Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / portraits / 2006

Chris Botti - "Trompeten für Nachtschwärmer"

Wer zwei Jahre mit der Pop-Ikone Sting auf Tour war, dem hängt man gerne an, daß er es nur mit dessen Hilfe geschafft habe, weit nach vorne zu kommen. Zwar war Sting sicherlich ein Mentor für Chris Botti, seinen Weg in die Welt des Jazz-Pop mußte sich der 39-jährige Trompeter hingegen alleine bahnen. - Seine gerade erschienene CD "Night Sessions" ist eine stimmige Melange aus wohltuenden Clubsounds und den allgegenwärtigen soft klingenden Trompetenmelodien des Protagonisten.

Chris Botti

Erlebt man den Musiker hingegen live mit Band auf der Bühne, gilt es Frisur und Jacket gut festzuhalten, damit sie vom Schalldruck einer energischen Rockperformance nicht weggeweht werden. Chris Botti erklärt diesen Gegensatz, sein Verhältnis zu Sting und noch viel mehr:

Carina: Du warst mit Sting auf Tour. Wieviel Einfluß hat/hatte er auf dich - musikalisch und persönlich? Ist er eine Art Mentor für dich, vergleichbar etwa mit Miles Davis?

Chris: Ich empfinde es ganz entschieden so, daß Sting ein Mentor und ein Vorbild für mich darstellt. Er ist auf vielerlei Weise zu einer Art Bruder für mich geworden und hat einen persönlichen und musikalischen Reifeprozeß bei mir ausgelöst. Ich war mit ihm durchgehend fast zwei Jahre unterwegs - die ganze Band und auch meine Beziehung zu ihm selbst waren sehr familiär.

Der Einfluß Stings hat meine Musik in quasi osmotischer Form durchdrungen, das ergab sich einfach daraus, einer so intelligenten Kraftquelle wie ihm nahe zu sein. Und natürlich auch dadurch, zu beobachten, wie er mit seiner Band, wie er mit seinen Fans umgeht, zu erleben, von welchen Aspekten der Musik er sich angezogen, von welchen er sich abgestoßen fühlt.

Jetzt, wo ich nicht mehr physisch in seiner Nähe bin, realisiere ich viel eher, wie sehr er auf mich abgefärbt hat. Je weiter ich mich vom der Tour mit ihm - der "Brand-New-Day-Experience" - entferne, desto mehr sehe ich, was ich davon mitgenommen habe. Es waren in musikalischer Hinsicht die außergewöhnlichsten zwei Jahre die ich je hatte. Da gibt es nichts weiter hinzuzufügen. Ich verdanke Sting einfach alles!

Carina: "Night Sessions", dein gerade erschienenes Album, ist sehr smooth und relaxt - würdest du es tatsächlich als Smooth-Jazz bezeichnen, oder hättest Du eine eigene Definition dagegenzusetzen?

Chris: Hinter dem Album steht ganz klar die Intention, den Hörer in eine angenehme, eine entspannte Stimmung zu versetzen. Die zutage kommenden Einflüsse sind in erster Linie mit Sicherheit mein Verständnis von Miles Davis, und zweitens diejenigen der Musik, die ich heute höre - Pop, das Café Del Mare - alles großartige Musik, die ich liebe. - Es ist eine Verbindung von beidem.

Ich selber schätze gerade bei instrumentalen Alben vor allem diejenigen, die eine Ästhetik vermitteln sollen. Das ist es auch, was ich bei Miles ganz besonders gut finde: "Kind of Blue" beispielsweise. Ein Sinn für Schönheit, den ich in meinen Aufnahmen herauszuarbeiten versuche. Im Gegensatz zu live bevorzuge ich auf einer Platte diese ruhende und schöne Seite der Musik.

Chris Botti

Carina: Der "sexiest trumpeter" seit Chet Baker - wie es plakativ auf der CD zu lesen ist - wie wichtig ist dir das? Wie fühlst du dich dabei?

Chris: Das stammt von einem sehr berühmten Filmkritiker - Rex Reed. Er schrieb es, nachdem er den Film "Caught" angesehen hatte, für den ich die Filmmusik komponiert habe -der Film kam im Jahre 1997 in die Kinos. Das eigentlich Interessante dabei ist - was viele Leute nicht wissen - daß er auch Linernotes für Chet Baker-Platten geschrieben hat, beispielsweise für "She was too good to me", ein von mir heißgeliebtes Album von Chet.

Am Tag, nachdem "Caught" angelaufen war, erzählte mir meine Freundin, daß Rex Reed das über mich geschrieben hätte. Ich fand das großartig! - Die meisten Leute denken sicher, es sei die Plattenfirma gewesen, um es als Marketing-Tool zu verwenden. Aber es ist ein wirkliches, echtes Zitat.

Ich würde sagen, daß das Wesen meines Trompetenspiels sicherlich enger an Miles als an Chet Baker anlehnt. Jedoch haben Miles und Chet gemeinsam, daß sie die Trompete gelegentlich auf eine sehr intime, softe Art spielen. Und das ist etwas, das ich auch versuche herauszuarbeiten.

Chris Botti

Carina: Einer deiner Trompetenlehrer war Woody Shaw - was hast du von ihm für dein eigenes Spiel gelernt - und für deinen eigenen musikalischen Weg? Und was ist besonders an deiner Art zu spielen?

Chris: Das wohl Wichtigste, was ich von Woody gelernt habe, ist, eher in Formen zu denken, als Skalen über Akkorde zu legen. Die im Bebop vorherrschenden, schnell wechselnden Akkordfolgen verleiten zu traditionell klingenden Jazzlicks, die leicht nach Kenny Dorham, Clifford Brown oder Freddie Hubbard klingen.

Woody hat mich aus diesem Dilemma rausgeholt, er pflegt die Sache wie ein außenstehender Betrachter oder ein Maler anzugehen - eben impressionistisch. Und was mein eigenes Spiel betrifft - unverwechselbar "meins" ist der tatsächliche Klang, der Sound des Instrumentes.

Du mußt wissen, daß ich bei Aufnahmen nie das Flügelhorn spiele. Eine Menge Musiker verwenden es, um einen wärmeren Sound zu bekommen. Ich hingegen kann mich rühmen, diesen warmen Sound mit der Trompete zu erreichen, und zwar über den ganzen Tonumfang des Instruments. Zusätzlich ist mein Ziel eine stimmungsvolle, melancholische Phrasierung, worauf ich, mein Spiel betreffend, am meisten stolz bin.

Chris Botti

Carina: Wie sieht es im Moment mit der Politik aus - wie fühlst du dich als Amerikaner, der in Europa auftritt in dieser weltweit komplizierten Situation?

Chris: Sicherlich hat die Komplexität dessen, was im letzten Jahr in der Politik passiert ist, die Welt in vielerlei Hinsicht mehr zusammengebracht.

Ich erinnere mich daran - es war ein paar Tage nach dem "9-11" und ich saß gerade im Flugzeug von Paris nach LA. Ich setzte mich in meinen Flugzeugsitz und der Mann, der direkt neben mir saß, reichte mir die Hand und stellte sich mir vor, noch bevor ich zehn Sekunden gesessen hatte, fragte mich nach meinem Befinden und meinem Namen. - Das passiert normalerweise nicht und ich fliege wirklich viel!

Die Menschen sind sich jetzt näher, sie sind offener einfach wegen dem, was in der Welt geschieht. Was das politische Klima angeht und das alles, das weiß ich nicht so genau. Ich denke, es gibt ein menschliches Klima, welches es notwendig macht, daß vielleicht auch die Musik eine Rolle spielt.

Musik besitzt die starke Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden und ein sicherer Hafen für unsere Emotionen zu sein. Als Künstler ist es eine gute Sache, vor Leuten zu spielen - weil es so etwas wie eine heilende Kraft der Musik gibt.

Carina Prange

Aktuelle CD: Chris Botti - "Night Sessions" (Columbia/Sony)

Chris Botti im Internet: www.chrisbotti.com

Fotos: Sony

Eine ausführlichere Version dieses Interviews erschien im Jazz Podium 4/2002

  Jazzdimensions-Service in Zusammenarbeit mit MusicLine:
more artist-info / listen to CD at musicline.de
© jazzdimensions2002
erschienen: 29.4.2002
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: