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Till Brönner - Zwischen Produzenten- und Musikertätigkeit

Till Brönner, der vom Alter her gerade mal die 30 überschritten hat, ist nicht nur seit einigen Jahren Deutschlands meistgefeierter "Jungtrompeter", sondern auch der Produzent der aktuellen Hildegrad Knef-CD, und der gerade erst erschienenen Jazzplatte von Manfred Krug. In kürzester Zeit diese beiden Scheiben produzieren - und seine eigene "Chattin with Chet" auf den Markt bringen - das hört sich nach Höchstleistungssport an. Und das ist es auch!

Nachdem sich Brönner jetzt eine kurze Ruhephase gönnen mußte, ist er mit einer Filmmusik beschäftigt: Musikalisch illustriert wird ein Dokumentarfilm über Stationen aus dem Leben des Jazzfotographen William Claxton (verfilmt durch Julian Benedikt). Zeitgleich hierzu tourt er gerade abschließend zu "Chattin with Chet" durch die deutschen Lande.

Foto: Jim Rakete

Die Zukunft liegt trotz der gewaltigen Erfolge noch vor ihm, und weder er selbst noch alle anderen wissen, wie sein nächstes Werk aussehen wird ...

Carina: Würdest Du sagen, daß Du die Jahre über, die du jetzt hier in Berlin gewesen bist, ein Teil der Berliner Jazzszene gewesen bist, oder siehst du dich eher als - ich sage mal - nationalen Künstler?

Till: Das ist eine Frage, über die ich noch gar nicht so nachgedacht habe. Weil man immer in erster Linie Teil dessen ist, wo man sich geographisch befindet. Und insofern ist Till Brönner natürlich auch Teil der Berliner Jazzszene, auf jeden Fall! Der Unterschied zu dem Großteil der Berliner Musiker ist eben der, daß ich hier nicht so oft auftrete. Das hat aber ein bißchen seinen Ursprung darin, daß ich damals in der Rias Big Band immer sehr ausgelastet war. Daher konnte ich mir natürlich auch den Luxus erlauben, nur dann aufzutreten, wenn ich wirklich etwas zu sagen hatte oder was sagen wollte. Ich mußte damit also nicht auf dem freien Markt mein Geld verdienen, und konnte somit die Gefahr der "Inflation" für mich ein bißchen bannen.

Sicherlich eine Form von "Wettbewerbsverzerrung" - aber so war das! - und ich konnte das selbst nach meinem Ausstieg aus der Rias Big Band weiterführen. Trotzdem finde ich es super, daß es hier in Berlin verhältnismäßig viele Spielorte gibt. Das ist z.B. in Köln nicht der Fall. - Viel verdienen kannst du in Berlin allerdings nicht - vor allen Dingen ist es schade, daß sich hier gerade im kommerziellen Bereich, also auf dem Sektor der Gebrauchsmusik - Musicals, Galas - gar nichts tut.

Carina: Deine letzte CD war ja "Chattin with Chet" - hast du dich gerade deswegen mit Chet Baker befaßt, weil er ein junger Trompeter war, wie du einer bist - oder: du hättest dich ja genausogut mit Louis Armstrong auseindersetzen können ...

Till: Ja, gute Frage! Ich meine, jeder war mal jung - Chet Baker war, selbst als starb noch nicht wirklich alt. Er war nur äußerlich ziemlich verkommen - heruntergekommen durch die Drogen, die ihn nie verlassen haben. Seine Jugend ist aber nicht der Grund, warum ich versuche, mich mit ihm zu befassen. Nein, Chet Baker war eigentlich eher ein Trompeter, der Ähnliches gemacht hat wie ich - etwas Melodiöses, Harmonisches, auch Romantisches - wenn man so möchte - in den Vordergrund gestellt hat.

Mir war vollkommen klar, daß sich in Zeiten von Louis Armstrongs Jubiläum die gesamte Truppe schwarzer Trompeter diesem Thema widmen würde. Das ist schließlich eine schwarz dominierte Ecke - Armstrong ist nunmal irgendwie New Orleans - ich habe da selber weniger verloren. Ich verbinde mich innerlich viel mehr mit diesem West-Coast - mit diesem weißen, muß man sagen - weißen West-Coast-Sound. Deswegen dachte ich, wäre das mal eine ganz gute Geschichte.

Carina: Du hast ja auch vor der Chet Baker-Platte die aktuelle Hildegard Knef-CD arrangiert, warst auch deswegen in den Schlagzeilen - wie fühlst du dich in der Rolle des Hildegard Knef-Mitstreiters - und des "deutschen Jungtrompeter-Stars"? Das sage ich jetzt mal so - so wirst du ja teilweise auch gehandelt.

