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Gebhard Ullmann - Von Stockhausen zum Jazz

Er gehört zu denjenigen, die New Yorker und Berliner Luft kosten: jenseits des großen Teiches für ein halbes Jahr gelebt hat er auch. Heute pendelt er immer noch zwischen diesen beiden Musikmetropolen hin und her - sein Lebensmittelpunkt liegt derweil allerdings in Berlin. Gebhard Ullmann ist, wie er sagt, über Stockhausen zum Jazz gekommen - tummelt sich heute ebenso mit bekannten Jazzern wie mit typischen Vertretern der Neuen Musik.

Eine veritable Schublade für die Ergebnisse seines Tuns kann man nicht nennen - sie liegen "irgendwo dazwischen". Fast zum Programm wird da "Between the Lines" - der Name des Labels, auf dem Ullmanns nächste CD im Sommer 2001 erscheinen wird. Dort befindet er sich musikalisch - zwischen den Fronten. Und - er fühlt sich ganz wohl dort, und wird anerkannt. In Deutschland wie in Amerika.

Gebhard Ullmann (Foto: S.B.)

In Berlin-Mitte traf Carina Prange den vielseitigen Saxophonisten in einer stilvollen - wenn auch von Baulärm belagerten - Wohnung. Ullmann scheint stets am Puls der Zeit und der Stadt zu sein, dort wo sich alles am stärksten im Umbruch befindet - und er macht nur das, was ihm wichtig ist - sonst nichts.

Carina: Du bist in relativ viele Projekte involviert. Welches ist dein Hauptprojekt - wo siehst du Schwerpunkte?

Gebhard: Schwerpunkte habe ich zweierlei. Einmal die Arbeit mit Holzblasinstrumenten - wobei ich da im weitesten Sinne auch das Akkordeon zuzähle - weil sich das vom Klang her ganz gut mischt. Da gibt es das Klarinettentrio und das "Ta Lam 10" -Projekt. Das sind die beiden aktuellen Sachen - in Europa angesiedelt - letzteres schon wegen der Größe der Band.


Es gibt eine "New Yorker Schiene" mit Jazztrios und Quartetten,
und eine "europäische Schiene" mit den Blasinstrumenten ...

Anders sieht es schon bei Rhythmusgruppen aus - was die angeht, habe ich in den letzten Jahren sehr viel in Amerika gemacht. Und da ist also der zweite Schwerpunkt: die Quartette oder Quintette - und jetzt auch Trios. Das waren meistens Projekte in New York. - Ich fange jetzt an, ein bißchen zu "mischen", sozusagen - beginne hier wieder mehr mit Rhythmusgruppen zu spielen. - Aber man kann schon sagen: es gibt eine "New Yorker Schiene", das ist die Quartett- oder Trio-Jazz-Schiene - und es gibt eine "europäische Schiene", da sind dann die Blasinstrumente. Als neuestes jetzt ein Trio mit Carlos Bica und Sylvie Courvoisier - die wiederum zwar in New York wohnt - aber eigentlich aus der Schweiz kommt (natürlich!) - und da eben auch wieder: keine Rhythmusgruppe, sondern nur Piano, Bass, Blasinstrumente! Also mehr die konzertante "europäische Schiene". Das halte ich ganz bewußt auseinander.

Gebhard Ullmann - "Ta Lam Zehn" Vancouver Concert

Carina: Es sind auch viele Projekte in Planung oder auf dem Weg der Umsetzung. Wie kommen bei dir ständig neue Projekte zustande?

Gebhard: Also, erstmal muß man "in sich selbst" Musik haben. Es ist erforderlich, selber zu komponieren und den Anspruch zu besitzen, das auch nach außen zu tragen. Ansonsten findet man nicht die Power dafür. Wenn man also Musik macht, und denkt: "Mensch, das ist jetzt so originell, das gibt es sonst nicht, und da gibt es Leute draußen, die wollen das vielleicht hören!" - dann hat man auch die Kraft, das umzusetzen. Gelder aufzutreiben, auf Tournee zu gehen, oder erstmal selbst Geld reinzuschießen. Darauf läuft es letztlich immer hinaus: Arbeit und Geld hineinstecken - und dann kommt es irgendwann zurück, wenn man Glück hat. Konzeptionell und kompositorisch zu arbeiten, das war eigentlich schon immer meine Stärke.

In letzter Zeit ist eine andere Sache dazugekommen: Ich werde viel von Leuten angesprochen, die gerne was mit mir machen wollen - vor allem in New York. Das hat sich rumgesprochen - ich weiß auch nicht, wie das gekommen ist. Man setzt sich zusammen, überlegt, und probiert irgendwas aus. Nicht alle Projekte werden dann auch fortgeführt - manchmal ist es einfach so: man spielt, fand es gut, aber sagt: "Tja, das war´s dann auch!" Weil alle Beteiligten unterschiedliche Schwerpunkte haben, weil es zu kompliziert ist, oder aber auch weil man musikalisch nicht weit genug gehen kann. Andere Projekte werden fortgeführt, die auch nur quasi zufällig entstanden sind. Wo aber alles wider Erwarten so gut war, daß man sagte: "O.k., das sollten wir jetzt nicht auf sich beruhen lassen, sondern weiter machen!"


Manche Leute denken, da kämen laufend völlig neue Projekte -
in Wirklichkeit hatten wir die zum Teil schon zehn Jahre im Kopf ...

So sind in der Tat eine ganze Reihe meiner Trios entstanden, interessanterweise - eine Serie von bestimmten Trios, die ich in den letzten drei Jahren begonnen habe. Mit dem Klarinettentrio mit Carlos Bica und Sylvie Courvoisier, das ich vorhin erwähnt habe, angefangen. Weiter gibt es noch zwei New Yorker Trios um den Bassisten Chris Dahlgren ... - Dann eines, von dem ich noch nicht genau weiß, wie es weitergeht - zusammen mit Herb Robertson und Frank Möbus. Sehr gut - aber alle sind so beschäftigt, daß wir das so richtig intensiv, im Augenblick, nicht fortführen können! - Man behält sowas aber im Hinterkopf - das wird dann ein Projekt, um es irgendwann - wenn mehr Zeit ist - einfach "aus der Tasche zu ziehen". Dann denken natürlich manche Leute, da kämen laufend völlig neue Projekte - in Wirklichkeit hatten wir die zum Teil schon zehn Jahre im Kopf ... - und einfach in dem Moment, wo es paßte oder die Energie dafür da war, "reaktiviert" möchte ich fast sagen.

Carina: Auf deiner Website stand etwas vom Zusammenspiel mit der NDR-Bigband - ist das noch geplant, oder bereits passiert?

Gebhard: Das wird im Februar stattfinden. Ich mache eine Produktion mit der NDR-Bigband und erstmal zwei Konzerte - in Hannover und Hamburg. Und eine CD-Produktion - für diese Produktion wird meine Musik von Chris Dahlgren für die NDR-Bigband arrangiert. Ich habe auch in diesem Falle eine leicht kosmopolitische Geschichte angeleiert: einmal Chris Dahlgren als New Yorker Vertreter, dann Satoko Fuji als Tokyoter Vertreterin, Andy Emler kommt aus Paris - den kenne ich schon von der europäischen Radio-Bigband - da habe ich gespielt, Anfang der Neunziger. Und Günter Lenz, der auch schon viel für die NDR-Bigband geschrieben hat, und den ich sowohl als Arrangeur als auch als Komponisten unheimlich schätze - und für unglaublich unterbewertet halte - den habe ich auch gebeten einige von meinen Kompositionen für dieses Projekt zu arrangieren. So daß wir jetzt ganz verschiedene Ansätze haben - aber alle beschäftigen sich im weiteren Sinne mit meiner Musik, und das wird - glaube ich - ganz spannend!

Carina: Wo liegen deine Wurzeln, und wodurch läßt du dich musikalisch inspirieren?

Gebhard: Meine musikalischen Wurzeln hatte ich schon angedeutet - da spielen Stockhausen und die ganze Neue Musik eine große Rolle. Messiaen war sehr wichtig, Lutoslawski ... - Strawinski fand ich immer superklasse! Aber ich habe auch viel von Henze und anderen Komponisten dieser Richtung gehört/gesehen. Das ist die eine Seite.

Gebhard Ullmann (Foto: M.R.)

Die andere ist die Jazzseite. Das kam erst später, da habe ich mich so nach und nach - bis hin zu einer Standards-CD im Jahr 1989 - reingearbeitet. - Auch da ist es natürlich von Bedeutung, wenn man zuerst Querflöte und anschließend Saxophon spielt. Man hat dann einfach eine andere Literatur gelernt - verglichen mit jemand, der erst Klarinette und dann Saxophon spielt. - Das sind die europäischen Wurzeln, zeitgenössische - klar! Zuhause wurde viel Mozart und Bach und all´ sowas gehört - das spielt natürlich ebenfalls eine Rolle.


In den Siebzigern war das die Avantgarde-Rockmusik,
wie Henry Cow, die "Canterbury Scene" und solche Sachen ...

Und dann eben die amerikanischen Wurzeln, und - natürlich - Rockmusik. In den Siebzigern war das die Avantgarde-Rockmusik, wie Henry Cow / Can, die "Canterbury Scene" und solche Sachen - ich habe damals auch in Bands gespielt, die in diese Richtung arbeiteten. Das ist leider nicht so ganz gelungen - da waren wir einfach noch nicht weit genug - aber wir versuchten es immerhin: das war so die Richtung, der man nachgeeifert hat.

Und dann - ganz wichtig - Reisen! Ich bin ja eigentlich schon um die ganze Erde gereist - da gibt es nur ein paar Flecken, wo ich noch nicht war. Und ich war - als Musiker - in der glücklichen Lage, das für das Goethe-Institut zu machen. Man kommt in eine Stadt, in der es ein Goethe-Institut gibt, und diese Leute sind voll in der kulturellen Szene drin. Man ist wirklich kein Tourist, sondern wird akzeptiert als arbeitender Künstler - und bekommt gleich Kontakt zu anderen, einheimischen Künstlern. Man kann sich unheimlich schön austauschen und ich habe sehr viel für mich persönlich rausziehen, später auch in Form von Musik in meine eigene Musik integrieren können ...

Carina Prange

Aktuelle CDs:
Gebhard Ullmann - "Ta Lam Zehn" (Leo Records 29/2000)
Gebhard Ullmann - "kreuzberg park east" (soul note 121371-2/2000)

Gebhard Ullmann im Internet: www.gebhard-ullmann.com
(mit Kompositionen zum Downloaden, Audiofiles, Fotos, News etc.)

Fotos: Sally Ballamu, Manfred Rinderspacher - Cover: Hans Hassler

© jazzdimensions2001
erschienen: 2.1.2001
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