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Branford Marsalis - "Footsteps"
[English version]

Mit "Footsteps of our fathers" bekennt sich Branford Marsalis klar zu seinen musikalischen Vätern und Vorbildern. Marsalis hat viele musikalische Väter - die er definitiv nicht auf die vier auf dem neuen Album vertretenen Komponisten Rollins, Coltrane, Coleman und Lewis begrenzt sehen will. Aber der Saxophonist hat nicht nur diese neue CD herausgebracht, sondern auch unlängst mit Bob Blumenthal, dem Jazzjournalisten, sein neues Label "Marsalis-Music" gegründet. Hier soll jungen, talentierten Musikern die Chance geboten werden, ihre Musik aufzunehmen - und auch damit geholfen, sie in die Plattenläden zu bringen.

Branford Marsalis

Carina Prange sprach mit Branford Marsalis im Hilton Hotel, Berlin.

Carina: "Lebenslange Hingabe, präzises Hintergrundwissen" - das scheint eine Art Markenzeichen für dich zu sein. Erkläre doch bitte, wie das im täglichen Leben aussieht - wieviel Zeit benötigst du für das Üben am Saxophon, woher nimmst du die Inspiration, woher stammt deine Hingabe?

Branford: Schwer zu sagen - das ist eine knifflige Frage! Ich übe nicht täglich auf dem Saxophon - Musik höre ich dagegen jeden Tag. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Erlernen des Saxophons an sich, und dem Erlernen dessen, was gute Musik ausmacht - zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Meine Hingabe gilt in erster Linie der Musik und erst in zweiter Linie dem Medium - denn das Saxophon als Instrument stellt lediglich ein Medium dar. Selbstverständlich muß man üben und einen bestimmten technischen Level erreichen. Mit zunehmendem Alter bin ich - anders als in meiner Jugend - mehr dahin gekommen, auch das Üben zu schätzen. Aber immer habe ich mich der Musik gewidmet, hatte immer eine Art von Liebesbeziehung zur Musik.

Während meines Lebens war ich durch verschiedenste Leute einer Vielzahl von Klängen und Musik aus unterschiedlichsten Teilen und Regionen der Welt ausgesetzt. Und ich war in der Lage, das alles in meine eigene Philosophie mit einbauen - in dieser Hinsicht kann ich mich glücklich schätzen.

Carina: "Footsteps of our fathers" ist der Titel deines neuen Albums - bedeutet das in der Fußspur der musikalischen Väter zu verharren oder die Anerkennung ihrer Verdienste und das Verfolgen eines eigenen Weges von dort an?

Branford: Es hat damit zu tun, ihre Verdienste anzuerkennen, gleichzeitig aber von diesem Punkt aus weiterzugehen. Aber selbst wenn du weitergehst, sie bleiben immer bei dir. Bei Rilke kann man darüber in einer Sammlung seiner Briefe an seine Schüler lesen.

Es geht um die Liebe: Rilke sagt, das Problem mit dem Heiraten sei, daß die Vorstellung, zwei Leute könnten "eins" werden, nicht zu verwirklichen ist. [Brief an Emanuel von Bodman, 17. Aug. 1901, d.Red.] Um eine erfolgreiche Ehe zu führen, sollte man daher - nach Rilke - sagen: Ich bin "ich", aber ich bin auch "wir".

Mit der Musik ist es dasselbe: "ich" bin Branford Marsalis, aber ich bin auch "wir": John Coltrane und Sonny Rollins und das Modern Jazz Quartet und Louis Armstrong und Miles Davis ... - ich bin all´ diese Leute, sie werden immer ein Teil von mir sein.


Coltrane, Rollins, Armstrong, Miles ... - ich bin all´ diese Leute,
sie werden immer ein Teil von mir sein!

Als junger Musiker siehst du dich viel stärker dem Druck ausgesetzt, dich von diesen Leuten zu lösen, nur weil alle sagen: du mußt ein "Individuum" sein, du mußt deinen "individuellen" Sound entwickeln. Das ist etwas, was sich gibt mit der Zeit. - Aber wir haben derzeit viele Musiker - wirklich sehr, sehr viele, die sich derartig vor den großen Meistern fürchten, daß sie ganz und gar nicht wie diese klingen wollen.

Und als Ergebnis hören sie sich an ... - eben wie "gute" Saxophon-Spieler, "gute" Gitarristen, "gute" Trompeter - aber auch nicht mehr als das! - Kein bißchen wie Jazzmusiker...

Branford Marsalis

Carina: Du warst erfolgreich in der Popmusik mit Sting, hast Jazz und HipHop in deinem Projekt "Buckshot LeFonque" miteinander verbunden, komponierst Filmmusiken, hast ein Album mit Klassischer Musik aufgenommen, arbeitest erfolgreich als Produzent und bist in den letzten Jahren wieder tief in die Jazzmusik eingetaucht. Gibt es - rückblickend - etwas, daß du nicht missen möchtest oder etwas, was du lieber ungeschehen machen würdest?

Branford: Ich denke, hätte ich irgendwas davon ausgelassen - etwas würde fehlen. Ich habe eine eigene Art, Saxophon zu spielen. Auch mein Weg mit Bands umzugehen ist ein anderer, verglichen mit eigentlich allen, die zur Zeit Musik machen. Weil alles - das was und das wie -, dem Einfluß aller Dinge unterliegt, die in meiner Vergangenheit passiert sind.

Darauf beruht die Relevanz unserer Musik - sie besitzt eine Bedeutung auch im Jahre 2002, ist keine Fingerübung oder der Versuch vorzutäuschen, es wäre 1965. - Ich würde nichts zurücknehmen wollen. Höchstens hätte ich mehr Zeit mit Üben verbringen sollen und weniger mit Videospielen, als ich jünger war - in meinen Zwanzigern. Ich wäre auch ganz gut ohne die "Tonight-Show" ausgekommen, die Fernsehshow, bei der ich zwei Jahre lang mitgewirkt habe.

Aber davon abgesehen - als Musiker - kann ich mir nicht vorstellen, daß ich jetzt in derselben musikalischen Situation wäre, in der ich bin, wenn ich damals etwas davon nicht gemacht hätte.

Carina: Du bist als Dozent an der "San Francisco State University" tätig - Musikstudenten gelten ja oft in technischer Hinsicht als sehr gut. Aber wie sieht es mit der notwendigen Lebenserfahrung aus - bringen sie schon alles mit, was sie brauchen, um gute Musiker zu sein?

Branford: Also, jedenfalls an der "San Franciso State University" kommen mir die Musiker technisch nicht besonders gut vor - im Gegenteil eher ziemlich schrecklich! - Ansonsten hast du Recht, an den Colleges sind die Studenten in der Mehrzahl gute Techniker.

Selbstverständlich haben sie nicht alle Erfahrungen gemacht, die man im Leben braucht. Aber das erwarten wir auch nicht von ihnen - um diese Erfahrungen zu sammeln, müssen sie erst ihr Leben leben. Als 19-jähriger junger Mensch kannst du in diesem Sinne noch nicht gelebt haben. Darum tut man alles was man kann, sie durch bestimmte Übungen auf das Leben vorzubereiten. Leider gibt es nichts, was dich automatisch auf das Leben vorbereitet.


Das ist mein persönliches Rad -
laß es mich selber bauen!

Ich hatte darüber ein regelmäßiges Streitgespräch mit meiner Mutter - sie dachte, sie könnte mich vor etwas bewahren, indem sie mir die ganze Zeit sagte, was ich tun sollte. Warum ich immer meine, das Rad neu zu erfinden zu müssen, fragte sie. Ich pflegte zu antworten: "Mein Rad wurde bisher noch nicht erfunden. Das ist mein persönliches Rad - laß es mich selber bauen. Du hast auch dein eigenes."

Darum mache ich es mit meinen Schülern folgendermaßen: Ich versuche nicht, ihnen zu sagen, was sie tun sollen. Aber ich sage ihnen immer, was sie nicht tun sollen.

Branford Marsalis

Carina: "Footsteps" widmet sich vier Meisterwerken von Coleman, Rollins, Coltrane und Lewis - teilweise allerdings starrk verändert: "Giggin´" beispielsweise wird im Original ohne, bei dir aber mit Klavier eingespielt ...

Branford: Im Grunde haben wir das Konzept des Songs nicht sonderlich verändert - der Pianist übernahm einfach den Part der Trompete. Wir haben also zwar ein Klavier eingesetzt, aber nicht so, wie es normalerweise im Jazz üblich ist. Der Pianist spielte das gesamte Stück nur mit der rechten Hand - das ganze übliche Akkordspiel der linken Hand wurde weggelassen. Dadurch erhält man mehr Freiheiten beim Spielen des Songs und läßt ihn zeitgenössisch und modern klingen.


Ließe man den Klavierspieler die Changes spielen, wie sie niedergeschrieben sind, würde es sich sehr gewöhnlich anhören!

Ließe man den Klavierspieler tatsächlich die Changes spielen, wie sie niedergeschrieben sind, würde es sich sehr gewöhnlich anhören - und sehr, sehr altmodisch. Um die Musik modern klingen zu lassen schien es offensichtlich auszureichen, zu sagen: "Weg mit der linken Hand!" - Genial einfach. Konsequent wäre wohl zu sagen: "Ganz weg mit dem Klavier!" - Aber ich liebe das Klavier und würde den Pianisten natürlich nicht wirklich feuern. Aber bei diesem Song benutzt er die linke Hand nicht, das ist beinahe als ob kein Klavier dabei ist.

Carina: Die Beliebtheit eines Stückes, sein Stil, "persönliche Favoriten" - was bestimmte die Wahl der Tracks?

Was den Rest des Materials angeht: Letztes Jahr spielten wir "A Love Supreme" im New Morning in Paris und ich schlug vor es aufzunehmen - ... so fing es an. Dann hatten wir ein Konzert in Nordspanien. Joey [Calderazzo], unser Pianist, konnte nicht dabei sein -er hatte einen Gig mit Michael Brecker in Moskau.

Also spielten wir an diesem Abend älteres Trio-Material. Darunter war "Couple of Movements" aus der "Freedom Suite" - in dem Augenblick wurde mir klar, daß wir die ganze "Freedom Suite" ins Repertoire nehmen würden.

Beim Hören alter CDs war mir auch Colemans "Giggin´" aufgefallen, und ich dachte mir, daß es auch prima geeignet wäre. Ebenso "Concord" von John Lewis - ich habe alle CDs vom Modern Jazz Quartet -, dieser Song hat mich immer tief beeindruckt. Um es zusammenzufassen: wir hatten keinen Plan, es entwickelte sich irgendwie von ganz allein.

Carina: Wayne Shorter, Sonny Rollins, John Coltrane und viele andere - wo liegen deine Wurzeln hauptsächlich? Bitte erkläre auch, warum das so ist.

Branford: Alle von ihnen, das habe ich dir bereits gesagt!

Carina: Ja, das hast du - aber: warum?

Branford: Weil du das als Musiker machen mußt! Das ist das Warum. Du mußt das tun. Ich habe mir nicht einen einzelnen großartigen Typen rausgesucht - nein, ich habe sie mir alle vorgenommen. Und nicht nur die, die du genannt hast, Sonny Rollins, Trane und Wayne Shorter - du darfst nicht Warne Marsh, Sidney Bechet, Lester Young, Louis Armstrong, Johnny Hodges vergessen. Alle diese Typen, du lernst die Solos, weil es "das" ist ...

"Footsteps"

Was ich am liebsten täte, hätte ich mal die Gelegenheit, mich von meinen Kindern vorübergehend frei zu machen, wäre nach Deutschland zu gehen und ein Jahr damit zu verbringen, Deutsch zu lernen. Ich würde nach Frankreich gehen und Französisch lernen.


Die Beschränkung einzig auf deine Muttersprache
limitiert dich regelrecht!

Das würde nämlich auch mein Englisch verbessern: deswegen, weil es bestimmte Worte im Deutschen gibt, die im Englischen tatsächlich nicht existieren. Und im Französischen gibt es ebensolche Worte. - Und plötzlich stehen dir all diese Ausdrucksmöglichkeiten auch zur Verfügung - was vorher nicht da war, wenn du lediglich Englisch gelernt hast. Du erweiterst deinen sprachlichen Horizont, lernst Bücher kennen, über die du dich unterhalten kannst, verbesserst die Möglichkeiten deinen Standpunkt auszudrücken und überzeugend zu vertreten. Die Beschränkung einzig auf deine Muttersprache limitiert dich dagegen regelrecht.

Ich denke, mit der Musik ist es dasselbe - je mehr Informationen du von allen diesen Vorbildern zusammenträgst, desto größer wird dein Vokabular. Du kannst dann mit einer ähnlichen Sicherheit auf die Bühne gehen, wie Sonny Rollins es tut - in seinem Innersten weiß er genau, daß er einfach alles spielen kann, was er will. Und das können nur sehr wenige Musiker von sich behaupten.

Sie gehen auf die Bühne, haben vier oder fünf Riffs in ihrem Repertoire, die sie beherrschen, und sie werden dieselben vier oder fünf Riffs immer und immer wieder spielen - bei jedem Song. Und genau das ist der springende Punkt, der Sonny Rollins zum "König" macht - dagegen ist jeder andere ein Bettelknabe.

Carina Prange

Eine ungekürzte Fassung dieses Interviews erschien in Jazz Podium 9/02


Branford Marsalis im Internet: www.branfordmarsalis.com

Marsalis Music im Internet: www.marsalismusic.com

In-Akustik im Internet: www.in-akustik.com

Fotos: Vielen Dank an Uwe Kerkau Promotion

Aktuelle CD: Branford Marsalis -"Footsteps of our Fathers"
(in-akustik 0513301)

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© jazzdimensions2002
erschienen: 22.10.2002
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