Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / portraits / 2006

Ingo Bischof - "sideman in progress"

Gründungsmitglied von "Karthago", zehn Jahre Sideman bei "Kraan" - Ingo Bischof hat es stets verstanden, unauffällige, aber kontinuierliche Präsenz zu zeigen. Letztes Jahr hatte Kraan das große, dreißigjährige Jubiläum - im Oktober steht eine neue Tournee an. Auch Ingo Bischof wird wieder dabei sein. Ansonsten aber setzt er jetzt in erster Linie Dinge um, die er schon immer machen wollte - mit seiner Band "Tavil".

Ingo Bischof

Bei dem Projekt Tavil trifft sich Ingo Bischofs Auffassung von gruppendienlicher Musik - alle Mitglieder des Trios sind gleichberechtigt - mit jazz-rockigen Ethnoklängen und gefühlsmäßiger Tiefe der Kompositionen. Ein anderes seiner Ziele - das einer CD mit ausschließlich eigenen Kompositionen - hat er, wie er sagt, aus "Mangel an Zeit und Ausdauer" noch nicht verwirklichen können ...

Carina: Stichwort "Kraan" - die Band ist inzwischen nach so vielen Jahren und dem jetzigen Revival eine Legende. Du selber verwirklichst Dich aber - speziell in dieser Gruppe - nicht unbedingt als der "Machertyp", sondern hältst dich eher im Hintergrund des Projektes. Wieso eigentlich?

Ingo: Das ist geschichtlich bedingt - ich war ja kein Gründungsmitglied von Kraan, sondern war Gründungsmitglied von Karthago.Wir haben oft zusammengespielt und waren gemeinsam auf Tour. Da haben wir auch oft bei Kraan übernachtet - so haben wir uns dann kennengelernt.

Dann hat sich das halt "ergeben": ich hatte mit den Jungs eine wirklich schöne Session, und habe gesagt: "O.k., ich komme jetzt zu euch!" - Das war ungefähr 1974. Wir spielten ungefähr ein Jahr zu fünft - noch mit Johannes "Alto" Pappert - dann hat es sich irgendwie so entwickelt, daß wir nur noch zu viert waren.

Ich mußte mich schon der - hauptsächlich von Peter und Helmut - bereits entwickelten Stilistik anpassen. Das ist mir auch so einigermaßen gut gelungen. Daraus resultiert aber, daß ich dort nicht die Hauptperson bin - eben nicht das stilprägende Element -, sondern eher als "Verbinder" fungiere. Ich hätte allerdings auch nicht die Ambitionen dazu, ich bin nicht so ein "Front-Typ", sondern sehe mich eher als guten Sideman mit gruppendienlicher Funktion.

Carina: Du spielst ja Keyboard schon sehr lange. Welche verschiedenen Instrumente hast du denn im Laufe deiner Musikertätigkeit gespielt? Welche Marke spielst du heute?

Ingo: Angefangen habe ich natürlich mit der Orgel, so mit sechzehn, ich hatte eine ziemlich kleine - die Marke kennt kein Mensch. Mit siebzehn oder achtzehn bin ich praktisch schon Profi geworden, und besaß eine Reihe von Hammond-Orgeln - erst eine "T100", dann eine "N3" und schließlich eine "B3". Dazu kamen MiniMoog - schon ziemlich früh, 1972 -, Hohner D6-Clavinet und Fender Rhodes, später Prophet 5 und das CP 70 von Yamaha. Und so ging das immer weiter ...

Heute spiele ich ein großes Roland Keyboard, das nennt sich auch "Rhodes" - aber halt auf digitaler Basis: MK 80 - als Masterkeyboard. Da sind auch ganz schöne Fendersounds drin. Weiter habe ich ein Korg-Wavestation-Keyboard, einen Nord Lead-2, damit versuche ich halt, den MiniMoog zu imitieren - was aber nicht so leicht ist! MiniMoog und Prophet hatte ich leider Anfang der 90er verkauft. Außerdem habe ich noch so ein paar Instrumente ohne Tasten im Rack: einen "Ultra Proteus", einen Kawai, einen Sampler - all´ so ein Zeugs halt.

Carina: Das hört sich nach einer ganzen Menge an.

Ingo: Ja, aber man "braucht das halt so" - für die vielen verschiedenen Sachen ist das sozusagen erforderlich. Man benötigt auch immer neue Sounds - ich merke immer, daß man nach einer Zeit bestimmte Sachen einfach nicht mehr hören kann. Dann braucht man mal wieder neue Sounds, neue Samples - dann kommt wieder so ein kreativer Schub, das ist ganz wichtig.

Carina: "Tavil" - das Projekt, in dem zur Zeit sehr aktiv bist - kannst du dazu etwas sagen? Wo bist du sonst noch dabei?

Ingo: Der Projektname kommt von den Tavil - das sind südindische Trommeln, die werden gespielt von Butze Fischer, der ja früher auch bei den Guru Guru der Trommler war. Außerdem sind dabei Günther Reger am Saxophon - früher "Release Music Orchestra" - und ich: das ist ganz interessant, eine sehr eigenständige Geschichte. Wir haben ein Album speziell für Funk und Fernsehen eingespielt, da sind sozusagen Stücke von vor zwanzig Jahren bis heute drauf!

Ich habe aber auch viel anderes Zeug gemacht - von Gitte Henning bis nenn-wen-Du-willst - und dabei versucht, mit möglichst Vielen zu spielen, was ja auch sehr interessant war. Das Schöne ist, daß ich jetzt mit diesem Projekt - mit dem, was wir spielen - wieder zu dem zurückkomme, was mir eigentlich liegt. Ich brauche nicht mehr Sachen für für andere spielen - in einer Gala-Show, oder solche Dinge.

Carina: Wenn ich über deine Musik und dein Interesse in Richtung jazziges, rockiges Spiel höre, dann heißt das natürlich auch, daß solche Musik schwer in Schubladen zu packen ist - was ja immer alle so gerne wollen. Macht es das schwerer, sich damit auf dem Markt durchzusetzen - oder ist dir das gar nicht so wichtig?

Ingo: Für mich persönlich ist mir das nicht so wichtig - ich mache in dem Sinne keine "Karriere" für mich. Ich bin da mehr so ein Gruppenmensch. Ich spiele eben mit anderen "zusammen" - es geht dann mehr um die Sache, die man da gerade macht.

Wir waren nie sonderlich kommerziell - weder mit der einen Band noch mit der anderen - das ist so nicht unsere Tradition. Wir sind Nachkriegskinder, dann kam die 68er Zeit - da waren wir alle so siebzehn, achtzehn. Und dann kamen die 70er Jahre - das war unsere Zeit, und die war eben anders geprägt. Da war nichts von dieser "kommerziellen Karriere" - darum ging es nicht.


Die 70er Jahre waren anders geprägt. Da war nichts von dieser "kommerziellen Karriere" - darum ging es nicht!

Und im Grunde geht es da heute immer noch nicht drum, bei mir zumindest nicht! - Na klar, man muß irgendwie Geld verdienen, das ist logisch. Aber das kann man auch mit anderen Sachen! Und unbedingt reich werden will ich nicht - mir reicht es, wenn es dazu langt, um vernünftig leben zu können - und das klappt eigentlich ganz gut.

Carina: Was würdest du denn sagen, wie hat sich denn dein eigenes Spiel über die Jahre verändert? Du hast gesagt, du kommst jetzt wieder zurück zu dem, was du eigentlich immer machen wolltest. Bedeutet das auch - ein Stück weit hin zu Gruppen, die demokratisch organisiert sind, weg von der Sideman-Tätigkeit?

Ingo: Das soll schon heißen, daß jeder im Grunde gleichwertig dastehen muß. Okay - bei Kraan hat natürlich Helmut eine bestimmte Funktion, die er sehr gut ausfüllt, und dann ist das o.k. - aber im Grunde ist das auch da sehr demokratisch. Jeder kann sich so verwirklichen, wie er möchte und wird nicht großartig eingeengt. Das ist schon ein wichtiger Punkt - bei allen Sachen, die ich zur Zeit mache, ist das im Grunde so.

Ingo Bischof

Ich bin froh, daß es sich so entwickelt hat. Das ist ja eigentlich alles zufällig passiert! Das wir jetzt zusammen spielen, kein Mensch hätte das gedacht - das ist ganz verrückt! Es hat sich einfach so ergeben und das ist schön - wenn man Sachen nicht planen muß, sondern sie irgendwie einfach passieren. Das ist toll! - Aber du hattest mich irgendwie auch noch was anderes gefragt ...

Carina: Ja, wie sich dein Keyboardspiel verändert hat.

Ingo: Genau! - ... ich würde sagen, daß ich natürlich durch die Erfahrung besser spiele. Auch Kraan ist heute besser als früher, weil diese ganze Aufgeregtheit irgendwie weg ist. Wir sind jetzt alle um die fünfzig, und jeder kann das richtig genießen und toll finden, daß wir wieder zusammen spielen können, daß wir überhaupt noch leben! - Es gibt so viele aus unserem Umfeld, die nicht mehr am Leben sind ...

Und wir genießen, daß die Leute, das Publikum, das so toll findet, daß wir wieder da sind. Also, das macht schon Spaß, es ist wie ein Geschenk! Unser aller Spiel hat sich irgendwie verbessert. Man hat mehr Erfahrung, kann sich leisten, ein bißchen "weniger" zu machen. Das gilt auch für mich persönlich ... - egal wie alt man ist, man kann immer dazulernen: das hört nicht auf und das ist eigentlich das Schönste daran. - Musik ist unendlich, da gibt es keinen, der alles erreicht hat - das gibt es nicht! - und das ist toll.

Carina: Das Keyboard ist ja nicht limitiert auf bestimmte Sounds - insbesondere bei der Studioarbeit gibt es unzählige Möglichkeiten ... - Ist das Fehlen von Grenzen in diesem Zusammenhang deiner Meinung nach eher einengend oder befreiend?

Ingo: Das Fehlen von Grenzen ... - nein, einengend ist das nicht - überhaupt nicht! Das ist eher eine Sache der Kreativität - manchmal fallen einem gute Sachen ein und manchmal nicht so. Aber das würde ich jetzt nicht auf die Soundmöglichkeiten beschränken. Im Gegenteil, die sehe ich eher als Bereicherung.

Aber natürlich hat der Keyboarder ein riesiges Feld, ein wirklich weites Feld - das geht praktisch bis zum Produzenten hin. Auch computermäßig muß man "am Start" sein.

Carina: Das ist dann auch wirklich ständig immer eine ganze Menge dazuzulernen ...

Ingo: Ja, allerdings! Das ist unendlich viel - im Vergleich: wäre ich jetzt Gitarrist, das fände ich supereinfach, oder z.B. Sänger ... - die kommen da hin, singen und fertig! Aber bei uns ist das ja viel "Scheiß", der dazugehört, und du mußt den ganzen Kram bedienen können ... - Das geht ja nicht nur um Musik, sondern man muß auch die ganze Technik beherrschen. Und es ist ein teurer Spaß! Dem Gitarristen reichen vielleicht ein, zwei Gitarren. Aber ich muß immer dieses kaufen, jenes kaufen, immer irgendwie einigermaßen "up to date" sein. Das geht schon ins Geld - aber ich will mich nicht beschweren .... (lacht)

Carina Prange

Kraan im Internet: www.kraan.dk

Fotos: Ingo Bischof

mehr bei Jazzdimensions:
Peter Wolbrandt - "99% Kraan" - Interview - (erschienen: 6.9.2000)
Kraan - "Dancing in the shade" - Review - (erschienen: 4.2.2001)

 

© jazzdimensions2001
erschienen: 9.9.2001
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: