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Peter Autschbach - "Taucht im Rockjazzmeer"

Peter Autschbachs Herangehensweise ans Gitarrespielen: er pflegt im Geiste das, was er spielt, zu singen. So entsteht sein lyrischer Sound, der sich zwischen Fusion, Jazz und Rock bildhaft und entspannt einpendelt. Da Autschbach viel als Lehrer tätig ist, und sich schon seit längerem Gedanken über die bestmögliche didaktische Herangehensweise macht, gibt er sein Wissen zusätzlich in Gitarrenlehrbüchern weiter. Das eigene Bandprojekt wird darüber jedoch nicht vernachläßigt ....

Peter Autschbach (M. Nüchtern)

Carina: Du hast zunächst Folkmusik gespielt und bist dann zum Jazz (auch als Studium) "übergewechselt". Grund war u.a. die Begeisterung für Joe Pass. Sehnst du dich heute manchmal zurück nach den "guten alten Folkzeiten"?

Peter: Die Faszination für die akustische Gitarre habe ich nie verloren. Ich habe aber im Alter von 20 meine Stahlsaiten-Akustikgitarre verkauft, um mir eine gute Jazzgitarre leisten zu können. Ich habe sehr lange nur auf Nylonsaiten akustische Gitarre gespielt. Seitdem ich regelmäßig Workshops für die Zeitschrift "Akustik-Gitarre" schreibe, entdecke ich einige Spielweisen von damals neu. Ich habe mir vor einiger Zeit zwei hervorragende Stahlsaiten-Akustikgitarren gekauft, eine Martin und eine Taylor. Ich habe meine Fingerpicks ausgegraben und dabei entdeckt, daß ich nichts verlernt habe - im Gegenteil, durch den Jazz- und Rock-Background habe ich jetzt viel mehr Möglichkeiten, mich auszudrücken.

Carina: Ein Statement von dir auf deiner Website ist, daß "nach dem Studium und bis heute deine Ausbildung auf der Bühne stattfindet". Was ist mit Musiktheorie, Unterricht bei Meistern anderer Genres etc. - gibt es da nichts außer dem "Bühnenspiel"?

Peter: Man lernt natürlich nie aus! Es gibt immer Leute, die irgendwas besser können als man selber, von denen man lernen kann. Ich habe die Ohren und Augen offen und informiere mich über alles mögliche. Aber es ist schon lange nicht mehr so, daß ich große Vorbilder brauche: Mittlerweile weiß ich selbst, wo ich hin will und denke mir meine eigenen Strategien aus, die mich weiter bringen. Eigentlich war ich schon immer mein eigener Lehrer. Aber für Tipps von anderen Menschen bin ich natürlich weiterhin offen!

Carina: Du bist auch Jazz-Workshop-Dozent - was möchstest du in erster Linie deinen Schülern vermitteln? Was ist Schwerpunkt des von dir erstellten Gitarrenlehrbuches in drei Bänden?

Peter: Ich möchte, daß meine Schüler Spaß am Üben haben. Dazu gehört, daß ich sie weder unter- noch überfordere. Bei mir bekommt keiner den gleichen Unterricht wie der andere; Menschen sind verschieden, und sie brauchen darum individuell abgestimmtes Übungsmaterial. Ich habe im Laufe meiner mittlerweile 20-jährigen Lehrertätigkeit viel Material für meine Schüler geschrieben, viel davon wieder verworfen - aber auch besonders wichtige Dinge entdeckt.


Die meisten Schüler haben rhythmische Probleme. Mit diesen werden sie von den allermeisten Gitarrenbüchern allein gelassen!

Die meisten meiner Schüler haben rhythmische Probleme. Mit diesen Problemen werden sie von den allermeisten Gitarrenbüchern allein gelassen. Ein Beispiel: Ich habe ein Phänomen entdeckt, das bisher in keinem Gitarrenbuch beschrieben wird. Alle meine Schüler klingen sofort rhythmisch wesentlich deutlicher und entspannter, wenn sie von mir darauf aufmerksam gemacht werden. Ich nenne das das "Wechselschlag-Groove-Problem": Ganz grob beschrieben geht es darum, beim Spielen von Rhythmen die Aufmerksamkeit auf nur eine der sechs Saiten zu konzentrieren.

Da die am höchsten gestimmte Saite als "Melodie" empfunden wird, ist es genau die Saite, die den Rhythmus produzieren soll, den man haben will. Daraus folgt aber, das man den Abschlag früher machen muß als den Aufschlag - weil man beim Abschlag die tiefen Saiten vor der hohen Saite erwischt, und beim Aufschlag zuerst die hohe Saite trifft. - Ich scheine der Erste zu sein, der sich darüber Gedanken macht. Bei meinen Schülern hört man sehr schnell eine deutliche Verbesserung, wenn sie darauf achten!

Beim Schreiben der Bücher habe ich an die Musikschule gedacht: Man wird sehr viele kleine Stücke und Übungen finden, die sich in einer halben oder Dreiviertelstunde erarbeiten lassen. Das Material baut aufeinander auf, es ist aber nicht für blutige Anfänger geschrieben. Gitarristisches Basiswissen wird vorausgesetzt. Zu jedem Band wird es eine CD mit Klangbeispielen geben. Band 1 erscheint noch in diesem Herbst bei "Acoustic Music".

Peter Autschbach - "Under The Surface"

Carina: Dein letztes Album ist mit "Under the surface" betitelt. Der Zusammenhang besteht hier mit deiner Tauchleidenschaft. Wie bist du zu dieser Freizeitbeschäftigung gekommen? Ist Tauchen eine Erholung vom Alltagsstress oder bedeutet es mehr? Inwiefern fließen deine "Tauch-Eindrücke" in das Album "Under the surface" mit ein?

Peter: Wann immer ich kann, fliege ich mit meiner Frau Andrea zu tropischen Gewässern, um dort zu tauchen. Im Moment geht's nicht, denn der kleine Sebastian ist erst elf Monate alt. Ich bin schon immer eine Wasserratte gewesen, Sport lehne ich für mich generell ab, solange er nicht im Wasser stattfindet! Ich hatte lange Zeit riesige Aquarien, leider mußte ich die verkaufen, weil ich manchmal sehr lange auf Tour bin und darunter leiden die Fische und Pflanzen. - Wenn ich mal alt bin, lasse ich dieses Hobby bestimmt wieder aufleben!

Aber Tauchen ist noch viel besser: Dort sieht man die Unterwasserwelt als ein Fisch unter Fischen! Im Jahre 1999 hatte ich die Idee, ein Stück über das Tauchen zu schreiben. Musik, die sich so anhört, wie man sich bei einem guten Tauchgang fühlt: Entspannt, farbenreich, aber auch mit aufregenden Stellen. Dabei entstand das Stück "Under the Surface" und ich dachte: "Da machst Du eine ganze CD raus". Ich habe dann die einzelnen Stimmungen dieses Stücks auf zehn Kompositionen verteilt.

Carina: Was ist dir in der Zusammenarbeit mit deinen Bandmitgliedern wichtig? Verstehst du dich als führender Kopf deines Autschbach-Projektes, eher als Koordinator oder als Musical Director ...??

Peter: Ohne die Band wäre meine Musik nicht live aufzuführen oder im Studio aufzuzeichnen. Ich bin Mario Brüninghaus, Guido Hendrichs und Ralf Metz dankbar für die Art und Weise, mit den Stücken umzugehen. Es ist sehr schwierig, Leute zu finden, die über die Fähigkeiten verfügen, die Musik zu spielen - Autschbach-Kompositionen verlangen von den Musikern den ganzen Mann! -, und die sich vor allem sich nicht zu schade sind, die Stücke auch entsprechend vorzubereiten.

Meine Musik kann man nicht vom Blatt spielen, dafür ist sie zu schwer. Ich möchte aber, daß sie sich so anhört, als wäre sie leicht zu spielen, und daran arbeiten wir im Proberaum. Ich nehme gern Vorschläge der Bandmitglieder entgegen, die auch die Stücke auf ihre Art formen sollen, aber das letzte Wort möchte ich haben. Ich habe sehr, sehr genaue Vorstellungen vom Endresultat und das überrascht die meisten Leute, die zum ersten Mal mit mir proben.

Carina: Eine Zeit lang hast du Trompete gespielt und festgestellt, daß "Trompeter eher wie Sänger denken". Wie hat das dein Gitarrenspiel beeinflußt? Würdest du sagen, daß das ein Teil deines individuellen Stils ist?

Peter: O ja, das ist genau meine Herangehensweise: Ich spiele die Töne, die ich innerlich "singe". Manchmal singe ich tatsächlich mit, was ich improvisiere, das kommt immer sehr gut beim Publikum an. Die denken wahrscheinlich, daß das besonders schwierig ist, dabei singe ich doch nur laut, was ich sonst für mich behalte! - Aber vielleicht ist das dann letztendlich ein Beweis, daß ich das, was ich tue, wirklich unter Kontrolle habe.

Peter Autschbach (D. Herrmann)

Carina: Deine Musik wird oft als "Rockjazz" bezeichnet. Gehst du da mit bei dieser Definition - oder lehnst du Stilbezeichnungen generell ab?

Peter: Die Bezeichnung "Rockjazz" finde ich o.k. Damit werde ich nicht in eine Schublade gesteckt. Ich hasse dieses Denken! Natürlich habe ich Einflüsse gehabt und die kann man manchmal meinem Spiel anhören. Ich bin kein Avantgarde-Jazzer, ich spiele Melodien, die mir einfallen, und die erinnern auch schon mal an Musik von anderen Leuten.

Carina: Du hast eine gut strukturierte Website - sie ist außerdem mehrsprachig. Warum ist sie nicht lediglich in Deutsch und Englisch gehalten - ist das eher eine Spielerei von dir oder warum ist dir das wichtig?

Peter: Ich liebe chinesisches Essen und möchte darum unbedingt mit der Band nach China. Darum brauche ich natürlich eine chinesische Webseite! Außerdem gibt es 2 Milliarden Chinesen - nicht auszudenken, was geschieht, wenn denen meine Musik gefällt. Leider konnte ich mich bisher nicht darum kümmern, meine chinesischen Seiten zu promoten - deswegen hatte ich noch nicht viele Klicks aus dem "Reich der Mitte". Ich werde daran arbeiten, das zu ändern.

Carina: Welche Gitarren spielst du? Legst du Wert auf einen bestimmten Verstärker? Wie ist es mit Effektgeräten - setzt du sie oft/selten ein und wann hältst du sie für unerläßlich?

Peter: Mein Ideal ist ein Wohlklang. Obwohl sich ein richtig mieser Gitarrensound immer dann ganz gut macht, wenn der Rest - wie beispielsweise in der House-Musik - sehr glatt und perfekt produziert ist. Das wäre dann genau die Art von Schmutz, die da rein muß. Bei mir hat sich ein Sound herauskristallisiert, der leicht angezerrt ist und den ich die meiste Zeit spiele. Ansonsten gibt es kaum Effekte, bis auf ein bisschen Echo und Hall.

Man lernt eben ständig dazu: Als ich mit meinem Sound nicht so zufrieden war, dachte ich immer, es liegt am Verstärker. Also hab ich unzählige Verstärker gekauft - und doch nie den Sound herausgekriegt, den ich wollte. Im Laufe der Jahre habe ich mehr und mehr gelernt, daß eigentlich alles über das Spielen geht. Was man braucht, ist ein gewisses Repertoire an Feinheiten, dann kommt man auch über einen schlechteren Verstärker dem ziemlich nahe, was man möchte. Umgekehrt aber geht's nie!

Carina: Welche Rolle spielen Gefühle, wenn du auf der Bühne stehst, wenn du improvisierst?

