Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / portraits / 2006

Steve Coleman - "Philosophie und Balance"
[English version]

Der Begriff, der in Steve Colemans Leben - privat und beruflich - den Angelpunkt bildet, ist "Balance". Die Balance, verstanden als universales System, als Element einer Herangehensweise an Musik und das Leben, bei der die Kräfte des Universums, persönliche Fähigkeiten und die Tiefen des Daseins miteinbezogen werden.

Steve Coleman

Steve Coleman steht für eine komplexe Auffassung von Musik, die sich ebenfalls in seinem, seit 1998 stets weiterentwickelten Computerprogramm "Ramseses" wiederfindet, das Noten, Choreographie und Programmiersprache verschmilzt - Musik und Mathematik als Einheit, bei der ein Rechner lediglich als steuerndes Mittel zum Zweck dient.

Carina: Es gibt auf deiner Website gratis ein CD-File zum Downloaden: "Alternate Dimension Series 1". Finden es dein Label und die anderen Musiker dieses Projektes in Ordnung, daß dort ein ganzes Album kostenlos verfügbar ist?

Steve: Kein Problem, das wurde mit dem Wissen von Label Bleu und mit dem Wissen der Musiker ausgearbeitet. Jeder, der damit zu tun hatte, wurde informiert - vor der Umsetzung. Wir versuchen, einen neuen Weg zu beschreiten, um die Musik den Leuten näherzubringen - dieser Weg beinhaltet auch gelegentlich Aufnahmen zum freien Download.

Carina: Eines der Themen, für die du dich im Bereich der Musiktheorie sehr interessierst, sind symmetrische musikalische Strukturen. Wieviel hat Musik mit Mathematik zu tun? Wo liegt dein spezielles Interesse bezogen auf Symmetrie? Bestehen Verbindungen zu Hofstadters "Gödel, Escher, Bach"?

Steve: Ich besitze das Buch "Gödel, Escher, Bach" - ich habe es gekauft, weil ich mich für Bach und Escher interessiere, aber ich habe es noch nicht ganz gelesen. Musik und Zahlen hängen zusammen. Vielen Menschen ist nicht bewußt, daß unser musikalisches System bereits zu einem hohen Maße auf Mathematik beruht - in dieser Hinsicht muß ich nichts hinzufügen. Alle musikalischen Systeme enthalten daher eine Menge Symmetrien.

Mein eigenes Interesse hieran begann, als ich noch sehr jung war und wuchs, als ich über musikalische Strukturen und Improvisation hinzulernte. Ich begann die Musik von Charlie Parker zu studieren - die besitzt gleichermaßen Form wie Symmetrie, ein sehr hohes Maß von beidem. Von dort ging ich über zu Sonny Rollins, Coltrane, Bunky Green, Muhal Richard Abrams, Bela Bartok, Stravinsky, Afrikanischer und Kubanischer Volksmusik, dem Kontrapunkt und so fort - alles beinhaltet Symmetrie auf höchster Ebene.

Steve Coleman

Carina: Anfangs Maceo, dann Charlie Parker, westafrikanische Musik, indische Musik - wie ist es möglich all diese Einflüsse auf positive Weise miteinander zu verbinden? Du hast die dahinter stehenden Ideen und Konzepte lange Zeit studiert - wieviel Einfluß hatten und haben sie auf deine Musik, auf dein ganzes Leben?

Steve: Zunächst zu Maceo Parker: er hat keine wirkliche Bedeutung für meine Musik - das wurde eher von Musikjournalisten herbeigeredet. Ich mochte sein Spiel lediglich als ich viel jünger war - James Brown war insgesamt viel wichtiger für mich. Charlie Parker und die westafrikanische Musik haben tatsächlich einen großen Einfluß auf meine Musik und mein Leben.

Dabei verstehe ich beides nicht als unterschiedliche musikalische Konzepte. Ich will immer herausfinden, was Dinge miteinander verbindet, statt was sie unterscheidet. Alles was mich umgibt, setze ich in Relation zueinander - sowohl in der Musik, als auch allem anderen. Die Hauptprinzipien meiner Arbeit sind Balance und Form. Ich unterscheide nur zwei Arten von Musik, "gute" und "schlechte".

Ich höre mir alles an, von dem ich glaube, daß es gut ist und von dem ich lernen kann. Es ist mir dabei vollkommen gleichgültig, wie diese Musik von der Musikindustrie genannt wird. Was mich am meisten anzieht, ist Musik, mit der ich Bilder und Prozesse der Natur - mit anderen Worten: das Universum - assoziiere.

Carina: Die Philosophie von M-Base basiert auf African Music - mit einer starken Betonung auf spirituelle, rhythmische und melodische Entwicklung - das macht es grundsätzlich zu einem "nicht-westlichen" Konzept. Für welche Leute ist M-Base offen? Hat sich seine Bedeutung in den letzten Jahren verändert?

Steve: Das M-Base, von dem wir sprechen, bezeichnet eine Denkweise. Keine neue - nur wird sie eben angewendet auf unsere Zeit, auf das Heute. Als Denkweise ist sie prinzipiell für jedermann offen - es handelt sich ja nicht um einen "Club", dem man beitreten müßte. Natürlich verändern sich Ideen und wachsen - so wie Menschen auch wachsen.

Die Gegenwart steht auf den Schultern der Vergangenheit. M-Base bedeutet in erster Linie eine andere Herangehensweise an Musik aus der Lebenserfahrung heraus.

Steve Coleman

Carina: Du hast einmal gesagt, daß "was eine Person hört, geformt ist durch ihren eigenen Erfahrungsschatz". Was ist die Konsequenz daraus für das Musikmachen und das Streben der Musiker nach Interaktion mit dem Hörer?

Steve: Es hat einen sehr großen Effekt auf die Richtung der Musik, die ein Musiker kreiert und auf die Intention, die er in die Musik legt. Die meisten Leute setzen sich damit wenig auseinander, verwechseln wer und was sie sind mit dem, was sie selbst und andere über sie denken.

Wenn du Musiker bist, wird dein wahres Wesen in deiner Musik durchscheinen. Trotzdem mußt du regelmäßig deine Beziehung zum Publikum neu bewerten, herausfinden, wie du deine Botschaft besser vermitteln kannst. Das ist in der vom Unterhaltungsanspruch angetriebenen Musikindustrie, die wir heute haben, keine einfache Aufgabe.

Carina: Bei deinem neuen Album gibt es diesmal keine Linernotes über philosophische Konzepte - warum? In wieweit ist das Verstehen des Hintergrundes deiner Musik von Seiten der Hörer notwendig?

Steve: Ich mache das verschieden, je nachdem, wie ich in dem Moment fühle. Manchmal gibt es Erläuterungen, manchmal nicht. Manch einer wird vielleicht die Musik nicht wirklich verstehen, wird ganz andere Dinge fühlen und denken. Viele Leute schätzen gerade ausgedehnte Linernotes, weil sie gerne eine Vorstellung davon haben, wie die Musiker über diese Musik denken.

Ich bekomme viele E-Mails, in denen sich Hörer bei mir bedanken. Aber andere mögen das überhaupt nicht - sie ziehen es vor, lediglich die Musik zu hören. Die bräuchten die Erklärungen einfach nicht zu lesen, regen sich aber auf und fragen, wozu ich diese komplizierten Sachen schreibe. Dabei versuche ich nur den Leuten zu helfen, sich der Musik zu nähern. Ich glaube, daß es bei vielschichtigerer Musik erforderlich ist, auf ein Verstehen hinzuarbeiten - für beide, sowohl für den Musiker als auch für den Hörer.

Carina Prange

Steve Coleman im Internet: www.m-base.com

CD: Steve Coleman - "Resistance is futile"
(Label Bleu / Sunny Moon 6643/44)

Fotos: Label Bleu / M-Base

  Jazzdimensions-Service in Zusammenarbeit mit MusicLine:
more artist-info / listen to CD at musicline.de

mehr bei Jazzdimensions:
Steve Coleman - "Resistance is futile" - Review (erschienen: 11.4.2002)
Steve Coleman - "Die Mystik des Klangs" -Interview (erschienen: 10.11.1999)

© jazzdimensions2002
erschienen: 16.11.2002
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: