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Barbara Dennerlein - engagierte Frau für die eigene Sache

Dennerlein ist Organistin - nicht seit gestern, seit es wieder modern ist - das Orgelspiel - sondern schon seit vielen Jahren. Hart war es oft, wenn sie mit ihrem Instrument auf Tournee war, wenn keiner sie ernst nehmen wollte: "Musikerin und dann auch noch Orgel". - Heute sieht das anders aus: Ihre CDs finden international Anklang, ihre Tourneen sind immer wieder gut besucht und sie ist nicht ganz unbeteiligt am inzwischen guten Image des Hammond B 3-Spiels.

Ein eMail-Interview mit der vielbeschäftigten Musikerin, Label-Chefin, Organisatorin, Komponistin, Bandleaderin führte Carina Prange:

Deine neueste CD hat den englischsprachigen Titel "Outhipped", die davor hieß "Junkanoo". Wie entstehen die Namen deiner Platten?

Die Entstehungsgeschichte der Namen meiner CDs ist ganz unterschiedlich. Die Idee zu "Outhipped" entstand ganz spontan im Studio. Wir hatten gerade die CD fertig gemixt - übrigens in einem der weltweit besten Studios: dem Avatar Studio in New York, als wir gerade das Titelstück abhörten. Da kam die Studiochefin in den Regieraum, da sie sehr auf meine Musik abfährt und hörte zu. Sie flippte total aus und war restlos begeistert. Sie sagte dann: "Man, this is really outhipped!". Da sahen mein Mann und ich uns an, und wußten: das ist der Titel für die CD.

Treffender kann man die Musik dieser CD nicht beschreiben. Sie ist für mich die Essenz meiner Musik und die Aufnahmen sind wahrlich Sternstunden, bei denen alles gestimmt hat: die Atmosphäre, die Inspiration, die Kreativität jedes einzelnen Musikers und das Zusammenspiel mit den Musikern, so als ob man sich in und auswendig kennen würde und seit Jahrzehnten nichts anderes gemacht hätte, als miteinander Musik zu spielen.

Würdest du deine Musik als Mainstream bezeichnen - oder welcher Schublade würdest du sie zuordnen?

Ich möchte meine Musik keiner Schublade zuordnen. Für mich gibt es nur Musik, die mich berührt oder Musik, die mich nicht anspricht. Das ist immer eine sehr persönliche Sache. Die Musik, die ich spiele ist sehr breitgefächert. Ich komponiere und arrangiere fast alle Titel selbst. Ein wichtiger Angelpunkt für meine Kompositionen ist natürlich die Hammond Orgel, da ich versuche auch speziell Titel zu komponieren, die die Orgel in ein neues bzw. spezielles musikalisches Umfeld stellen. Ich schreibe sowohl einfacher strukturierte Stücke wie Blues etc. als auch kompliziertere Kompositionen, die z.B. in ungeraden Taktarten sind oder harmonisch oder melodisch sehr eigen sind. Meine Art zu Schreiben ist eben mein eigener Stil. Generell kann das stilistisch von Blues, Bebop, Latin, über Funk, Swing, Modern alles mögliche sein.


Auch komplizierte Stücke sollen nicht nur verkopft sein -
der Hörer soll den Groove spüren ohen denken zu müssen!

Ich versuche aber immer, daß der Hörer und ich selbst natürlich Spaß beim Hören haben und daß meine Musik direkt ins Herz, in die Füße oder in den Bauch gehen. Auch komplizierte Stücke sollen nicht nur verkopft sein. Wenn man z.B. eine ungerade Taktart hat, dann soll der Hörer einfach den Groove spüren ohne denken zu müssen. Er muß aber nicht notwendigerweise wissen, welche Taktart das ist. Die Stücke vermitteln Gefühle, Atmosphären, sollen die Phantasie anregen. Jeder hat da seine eigene Gefühlswelt und assoziiert andere Dinge mit der Musik.

Du nimmst deine Platten mit großen Formationen auf, die auch immer noch größer werden. Aber du trittst auch gerne mal solo auf. Wobei kannst du dich mehr austoben? Oder anders gefragt: Ist dir das Umsetzen komplexer Kompositionen wichtiger als das Solospiel?

Mir ist beides wichtig. Ich liebe wie in allen Dingen des Lebens die Abwechslung und ich möchte nie stagnieren. Ich bin immer offen und neugierig auf Neues. Ich habe viele verschiedene Formationen und jede hat ihren speziellen Reiz. In kleinerer Besetzung wie Solo oder Duo mit Schlagzeug kann man spontaner musizieren und improvisieren, ist freier, wogegen man sich als Arrangeur und Komponist in größeren Formationen mehr austoben kann. Außerdem ist es ein tolles Gefühl die Power einer Big Band oder eines größeren Bläsersatzes hinter sich zu haben.

