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Gunter Hampel - "My Gunter Life"

"Die Musik ist etwas Selbständiges, das ich als Erbauer konstruiere!"

Dies ist der zweite Teil des im letzten Jahr - einige Zeit vor den Ereignissen des 11. Septembers - mit Gunter Hampel geführten, sehr umfangreichen Interviews. Diesen Tag selbst schildert Gunter Hampel in seinen, ebenfalls bei uns veröffentlichten, "Briefen aus New York". Zum Zeitpunkt dieses Gesprächs war ein Geschehnis dieser Ausmaße noch jenseits des Vorstellbaren. - Thema ist hier also die Musik, Teamgeist und der Blick auf das Leben aus Hampels Perspektive - his "Gunter Life" eben ... (d. Red)

Gunter Hampel

Du nennst deinen Stil, den du spielst, selbstbewußt den Gunter Hampel-Stil ...

Meine Musik ist einfach eine Tatsache mit der ich lebe. Ich kopiere keine Anderen, sondern spiele aus meiner eigenen Energie heraus. Wenn ich schreibe, kommt das aus mir. Ich klaue keine Ideen von irgendjemanden.

Wie schaffst du es bei der Anerkennung, die dir zuteil wird, eine gewisse Natürlichkeit nicht zu verlieren?

Ich werde immer gefragt, was ich beim Spielen denke! Die Musik sind meine Gedanken. Ich lege mir nichts zurecht. Der Augenblick mit vollster Konzentration ist das Wichtigste für mich. Und ich spiele mit Musikern die zuhören können. Das können von hundert Musikern nur einer. Zuhören was die anderen spielen ... -

Wie ist das mit Momenten des Zweifelns?

Gesunde Zweifel sind notwendig zum Entstehungsprozess kreativer Arbeit! Ungesunde Zweifel zerstören.

Woher nimmst du all´ diese Energie, die nötig ist, um eine derartige Selfconciousness zu verbreiten?

Meine Energie? Ich habe seit 30 Jahren mein Leben umgestellt. Ich habe miterlebt, wie Charly Parker, Eric Dolphy, John Coltrane sich früh verbrannt haben. Ihr Geist war noch hellwach, aber der Körper verbraucht. Daraus kann man doch lernen, es nicht so zu tun!

Ich habe Eric Dolphy getroffen, da hatte er den ganzen Tag über nur Kekse gegessen im Flugzeug ... - Wenn man sich solche Fragen aufwirft, kriegt man auch Antworten darauf. Man muß nur wach sein und nicht aufhören zu fragen....

Gunter Hampel

Du widmest dich seit mehreren Jahrzehnten der Chinesischen Medizin.

Ich habe überall Menschen getroffen, die mir, weil ich mit ihnen meine Musik gespielt habe, ihr Wissen mitgeteilt haben. Als ich im Orient war, bin ich Japanern und Chinesen begegnet, die mich auf die fünf bis sechstausend Jahre alte Chinesische Traditionen aufmerksam gemacht haben.

In unserer abgefuckten Gesellschaft hat man traditionelle Werte über den Haufen geworfen. Dabei haben Menschen vor uns sich auch Fragen gestellt und Antworten gefunden. Die Chinesen haben einfach schon länger ihre Beobachtungen angestellt.

Inwieweit ist das auf unser Leben im Jetzt und Heute übertragbar?

Beispielsweise welche Nahrungsmittel welche Einwirkungen auf die Gesundheit, die Agilität, die ständige Zellerneuerung haben. Was man essen darf, wenn man krank ist. Oder was man essen soll um gesund zu bleiben ... - Vorbeugen ist besser als heilen! Ich habe meine Familie mit Jeanne und Ruomi und Cavana in diesem Bewußtsein bewegt: Möglichst wenig Chemikalien in den Körper stopfen, die fast alle Krebs erzeugen - von der Zahnpasta angefangen bis zum Biogetreide, und so weiter ...


Man kann natürlich auch seine Zeit vor der Glotze zubringen
und zu einem "Glotzer" werden!

Nicht alles aus der Geschichte der Menschen ist dekadent oder schlecht! Vieles ist unheimlich wertvoll. - In der heutigen Zeit der Kommunikation kommt man an viele Information heran, wenn man das wünscht. - Man kann natürlich auch seine Zeit vor der Glotze zubringen und zu einem "Glotzer" werden ... - Nicht für mich!

Wer darüber mehr wissen will: In meinem Buch "My Gunter Life" werde ich ausführlicher darüber berichten. Der Mensch hat unglaublich viele Energiefelder, die man aufbauen kann. Man kann aber auch sein Leben in Dummheit verbringen ...

Jazz heute, was ist seine Aufgabe deiner Meinung nach? Was kann der Jazz leisten?

Der Jazz ist heute noch so lebendig, wie er immer war. Es gibt in jeder Generation eine bestimmte Anzahl von Genies, die einfach immer wieder auftauchen.

Wieviel Einfluß hat Musik generell heute noch auf die Menschen - dabei meine ich nicht die Bedröhnung durch Beats und Drogen?

Einfluss ist etwas, was man selber gestattet. Also informiere Dich und wache auf und tue was mit Deinem Leben ...

Du bist sehr vertraut mit dem Medium Internet und setzt es zur weltweiten Kommunikation und Information ein - es ist eigentlich ein Medium der jungen Generation.

Es ist immer wichtig, was man zu kommunizieren hat ...

Wo ist deiner Ansicht nach die Grenze zu setzen zwischen Fluch und positivem Nutzen des neuen Mediums?

Ein Gangster wird immer das Internet für seine kriminellen Dinge benutzen. Ein Businessman für sein Geschäft, ein Künstler um seine Kunst zu vermitteln. Da gibt es keine Grenzen. Alles passiert zur gleichen Zeit.

... und das Internet und das Musikbusiness?

Im Musikbusiness gibt es fast nur noch Sklavenhalter und Diebe. Dementsprechend klingt auch die Musik, die heutzutage verkauft wird. Darum gibt es auch nur noch eine Musik. Die geklaute ... - Man sollte sich als Konsument nur fragen, ob man sich Musik von Sklavenhaltern und Dieben oder von ernsthaft an der Musik arbeitenden Kuenstlern kauft oder als MP3 runterlädt ... - Wer sich meine Musik anhören moechte, kann zu meinen Konzerten kommen, oder aber von zuhause meine LPs, CDs, Videos bei uns im Internet bestellen!

Du spielst ja ganz unterschiedliche Musikinstrumente ...

Wir alle mögen unterschiedliche Instrumente. Jedes Instrument hat eine andere Farbe, einen anderen Klang, andere Ausdrucksmöglichkeiten und jedes Instrument hat auch seine Begrenzung. Was ich auf dem einen machen kann, muß ich nicht unbedingt auch aus dem anderen herausholen können.

Wie würdest du die unterschiedliche technische und gefühlsmäßige Herangehensweise beschreiben?

Als Komponist probiere ich eine neue Komposition erst auf dem einen und dann auf dem anderen Instrument aus. Beim Konzert kann ich auf der Bassklarinette andere emotionelle Dinge einstreuen als auf dem Vibraphon.

Jedes Instrument ist eine Verlängerung meines Körpers, wie ein Arm oder ein Bein. Die Flöte ist mehr oben im Kopf, das Vibraphon in Rumpf und Körper und die Bassklarinette geht runter bis in die Fußsohlen. - Oder anders gesagt, aus meinen verschiedenen Körperteilen "ziehe" ich die Musik in die Instrumente.

Gunter Hampel

Welche Bedeutung hat für dich das Solospiel - inwiefern bildet es einen Gegensatz zum Gruppenspiel oder zu deiner Rolle als "Coach" einer Gruppe?

In meinem Bands muß jeder, der die Chance hat da mitzumachen in der Lage sein, im Kollektiv zu spielen, muß also sein/ihr Spiel so einzustellen, dass es teammäßig das Spiel unterstützt. Das heißt, man muß in der Lage sein, die Führung an sich zu reißen, wenn es dazu kommt - spielgestalterisch Initiative ergreifen! Oder auch sich selbst zum Wasserträger machen und einen anderen unterstützen.

Genau wie in unserer Gesellschaft, oder in einem Fußballteam ist aber das Team nur frei, wenn der einzelne frei ist. Frei heißt in diesem Fall aber auch, daß man dermaßen gut eintrainiert ist, daß der Körper all das machen kann, was man von ihm möchte.


Als Musiker heißt das, daß ich jeden Tag
mehrere Stunden trainieren, also üben muß!

Als Musiker heißt das, daß ich jeden Tag mehrere Stunden trainieren, also üben muß! Mich mit möglichst vielen Musizierweisen auseinandersetze, sie erlerne. Um mich bei Improvisationen team-mäßig verhalten zu können, das Mannschaftsspiel mitmachen zu können, physisch genau wie im Kopf.

Und das geht natürlich nur, wenn man auch in der Lage ist Solo zu spielen. Also alleine! Ohne die Hilfe oder Support der anderen. Ich mache seit 38 Jahren Solokonzerte. Die Krafteinteilung über zwei Stunden hinweg, einfallsreich kreativ handeln, denken, spielen zu können verlangt ein "Fitsein" wie bei einem Leistungssportler.

Dementsprechend ist eine Einheit zwischen Geist und Körper notwendig. Dementsprechend muß man auch danach leben. Und wenn ich in meinem Team als Coach fungiere, muß ich darüberhinaus noch Entwicklungen initiieren, das Spiel "umdrehen" können, wie man so sagt, also tausend Ideen parat haben um die für das Team notwenigen Entscheidungen zu treffen.

Ich mache das, indem ich meinen Mitspielern, wenn es denn nötig ist, musikalische Ideen zuspiele. Beim Spielen! Daß man da gut aufeinander achten muß, mit erhöhter Wachsamkeit liegt da ja wohl auf der Hand. - Das meinte ich vorher mit Zuhören können. Es ist schon schwer, wenn man - zum Beispiel - Bebop spielt, aufeinander zu achten. Aber da ist es noch sehr einfach: jedes Instrument hat seine Rolle zugeteilt bekommen und ich kann mich immer darauf verlassen, daß das Piano die Changes spielt und die 32 oder 12 oder 16 Takte immer wiederkommen. Da kann man schon so ´nen kleinen Egotrip abziehen, aber bei meiner Musik geht das nicht so! Wir steigern uns über uns selber hinaus und kommen in Zonen, die uns selber nicht bekannt sind. Da muß einer schnell begreifen und handeln ...

Ist die Improvisation für dich das musikalische Ziel oder der Weg?

Weder noch. Die Improvisation ist eine Aneinanderreihung von Ideen, die der Augenblick bestimmt. Sie können Situationen des Feelings, der Seele, des Gemüts sein. Die Musik ist etwas Selbständiges, das ich als Erbauer konstruiere ...

Eine ganz andere Frage: was für Musik hörst du in deiner Freizeit?

Ich bin Musiker, und nach den Ausführungen hier bekommt man schon eine Idee, wie mein Leben aussieht. Ich habe das, was ich gerne tue und am besten kann, zu meinem Beruf gemacht. Ich höre Musik überall, im Leben, in der Natur, in der Stadt. Ich kaufe mir, wie jeder andere CDs oder höre Radio.

Im Moment ist jede Minute meines Lebens mit Machen angefüllt. Ich höre Bänder ab, die veröffentlicht werden müssen. Schreibe Interviews, übe, komponiere. Wenn ich Musik höre und sie sagt mir was, höre ich zu. Elevator music, Rock, Pop, ich höre eigentlich mal so alles jeden Tag. - Nur bei Techno schnalle ich ab! Kein Platz zum Atmen. Maschinenmusik macht jedes Lebewesen krank. Musik ist ein Medium, das uns mit der Natur, den Tieren kommunizieren lässt ...

Carina Prange

Gunter Hampel im Internet: www.gunterhampelmusic.de

mehr bei Jazzdimensions:
Gunter Hampel - freie Seele voll Weltoffenheit -Interview Teil 1 (erschienen: 22.5.2001)
Briefe aus New York: Das Tagebuch zum 11. September 2001 (erschienen 11.-19.9.2001)
Gunter Hampel - "The 8th Of July 1969" - Review (erschienen: 10.12.2001)

Foto: Mirko PLHA

© jazzdimensions2002
erschienen: 28.2.2002
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