel Einfluß hatte er auf dich?

Victor: Er ist einer der einflußreichsten Bassisten, was mein eigenes Spiel betrifft. Jaco, Stanley Clarke, Alphonso Johnson and Larry Graham. Ich wurde durch viele verschiedene Musiker beeinflußt. Aber was Bassisten betrifft, ist er einer der vier, bei denen ich tatsächlich etwas in meinem Herzen gefühlt habe - vom ersten Moment des Hörens an. Und als ich noch ein Junge war, spielte ich jeden Tag seine Basslinien nach, ich spielte seine Scheiben immer und immer wieder. Und er war ein wirklich besonderer Musiker, ein sehr außerordentlicher Bassist. Ich mag ihn noch immer sehr. Ich habe ein Stück von ihm auf diese Platte mit draufgenommen und dabei dasselbe gefühlt wie damals, als ich sechzehn Jahre alt war. Er hatte irgendwas ganz Besonderes.

"Victor Bailey - "Low Blow

Carina: Du hast gesagt: "Ich spiele nicht Bass, ich spiele Musik." Bitte erklär mir, was du damit sagen willst!

Victor: Ich bin Musiker, ich bin viel mehr als ein Bassist. Das ist nur eins von vielen Dingen, die ich beherrsche - ich würde sagen, es ist sicherlich meine Stärke. Es ist auch das, was stets die Leute erreicht hat. Aber genausoviel bin ich Komponist oder Keyboarder oder Sänger wie ich Bassist bin. Was davon ich jeweils am Liebsten ausübe, ist immer das, wofür ich Leidenschaft entdecke, wenn ich morgens aufwache - aber ich bin in erster Linie einfach Musiker. Ich könnte eine CD machen, auf der ich selbst gar nicht Bass spiele - auf der ich dirigiere, verstehst du?

Carina: Wie kamst du auf die Idee, mit dem Singen anzufangen?

Victor: Ich habe schon immer gesungen, jeder in meiner Familie singt. Wir sind nun mal eine musikalische Familie - wir haben immer wieder zuhause Jam-Sessions gemacht: mein Vater hat Klavier gespielt und wir standen drumherum und sangen. Ich habe nicht viel in der Öffentlichkeit gesungen und ich denke auch nicht, daß ich es so besonders gut kann. Deswegen wollte ich eigentlich auch niemals singen, aber nachdem ich den Text für "Continuum" geschrieben hatte, sagte jeder, daß ich das singen solle. Schließlich habe ich es letztendlich deswegen gesungen - von mir aus hätte ich es nicht getan.

Carina: Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Victor: Ich möchte alles das, was ich tue, noch besser machen. Und ich hoffe, ich habe immer die Freiheit, daß zu tun, was ich will. Manches muß man natürlich machen, um etwas zu Essen auf den Tisch zu bekommen. Aber wenn ich irgendwelche Ziele habe, dann diese. - Ich muß nicht reich sein - das wäre vielleicht ganz nett, aber grundsätzlich ist es nicht erstrebenswert für mich, reich oder ein Star zu sein. Wenn ich nur damit fortfahren kann, die Musik zu spielen, die ich fühle, und den Bass so zu spielen wie ich es fühle, dann bin ich glücklich.

Carina Prange

CD: Victor Bailey - "Lowblow" (ESC/EFA 03661-2)
erschienen: 27.9.´99

EFA-Medien im Internet: www.efa-medien.de

Fotos: E. Francois
Cover: Bob Trier

© jazzdimensions2000
erschienen: 28.3.2000
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