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Corinne Chatel - in den Fußstapfen der Piaf?

Sängerin mit Herz und Seele - diese Beschreibung trifft auf Corinne Chatel mit Sicherheit zu! Im Münchner "Unterfahrt" hat die zweisprachig aufgewachsene Künstlerin mit ihrem Quartett unlängst ihre Debut-CD "Ma Vie En Rose" eingespielt. Die Musik sieht sie gleichzeitig als Lebensinhalt und Berufung - musikalisches Gehör und ihre Liebe zu lautmalerischen Sprachen - wie dem Portugiesischen - harmonieren hervorragend mit ihrem stimmlichen Timbre.


Noch kann man nur spekulieren, wohin der Weg dieser Sängerin noch führen wird - klar ist jedoch, daß eine solche Stimme es verdient, gehört zu werden.

Corinne Chatel spricht in diesem Interview mit Carina Prange - über ihre Vergangenheit und ihre Zukunft:

Carina: Du hast eine klassische Stimmausbildung - wie bist du vom klassischen Gesang zum Jazz gekommen?

Corinne: Ich habe neben Kunstliedern und Opernarien stets viel Kirchenmusik gesungen - auf diese Weise haben sich auch einige Gospelkonzerte ergeben. Die neue Freiheit in Improvisation und Interpretation inspirierte mich. Von Gospels und Spirituals war dann der Weg zum Jazz nicht mehr weit - und als sich in München die Möglichkeit zu einem Jazzstudium bot, eröffnete mir das neue musikalische Wege.

Carina: Eigentlich verbindest du Chanson und Jazz miteinander - wie ist die Idee dazu entstanden?

Corinne: Schon während des Studiums stellte ich fest, daß sich schnelle BeBob-Nummern in französischer Sprache phantastisch phrasieren lassen. Damit begann meine Idee ein "frankophiles" Jazzprogramm zusammenzustellen - da ich in zwei unterschiedlichen Ländern groß geworden bin, hat sich bei mir ein starker Wunsch nach Symbiose gebildet! Ich glaube, deshalb liebe ich es, verschiedene musikalische Stilistiken miteinander zu verbinden - und damit das Publikum zu überraschen. Momentan beschäftige ich mich mit orientalischer Musik und Mantrengesängen. Das Experimentieren mit Gesangstechniken aus anderen Kulturkreisen empfinde ich als sehr bereichernd.

Carina: Dein Titelstück der CD ist "Ma vie en rose", ein Song, den die Piaf gesungen hat - gehört sie zu deinen Vorbildern?

Corinne: Edith Piaf war eine ausdrucksstarke Sängerin, die sich niemals verstellte, sie sang immer mit ganzer Seele - sowohl Schmerz als auch Freude sind in ihren Aufnahmen heute noch hörbar. Ihre Authentizität ist das, was ich an ihr so sehr schätze! Der Originaltitel heißt ja übrigens "La vie en rose" - meine Jazzversion habe ich zur Unterscheidung in "Ma vie en rose" umbenannt. Ich denke, es ist gut, sich von anderen Sängern und Sängerinnen inspirieren zu lassen, gleichzeitig ist es aber unbedingt notwendig, einen eigenen Stil zu entwickeln und ein persönliches Programm zu schaffen.

Carina: Wann hast du angefangen, zu singen - und hast du früher einmal ein Instrument gespielt?

Corinne: Ich hatte als Kind Klavier- und viele Jahre Geigenunterricht. In Bezug auf Intonation und Atemführung ist das Erlernen eines Saiteninstrumentes für angehende Sänger sehr hilfreich. Mit 17 Jahren bekam ich dann endlich die ersten Gesangsstunden bei Heike Hildebrand. Sie brachte mir bei, achtsam mit meiner Stimme umzugehen. Dieses Wissen gebe ich heute an meine Schülerinnen und Schüler weiter.

Carina: Wieviel Training braucht deine Stimme heute, und - war das früher anders?

Corinne: Durch das Unterrichten und Proben bin ich jetzt immer gut "eingesungen". Es hat allerdings eine Weile gebraucht, bis ich so viel geistige, wie auch körperliche, Kondition aufgebaut hatte. Nun kann ich ein komplettes Wochenende unterrichten, und zum Abschluß des Workshops voller Stimmkraft ein Konzert geben - das wäre vor fünf Jahren noch nicht möglich gewesen.

Carina: Singen ist ja durchaus so etwas wie ein Leistungssport - gibt es Rahmenbedingungen, die du benötigst, um gut "bei Stimme" zu sein? Wie stark wirken sich gefühlsmäßige Schwankungen aus?

Corinne: Das Wichtigste für meine Stimme ist, daß ich ausreichend schlafe - ansonsten ist sie sehr unempfindlich. Starke Gefühle wirken sich immer positiv auf meinen künstlerischen Ausdruck aus. Oftmals habe ich im Zustand großer Freude, oder wenn ich tief traurig war, zu neuen stimmlichen Möglichkeiten gefunden.

Carina: Gibt es einen "musikalischen Hintergrund" in deiner Familie?

Corinne: Ja, allerdings! Meine Großvater war Orgelbaumeister, meine Großtante Musikprofessorin, meine Mutter spielt sehr gut Querflöte und Klavier - und mein Vater hat eine wunderbare Bassstimme. Für mich und meine Geschwister war das Erlernen eines oder mehrerer Instrumente, sowie das Mitwirken bei musikalischen Anlässen aller Art selbstverständlich. - Mein Sohn spielt übrigens auch schon recht gut Trompete.

Carina: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen dir und deinen Mitmusikern?

Corinne: Durch meine Konzerte mit der "Jazzpoint Bigband" aus Wangen habe ich Stefan Sigg, den Trompeter meines Quintetts kennengelernt. Wir mochten uns auf Anhieb - vermutlich weil wir ähnlich temperamentvoll sind! Beide lieben wir das Spiel mit Lautmalereien. Während unserer gemeinsamen Improvisationen regen wir uns gegenseitig zu immer neuen Klangexperimenten an. Er half mir dabei, die Band zusammenzustellen, indem er mir Davide Roberts (Piano) vorstellte. Der war sofort von dem französischen Programm begeistert, und brachte wiederum Thomas Elwenspoek am Schlagzeug mit. Und als wir Jürgen Richter am Baß für das Projekt gewinnen konnten, war das Quintett komplett. Alle vier sind für mich eine große musikalische Unterstützung!

Carina: Stefan Sigg hatte eine klassische Musikausbildung und ist dann zum Jazz gewechselt - wirkt sich das auf sein Trompetenspiel in deiner Band aus?

Corinne: Eine solide klassische Ausbildung ist in Bezug auf Tongebung, Atemtechnik und Intonation natürlich eine gute Basis für die Trompete. Um jedoch seinen Klangvorstellungen im Zusammenspiel mit der Band nahezukommen, erzeugt Stefan - beispielsweise durch den Einsatz von "Zirkularatmung" - individuelle Lautmalereien, die die Grenzen "klassischer" Tongebung bewußt überschreiten.

Carina: Du bist Dozentin für Gesang am "Freien Musikzentrum in München" - was würdest du sagen, sind die drei wichtigsten Dinge, die du deinen GesangsschülerInnen mit auf den Weg geben möchtest?


Erkennt euren ganz persönlichen und einmaligen Klang,
arbeitet daran - versucht niemals, andere Sänger nachzuahmen!

Corinne: Ich unterrichte in München und in Karlsruhe - unter anderem "Circle-Songs" (improvisierte Kreisgesänge) - eine Methode, die sowohl für Laien, als auch für Instrumentalisten und Sänger geeignet ist. Dadurch arbeite ich sowohl mit Anfängern, als auch mit Fortgeschrittenen im Gesangbereich. Meine wichtigste Botschaft aber, gilt für alle: "Erkennt euren ganz persönlichen und einmaligen Klang, arbeitet daran - und versucht niemals, andere Sänger nachzuahmen. Kopien klingen immer schlechter als das Original!"
Den Fortgeschrittenen vermittle ich Spaß an Gesangstechnik - es müssen ja nicht immer langweilige Tonleitern sein!

Carina: Du schreibst in deinem CD-Booklet: "The most exiting way of singing is to improvise!" - Welchen Stellenwert hat die Improvisation für dich? Wonach suchst du dein Repertoire aus?

Corinne: Die Improvisation innerhalb einer Komposition gibt mir - als Interpretin - die Möglichkeit, mich persönlich und spontan in die Musik einzubringen. Das wunderbare daran ist, daß Scatgesang und experimentelle Lautmalereien "aus dem Augenblick heraus", im Zusammenspiel mit der Band und dem Energiefluss aus dem Publikum entstehen - und in dieser Form einmalig bleiben! Die Auswahl der Stücke ist für mich eine sehr emotionale Sache. Wenn ich einen Song höre, der mir gefällt - und ich fühle dieses Prickeln im Bauch, wie beim Verliebtsein - dann weiß ich, der ist es! Dann beginne ich zu arrangieren, und eine eigene Version zu schaffen.

Carina: Was bedeutet es für dich, Sängerin zu sein?

Corinne: Sängerin zu sein ist für mich - Berufung und Leidenschaft! Es macht mich glücklich, Menschen mit meiner Stimme zu berühren und in ihnen Gefühle zu wecken!

Carina: Zukunftspläne?

Corinne: Die Musikwelt erobern!

Carina Prange

CD: Corinne Chatel - "Ma Vie En Rose" (Edition Collage 525-2)

Corinne Chatel im Internet: www.circlesongs.de

Fotos: Ssirius W. Pakzad

© jazzdimensions 2001
erschienen: 11.3.2001
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