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Giorgio Carioti - "Ich hatte eine Braut hier"

"Ich hatte eine Braut hier und die habe ich besucht. Und dann bin ich hier geblieben aus anderen Gründen: Ich wollte Deutsch lernen und Berlin hat mir gut gefallen. Es war interessant – da war die Mauer, da waren die Amis, die Russen, das war einfach eine sehr spannende Situation. Ich war eigentlich auf dem Weg nach England, habe mir aber gesagt: Ich bleibe erstmal hier. Dann bin ich hängengeblieben, ein paar Monate, ein paar Jahre und mittlerweile sind daraus 37 Jahre geworden. Der Zufall kann manchmal sehr bösartig sein!"

Wer das von sich sagt, ist niemand anderes als Giorgio Carioti, Chef vom Jazzclub Quasimodo seit 23 Jahren. Übernommen hat er das Quasi 1975 – der Club existiert seit 1967 oder 68. Er war damals einer der ersten alternativen Livemusik-Läden, die in der Zeit entstanden sind. Es gab ein anderes Konzept als später – " Es war mehr ein Treffpunkt für Studenten, Alternative und eben mehr Saufpublikum. Die Musik, ein gemischtes Programm von Folk bis Blues und Jazz, lief mehr nebenbei." Giorgio übernahm den Club, legte den Schwerpunkt auf das musikalische Programm und zog damit auch ein anderes Publikum an: "Wer hier herkam und kommt, der muß für Musik was übrig haben und dementsprechend organisiert man die Sachen. Zum Saufen allein gibt es tausend Kneipen."

Das das Hauptgewicht im Quasimodo – neben anderen Musikstilen - auf Jazzmusik liegt, hängt bei Giorgio mit einer aus Jugendjahren stammenden Leidenschaft für diese Richtung zusammmen. Aufgewachsen ist er zunächst in Genua und war später bis zu seinem 21. Lebensjahr in Neapel und dies war die Musik seiner Zeit. Da Jazz sehr speziell ist, war ihm schon bei Übernahme des Clubs klar, daß "man es allein damit nicht schaffen kann, einen Club aufzubauen."

Einen Club zu leiten, stellt man sich als eine sehr nervenaufreibende Sache vor. Das ist auch so, aber es ist personenabhängig, was der einzelne unter Streß versteht und wie seine Mentalität ist. Mit Giorgios Worten: "Es ist stressig, aber jede Arbeit ist irgendwie anstrengend. Wenn du acht Stunden im Büro sitzt und nichts tust, kann das genauso stressig sein, wie acht Stunden rumzuflippen. Für jemanden, der die Ruhe braucht, ist es im Grunde genommen unerträgliche Action. Für jemanden, der diese Unruhe braucht, ist es normal. Der einzige Stress als Verantwortlicher oder Veranstalter ist diese Schwebe: Du machst alles und dann stehst du da und wartest ab. Manchmal kannst du absehen, wie es laufen wird. Und manchmal stehst du da, du zappelst nicht wie verrückt, aber innen drin bist du schon nervös. Das kann mir keiner erzählen, daß es anders ist. Es geht ja auch manchmal um sehr viel Geld."

Was die internationale Jazzszene betrifft, für die speziell das Quasimodo der Anlaufpunkt in Berlin war, hat sich die Möglichkeit für Auftritte von bekannten Musikern aus dem Ausland drastisch verschlechtert: "Mittlerweile kosten ausländische Gruppen pro Abend soviel Geld, aufgrund der neuen Steuern und der ganzen Geschichten und das ist einfach unsinnig. Und da sind wir diejenigen, die erstmal ein Zeichen setzen sollten – in Richtung steuerliche Belastung für Kultur, Richtung Szene hier. Alle reden von Hauptstadt Berlin, von Metropole und größter Jazzstadt Deutschlands und ich kann nur darüber müde lächeln. Das stimmt überhaupt nicht. Das schreiben Leute, die nicht wissen, was früher in Berlin los war. Und da will ich einfach abwarten, wie die Reaktionen jetzt auf diese Geschichte sind."

Diese Geschichte, damit meint Giorgio, daß er sich mit dem Quasimodo im ersten Halbjahr dieses Jahres fast ganz aus der internationalen Szene zurückgezogen hat. Um zu sehen, ob daraufhin von Seiten der Medien oder der Politik ein Signal kommt und um ein Zeichen zu setzen, das eigentlich nicht zu übersehen ist. Und merkt das Publikum es nicht auch? Das Publikum ist doch immerhin ein ernstzunehmender Anteil der Berliner Bevölkerung?!

Wenn man 23 Jahre einen Club leitet, könnte man vermuten, daß die Routine irgendwann alles überdeckt. Aber weit gefehlt: "Die Geschichte wiederholt sich nie. Jedes Jahr stehst du vor neuen Problemen, neuen Strukturen und neuen Herausforderungen – ist das, was du vorher gemacht hast, womöglich gar nicht mehr gültig. Du mußt es neu anpacken, kommst nie zur Ruhe. Bis zur Wende waren die Veränderungen eigentlich nicht so gravierend, aber seitdem ist das jedes Jahr immer wieder eine Revolution sozusagen."

Giorgio ist der Mann im Hintergrund, der die Fäden seines Clubs in der Hand hält. Die Musiker auf der Bühne sind diejenigen, die im Rampenlicht stehen. Stört ihn das manchmal, daß die Künstler im Gegensatz zu ihm die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen? "Nein, im Gegenteil, das ist ihr Job, das ist ihre Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, das Ganze zu organisieren." Und da das Quasimodo mit Giorgio sowas wie eine feste Institution in Berlin geworden ist, wollen wir auf beide auch in Zukunft nicht verzichten!

von Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 8.10.1999
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