Till: Es ist so, daß die Knef eine Erfahrung ist, die man eigentlich fast eher in den Bereich einer Lebenserfahrung, als einer musikalischen Erfahrung stellen muß. Es war ganz klasse für mich, mit einer Frau von so einem Kaliber, einer solchen Dimension, zusammenzutreffen. Mal von dieser Zeit auch etwas zu schnuppern, die es ja nun nicht mehr gibt - der ich aber auch nicht nachweine! Ich stamme ja auch nicht aus dieser Zeit - aber Sachen von damals waren ein ganzes Stück ausgefeilter, auch vom Niveau her tiefgehender, als heute. Das muß man nicht näher erläutern, das hängt viel mit Film und der allgemeinen Mediensituation zusammen. So ein Kaliber wie die Knef hat es einfach nie wieder gegeben, und wird es wahrscheinlich auch nie wieder geben, wenn man mal ehrlich ist! Das war für mich eine Herausforderung.


So ein Kaliber wie die Knef hat es einfach nie wieder gegeben,
und wird es wahrscheinlich auch nie wieder geben,
wenn man mal ehrlich ist!

Das Ding mit dem "Jungtrompeterstar" ist sicherlich eine Sache, die sich letztendlich nicht vermeiden ließ. Es ist ja immer so, am Anfang wird man irgendwie in so eine Schublade gesteckt: je mehr man sich beharrlich auf diesem Weg und in dieser Position hält, um so mehr läßt das dann auch irgendwann wieder nach. Zur Zeit jedoch kriege ich dieses Image gar nicht mehr los - "deutscher Vorzeigetrompeter" heißt es immer ...

Ich kenne noch einige andere Trompeter, die man durchaus "vorzeigen" kann! - Das ist immer so ein bißchen was, wo der eine vom anderen abschreibt. Da kann ich nie wirklich was selber zu sagen. Ich hoffe eigentlich nur, daß ich mit 50 - wie es vielen anderen Musikern geht - nicht immer noch "der deutsche Nachwuchsstar" bin.

Carina: Und wieweit steckt da eine gute Promotion dahinter - das hat ja oft auch viel damit zu tun.

Till: Das ist auf jeden Fall Teil des Ganzen, das muß man auch nicht verhehlen. Promotion bedeutet, daß man sich mit Leuten an einen Tisch setzt, die viel Erfahrung haben. Daß man ein Konzept erarbeitet, wie das, was man als CD in mühsamer Kleinarbeit entwickelt hat, unter die Leute kommt. Und das bedeutet in erster Linie wieder: Geld ausgeben. Bei kleineren Labels ist das nach Beendigung und Fertigstellung des eigentlichen Produktes oft gar nicht mehr möglich.


Bei kleineren Labels ist Promotion nach Beendigung und
Fertigstellung des eigentlichen Produktes oft gar nicht mehr möglich!

Ein Dilemma in meinen Augen, aus dem man auch nicht immer so ohne weiteres rauskommt. Es hilft ja nicht, ein schlechtes Produkt großartig zu promoten, sondern man muß schon erstmal was Gutes herstellen. Wenn aber keiner davon erfährt, wird es eben in jedem Fall schwer - und dann gehen die Budgets schonmal aus.

Trotzdem glaube ich, daß man sich bei Verve sehr genau überlegt hatte, ob sich das lohnt, das Geld da reinzustecken. Von den Verkaufszahlen sieht es jetzt sehr erfreulich aus - natürlich auch durch diese Promotion. Da schreibt jetzt zwar keiner rote Zahlen, allerdings wird auch noch nichts verdient.

Till Brönner - "Chattin with Chet"

Das ist ganz interessant - viele Leute meinen ja, so wie neulich in einem Interview im SFB. "Ja, Herr Brönner, über all´ ihre Arbeit" - war die Frage - "über Ihre ganzen Aufträge - sind sie denn mittlerweile reich geworden darüber?" Und dann sage ich: "Sie werden lachen - über meine Platte habe ich noch keine einzige Mark verdient." - Dann hat er das Interview abgebrochen, und meinte, wir "sollten doch mal seriös bleiben, es sei ja auch eine ernst gemeinte Frage gewesen!" Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um ihm klarzumachen, daß ich wirklich noch keine schwarzen Zahlen schreibe ...

Carina: Themawechsel - du singst ja auch gerne, und auch relativ viel. Welchen Stellenwert hat denn der Gesang im Vergleich zum Spiel der Trompete?

Till: Ja, auf jeden Fall einen geringeren - das ist schonmal der wichtigste Punkt. Andererseits ist es so, daß manche Dinge sich atmosphärisch am besten über eine Stimme vermitteln. Sich jetzt für diesen Fall eine Sängerin oder einen Sänger zu holen, hat mir nicht so gut gefallen. Ich habe das mal auf einer meiner ersten CDs gemacht und die Tracks sind dann trotz alledem irgendwie "untergegangen" - weil es nichts war, was man mit der "Hauptperson" in Verbindung brachte. Sondern: dann gäbe es noch eine zusätzliche nette Nuance auf der Platte - aber, wo ist denn da der Brönner sozusagen geblieben?

Und dann habe ich mir überlegt - auch über Texte nicht zuletzt, die ja noch ein starkes Stück von mir wieder mit einfließen lassen! - ob ich es verantworten kann, auf zwei bis drei Nummern auf so einem Album zusätzlich auch selbst zu singen. Den Versuch haben wir einfach mal gewagt - unter dem Strich ist etwas herausgekommen, was mir auf der Bühne immer sehr viel "Entspannung" verschafft. Wobei ich nie sagen würde, daß ich ein Sänger bin, der irgendwem den Rang ablaufen könnte, oder sich jetzt als Sänger in den Jazz-Olymp katapultiert .... Den Ergeiz hat man, wenn überhaupt, wohl eher auf der Trompete. Und selbst da hat sich das alles sehr entspannt.

Till Brönner (Foto: Jim Rakete)

Carina: Du scheinst ja immer so - zumindest in den Medien - der "liebe Junge" zu sein, der es "allen recht" macht - es ist jedenfalls das, was man überall zwischendurch liest. Was sagst du denn dazu, was steckt hinter dieser Fassade? - Das ist ja immer nur eine Seite ...

Till: Nun, das impliziert ja sozusagen, oder unterstellt vielmehr, daß es eine Fassade sei. Das, zum Beispiel, empfinde ich gar nicht so. Ich glaube, daß ein großer Teil - und damit auch ein Spiegel meiner Persönlichkeit - auch darin besteht, daß man mich nicht wirklich orten, einschätzen oder kalkulieren kann. Ich bin in der Tat jemand, der sich stark von Stimmungen leiten läßt, obwohl ich im Prinzip - so sagt man mir zumindest - so wirke als ob ich keiner Fliege etwas zuleide tun könnte: Für jeden ein offenes Ohr und sehr freundlich - aber ich höre mir Sachen sehr, sehr genau an, die passieren.

Und: ich habe auch eine sehr klare Meinung zu den meisten Geschichten. Ich verstehe auch gar nicht, warum - wenn man sich mal anschaut, was ich an Platten gemacht habe! - da so unbedingt der Eindruck entstehen soll, daß ich versuche, es allen recht zu machen.

Sicherlich ist es so, daß auf meinem letzten Album eine sehr, sehr starke Tendenz existiert, "kompatibler" zu sein. Aber das ist in meinen Augen eigentlich mehr eine Leistung als ein Nachteil, weil ich schlichtweg behaupte, daß das Niveau nicht im geringsten leidet. Also wenn man das Gefühl bekommt, daß sich jemand bewußt unterfordert, um "auf Teufel komm' raus" mehr Leute zu erreichen, dann finde ich sowas ein bißchen schade. Bei mir ist es jedoch so, daß ich versuche, in diesem Konzept, und in der Produktion jedes einzelnen Stückes an meine Grenzen zu gehen!

Da spielt natürlich auch eine Form von Ästhetik eine Rolle, die ab einem gewissen Grad erreicht ist. Brüche - die finden bei mir auf Produktionen relativ selten statt, weil diese Alben meistens Konzeptalben sind. Und die sollen immer eine klare Stimmung 'rüberbringen und nicht in jedem Stück alles auf eine Weise aufbrechen, daß auch der letzte Hörer noch mibekommt: "Oh, da revolutioniert einer den Jazz!" ... wovon ich glaube, daß das gar nicht mehr möglich ist.

Carina Prange

CD: Till Brönner - "Chattin with Chet" (Verve 157 534-2)

Verve/Universal im Internet: www.jazzecho.de

Coverphoto/Design: Jim Rakete/D. Rudolph
Porträtphoto: Jim Rakete

© jazzdimensions2000
erschienen: 31.10.2000
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