Du spielst mit sehr berühmten Musikern auf deinen Platten zusammen - wie sind die Kontakte entstanden und seit wann bist du so "gut im Geschäft", daß diese Leute auch bezahlbar geworden sind?

Glücklicherweise ging es bei mir stetig aufwärts und ich habe schon relativ früh das Glück gehabt, daß sehr viele Musiker auf meine Musik standen. Die wirklichen Meister in der Musikbranche sind meist sehr nett und haben Respekt vor der Leistung anderer. Leute wie Don Alias, Ray Anderson, Dennis Chambers, Bob Berg etc. haben sich mir gegenüber immer höchst respektvoll und anerkennend gezeigt. Es war für mich sehr inspirierend mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Du hast eine spezielle Fuß-Basstechnik - was macht für dich sonst noch den besonderen Sound deines Instrumentes und deines eigenen Orgelspiels aus?

Ich habe meine eigene Auffassung und meinen eigenen Stil entwickelt. Dies erkennt man an der Art wie ich improvisiere, wie ich Soli aufbaue, wie ich phrasiere und wie ich die Akkorde spiele - das "Voicing". Ebenso hat es stark mit Registrierung und mit der Art, wie ich die Tasten anspiele - z.B. Töne anschleifen - zu tun. Durch das Zusammenspiel all meiner Gliedmassen - linke und rechte Hand mit dem Fußbass - konnte ich eine sehr groovende und swingende Spielweise entwickeln.

Du hast mit 21 dein eigenes Label gegründet. Wie kam es dazu und warum bist du irgendwann doch bei einer großen Plattenfirma gelandet?

Barbara Dennerlein - "Outhipped"

Mein Label "Bebab Records" gibt es nach wie vor. Es wird in Deutschland von BMG Ariola vertrieben und ich habe fünf eigene CDs veröffentlicht. Die Arbeit auf meinem eigenen Label ist mir auch sehr wichtig, da ich mich so völlig unbeeinflußt musikalisch austoben kann. Gleichzeitig arbeite ich mit anderen Independent (z.B. Enja) bzw. Major Labels zusammen. Ich habe mit Universal/Verve drei sehr schöne Produktionen gemacht und konnte auch dort sehr frei arbeiten.

Ein großzügiges Budget ermöglichte mir bei Verve aufwendige Produktionen mit vielen hervorragenden Musikern. Ich konnte mich so nicht nur als Musikerin sondern auch als Komponistin und Arrangeurin austoben und hatte zudem den Vorteil, daß bei so einer Plattenfirma natürlich ein viel effektiverer Promotionapparat arbeitet und man sehr gut "promotet" wird. Da ich hierfür keine musikalischen Kompromisse eingehen mußte, war das für mich natürlich sehr verlockend.

Was hat den größten Einfluß auf deine Kompositionen - Ideen aus deinem Privatleben, Ereignisse im Alltag..?

In meinen Kompositionen verarbeite ich alles, was ich erlebe und empfinde. Ich nehme meine Umwelt sehr intensiv wahr und habe große Freude am Leben. Das Leben an sich ist sehr bunt und vielfältig und man kann in vielen verschiedenen Weisen inspiriert werden. Allein die Palette der Gefühle und Empfindungen ist riesig. Auch Menschen und Erlebnisse sowie andere Musik inspirieren mich.

Hast du so etwas wie einen Lebensphilosophie?

Meine Lebensphilosophie ist u.a. Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und Mut, auch einen unbequemen Weg zu gehen, wenn man überzeugt ist, daß dieser Weg der Richtige ist. Wenn man Fehler macht, soll man zu seinen Fehlern stehen, denn kein Mensch ist unfehlbar.

Wichtig ist, daß man sich jeden Morgen mit gutem Gewissen ins Gesicht sehen kann. Man muß lernen sich selbst kritisch gegenüberzustehen und sich gleichzeitig zu lieben - mit all seinen Fehlern, an denen man täglich arbeiten sollte. Nur wer sich selbst liebt kann auch andere lieben. Wenn man an sich selber glaubt, kann man Berge versetzen!

Zukunftspläne?

Mein Wunsch für die Zukunft ist: Bis an mein Lebensende die Möglichkeit zu haben meine Musik zu machen und Menschen zu finden, die ich damit anspreche. Konkret stehen Konzerttermine im In- und Ausland (USA, England, europäisches Ausland) sowie eine neue CD an.

Carina Prange

Foto, Cover: Peter Brunner

© jazzdimensions2000
erschienen: 1.10.2000
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