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Irène Schweizer - freier Jazz, freies Leben??

"Frauen" und "Free Jazz" waren viele Jahre lang zwei Begriffe, die kaum in einem Atemzug genannt wurden. Zur Änderung dieses Umstandes und der Zurkenntnisnahme von Frauen im Jazz hat Irène Schweizer, Pianistin und Initiatorin zahlreicher Projekte, massiv beigetragen. Vierzig Jahre auf der Bühne, Weggefährtin von Peter Brötzmann, Alexander von Schlippenbach, Paul Lovens u.v.a., ist sie bis heute unermüdlich dabei, ihrer Musik immer wieder ein neues Gesicht zu geben und sich weiterzuentwickeln.

Irene Schweizer

In einem E-Mail-Interview mit Carina Prange treten vielseitige Ansätze ihrer Arbeit und Lebenseinstellung zutage ...

Carina: Du wirst als "Grande Dame des Free Jazz" bezeichnet - was sagst du selbst zu einem solchen Titel?

Irène: Ab einem gewissen Alter - ich werde dieses Jahr 60 - ist dieser Titel wahrscheinlich gerechtfertigt! Ansonsten halte ich nicht viel von solchen Bezeichnungen.

Carina: Wie eng ist dein Verhältnis zu "Intakt-Records" heute - und wie hat es sich dorthin entwickelt?

Irène: Mein Verhältnis zu Intakt-Records ist ein sehr enges - ich habe diesen Verlag 1983 mitbegründet, weil ich dringend einen Verlag brauchte, der meine - damals noch LP's und heute CD's - in der Schweiz vertreibt. Die LP's, die ich in den 70er Jahren auf FMP aufgenommen habe, waren in der Schweiz sehr schlecht bis gar nicht erhältlich.

Carina: Fühlt es sich anders an, Solo-Piano-Konzerte zu geben, wenn man sonst eher in Gruppen spielt?

Irène: Es ist überhaupt nicht irritierend, Solo-Piano-Konzerte zu geben - das ist ein Teil meiner Arbeit, d.h. ich trete immer wieder als Solo-Pianistin auf - seit 1976.

Carina: Ist das Piano für dich "Klangkörper", "Schlaginstrument"? Wie würdest du deine Beziehung zu diesem Instrument beschreiben?

Irène: Das Piano ist für mich "Klangkörper" wie "Schlaginstrument". Ich versuche, die verschiedensten Sounds aus diesem Instrument herauszuholen und habe auch eine sehr perkussive Art, dieses Instrument zu spielen.

Carina: Konntest oder kannst du von der Musik leben? Wie wichtig ist für dich Authentizität in der Musik?

Irène: Inzwischen kann ich, nach 40-jähriger Berufserfahrung, von der Musik leben, aber es bedeutet, gleichzeitig mit vielen Projekten in ganz Europa und USA unterwegs zu sein, was immer anstrengender wird mit zunehmendem Alter. Authentizität ist für mich etwas ganz wichtiges in der Musik und ich lege sehr grossen Wert darauf, so authentisch wie möglich zu bleiben.

Carina: Würdest du dich als "Freejazzerin", als "Jazzerin" - oder als "Musikerin im Allgemeinen" bezeichnen? Was bedeutet das Musikmachen für dich?

Irène: Ich hasse solche Bezeichnungen im allgemeinen. Ich bezeichne mich als frei improvisierende Musikerin mit deutlichem Jazz-Background. Musikmachen bedeutet für mich das Leben spielenenderweise erfahren.

Carina: Du hast ja sehr früh angefangen, dich mit Musik und Instrumenten auseinanderzusetzen - wie hat sich das auf dein Selbstwertgefühl/Selbstbewußtsein ausgewirkt?

Irène: Ich habe mit zwölf Jahren aus eigener Initiative angefangen Klavier zu spielen - als Autodidaktin - und wußte schon von Anfang an, was ich spielen wollte. Das heißt, ich wurde von keiner Autorität dazu gezwungen. Es war mir auch immer klar, dass ich Jazz- und keine andere Musik spielen wollte. Das hat mir schon sehr früh ein gewisses Selbstbewußtsein gegeben.


Ich wußte, daß ich doppelt so gut sein mußte
wie meine männlichen Partner, um mich beweisen zu können!

Carina: Hast du härter sein müssen, das Gefühl gehabt, dich stärker beweisen zu müssen als du als einzige Frau im Free-Jazz-Bereich angefangen hast?

Irène: Die ersten 20 Jahre meiner beruflichen Laufbahn war ich sozusagen immer die einzige Frau - sprich Instrumentalistin - im Jazz-Bereich, und es war eine verdammt harte Zeit. Ich wußte, daß ich doppelt so gut sein mußte wie meine männlichen Partner, um mich beweisen zu können.

Carina: Was hat sich an der Situation der Frauen im Jazz, insbesondere im Free-Jazz inzwischen geändert? Was würdest du gerne an junge Musikerinnen weitergeben?

Irène: Die Situation der Frauen im Jazz hat sich in den letzten 10-15 Jahren stark verändert, d.h. gebessert - es gibt inzwischen nicht mehr "nur" Sängerinnen, sondern eine ganze Anzahl sehr talentierter Instrumentalistinnen, was eine grosse Bereicherung in diesem Business ist. Leider haben immer noch viele Veranstalter, die ihre Festivals planen, keine einzige Musikerin im Programm, was ich nie verstehen werde. Jungen Musikerinnen wünsche ich eine gute Portion Durchsetzungswillen in diesem immer noch sehr männlich dominierten Business.

Carina: Musik - Frauenbewegung - Politik - wo liegen da die Querverbindungen bzw. inwiefern beeinflußt sich das gegenseitig?

Irène: Die FIG Feminist Improvising Group, die Ende der 70er Jahre in England entstanden ist und der ich auch angehörte, hatte sich damals aus der Frauenbewegung heraus entwickelt und hatte eine klare politische Haltung. Heute weiss ich nicht, wo die Querverbindungen zwischen Musik - Frauenbewegung - Politik liegen. Ich glaube, das hängt ganz individuell von den jeweiligen Musikerinnen ab, was für eine Art von Musik sie spielen und wo sie politisch stehen.

Carina: Mehr als 35 Jahre im Musikgeschäft/Beteiligung an der Freien Musik - im Rückblick: hat es sich gelohnt und: was lief anders als erwartet?

Irène: Ob es sicht gelohnt hat, fragt sich, in welcher Hinsicht, ob frau sich an materiellen Wertmasstäben mißt! Mit dem Musikmachen in der Freien Musikbranche bin ich sicher bis anhin nicht reich geworden, aber eines weiß ich ganz bestimmt: daß die Musik mir ganz viel für meine persönliche Entwicklung gebracht hat. Im Rückblick lief ganz vieles anders als erwartet, aber das macht ja das Leben so spannend, nicht?

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Irène: Meine Lebensphilosophie: das Leben und die Musik leidenschaftlich zu lieben!

Foto: Intakt Records

Mehr zu Irène Schweizer im Internet: www.fmp-online.de und www.intaktrec.ch

© jazzdimensions2001
erschienen: 12.5.2001
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