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Peter Fessler - "Kapuzenpulli und Stirnband"

Wer das Cover seiner CD "On Stage" oder sein Pressephoto betrachtet hat, erwartete zum Konzert im A-Trane einen "Typen", der eine Mischung aus Edelrocker und schickem Jazzsänger darstellt. - Weit gefehlt: Der, der da sang, saß im Kapuzenpullover und mit Stirnband auf der Bühne und wirkte ganz und gar natürlich. Und sein Programm bestand nicht nur aus dem Repertoire der neuesten CD "Eastside Moments", sondern hatte einen ganz besonders starken "südamerikanischen Einschlag".

Peter FesslerUnd ob er nun Portugiesisch singt oder Englisch - Peter Fessler ist in jedem Falle ein genialer Sänger, einer der ganz wenigen, die Deutschland zu bieten hat.

Zu nächtlicher Geisterstunde sprach Carina Prange nicht mit einem Geist, sondern mit dem erschöpften Künstler im Backstage-Raum des A-Trane:

Carina: Bist du nun ein Sänger oder ein "Jazzsänger" - wie würdest du dich selbst bezeichnen?

Peter: In erster Linie bin ich ein Sänger. Weil bei mir ja soviele Elemente vorkommen - ausgehend von den Klassischen bis hin zu den extrem freien Sachen. Von daher: in erster Linie ein Sänger, der das alles macht. Das sehe ich auch nicht so eng bzw. ich muß es breit sehen.

Carina: Du warst ja über zwei Jahre in den U.S.A. - bist du mal auf die Idee gekommen, ganz da zu bleiben?

Peter: Ja, aber ich habe doch immer wieder Heimweh gekriegt nach dieser Bodenständigkeit der europäischen Kultur. Ich habe es sehr geliebt, mit vielen, vielen sehr guten Musikern zusammenzukommen. Und daß die Jazzkultur von den Staaten kommt, das tut mir natürlich dahin gehend leid - aber das bringt es dann mit sich - daß ich dann eben halt ständig rumreisen muß; von daher ist es in Ordnung. Aber leben - ich brauche dieses Umfeld hier, dieses europäische Umfeld - Italien direkt in der Nähe, das Südliche, ja - dieses Mediterrane, das lieb´ ich: Spanien, Portugal. Ich brauche das!

Carina: Wie kamst du auf die Homage an Antonio Carlos Jobim - auf der CD und insbesondere am heutigen Abend?

Peter: Er ist für mich der Klassiker, der Komponistenklassiker. Ich habe von ihm ja heute Abend auch sechs Titel im Programm verteilt präsentiert. Er ist für mich derjenige, der in einer Komposition eines unterhaltenden Titels - sagen wir zwischen drei und zehn Minuten - eine solche intelligente Essenz an Melodie und Akkordik transportiert, daß es kaum faßbar ist; es ist kaum nachahmbar. So daß man es als verpflichtend sehen muß, das zu erhalten, auch für die nächsten Generationen - was dieser Mann (auch andere Komponisten um ihn herum) aus der Zeit des Bossa-Novas der Fünfziger geschaffen hat. Das sind Sachen, da verpflichte ich mich diesem alten Meister in meinen Versionen mit dieser Verbeugung. - Auch die nächsten Jahre noch: ich werde noch andere Titel ausgraben die beim Publikum nicht so sehr bekannt sind.

Carina: Wieviel Zeit brauchst du überhaupt täglich, um zu singen? - Singen ist ja auf eine gewisse Weise auch sowas wie ein Leistungsport ...

Peter: Ich danke dir! -

Carina: Wieso?

Peter: Weil das die wenigsten so sehen - die meisten sagen ja: wenn du nicht weißt, was du werden sollst, dann sing´, dann werd´ Sänger - also überspitzt ausgedrückt. - Aber: Ich brauche mein ganzes Leben lang Zeit, um immer wieder gut bei Stimme zu bleiben. Und die meiste Zeit nutze ich, indem ich Pause mache und mir nur bewußt werde, was ich leisten möchte oder was die Stimme leisten möchte. - Ich bin also keiner, der Konzerttourneen von dreißig Gigs in einem Monat hinlegen kann, das schaffe ich nicht, nicht mit dieser Stimme. Und deswegen verteile ich das - ähnlich wie McFerrin - verteile ich das sehr, sehr breit.

Peter Fessler - "Eastside Moments"

Carina: Was willst du beim Publikum erreichen?

Peter: Daß sie mich lieben, daß sie meine Stücke lieben und daß sie all´ das, was ich mache, gnadenlos lieben. - Natürlich klingt das alles sehr flach, aber klar ist die Grundgeschichte die, daß ich anerkannt werden möchte, daß ich weiterhin mit dem Publikum dieses Erlebnis haben kann, diesen Austausch: Sie geben mir ihre "Elektrik" dazu - dieses "Electrifying" - und dann macht mich das einfach fit für Ideen. Das setzt in mir - du glaubst es nicht, aber das ist so - Ideen frei. Das knallt mich an!

Carina: Warum ist der Titel deiner neuen CD "Eastside Moments"?

Peter: In einem kleinen Studio in der New Yorker "Eastside" habe ich wunderbare Musiker getroffen, das waren die Momente, die ich dann auch kammermusikalisch verpackt habe - das ist ein unglaublicher Austausch von drei Seelen; dennoch teilweise sehr knapp gehalten. Das waren zwei sehr schöne Spätfrühlingstage im Mai ´99 - und deswegen: "Eastside Moments", also die "Eastside" New Yorks. Ich wollte das nicht so "großmäßig" nennen "New York" - sondern einfach nur die Ostseite einer Stadt, nicht die "Upper Westside", nicht die satte, sondern die stille, ja vielleicht sogar etwas andere Seite von New York, die "Eastside".

Carina: Du hast mal gesagt, daß eine "kleine Erfindung" von dir die so benannte "Jazz-Koloratur" sei ...

Peter: Kleine Erfindung?

Carina: Erklär´das mal. Sag´mal was dazu!

Peter: Also, wer sich mit Klassik befaßt - Verdi, Rossini - der weiß, was Koloratur bedeutet. Ich habe also Koloratur im Sinne dieser klassischen Koloratur übernommen; etwas humorvoller aufgefaßt, stiller aufgefaßt für die Jazzimprovisation. Das ist eine rein technische Gesangsweise und die habe ich immer in Improvisation verpackt und das ist das Interessante: wo ich selber mir das Band mit der Improvisation anhörte und plötzlich dachte: Was habe ich denn da gemacht, das ist ja interessant. - Und dann habe ich da weiter dran gearbeitet und das richtig methodisch gemacht, wie du es heute abend bei "So Danco Samba" gehört hast. Und es macht mir einfach Spaß, da europäische Wurzeln mit zu verarbeiten. - Du mußt dir das mal vorstellen: Jazzimprovisation - USA - die Tradition - die Reise nach Südamerika - packe es wieder rüber nach Europa - ja das ist eine Reise! (cp)

Foto: Pressemappe
CD-Cover: Harald Habets "Eastside Moments")

© jazzdimensions1999
erschienen: 26.10.1999
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