Peter: Zum Glück bin ich mittlerweile so weit, daß ich immer ein gewisses Niveau halten kann, auch wenn ich mich schlecht fühle. Ich habe dieses Jahr auf der Musikmesse in Frankfurt gespielt, und der Umgebungslärm hat mich derart fertig gemacht, daß ich mich beim Spielen total unwohl gefühlt habe. Als ich nach Hause fuhr, war ich der festen Überzeugung, daß ich extrem schlecht gespielt hätte. Auf dem Video konnte ich danach jedoch feststellen, daß es längst nicht so schlecht war, wie ich dachte.

Ich bin froh darüber, denn bei meinen Konzerten haben die Leute das Recht, von mir und der Band was geboten zu bekommen. Ich versuche immer das bestmögliche Solo zu spielen! Aber auch die anderen Musiker der Band sind dabei extrem wichtig, es muß ein gegenseitiges Geben und Nehmen stattfinden. Der Solist macht eine Pause, jemand füllt diese Pause, der Solist hört aber auch, wann z.B. der geniale Bassfill vorbei ist - und spielt erst danach weiter. Diese Art der musikalischen Kommunikation interessiert mich sehr.

Peter Autschbach (M. Nüchtern)

Carina: Wird es in Bälde ein neues Peter Autschbach-Album geben?

Peter: Klar. Ich arbeite an einem Akustik-Gitarren-Album - ob das vom "Autschbach-Projekt" eingespielt wird, weiß ich noch nicht - evtl. mache ich dann zwei CDs. Ich denke, daß ich im Frühjahr ins Studio gehen werde. Ich habe übrigens gerade eine eigene Plattenfirma mit dem Namen "Rockjazz" gegründet. Die erste Veröffentlichung ist das Wiedererscheinen meiner ersten vergriffenen CD "Chasing the Beat". Die wird ab Oktober 2001 bei "Rockjazz" zu beziehen sein.

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Peter: Ich habe einen sehr langen Atem. Ich gebe nicht so leicht auf. Viele Dinge haben in meinem Leben erst im zweiten Anlauf oder noch später geklappt. Daran glaube ich: Irgendwann wird alles gut.

Carina Prange

Peter Autschbach im Internet: www.autschbach.de

Rockjazz im Internet: www.rockjazz.de

Fotos:Michael Nüchtern / Dirk Hermann


Hier eine Equipment-Liste für diejenigen, die es wirklich wissen wollen:

Akustik-Gitarren:
Martin HD28 Steelstring, Taylor 314 CE, Yamaha Grand-Concert Klassikgitarre, Solidbody-Nylonstring-Gitarre Godin ACS

E-Gitarren:
Spezialanfertigung von Gitarrenbauer Andreas Schack: kurze 62,5 cm Gibson-Mensur, breiter und dicker Hals, JumboBünde, 2 Humbucker, 1 Singlecoil, Floyd-Rose-Whammy-Vibrato. Die Gitarre hat 23 Bünde, unter dem angenommenen 24. Bund ist ein Humbucker aus einer alten Gibson Les Paul eingebaut.
[Laut Peter Autschbach klingt die Gitarre "trotz der IbanezSteve-Vai-Optik und dem geringen Gewicht in der Hals-Position eher wie eine Semiakustik als wie eine Solidbody."]
sonstige: Fender USA-Stratocaster, Gibson Les Paul Classic, Gibson LS CES (Wes-Montgomery-Modell)

Verstärker:
Marshall JMP1-Preamp; in den Effektweg ist ein parametrischer 4-Band-Equalizer von TC Electronics eingeschleift, der als zusätzlicher Höhenregler dient. Von dort geht das Signal in ein Rocktron Intellifex Multieffekt, danach stereo in eine Engl-Röhrenendstufe (2x50 Watt).

Boxen:
Gallien Krüger mit jeweils einem 12"Electro-Voice-Gitarrenlautsprecher; eine hinten geschlossen und mit Bassreflexöffnung, eine offen

© jazzdimensions2001
erschienen: 20.11.2001
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