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Marilyn Mazur - endlich anerkanntes Multitalent

Marilyn Mazur - bei Nennung dieses Namens dachte man viele Jahre lang höchstens an eine "Schlagzeugerin, die eine Zeitlang mit Miles Davis gespielt hat." Oder, wenn man zufällig über die entsprechende Notiz in irgendwelchen Jazzführern stolperte, konnte man sie dort am Rande als "dänische Percussionistin" aufgelistet finden. - Dies wird sich nach der Verleihung des diesjährigen "Jazzpar-Preises 2001" an Marilyn Mazur wohl endlich ändern.

Marilyn Mazur

Gefragt, was sie selbst mit dieser Preisverleihung verbindet, und mit dem Sinn oder Unsinn von Preisen im Allgemeinen, ist ihr Statement ein sehr klares: "Der 'Jazzpar-Preis' bedeutet für mich eine Menge - er versinnbildlicht die Akzeptanz meines musikalischen Universums, trotz dessen Komplexität. Ich konstatiere, daß der Preis es mir außerdem erlauben wird, mehr Raum in der europäischen Musikszene einzunehmen. Eine der guten Seiten von Preisen und Auszeichnungen tritt dann zutage, wenn sie die Musik, die sonst von den Massen der kommerziellen Musik verborgen wird, sichtbarer machen."

Bis zu dieser Preisverleihung war es ein langer Weg. Marilyn Mazur, gebürtige New Yorkerin, und im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern nach Dänemark übergesiedelt, hat sich vieles in ihrem Leben erkämpfen müssen. Als Kind nahm sie Klavier- und Balettunterricht und gründete - als Komponistin und Pianistin - im Jahre 1973 ihre erste Band - "Zirenes". Die meisten ihrer zahlreichen Percussioninstrumente erlernte sie im Laufe der Zeit im Selbststudium.


"Besonders Miles Davis´ Musik aus den 60er/70er Jahren
hat meine musikalische Herangehensweise beeinflußt!"

In ihren ersten Jahren als Musikerin spielte sie mit Peter Kowald, Andreas Vollenweider, Charlie Mariano, Irene Schweizer, Niels-Henning Ørsted-Pedersen und vielen anderen. Von 1985 bis 1989 folgte dann die prägende Periode in Mazurs Laufbahn: sie wurde als ständige Drummerin von Miles Davis engagiert, und war in Folge häufig mit ihm auf Tour. Davis Einfluß auf ihre Musik und auf ihr Verständnis von musikalischen Abläufen wirkt bis heute fort: "Besonders seine Musik aus den 60er/70er Jahren hat meine musikalische Herangehensweise beeinflußt. Miles strahlende und allesverschmelzende Bühnenpräsenz lehrte mich überdies sehr viel über musikalische Intensität."

Nach einer zusätzlichen Tour mit der Wayne Shorter Band kehrte Mazur in ihre Heimat Dänemark zurück, um sich ihren eigenen Projekten zu widmen. Seitdem existiert ihre Formation "Future Song", deren Besetzung ein amerikanisch-dänisch-norwegisch-kroatisches Konglomerat darstellt. Hierzulande am bekanntesten ist sicherlich der Trompeter Nils Petter Molvaer. Doch Ziel war nicht etwa, die Gruppe so international wie möglich zu gestalten: "Ich habe lediglich versucht, jene Musiker zusammenzubringen, die meiner Meinung nach aufregende Persönlichkeiten oder Talente haben."

"Einigen von ihnen fühlte ich mich auch aus musikalischen oder persönlichen Gründen verbunden. Bei Aina Kemanis, unserer amerikanischen Sängerin, habe ich mich dagegen einfach in ihre Stimme auf einer Barre Phillips-Platte verliebt. Es gibt für jedes Bandmitglied eine andere Geschichte. - Ich wünsche mir für das 'Future Song'-Projekt, daß es eine emphatische Familie von einzigartigen Individuen bildet, die eine musikalische Vision der Zukunft kreiert - geformt von dem menschlichen Sehnen nach Togetherness, Schönheit, Spaß und dem Verständnis der Mysterien des Lebens."

Marilyn Mazur

Klingen diese Sätze etwas übertrieben, so gibt doch Mazurs Musik ihr recht. Von jeder dieser Komponenten enthält sie etwas, offenbart eine ungeheuer positive, oft auch sehr experimentierfreudig klingende Ausrichtung. Mazur selbst bedient Percussion und Schlagzeug, und auch ihre Stimme ist gelegentlich zu hören - nicht als Gesangskunst, sondern als Teil der Rhythmusgruppe zu verstehen.

Marilyn Mazur beherrscht das Singen durchaus, hat stimmlich einiges zu bieten - hat aber stets den Hang zur Umsetzung ihrer Ideen in perkussiver Form stärker in den Vordergrund gestellt: "Ich habe nie erwogen, eine reine Sängerin sein zu wollen. Ich war immer mehr eingenommen vom Spielen des Klaviers, und später von Percussioninstrumenten - obwohl ich das Singen sehr mag."


Wenn ich komponiere, kann das ausgelöst sein durch einen bestimmten Sound, oder durch das Empfangen von
so etwas wie einem "kosmischen Song"!

Für die adäquate Instrumentierung jedes ihrer Stücke greift Marilyn Mazur auf unterschiedlichste Instrumente zurück, unter denen sich neben Keyboards und Percussion auch Marimba, Daburka, Ballaphone und andere befinden. Nach den Gründen gefragt, die den Ausschlag für die Wahl eines Instrumentes geben, erläutert Marilyn:

"Wenn ich zu komponieren beginne, könnte das zwar ausgelöst sein durch einen bestimmten Sound oder eine Instrumentenkombination, oder ich mag auch offen sein für das Empfangen von so etwas wie einem 'kosmischen Song'. Später dann bekomme ich die Vision, was klanglich gut zu diesem Stück passen würde. Und natürlich ist da immer die 'praktische' Seite - wer die anderen Musiker sind, mit denen ich zusammenspiele, welche Instrumente mit ihnen eine Balance bilden. Auf gewisse Weise bedeuten die unterschiedlichen Timbres meiner vielen Instrumente jeweils ihre eigene Sprache, dadurch erlauben sie mir unendliche Nuancen des Ausdrucks."

Marilyn Mazur hat nun den Jazzpar-Preis 2001 gewonnen - doch nicht erst jetzt verdient sie mehr Aufmerksamkeit. Warum gerade sie für viele Hörer und Musikerkollegen einen offeneren, neuen Umgang mit musikalischen Ressourcen zu bieten hat, beschreibt ihre Herangehensweise an das Schlagzeugspielen: " Ich transformiere Gefühle in physische Bewegung - und ich kombiniere Groove mit Response!"

Carina Prange

Fotos: n.n.

Dieser Artikel erschien bereits in leicht geänderter Form im Jazzpodium Juli/August 2001

© jazzdimensions2001
erschienen: 19.10.2001
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